Rezension: Welt auf der Kippe – Peter und Jakob Seewald

Ein Augenöffner

Welt auf der Kippe: Zu viel, zu laut, zu hohl – von Peter Seewald (Autor), Jakob John Seewald (Autor), Katharina Bitzl (Illustrator), 272 Seiten, Verlag: Ludwig Buchverlag (9. November 2015), 18,99 €, ISBN-13: 978-3453280748

Zwei Punkte zeichnen dieses Buch aus:

Manche der vorgestellten Meldungen kennen wir, über vieles haben wir uns schon aufgeregt. Aber hier verdichten die Autoren das Ganze zu einer geballten Ladung von Informationen. (Fast ein Nachschlagewerk)

Und trotzdem verzichten sie darauf, unkritisch eine düstere Apokalypse zu zeichnen. Sie schreiben eher unterkühlt. Weder wird die gute alte Zeit glorifiziert, noch wird der Untergang der abendländischen Kultur beschworen.

Das Buch ist in 10 Kapitel unterteilt:

Essen und Trinken – Money,money, money – Netzwelt – Krieg und Terror – Megamacht China – Politik und Gesellschaft – Bildung und Wissenschaft – Pleiten und mehr als Pannen – Lifstyle, Medien und Kultur – Zukunft

Zu jedem Thema gibt es unzählige Nachrichten, Daten, Fakten, Studien- und Forschungsergebnisse sowie passende Zitate. Manche erschreckend, andere nur grotesk-amüsant. Hier einige Beispiele:

1,3 Milliarden Tonnen Nahrungsmittel landen jährlich im Müll. (Seite 30)

Ganz normales Leitungswasser wird in Flaschen gefüllt und zum mehr als 1000-fachen Preis als „Edelwasser“ verhökert. (Seite 33)

840 Millionen Menschen verdienen weniger als 1,46 € am Tag. – Deutsche Manager bekommen für ihr Missmanagement bis zu 50 Millionen Euro als Abfindung. (Seite 42)

In den Weltmeeren gibt es inzwischen sechsmal mehr Plastik als Plankton. (Seite 82)

90 % aller neuen Medikamente taugen nichts. (Seite 109)

33 Millionen der in Deutschland lebenden Personen sind im Social Web aktiv. (Seite 138)

71 % der deutschen Mütter stellen Fotos ihrer Kinder ins Netz, bevor diese zwei Jahre alt sind. (Seite 151)

5,8 Milliarden Euro setzten deutsche Unternehmen 2013 mit Rüstungsexporten um. 2012 waren es noch 1,1, Milliarden. (Seite 169)

220 Millionen Metadaten greift der Bundesnachrichtendienst täglich über Telefonate und SMS ab. (Seite 210)

Innerhalb von nur 60 Sekunden laden Nutzer alleine auf Youtube 100 Stunden Videomaterial hoch. (Seite 234)

50.000 verschiedene Artikel gibt es von Hello Kitty. Rund 5 Milliarden werden damit jedes Jahr verdient. (Seite 239)

In kluge Essays am Anfang jeden neuen Kapitels nehmen die Autoren zu den drängenden Fragen unserer Zeit Stellung:

Im Prolog umreißen die Autoren das Bild einer ebenso rastlosen wie ratlosen Gesellschaft.

Unser täglicher Wahnsinn zeigt unser Leben zwischen amazon, TTIP und Klimawandel. Ein Leben das anscheinend alle begeistert zelebrieren, bis wir vielleicht merken, dass nur Blendgranaten geschossen werden.

Am Limit öffnet unseren Blick für den Irrsinn unseres Verbrauchs. „Wir leben so, als hätten wir noch einen zweiten Planeten zur Verfügung.“ (Seite 69)

Orwell 2016 lässt alles was wir aus Orwells Buch „1984“ kennen als völlig harmlos erscheinen und vor allem, wir werden nicht gezwungen sondern unterwerfen uns freiwillig. Ein großer Teil unseres Lebens findet online statt.

Gesellschaft mit beschränkter Haftung zeigt die Psyche unserer Gesellschaft. „Echte Erwachsene sind in Deutschland zu einer aussterbenden Art geworden.“ (Seite 179)

Hilfe, wer lebt mich? Alle rufen nach Ruhe und Frieden, aber keiner hält sich daran. Wir leben unter ständiger Gehirnwäsche. „Es gibt keine Stille mehr, kein Versteck, keine Privatheit. Überall werden wir gefunden, angerufen, penetriert.“ (Seite 235)

Im Epilog kommt ein Weckruf: „Es kann keine stabile Moderne geben, die nicht auch verankert ist in einem Common Sense an Werten, Regeln und einem Bewusstsein, das sich nicht in der Selbstvergötterung verschränkt.“ (Seite 271)

Der Biologe und Philosoph Francisco Varela sagte: „Leben ist ein Prozess der Herstellung einer Identität.“ Und genau das vermissen wir in der Gesellschaft des „zu viel, zu laut, zu hohl.“

Mit all dem wird der Leser sich beschäftigen müssen, seine eigene Lebensführung hinterfragen und Antworten finden auf die existenzielle Frage „Wer bin ich als Mensch und wer möchte ich sein?“. Wenn es ihm dann noch gelingt, das eine oder andere zu ändern, dann hat das Buch viel erreicht.

Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des Ludwig Verlages

http://www.randomhouse.de/Paperback/Welt-auf-der-Kippe/Peter-Seewald/Ludwig/e488738.rhd

Fragen Sie in Ihrer örtlichen Buchhandlung nach diesem Buch. Wenn Sie in meiner Gegend „Landkreis Merzig-Wadern“ leben, dann wenden Sie sich an die Rote Zora: http://www.rotezora.de

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Ein Gedanke zu „Rezension: Welt auf der Kippe – Peter und Jakob Seewald

  1. Mme Lila

    Danke für den Tipp. Ich werde mir das Buch kaufen….Passt.
    Wenn wir ehrlich sind, wissen wir doch genau, dass sich trotzdem nichts ändern wird. Womöglich ist das auch nicht die Absicht der Autoren. Vielleicht genügt mehr Wachheit.
    (Vorerst)
    Gruss aus Süden,

    D.

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