Archiv für den Monat Dezember 2015

Rezension: Wenn nicht wir, wer dann? – Philipp Ruch – Ludwig Verlag

„Wir müssen uns entscheiden.“

Wenn nicht wir, wer dann?: Ein politisches Manifest – Philipp Ruch (Autor), 208 Seiten, Ludwig Buchverlag (23. November 2015), 12,99 €, ISBN-13: 978-3453280717

Politische Schönheit? Ein unmöglicher Zusammenhang? Philipp Ruch ist Regisseur und künstlerischer Leiter des Zentrums für Politische Schönheit. „Ruch schreckt mit hyperrealistischen Aktionen die Politik auf. [Es sind die Mittel des Theaters], mit denen Ruch das politische Berlin erst vorführt und dann zum Handeln zwingt. Für seine ,Handreichung‘ reicht ihm ein Theatersaal nicht aus: Ruchs Bühne ist ganz Berlin, und die Politik inszeniert er gleich dazu. Der gesellschaftliche Konflikt soll nicht nur detonieren, Ruch experimentiert auch mit dessen Lösung.“ (DIE WELT)

Philipp Ruchs Haupttheorie ist, dass eine Gesellschaft die individuell denkt, nicht sozial handeln kann. Konzentration in Medien auf negative Ereignisse und auf schlechte Eigenschaften, lassen ein Menschenbild entstehen, das vom Verlust der Empathie geprägt ist. So entsteht eine Gesellschaft, in der nur das Individuum existiert, keine Gemeinschaft mehr vorhanden ist. Blinde Wissenschaftsgläubigkeit kritisiert er ebenso wie er auch manche angeblich objektiven Ansprüche als von Ideologien gesteuert entlarvt. Und er fragt, ob und warum Psychoanalyse als Nabelschau stehen bleibt, statt in Handeln zu münden.

Sein Hauptanliegen dieses Buches ist es, eine grundlegende ‚Schönheit‘ in der Gesellschaft zu verankern. Das heißt für Philipp Ruch unser Denken und Handeln auf positive Aspekte zu richten. Klingt ein bisschen nach einem esoterischen Konzept. Aber brauchen wir das nicht in unserer sogenannten modernen Welt, in der uns „längst nicht mehr nur Gleichgültigkeit und Vergesslichkeit […] umtreibt, sondern attestierbare, tatsächlich vorhandene Sinnlosigkeit. […] in der wir „ uns als wertlos empfinden, nicht weil wir wertlos sind, sondern weil unser Tun als Bewohner einer der mächtigsten Länder der Welt keinen Sinn ergibt. Es könnte anders sein.“ (Seite 112)

Ich sehe hinter seinem Konzept einen radikalen Humanismus, bei dem es nicht um Optimierung geht. Humanismus ist kein fades Überbleibsel aus der Vergangenheit, sondern die Überlegung, dass die kühle Analyse des Modernismus eine Welt bar jeden Zaubers schafft. Er stellt so das kühle Ich, das gesellschaftlich akzeptiert werden will dem warmen Ich gegenüber, das auch mal wieder in den Arm genommen werden möchte. Eine kompromisslose Weltansicht? Mag sein. Aber lohnt es sich nicht, den erniedrigten Menschen endlich wieder in das Zentrum der Welt zurückzubringen?

Kompromisslos ist das Buch auch, weil in sein Menschenbild auch und vor allem Selbstverantwortung mit beinhaltet. Und weil er sich gegen die Zweiteilung der Menschen in Macher und Opfer richtet.

Das Buch liefert keine alltagstauglichen Rezepte zum Widerstand und auch keine aktuelle Analyse deutscher Politik. Es ist eher ein Essay, als ein politisches Manifest. Trotzdem ist es lesenswert, weil es uns klar macht, dass jeder selbst entscheidet, welches Menschen- und Weltbild und damit auch welches Selbstbild er haben will.

„Wir müssen uns entscheiden. Jeder Einzelne muss sich bekennen.“ (Seite 197) Mich hat überzeugt, dass sich jeder der eigenen Rolle in unserer Gesellschaft bewusst werden muss. Menschen wie Sophie Scholl, Oskar Schindler oder Willi Brandt bei seinem Kniefall haben getan, was sie getan haben, weil sie wussten, dass es auf sie selbst ankommt. Wenn Sie daran zweifeln, dass es auf sie persönlich ankomme, dann lesen Sie dieses Buch. Jeder kann handeln und jeder kann die Welt verändern. Wir brauchen uns nur dafür zu entscheiden.

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Rezension: Hitler: Biographie – Peter Longerich, Siedler Verlag

30 Jahre ein Niemand – und dann die große Karriere

Hitler: Biographie – Peter Longerich (Autor), 1296 Seiten, Verlag: Siedler Verlag (9. November 2015), 39,99 €, ISBN-13: 978-3827500601

Vorweg eine persönliche Anmerkung: Ich bin 1944 geboren und weder in der Schule noch in der Familie kam die Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft vor. Und das obwohl, oder gerade weil zwei Cousins meiner Mutter in Dachau inhaftiert waren. Aber gerade das hat mich schon sehr früh dazu gebracht mich intensiv mit dieser Zeit zu beschäftigen. Es gibt wohl kaum eine Hitlerbiographie, die ich nicht gelesen habe, ebenso die Biographien anderer Größen der Nazizeit. Ich habe mich durch die Tagebücher von Goebbels gequält, mir die Kriegstagebücher der deutschen Wehrmacht und die Tischgespräche von Adolf Hitler zu Gemüte geführt. Da taucht natürlich die Frage auch: Was soll uns oder mir noch eine neue Hitler-Biographie bringen?

Wir brauchen sie, heute dringender als je. Nicht um neue Fakten zu finden. Diese sind alle hinlänglich bekannt. Wir brauchen sie um uns selbst Klarheit darüber zu verschaffen, wie eine Figur wie Hitler entstehen und sein unseliges Wirken in Szene setzen konnte.

Alan Bullock interpretierte den NS-„Führer“ in den 1950er Jahren als machtfixierten Nihilisten. Eberhard Jäckel wies in den 1960ern den Weg, Hitler als Ideologen mit einem Kern klarer Ziele. Joachim Fest hat ihn in seiner Hitlerbiographie als den „Dämon der Deutschen“ dargestellt und wo Hitler vor allem als konzentriert-radikale Rettungsprojektion namentlich des deutschen Bürgertums erschien. Hans Mommsen nimmt die Gesellschaft insgesamt in die Verantwortung, die nur von beschämend wenigen Ausnahmen im nationalsozialistischen Sinne handelten und so Hitler und ein paar SS-Schergen Weltkrieg und Genozid möglich machten. Ian Kershaw hält Hitler die Zeitumstände zu Gute und sieht ihn als Projektionsfläche einer Massensehnsucht. Volker Ullrich liefert eine chronologisch orientierte Ereignisbeschreibung und schlägt in die Kerbe, dass Hitler einer der taktisch raffiniertesten, machiavellistisch intelligentesten und skrupellosesten Politiker seiner Epoche war. All diese Autoren haben versucht, Hitler aus seiner Zeit und der Umgebung heraus zu verstehen, für sie war er vor allem ein Produkt der Umstände.

Welchen Weg wählt Peter Longerich in seiner neuen Biographie? Er geht vor allem davon aus, dass wir längst noch nicht alles über den Nationalsozialismus wissen. Und vor allem möchte Longerich beweisen, dass Hitler größer ist als zuletzt dargestellt. Das wird schon deutlich an der Kapitelunterteilung:

Im Prolog belegt Longerich, dass Hitler bis zu seinem 30. Lebensjahr ein Niemand war. „Alles deutete vielmehr darauf hin, dass er […] sich im Strom der millionenfach in ihre Heimatgarnisonen zurückkehrenden Soldaten mit treiben ließ und einfach abwartete, wie sich die Situation entwickeln würde.“ (Seite 53)

In 7 weiteren Kapiteln zeigt er einen Diktator mit einem ungewöhnlichen Handlungsspielraum, der in einem Rahmen wirken konnte, den er selbst geschaffen hatte:

Das öffentliche Selbst (ca. 1919 – 1924)

Hier ist er der Suchende, der seine politischen Überzeugung findet und die notwendigen Werkzeuge lernt: „das Denken in Freund-Feind-Kategorien, Durchsetzungsfähigkeit gegen Widersacher in der eigenen Gruppe, das kleine Abc von Agitation und Propaganda, die Gewinnung und Pflege von Sponsoren und anderes mehr.“ (Seite 93)

Inszenierung (ca. 1925 – 1932)

Hier zeigt Longerich den politischen Neubeginn des „Führers“ der „gesamten Bewegung“. „Die politische Linie der Partei war nicht an ein präzises Programm gekoppelt, sondern an eine abstrakte Idee, die einzig und alleine der Führer verbindlich interpretieren konnte. (Seite 165)

Eroberung (ca. 1933 – 1934)

Die Machtergreifung war krönender Abschluss dieser langen Phase der Inszenierung. In mehreren Stufen wurde aus der Kanzlerschaft langsam aber stetig die Diktatur Hitlers. „Er sei, so Albert Speer rückschauend, zu einem abweisenden, beziehungsarmen Despoten geworden.“ (Seite 370)

Zementierung (ca. 1935 – 1936)

Nach der Entmachtung der SA kennzeichnen Nürnberger Gesetze, Außenpolitische Erfolge, Sein Vier-Jahresplan und seine Kriegsorientierung diese Phase, die in der Errichtung der Alleindiktatur gipfelte. „Nach nationalsozialistischer Auffassung beruhte der Führerstaat auf einer mysteriösen Identität von Führer und Volk, auf der Annahme also, dass der Wille des Volkes nur durch den Führer rein und unverfälscht hervorgehoben wird.“ (Seite 541)

Täuschung (ca. 1937 – 1939)

Antibolschewismus und Antisemitismus, die Allianz mit Italien und Lebensraumpläne, Anschluss Österreichs, die Sudetenkrise und das Münchener Abkommen zeigen Hitlers taktische und strategische Raffinesse und diente in erster Linie der Kriegsvorbereitung. „Rüstungspropaganda […], um das Selbstvertrauen des deutschen Volkes zu stärken und das Vertrauen auf die militärische Macht zu festigen.“ (Seite 649)

Triumph (ca. 1939 -1942)

Auf den Erfolgen seiner Blitzkriege und auf verschiedene außenpolitische Sondierungen nutze er zu einer Erweiterung des Krieges. „…wesentliche Erfolge an der Ostfront, […] die insgesamt ein sehr positives Lagebild ergaben und dazu führten, dass in den Stimmungsberichten wieder ein optimistischer Ton vorherrschte. Doch dieses Stimmungshoch sollte nicht lange anhalten. (Seite 803)

Verfall (ca. 1943 – 1945)

Der Verfall begann schon 1942. „In dieser schwierigen […] Phase des Krieges war das Charisma nur zu retten, wenn er mit einer überzeugenden Erfolgsmeldung auf die Bühne zurückkehrte.“ Darauf „setze Hitler im Jahre 1942 all seine Hoffnung – und an dieser Festlegung sollte das Charisma endgültig zerbrechen. [Seite 886]

Von den Fakten nichts wesentlich Neues. Peter Longerich verschiebt lediglich die Akzente. Dabei entlässt er das deutsche Volk und Hitlers Mitkämpfer keineswegs aus ihrer Verantwortung. Er zeigt Hitler als einen ausgebufften Politakteur, mit einem ganz klaren Programm, das er konsequent mit seinen ausgefeilten Herrschaftstechniken der Personalisierung, der Repressionen, durch Beherrschen der Öffentlichkeit und sehr engen Kontrollen umsetzte. „Seine fast unbegrenzte Machtstellung, die Eliminierung formalisierter Entscheidungsfindung und extreme Verkürzung der Entscheidungswege, seine starke Präsenz in der Außen- als auch in diversen Bereichen der Innenpolitik erlauben es Hitler […] ad hoc effizient und mit weitreichenden Folgen zu reagieren.“ (Seite 1005)

Peter Longerich zeichnet ein äußerst nüchternes Bild von Hitler. Er ist weder das Ergebnis gesellschaftlicher oder sozialer Faktoren noch ein Ausnahmemensch, kein Dämon und kein pathologische Persönlichkeit.

Er attestiert Hitler eine übergroße Furcht vor Beschämung, die die Niederlagen für ihn unerträglich machten. Dazu gehören auch sein emotionale Unterentwicklung und seine Unfähigkeit sich an andere Menschen zu binden und seine übersteigerte Angst vor Kontrollverlust, die sich unter anderem in der Weigerung ausdrückt, sich in Strukturen jeder Art einbinden zu lassen. Auffällig an Hitler war seine Neigung zum Größenwahn. Hitler war war unfähig, Niederlagen zu akzeptieren. Er habe sie nachträglich in einen Sieg umdeuten müssen, wie den kläglich gescheiterten Putsch von 1923. Oder er habe tatsächliche oder vermeintliche Gegner radikal zu vernichten gesucht, bevor sie ihm eine Niederlage hätten beibringen können.

Auch ist bei Longerich der Führer kein Verführer, die Macht über das Volk erklärt sich bei ihm nicht aus Hitlers Charisma, sondern vor allem aus den „Machtmitteln der Diktatur“. Die Menschen wählten Hitler nicht in eine starke Position, weil sie in ihm eine Art Messias sahen oder den Parolen der Nazis wie z.B. Volksgemeinschaft und ähnliches verfielen. Sie wählten ihn, weil sie mit der scheinbar abgewirtschafteten Weimarer Demokratie abrechnen und nun schauen wollten, wie sich denn der Führer der größten Partei, der äußerst geschickt um ihre Stimmen warb, nun so machen würde.

Danach errichtete er sukzessive, mit Entschlossenheit und zielgerichtet ein Regime, das ganz auf seine persönlichen Bedürfnisse zugeschnitten war und nur wenige Jahre nach dem Aufstieg zur Macht eine unumschränkte, maßgeblich von Hitler geprägte Autokratie war. Von dieser unbeschränkten Machtposition aus lenkte er alle wichtigen Politikbereiche, organisierte er Partei, Staat, Außen- und Wirtschaftspolitik, und die Verfolgung Missliebiger. Er griff persönlich in die Verwaltungs-, Propaganda- und Besatzungspolitik ein – selbst bei Details. Er zerschlug sukzessive alle ihm unbequemen oder hinderlichen Strukturen, richtete alle Entscheidungsprozesse der Politik auf seinen Willen hin aus.

Die wichtigsten Entscheidungen in der Judenverfolgung waren durch Hitler zu verantworten so in einem Brief von Heinrich Himmler Heinrich Himmler, der am 28. Juli 1942 in einem Brief bekannte, die „Durchführung“ des soeben vollendeten Auftrages, die Juden der besetzten Ostgebiete zu vernichten, habe „der Führer auf meine Schultern gelegt.“ (S. 865)

Den am Ende unausweichliche Weg des Regimes in den Untergang liegt bei Longerich in Hitler selbst und seinen Willen zum „Kampf bis zum Untergang“. (S. 962). Auch hier war er der entscheidende Akteur, die übrige Führung von ihm und seinen Entscheidungen abhängig. Wann immer Hitler den Bedarf danach hatte, setzte er neue „Sonderbevollmächtigte“ ein, schuf neue Strukturen, marginalisierte etablierte, entmachtete und wertete auf. Es gab keinerlei konkurrierende Machtzentren – bis zum Ende des Krieges.

Der Autor zeichnet ein System, das von Hitlers direkten Eingriffen geprägt und bestimmt war. Alles geschah auf Initiative Hitlers. Longerichs Darstellung ist zwar nüchtern und manchmal trocken, doch hier schreibt ein souveräner Kenner der die Hintergründe von Hitlers Herrschaft solide, durchdacht und intelligent wirklich offenlegt. „Niemals zuvor hat ein Mensch so viel Macht auf sich vereinigen können – um diese Macht dann derart skrupellos und verbrecherisch zu missbrauchen.“ (S. 9)

Gleichzeitig entzaubert Longerich Hitler und nimmt im viel von seinem Mythos des Genies, Feldherrn und Künstlers, dem alles gelingt. Und genau das, macht diese Biographie so wichtig und so lesenswert.

Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des Siedler Verlages

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Rezension: Die digitale Bildungsrevolution – Jörg Dräger und Ralph Müller-Eiselt – DVA Verlag

Gegen die Digitale Ignoranz

Die digitale Bildungsrevolution: Der radikale Wandel des Lernens und wie wir ihn gestalten können von Jörg Dräger (Autor), Ralph Müller-Eiselt (Autor), 240 Seiten, Deutsche Verlags-Anstalt; Auflage: 2 (28. September 2015), 17,99 €, ISBN-13: 978-3421047090

Was und wie lässt sich heute in der digitalen Welt lernen? Jörg Dräger und Ralf Müller-Eiselt, beide von der Bertelsmannstiftung zeigen es in diesem Buch, nicht nur oberflächlich, sondern sehr fundiert

Jörg Dräger ist der Vorstand der Bertelsmannstiftung und Ralf Müller-Eiselt forscht für die Bertelsmannstiftung im Bereich „Digitaler Bildung“. Sie haben zusammengetragen, wie man heute in der digitalen Welt lernen kann.

In 11 Kapiteln entwerfen sie einen Weg in die Zukunft maschinengestützten Lernens:

Wie Digitalisierung die Bildung revolutioniert – Warum eine Bildungsrevolution notwendig ist – Wie Zugang zu Wissen weltweit wirklich ist – Wie maßgeschneidertes Lernen möglich ist – Wie spielerisches Lernen zum Erfolg führt – Wie vernetztes Lernen Vorteile schafft – Wie Algorithmen durch den Bildungsdschungel weisen – Wie Traumkandidat und Traumjob zusammenfinden – Wir wir Bildungsdaten nutzen und schützen müssen – Wie radikal sich unser Bildungssystem ändern wird – Was jetzt zu tun ist.

Die Autoren untermauern ihre Aussagen mit vielen Beispielen: – Lernvideos und Vorlesungen von Universitäten auf YouTube oder ähnlichen Plattformen; intelligente Software, die beispielsweise in Mathematik dem Lernenden Aufgaben auf seinem persönlichen Niveau stellt; Software, die an Universitäten die jetzigen und voraussichtlichen Chancen von Studenten in bestimmten Fächern einschätzt; Programme, die dieselben Anreize bieten wie Computerspiele; vom vernetzten Lernen: Wie zum Beispiel Menschen in Teams zusammenarbeiten und zusätzlich von einem Mentor online angeleitet werden. Die ungeheure Vielfalt und die große Bandbreite schon der heutigen Möglichkeiten zeigt eindeutig die Bedeutung des Themas.

Natürlich müssen wir die Chancen, die sich durch die digitalen Medien ergeben, offensiv nutzen. Digitale Ignoranz kann sich niemand leisten. Dazu leistet dieses Buch einen wertvollen Beitrag.

Zwei Begriffe im Titel scheinen mir etwas übertrieben zu sein: Bildung und Revolution. Eines steht fest und bleibt – auch nach der Lektüre dieses Buches: Bildung ist vor allem Beziehungsarbeit, Pädagogen also weiterhin unverzichtbar. Bei allen digitalen Beispielen geht es eher um Wissens- und Faktenvermittlung. Der Begriff Bildung ist für mich doch weiter gefasst: denn der Der Humboldtsche Bildungsbegriff (und hierauf berufen sich ja auch die Autoren) definiert Bildung – ganz in der Tradition des Deutschen Idealismus und der Aufklärung – als Auseinandersetzung des Menschen mit der Welt in einer freien und regen Wechselwirkung. Ob diese Bildung messbar ist und optimiert werden kann? Und wenn wir uns heute die tausenden von Lernvideos beispielsweise auf Youtube anschauen, die zig Sprach- und Vokabeltrainer und und und … so sehen wir, dass wir nicht vor einem großen Umbruch stehen, sondern in der Weiterentwicklung eines Wandels, der schon längst begonnen hat und auch eifrig genutzt wird.

Aber: Können tieferes Verständnis und Interesse für ein Fach geweckt werden? Bleibt es nicht nur beim sturen Faktenpauken? Kann ein Fach auf Fakten reduziert werden? Und wenn ja, welche Fächer? Das wird alleine an den Lehrern liegen, die den Lernprozess begleiten müssen. „Die Lehrer können sich auf das konzentrieren, worin sie am besten sind: lehren.“ (Seite 65) Wenn sie es denn können.

Personalisiertes, vernetztes und mobiles Lernen ist das Hauptanliegen des Buches. Lerninhalte werden in kleinste Module aufgebrochen. Jeder Schüler bekommt sie ganz individuell angeboten und kann sie abarbeiten. Gleichzeitig gehören dazu Algorithmen, die das ganze steuern. Und so fallen ungeheure Datenmengen zu jedem einzelnen Schüler an. Also: Digital aufbereitetes Wissen wird individuell zugeschnitten, spielerisch vermittelt, und kooperativ getauscht und bewertet.

Aber das funktioniert nicht nur über die Technik, sondern auch und vor allem über die Pädagogen, wie Dräger und Müller-Eiselt zu Recht sagen: „Ohne digital kompetente und in neuen pädagogischen Ansätzen versierten Lehrkräfte werden die besten politischen Ziele wirkungslos bleiben. Deshalb ist eine Reform der Aus- und Weiterbildung von Lehrern nötig.“ (Seite 176)

Weiterhin droht der gläserne Lerner, der im Netz unauslöschliche Spuren hinterlässt und zum Opfer von Algorithmen und Wahrscheinlichkeiten wird. Was passiert mit diesen persönlichen Informationen? „Datenspuren kleben wie Pattex untrennbar an jedem digitalen Lernweg.“ (Seite 138)

Perfekt aufgebaut und sehr lesefreundlich geschrieben zeigt das Buch die große Bandbreite der heutigen Möglichkeiten. Nicht weniger, aber auch nicht mehr. Und das ist Grund genug es zu lesen. Und jeder nachdenkende Leser wird dem ausgeprägten Optimismus seine eigene Portion Skepsis gegenüber stellen können.

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Rezension: Der tödliche Tanz des Monsieur Bernard – Marie Pellissier

Verwicklungen und dunkle Geheimnisse

Der tödliche Tanz des Monsieur Bernard – Marie Pellissier, 352 Seiten, Diana Verlag (9. November 2015), 9,99 €, ISBN-13: 978-3453357686

Das Pariser Opernhaus „Palais Garnier“ will er näher kennen lernen. Dann gibt es da noch ein Verwaltungsprojekt „Umzug“, das ihm zuwider ist. Beides sind Gründe genug für Commissaire Léon Legrand den „Unfalltod“ des Ballettdirektors Guillaume Bernard doch wie einen ganz normalen Mordfall zu behandeln. Und da gibt es ja auch noch den Verdacht der Gardienne Lucie Ferreira, von der er sagt: „Oh, man sollte ihre Ahnungen nicht unterschätzen …“ (Seite 63)

Und schon haben wir die beiden Hauptcharaktere, die in einen neuen Fall verwickelt sind, diesmal im Milieu der Balletttänzer mit all ihren Intrigen, Eifersüchteleien und dem Konkurrenzdruck. Beide nehmen in ihrer unnachahmlichen Art ihre Ermittlungen auf. Lucie Ferreira ermittelt auf eigene Faust, unterschlägt Beweismittel, verwischt Spuren und verschweigt dem Commissaire Léon Legrand wichtige Dinge für seine Ermittlungen. Kein Wunder, dass dieser oft im Dunkeln tappt. Er ist ja schon abgelenkt genug, weil er sich mehr damit beschäftigt alles über eine Choreografin zu erfahren, die ihn anscheinend völlig fasziniert.

Und natürlich spielt die dritte Hauptperson auch wieder eine entscheidende Rolle: Paris mit seiner Kulturszene, seinem Lebensgefühl, seinen Plätzen, dem Innenleben der Oper und ihren Ballettszenen. Und natürlich die vielen herrlichen, zum Teil skurrilen Typen, wie Monsieur Rosenberg, den Komponisten, oder Madame Richard. Aber auch Amardine, der ehemalige Ballettstar der Oper kehrt als Choreographin zurück. Wir werfen auch einen Blick hinter die Fassade des Glamour und erfahren eine ganze Menge über die Gepflogenheiten hinter der Bühne und im Ballettensemble. Eine Fülle von Personen. Ansatzpunkten, Verdächtigen, Motiven und Gelegenheiten. Doch liegt überhaupt ein Kriminalfall vor? Mit der Auflösung würde wohl kein Leser rechnen. Überraschend und doch logisch.

Der Leser lebt und leidet mit den Figuren, die Marie Pellissier sehr treffend und einfühlsam vor uns entstehen lässt: Mit den Gedanken und Ängsten von Lucie Ferreira, mit dem Commissaire Legrand, den die große Liebe ereilt.

Ein fast altertümlicher Krimi ohne großes Blutvergießen, der sehr viel Spaß und Unterhaltung vermittelt. Wie im ersten Band kann man Paris förmlich hören, sehen, riechen und fühlen. Viele kleine Szenen, Dialoge, fesseln.

Marie Pellissier schreibt leicht, locker, beschwingt, bildhaft und flüssig. Auf der Karte können wir die Wege der Protagonisten nachvollziehen. Ebenso hilft ein nützliches Personenverzeichnis. Ein kleiner Tipp von mir: Schaut euch vorher einmal im Netz Bilder der Oper Garnier an, vor allem die Deckengemälde, Innenansichten und die große Freitreppe.

Ein außergewöhnlicher, geruhsamer Krimi, trotzdem spannungsgeladen und überaus facettenreich, mit farbenfroher, französischer Kulisse. Aber auch gemütlich, charmant und unterhaltsam. Er kommt ohne Brutalität aus und ist sehr lesenswert.

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Rezension: Identity – Helen Giltrow

Wer bewacht die Wächter, während sie uns bewachen?

Identity: Thriller – Helen Giltrow (Autorin), Gunnar Kwisinski (Übersetzer), 576 Seiten, Goldmann Verlag (16. November 2015), 9,99 €, ISBN-13: 978-3442483655

Das ist mal ein gebildeter, obwohl düsterer Thriller von Helen Giltrow.

Wer bewacht die Wächter, während sie uns bewachen? So fragte der römische Dichter Juvenal.

Wenn die Wachen, Platzhirsche in einer „selbstregulierenden“ Gesellschaft aus anderen Kriminellen“ selbst beginnen, Verbrechen zu begehen, wer sind dann die Verbrecher, und warum sollte man sie bewachen? Helen Giltrow zeichnet gekonnt in einer nahen Zukunft eine Schurkenrepublik, die neben unserer eigenen existiert.

Das Programm, eine experimentelle Gefängniskolonie ist angeblich uneinnehmbar. Bevölkert vom Bodensatz der Gesellschaft ist dort kein Eingang oder Ausgang möglich.

Doch da gibt es die reiche, anspruchsvolle Society-Lady Charlotte Alton gleichzeitig in ihrem Alterego die harte Soziopathin Karla, eine schattenhafte Gestalt. Karlas Geschäft sind Informationen, die vor allem helfen, Menschen verschwinden zu lassen. Sie schleust den harten Scharfschützen Simon Johanssen ein. Ohne ihre Hilfe wird Johanssens Aufgabe eine Selbstmord-Mission sein. Und sie ist nicht bereit, das geschehen zu lassen. Ziel ist Catherine Gallagher. Es beginnt ein Katz und Mausspiel. Wer ist die Beute, und wer ist der Jäger? Aber genug vom Inhalt …

Es besteht kein Zweifel „Identity“ ist ein Thriller der Extraklasse, intensiv, spannend und rasant. Eine fantastische Geschichte von Intrigen, Geheimnissen, schlechten Menschen, falschen Fährten, Fehlleitungen und vielem mehr. Der Leser wird in Karlas und Simons Welten ohne Vorwarnung hineingezogen und muss seinen Weg durch die Gefahren sowie ihre Geheimnisse mitmachen. Dadurch entsteht eine Intimität zwischen dem Leser und Karla und Simon, die man nicht erwarten würde. Aber genau das macht die Geschichte so spannend. Keine der Aktionen ist explizit im Detail beschrieben. Stattdessen nutzt Helen Giltrow das Phänomen, dass ein Leser in der Regel sich mehr schrecklichere Szenen vorstellen kann, als alles, was ein Autor zu Papier bringen kann. So hält sie ganz bewusst bestimmte Szenen mehrdeutig. In einer so gefährlichen Welt wie die, in der Karla Geschäfte macht, ist das Endergebnis, dass diese Szenen trotz eines Mangels an Informationen wirklich erschreckend sind.

Das Thema ist ein ethisches: Wer ist der schlimmere Verbrecher? Das müssen Leser für sich selbst entscheiden, aber daraus entstehen interessante ethische Gedankengänge.

Geschrieben in einer anspruchsvollen, scharfen, kalten Prosa. Dunkel, kantig und manchmal brutal aber immer stilvoll und originell. Jeder Charakter ist gut gezeichnet. In ihrem deutlichen Gefühl der Distanz, der Entfremdung und der Angst. Alle tragen zwei Gesichter, sind von zweideutigen Beweggründen angetrieben und jeder spielt ein doppeltes Spiel. Jede Szene, jedes scheinbar zufällige Detail zählt. Nichts geht verloren. Und das Ende? Sie werden es so nie kommen sehen. Ein genussvoller, komplexer Lesestoff. Ein ungewöhnliches Buch, mit seiner Kombination von Spionage und Thriller.

Für alle Leser, die von einem intelligenten Thriller mehr als pure Spannung und action erwarten.

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Rezension: Welt auf der Kippe – Peter und Jakob Seewald

Ein Augenöffner

Welt auf der Kippe: Zu viel, zu laut, zu hohl – von Peter Seewald (Autor), Jakob John Seewald (Autor), Katharina Bitzl (Illustrator), 272 Seiten, Verlag: Ludwig Buchverlag (9. November 2015), 18,99 €, ISBN-13: 978-3453280748

Zwei Punkte zeichnen dieses Buch aus:

Manche der vorgestellten Meldungen kennen wir, über vieles haben wir uns schon aufgeregt. Aber hier verdichten die Autoren das Ganze zu einer geballten Ladung von Informationen. (Fast ein Nachschlagewerk)

Und trotzdem verzichten sie darauf, unkritisch eine düstere Apokalypse zu zeichnen. Sie schreiben eher unterkühlt. Weder wird die gute alte Zeit glorifiziert, noch wird der Untergang der abendländischen Kultur beschworen.

Das Buch ist in 10 Kapitel unterteilt:

Essen und Trinken – Money,money, money – Netzwelt – Krieg und Terror – Megamacht China – Politik und Gesellschaft – Bildung und Wissenschaft – Pleiten und mehr als Pannen – Lifstyle, Medien und Kultur – Zukunft

Zu jedem Thema gibt es unzählige Nachrichten, Daten, Fakten, Studien- und Forschungsergebnisse sowie passende Zitate. Manche erschreckend, andere nur grotesk-amüsant. Hier einige Beispiele:

1,3 Milliarden Tonnen Nahrungsmittel landen jährlich im Müll. (Seite 30)

Ganz normales Leitungswasser wird in Flaschen gefüllt und zum mehr als 1000-fachen Preis als „Edelwasser“ verhökert. (Seite 33)

840 Millionen Menschen verdienen weniger als 1,46 € am Tag. – Deutsche Manager bekommen für ihr Missmanagement bis zu 50 Millionen Euro als Abfindung. (Seite 42)

In den Weltmeeren gibt es inzwischen sechsmal mehr Plastik als Plankton. (Seite 82)

90 % aller neuen Medikamente taugen nichts. (Seite 109)

33 Millionen der in Deutschland lebenden Personen sind im Social Web aktiv. (Seite 138)

71 % der deutschen Mütter stellen Fotos ihrer Kinder ins Netz, bevor diese zwei Jahre alt sind. (Seite 151)

5,8 Milliarden Euro setzten deutsche Unternehmen 2013 mit Rüstungsexporten um. 2012 waren es noch 1,1, Milliarden. (Seite 169)

220 Millionen Metadaten greift der Bundesnachrichtendienst täglich über Telefonate und SMS ab. (Seite 210)

Innerhalb von nur 60 Sekunden laden Nutzer alleine auf Youtube 100 Stunden Videomaterial hoch. (Seite 234)

50.000 verschiedene Artikel gibt es von Hello Kitty. Rund 5 Milliarden werden damit jedes Jahr verdient. (Seite 239)

In kluge Essays am Anfang jeden neuen Kapitels nehmen die Autoren zu den drängenden Fragen unserer Zeit Stellung:

Im Prolog umreißen die Autoren das Bild einer ebenso rastlosen wie ratlosen Gesellschaft.

Unser täglicher Wahnsinn zeigt unser Leben zwischen amazon, TTIP und Klimawandel. Ein Leben das anscheinend alle begeistert zelebrieren, bis wir vielleicht merken, dass nur Blendgranaten geschossen werden.

Am Limit öffnet unseren Blick für den Irrsinn unseres Verbrauchs. „Wir leben so, als hätten wir noch einen zweiten Planeten zur Verfügung.“ (Seite 69)

Orwell 2016 lässt alles was wir aus Orwells Buch „1984“ kennen als völlig harmlos erscheinen und vor allem, wir werden nicht gezwungen sondern unterwerfen uns freiwillig. Ein großer Teil unseres Lebens findet online statt.

Gesellschaft mit beschränkter Haftung zeigt die Psyche unserer Gesellschaft. „Echte Erwachsene sind in Deutschland zu einer aussterbenden Art geworden.“ (Seite 179)

Hilfe, wer lebt mich? Alle rufen nach Ruhe und Frieden, aber keiner hält sich daran. Wir leben unter ständiger Gehirnwäsche. „Es gibt keine Stille mehr, kein Versteck, keine Privatheit. Überall werden wir gefunden, angerufen, penetriert.“ (Seite 235)

Im Epilog kommt ein Weckruf: „Es kann keine stabile Moderne geben, die nicht auch verankert ist in einem Common Sense an Werten, Regeln und einem Bewusstsein, das sich nicht in der Selbstvergötterung verschränkt.“ (Seite 271)

Der Biologe und Philosoph Francisco Varela sagte: „Leben ist ein Prozess der Herstellung einer Identität.“ Und genau das vermissen wir in der Gesellschaft des „zu viel, zu laut, zu hohl.“

Mit all dem wird der Leser sich beschäftigen müssen, seine eigene Lebensführung hinterfragen und Antworten finden auf die existenzielle Frage „Wer bin ich als Mensch und wer möchte ich sein?“. Wenn es ihm dann noch gelingt, das eine oder andere zu ändern, dann hat das Buch viel erreicht.

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Literatur oder Unterhaltung, oder …

Literatur oder Unterhaltung, oder …

Wer liest, ist immer im Vorteil – Nur, was sollen wir lesen? Bei der unübersichtlichen Auswahl? Die Gesamtzahl der in Deutschland erschienen Bücher ist 2014 zwar deutlich gesunken. Trotzdem sind 87.134 Titel auf den Markt gekommen. Immer noch eine Menge.

Aber Vorsicht, es gibt Literatur, die unser Bild von der Wirklichkeit nachhaltig beschädigt. Lesen verhilft auch nicht unbedingt zum Glück. Und auch die weitverbreitete These, Lesen im emphatischen Sinn führe zu größerer Weisheit und Einsicht und es wäre um die Welt besser bestellt, ist nicht beweisbar.

Eines ist sicher: Lesen vergrößert die geistige Reichweite. Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Literaturkritiker.

Es gibt keinen Rechtfertigungszwang fürs Lesen. Die einen lesen aus Spaß, zur Unterhaltung, zur Zerstreuung und schaffen so eine Distanz zu ihrer persönlichen Welt. Hier ist ein großer Teil der Belletristik angesiedelt: keine echte Pro­blematik im Inhalt; Denken des Lesers ist kaum oder nicht erforderlich

Gute Literatur geht weit über Unterhaltung, über Erzählen einer Geschichte hinaus. Sie zeigt das Gesamtbild, liefert Erklärungen. Und sie fordert uns zu einem zweifachen Dialog heraus: mit dem Autor und mit seinen Figuren. Gute Literatur erkennst du auch daran: Du magst den Inhalt kennen, sie bleibt trotzdem lesenswert. Mehrmaliges Lesen lohnt sich.

Allerdings muss jeder, der nicht gerade an der Grenze zum Analphabeten liegt, problemlos die Grenzen zwischen Beidem erkennen und damit auch, was künstlerisch durchdachter und gearbeiteter ist, was also – durchaus unterhaltsam – Literatur und was bloße Unterhaltung ist.

Mit den Büchern, die diesen Teil abdecken, beschäftige ich mich. Diese Auswahl ist natürlich sehr subjektiv. Also Vorsicht. Gänzlich subjektiv kann die Antwort nicht sein, sonst wäre Literaturkritik eine Sache des privaten Gefühls. Objektiv und allgemeingültig kann sie aber auch nicht sein, sonst gäbe es unter Kritikern weniger Streit.

Wie gehe ich vor? Ich konzentriere mich auf folgende Punkte:

Das Thema muss für mich deutlich herauskommen. Themen sind immer die Gleichen. „Es ereignet sich nichts Neues. Es sind immer dieselben alten Geschichten, die von immer neuen Menschen erlebt werden.“ sagte William Faulkner. Und das sind immer die Themen der großen Gefühle und der kritischen Lebensereignisse. Das Thema muss mich berühren.

Die Handlung macht das Thema interessant. Erschafft der Autor Neues oder kaut er nur Altes wieder? Langweilig oder überraschend? Einseitig und Vorhersehbar? Vielschichtig und überraschend? Die Handlung muss mich in den Bann schlagen und mitreißen.

Personen und ihre Motive lassen Handlung und Thema lebendig werden. Sie müssen für mich nachvollziehbar sein, auch wenn sie nicht aus meinem Erfahrungshorizont stammen. Ich muss die Figuren lieben oder sie zumindest hassen. Dafür taugen keine eindimensionale, blasse Charaktere. Komplex müssen sie sein, mit vielen inneren Konflikten, bei denen die Gesamtheit seines Ichs einen Sinn ergibt, nicht in sich widersprüchlich, sondern stimmig, aber vielschichtig. Ich muss mit den Personen leiden und fiebern können.

Sprache ist nicht nur sehr wichtig, nein, sie ist der ausschlaggebende Punkt. Inhalt (Thema, Handlung, Personen) und Form (Sprache) müssen eine Symbiose eingehen. Sprache hat etwas mit Rhythmus, Melodie und Wohlklang zu tun. Erst eine markante und mitreißende Sprache macht aus einem Menschen eine Persönlichkeit, macht aus einer Handlung ein Drama, lässt ein bekanntes Thema brandaktuell werden. Sprache muss mich packen.

Es kann auch nicht schaden, wenn der erste Satz einer Geschichte ein Magie ausstrahlt , ein Faden, ein Tau, an dem du dich notgedrungen und aus freien Stücken weiter hangelst, ja, weiter hangeln musst, wie ein Sog, der mich in die Geschichte hineinzieht. bis zum entscheidenden Ende. Der erste Satz darf mich nicht kalt lassen.

Kurzum: ich muss mich in einem Roman, in einer Erzählung eingeschlossen fühlen. Dann, erst dann lese ich zu ende. Erst dann, wenn ich erlöst und dankbar bin, nach sorgfältigem Prüfen, schreibe ich auch eine Rezension.

Ich finde zwar einigermaßen objektive Gründe für gute oder schlechte Qualität des künstlerischen Werkes, zum Beispiel seine handwerklich gute oder schlechte Machart, sein gelungener oder unlogischer Aufbau, seine vorhandenen oder fehlenden Spannungsmomente und Experimentierfreudigkeit. Aber letztendlich hängt die Wirkung eines künstlerischen Werkes vom Geschmacksurteil jedes einzelnen ab. Also Vorsicht. Für mich ist die Welt der Literatur ein Abenteuer, immer mit ungewissem Ausgang.

Über dieses Abenteuer werde ich in diesem Blog berichten: Aktuelle Literatur-Nachrichten, Buchbesprechungen, Rezensionen, Debatten und Porträts aus dem Reich der Bücher, all das bekommst du bei mir.

Ich wünsche mir viele Kommentare von rastlosen und gierigen Lesern