Archiv für den Monat Januar 2016

Rezension: Mad Dog Boogie – Max Bronski – Antje Kunstmann Verlag

Meet me in the pleasure dome

Mad Dog Boogie – Max Bronski (Autor), 250 Seiten, Verlag Antje Kunstmann; Auflage: 1. (20. Januar 2016), 16,95 €, ISBN-13: 978-3956140563

Von der ersten Seite an zieht diese Buch den Leser in seinen Bann. Und ehe man sich umgesehen hat, hat man es bis zum Ende gelesen.

Der Alt-Hippie Alex Dunbar, der Punk Ben und der Koloss Willi begeben sich auf Spurensuche. Alle drei leben seit Jahren auf Gut Betzing in der bayrischen Provinz und sind dort in therapeutischer Behandlung. Alex, ehemals Gitarrist, lebt in einer Drogenpsychose, seine Heilungschancen nicht absehbar. Ben, mit seiner eine mangelnde Kontrolle der aufwallenden Gefühle und seinen aggressiven Tendenzen hat das Tourette-Syndrom und Willi hat das Gemüt eines Kindes.

Alex Dunbar ist die treibende Kraft. Um seine Vergangenheit in der Hippiezeit der wilden 70-er Jahre geht es. War er es, der damals Gisa, eine junge Frau aus der Hippie-Jet-Set- Künstlerszene bestialisch erschlagen hat? „Er traute sich das schlimmste zu und suchte Gewissheit.“ (Seite 94)

Sein Therapeut, der über weite Strecken der Ich-Erzähler ist, unterstützt ihn dabei. Aber es kommen auch andere Personen zu Wort: Mike Sherman, der Manager von Alex Dunbar, der oberfränkische Bierbaron Paul von Göttingen-Ebachein süddeutscher Adliger und sein Kultur-Adlatus Klaus Kober. So erfahren wir die Geschichte in Rückblenden und in Szenen der Gegenwart aus unterschiedlichen Perspektiven. Und auch vom Ich-Erzähler gewinnt Kontur mit all seinen beruflichen Schwierigkeiten und auch seinen privaten Fehlversuchen. „Alles bedeutet etwas; nichts bleibt für sich“ (Seite 129). Der Schluss ist überraschend.

Die Personen sind das, was dieses Buch antreibt. Manche etwas schräg bis zu skurril, andere ganz normal.

Aber es ist nicht nur eine Kriminalgeschichte, in der auf den Spuren eines 30 Jahre alten Mordes geforscht wird und wo neue Morde sich abzeichnen. Sie ist bloß der Aufhänger, an dem wir tief eintauchen in das Musikerleben der 70er Jahre eintauchen, Parties der Hippiezeit erleben, Musiker auf ihre Tourneen und auf ihre LSD-Trips begleiten, aber auch auf ganz lockere Art mit dem schwierigen Feld der Therapie von Psychosen vertraut gemacht werden. Sehr überzeugend, wie die Schuldgefühle von Alex Dunbar vermittelt werden.

Mad Dog Boogie gehört zu den Büchern, die man in einem Rutsch durchliest und am Ende gerade wieder am Anfang beginnen könnte. Originell, spannend und kurzweilig.

Der Schreibstil von Max Bronski ist sehr flüssig, ganz großartig und angenehm lakonisch. Er verfügt über einen großen Wortwitz. Ein Krimi, weit weg von jeder Klischee-Ecke. Die Ausflüge in die Psychotherapie sind ebenso lehrreich wie eindrucksvoll und und fast genauso spannend wie die Handlung.

Max Bronski gelingt eine Symbiose aus Wissen und Spannung. Und vor allem werden die Protagonisten durch die Sprache charakterisiert. Das erhöht den Lesegenuss ungemein.

Das Buch überzeugt durch seine sprachliche Spritzigkeit und seine glaubwürdigen Figuren.

Wer gut geschriebene Spannungsliteratur sucht, die zudem auch nachhaltige Bildungshäppchen serviert, der liegt mit diesem Krimi genau richtig.

Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des Antje Kunstmann Verlages

http://www.kunstmann.de/titel-0-0/mad_dog_boogie-1153/

Fragen Sie in Ihrer örtlichen Buchhandlung nach diesem Buch. Wenn Sie in meiner Gegend „Landkreis Merzig-Wadern“ leben, dann wenden Sie sich an die Rote Zora: http://www.rotezora.de

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Rezension: Für immer und jetzt – Michaela Vieser – Antje Kunstmann Verlag

Schweißgebadete Äpfel und anderes

Für immer und jetzt. Wie man hier und anderswo die Liebe feiert von Michaela Vieser | Irmela Schautz, 208 Seiten, Verlag: Verlag Antje Kunstmann; Auflage: 1. (20. Januar 2016), 18 €, ISBN-13: 978-3956140648

Wenn die Wirren der Liebe über uns hereinplatzen, dann führt das zu ganz absonderlichen Reaktionen. Auch wenn das Ziel beim Umwerben des anderen Geschlechts überall gleich zu sein scheint, gibt es große Unterschiede auf dem Weg dorthin. Was in einer schönen Beziehung mündet, hat, je nachdem, wo man sich gerade auf der Welt befindet, im Vorfeld ganz interessante Bräuche. Ja, die Liebe hat viele Gesichter und mit ihr sind weltweit die eigenartigsten Bräuche und Rituale verbunden.

Die Liebe und welche Entwicklung sie nimmt und genommen hat: Über die Jahrhunderte und über alle Kontinente hinweg. Ja, soweit reicht die Spannweite dieses herrlichen Buches:

Die Liebe schmecken – Die Liebe ersteigern – Die Liebe durch ein Geschenk beweisen – Die Liebe einatmen – Die Liebe öffentlich machen – Die Liebe stehlen – Die Liebe aushalten – Die Liebe und der Sex – Für die Liebe gemeinsam kochen – Ungezwungen lieben – Sich selbst lieben lernen – Die Liebe und die Sehnsucht – Sich für die Liebe aufopfern – Lieben auch im Alter – Die Liebe feiern.

Die ungeheure Bandbreite zeichnet dieses Buch aus:

von Bräuchen der Ureinwohner Neuseelands bis zum Beziehungsstatus auf Facebook.

Von den Pheromonen – „Botenstoffe, die uns in Sekunden-schnelle Dinge mitteilen, für die wir mit dem Intellekt womöglich Jahre benötigen würden.“ (Seite 12) bis zu selbst hergestellten Geschenken wie z.B. die Love Spoons (die Liebeslöffel)

Von der Bedeutung des Kusses „Jeder hat Vertrauen in den, der ähnlich duftet.“ (Seite 51) bis zu dessen Ablehnung.

Vom Raub der Frauen „Man kennt das aus der klassischen Literatur: Paris schnappte sich einst die schöne Helena, Peer Gynt tat`s und auch in Andersens Märchen vom Feuerzeug raubt der Soldat jede Nacht die Prinzessin.“ (Seite 67) über das gemeinsame Kochen bis zu den Fragen, wie wir die Liebe aushalten können. „Die du heiratest, sind die, mit denen du streitest.“ (Seite 86)

Ob es sich um die Liebe nur für eine Nacht handelt, bei der nur der Moment zählt „Leidenschaft ist vergänglich, doch der Bund der Familie hält ewig.“ (Seite 119). Oder ob es Liebe für ein ganzes Leben ist; ob romantische Liebe, wildes Begehren oder das Gefühl von Zärtlichkeit und Vertrauen. Bis hin zu der Kunst sich selbst zu lieben „du kannst alles sein, und wenn du genug davon hast etwas anderes“ (Seite 146). Oder die Liebe im Alter „… die Frage, die sich stellt, lautet nicht mehr, ob Sex im Alter geht, sondern wie Sex im Alter geht.“ (Seite 178) Und natürlich all die Liebesfeiertage vom Valentinstag am 14. Februar bis hin zum jüdischen Tu B`Av Fest.

Die Autorinnen lassen keinen Bereich aus. Michaela Vieser und Irmela Schautz haben sich auf eine ganz besondere Spurensuche begeben. Michaela Vieser erzählt uns unzählige Geschichten über die Liebe im Laufe der Zeit und der fünf Erdteile: manche skurril, manche zum Schmunzeln, andere zum Nachahmen. Besonders hervorheben möchte ich die mehrfarbigen Illustrationen von Irmela Schautz. Gelungene Bilder, ja liebenswerte Gemälde, die mit dem Text eine einzigartige Symbiose eingehen.

Und nicht nur Bräuche sondern auch Rezepte, denn bekanntlich geht die Liebe ja durch den Magen, von Steirischem Apfelkuchen“ (Seite 17) bis zu „Hecht auf jüdische Art“. (Seite 197)

Ein Buch, das zum Verweilen und Schmökern einfach wie gemacht ist, mit einer Fülle von fundiert recherchierten Details aufwartet und dabei noch leicht und locker geschrieben ist

Möchtest Du aber Deine/n Liebste/n mit etwas Originellem überraschen? Dann lasse dich von diesem Buch anregen. Und darüber hinaus ist es eine ganz zauberhafte Geschenkidee für alle Menschen, die Sie lieben.

Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des Antje Kunstmann Verlages

http://www.kunstmann.de/titel-0-0/fuer_immer_und_jetzt-1143/

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Rezension: Die Wurzeln des guten Geschmacks – Carlo Petrini und Stefano Mancuso

Als ob es kein Morgen gäbe

Die Wurzeln des guten Geschmacks – Carlo Petrini Stefano Mancuso (Autor), 112 Seiten, Antje Kunstmann Verlag, 20. Januar 2016, 10 €, 10ISBN-13: 978-3956140969

„Den Planeten ernähren“, das Motto der Expo 2015 in Mailand war wohl der Auslöser für dieses revolutionäre Gespräch. Denn von diesem Ziel sind wir noch weit entfernt.

Denn uns wird in jeder Beziehung ein Weltbild des Konsums und der Produktion vorgetäuscht, ein trügerischer Glaube gefördert, dass man sich durch Wachstum aller Probleme entledigen könnte, ein System in dem es kein Morgen zu geben scheint. All das tun wir, um uns vor der Erkenntnis zu drücken, dass wir nicht weiter über unsere Verhältnisse leben können.

Carlo Petrini, Gründer von Slow Food und Terra Madre-Netzwerk, und Stefano Mancuso, ein renommierter Experten der Pflanzen treffen sich zu einem Dialog an der Universität der gastronomischen Wissenschaften in Pollenzo im Piemont. Nichts weniger als Lösungen zu finden für die schwierigsten Probleme der Menschheit ist ihre Absicht: Verunreinigung, Knappheit der natürlichen Ressourcen, Klimawandel, die wirtschaftliche und soziale Verelendung. Der Mensch verbraucht natürliche Ressourcen viel schneller als die Erde sie regenerieren kann. Der Planet wird ausgesaugt. Eine Diskussion zwischen zwei Persönlichkeiten, die zwar von ihrer Ausbildung ganz unterschiedlich sind, aber sich beide auszeichnen durch eine große Sensibilität für den Schutz der Natur und die beide der Erde verbunden sind. Sie schauen besorgt auf die Szenarien, die wir in der allgemeinen Kurzsichtigkeit aus den Augen verloren haben.

Und sie fordern einen Paradigmenwechsel:

„Der Mensch sollte sich nicht mehr als Mittelpunkt der belebten Welt sehen, um den die anderen Lebewesen kreisen, sondern als ein Element des Ökosystems“ (Seite 14) Ein ebenso revolutionärer wie faszinierender Ansatz, mit Auswirkungen auf viele Bereiche: vor allem die tiefgehende Änderung vom hierarchischen zum modularen Denken und Organisieren klingt überzeugend.

Erholung, Schutz und Förderung der Biodiversität bei Lebensmitteln. Einheimische Arten, lokale Produkte mit all ihren Eigenheiten und sozialen Werten sind ihre Antwort auf die großen Lebensmittelketten, die ganze Ökosysteme zerstören.

Carlo Petrini fordert Nachhaltigkeit, die Gewährleistung der Dauerhaftigkeit, Beständigkeit von Ressourcen und Leben. Und die Verteidigung des guten Geschmack ist auch die Verteidigung der biologischen Vielfalt. Und er macht uns u.a. klar, „dass McDonalds einen Hamburger nur darum für drei Euro verkaufen kann, weil wir, die Bewohner dieses Planeten, indirekt für die restlichen zehn Euro Produktionskosten aufkommen.“ (Seite 59)

Stefano Mancuso geht direkt in der Pflanzenwelt auf die Suche, um neue Strategien, um den Klimawandel, nachhaltige Reaktionen auf die steigende Nachfrage nach Nahrungsmitteln und der materiellen und spirituellen Bedürfnisse der Menschen anzupassen, zu finden.

Dieses Buch berücksichtigt viele Aspekte, ist also alles andere als einseitig oder sektiererisch. Es versucht Lebensmittel, die biologische Vielfalt und die Nachhaltigkeit unter einen Hut zu bringen. Nahrung nicht nur für den Menschen, sondern auch Nahrung für alle Lebewesen, denn der Mensch ist nicht das Zentrum der Welt.

So entsteht im Vergleich von botanischer Wissenschaft und Gastronomie eine neue Vision von der Erde und der Rolle des Menschen. Und vor allem: Nahrung für alle. Ein großes Problem, denn innerhalb von drei Jahrzehnten werden wir neun Milliarden Menschen auf unserem Planeten sein.

Die Pflanzenwelt könnte ein gutes Modell der Moderne sein. Pflanzen bieten uns ein Beispiel für eine ganz andere Organisation. Im Gegensatz zu unser hierarchisch organisierten Gesellschaft bestehen Pflanzen aus einer Wiederholung von Grundmodulen, die miteinander interagieren um so zu überleben. Jedes Modul ist in der Lage sich selbst zu verwalten.

Beide fordern die Bioinspiration. Lassen wir uns also von allen Lebewesen inspirieren. Pflanzliche Organismen, insbesondere dank ihres evolutionären Erfolges, können uns grundlegende Erkenntnisse darüber liefern, wie wir lang und gut überleben. Beide fordern „affektive Intelligenz, die sich von der sogenannten Vernunft unterscheidet, die unsere Welt heute mit ihren Nützlichkeits- und Spezialistendenken bestimmt.“ (Seite 47) Und beide sprechen für eine total andere Weltsicht. „Wo es einen Sinn für Solidarität gibt, wo Langsamkeit nicht negativ besetzt und Schnelligkeit kein absoluter Wert ist, entstehen widerstandsfähige Gesellschaften.“ (Seite 39)

In einer Gesellschaft, die von übermotorisierten SUVs, Plastikwegwerfbechern und Billigfleisch vom Discounter beherrscht wird, scheint dieser Paradigmenwechsel unmöglich zu sein. Und manche werden die beiden Autoren als Träumer und Narren verspotten. Zugegeben, sie fordern nicht weniger als ein totales Umdenken. Aber müssen wir nicht ein maximales Endziel fordern und anvisieren, dem wir uns Schritt für Schritt annähern? Bewegungen wie Slow-Food oder Terra madre machen Hoffnung. Ebenso, weit weg vom Bereich Lebensmittel, das modular organisierte, redundante und dezentrale IT-Konzept blockchain auf dem zum Beispiel das Zahlungssystem Bitcoin beruht oder das System Everledger für die Herkunft und die Bekämpfung von Versicherungsbetrug.

So eröffnet dieses Buch ein völlig neues, revolutionäres Szenario, für einen neuen Bund zwischen Mensch und unserer Mutter Erde. Ein Strategie, die eine langsame, stille aber radikale Transformation einleitet. Lassen Sie sich anregen.

Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des Antje Kunstmann Verlages

http://www.kunstmann.de/titel-0-0/die_wurzeln_des_guten_geschmacks-1181/

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Rezension: Das achte Leben – Nino Haratischwili – Frankfurter Verlagsanstalt

Der verführerische Geschmack heißer Schokolade

Das achte Leben (Für Brilka) von Nino Haratischwili (Autorin), 1280 Seiten, Frankfurter Verlagsanstalt; Auflage: 6 (1. September 2014), 34 €, ISBN-13: 978-3627002084

Nino Haratischwili erzählt uns die Geschichte eines Jahrhunderts. Eigentlich erzählt sie nicht uns die Geschichte sondern Brilka, ihre Nichte, der zwölfjährigen Tochter ihrer älteren Schwester. Und es ist mehr als eine Geschichte: „… ich habe Angst vor diesen Geschichten. Diesen Geschichten, die ständig parallel verlaufen, chaotisch; die in den Vordergrund treten, sich verstecken und sich gegenseitig ins Wort fallen. Denn sie verknüpfen und durchbrechen sich, sie umgehen, sie überschneiden und bespitzeln sich gegenseitig, sie verraten und führen in die Irre, sie legen Spuren, verwischen sie, und vor allem bergen sie in sich noch Abertausende von anderen Geschichten.“ (Seite 31)

Und trotz dieser Angst stürzt die Autorin sich voller Begeisterung in dieses gewaltige Epos. Eine Begeisterung, die man in jeder Zeile wiederfindet.

Das Buch ist in Kapiteln unterteilt, die sie Bücher nennt: Stasia – Christine – Kostja – Kitty – Elene – Daria – Niza – Brilka. Niza ist die Ich-Erzählerin und das Buch Brilka hat nur eine leere Seite.

Das sind die acht Leben dieser Familien, in denen die dramatischen Verstrickungen und tragischen Schicksalen der Frauen der Familie im Vordergrund stehen. Diese sind meist atemberaubend schön, aber vom Unglück geschlagen und ins Elend gestürzt durch die falschen Männer, denen sie sich ausliefern. Vergewaltigungen, Abtreibungen und Selbstmorde sind im Roman an der Tagesordnung. Eine Familiengeschichte, die von Tbilissi über Moskau und London bis nach Berlin reicht. Von der zaristischen Epoche bis ins Nachwende-Berlin spannt sich der Bogen. Sie bettet die von Tragödien und Triumphen, Liebe und Hass, von Anpassung, Verrat und Widerspruchsgeist überquellende Familiengeschichte der Jaschis ein in die Geschichte eines ganzen Jahrhunderts. Aber auch ein historischer Roman mit deutlichen politischen Gewicht. Liebesgeschichten, Horror, Anklänge von Satire und eine gehörige Portion Philosophie machen aus diesem Buch ein Lesevergnügen der besonderen Art.

Alle die Frauen, bis hin zu Brilka, die nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion zur Welt gekommen ist, scheinen in ihren Genen die grausame Geschichte der Sowjetunion und auch das Erbe ihrer Vorfahren zu tragen. Das familiäre Erbe, die fatalen Wiederholungen, werden durch den „Fluch der Schokolade“ verkörpert. Nach dem Rezept des Ururgroßvaters der Erzählerin wird eine verhängnisvolle heiße Schokolade zubereitet, die zwar eine „geistige Ekstase“ verheißt, aber jeden, der bisher von ihr zu probieren wagte, schnell ins Unglück gestürzt hat. Der verführerische Geschmack heißer Schokolade treibt die Handlung voran.

Gefühlsstark aber unaufgeregt und authentisch mit prächtigen Figuren und Szenen, farbig und packend inszeniert die Autorin menschliche Dramen und den Weg Georgiens durch Revolutionen, Kriege und Stalins Säuberungen. Vor allem fasziniert mich das erzählerische Feuer von Nino Haratischwili.

Ein Epos von Tolstoischem Ausmaße. Keine Sekunde langweilig. Beste Unterhaltung der Extraklasse.

Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite der Frankfurter Verlagsanstalt

http://frankfurter-verlagsanstalt.de/frames/fva_b_frs_buecher_programm.html

Fragen Sie in Ihrer örtlichen Buchhandlung nach diesem Buch. Wenn Sie in meiner Gegend „Landkreis Merzig-Wadern“ leben, dann wenden Sie sich an die Rote Zora: http://www.rotezora.

Abschied von Helden und der guten, alten Zeit

Abschied von Helden und der guten, alten Zeit

… oder was Leser von Romanen erwarten sollen

Was soll denn auf den restlichen 400 Seiten erzählt werden? Seine Beerdigung?“ Mit dieser lapidaren Aussage beschied meine Mutter mein Betteln um noch weitere zehn Minuten Lesezeit, weil es gerade so spannend wäre und sich jetzt entscheiden würde, ob mein Held überleben würde.

Wie alle Kinder hatte auch ich meine Helden. Sie verkörperten Mut, List, Stärke, Abenteuerlust, Improvisationstalent und Fantasie. Sie dienten mir als Spiegel für Wünsche und Träume. Hier fand ich, was der Alltag nicht oder nur in Grenzen zuließ, was ich mich selbst nicht trauten, wie ich sein wollte – oder die Figuren stellten auf liebenswürdige Weise meine eigenen Schwächen vor. Sie lebten mir etwas vor. Sie machten sich auf den Weg, zogen aus, mussten sich in der Fremde bewähren, mit Angst und Aggression umgehen. Was wären Kindheit und Jugend ohne Idole?

Es gibt Romanfiguren, die wir bewundern und lieben, weil sie das Bild eines wirklichen Menschen bewahren: Ja, so war er, so muss er wirklich gewesen sein. Und dann gibt es Figuren, die wir lieben, weil es sie nie und nimmer geben kann, weil sie im Roman aber so erscheinen, als seien solche gelungenen, vollständigen, schönen, klugen, liebevollen Menschen ohne Arg und Falsch eben doch möglich, als könne man ihnen eben doch eines Tages begegnen, weil man ihnen im Roman gerade so glaubwürdig begegnet ist.

Der klassische, romantische Held ist immer vorbildhaft. Er hat feste Werte. Sein Bild vom Menschen und von der Welt, ist auf eine klare Ordnung, mit eindeutigen Werten begründet und auf bestimmte Inhalte reduziert. Die Handlung entwickelt sich nach dem Prinzip von Ursache und Wirkung und wir können vom Charakter einer Figur auf ihre Handlungen schließen und umgekehrt. Der Held bestreitet Kämpfe, löst Aufgaben, besiegt seine Feinde und erlebt seine Abenteuer. Seine Abenteuer werden benutzt um Lehren zu verbreiten und egal ob es nur Metaphern sind oder der Inhalt für bare Münze genommen werden muss, unterhaltsam sind sie allemal. Bei fast jeder dieser Geschichten entdecken wir den immer gleichen Ablauf.

Das ist verständlich, denn Heldengeschichten und Heldenreisen haben immer auch und vor allem eine moralische Botschaft. Es geht immer um die Fragen: Was ist der Ursprung des Bösen? Was ist ein glückliches Leben? Was ist ein tugendhaftes Leben? So liefern diese klassischen Romane Anschauungsmaterial für tugendhaftes Handeln und zeigen die Auswirkungen von Verantwortlichkeit, Leichtsinn und Boshaftigkeit auf andere Menschen und das eigene Lebensglück.

Das vielleicht beste Beispiel eines romantischen Helden ist Karl Mays Winnetou: Reinheit der Seele, Aufrichtigkeit des Herzens, Unwandelbarkeit des Charakters und stete Wahrheit des Gefühls. Aber auch „Herr der Ringe“ von Tolkien, wo ganz gewöhnliche Helden uns Tugenden und Werte vorleben so wie Frodo, Sam, Merry, Pippin, Aragorn, Gandalf oder Legolas. Hier ist Sam die wichtigste Gestalt der Geschichte, denn nur durch seine Treue und Loyalität wurde letztendlich das gesamte Abenteuer getragen. Sam besitzt mehr heroische Eigenschaften, als auf den ersten Blick sichtbar sind und seine Bedürfnisse sind viel einfacher und nicht so edel wie die von anderen, aber dadurch wirken sie auch um einiges wertvoller.

Helden, in all ihrer übermenschlichen Größe werden aber auch schnell langweilig. Deshalb brauchen wir auch den tragischen Anti-Helden dessen Schwächen und Probleme ihn von dem Dasein eines Helden abhalten. Diese Charaktere haben mehr Tiefe als klassische Helden, oft sind diese Figuren deshalb sogar interessanter. Eines der ersten Beispiele ist Don Quijote von Miguel de Cervantes, dessen Abenteuer und Missgeschicke ungemein erheitern und bewegen, vor allem Don Quijotes geradezu legendärer Kampf gegen die Windmühlen als Allegorie auf den Konflikt zwischen Träume und der allzu harten Realität. Forrest Gump, ein moderner Don Quichotte, zeigt, dass der Held keineswegs ein Krieger sein muss, der seine Prüfungen mit dem Schwert oder zumindest mit seiner Intelligenz meistert. Seine Waffen sind die des unschuldigen Toren – gerade deshalb lieben wir ihn so.

Antihelden liegen wahrscheinlich gar nicht irgendwo zwischen “Wahrer Held” und “Elementarer Bösewicht”, vielmehr ist der Antiheld genau die Grenze zwischen beiden Kategorien. Eine Grenze die zusehends verschwimmt. Einfache Helden, edel und rein langweilen, ebenso die einfachen Schurken und Halunken. Sie sind zu oberflächlich für unsere Gesellschaft geworden und reißen nicht mehr mit.

Natürlich können wir mit dem Konzept des klassischen Helden und seiner Heldenreise gute Unterhaltungsliteratur schreiben. Aber reicht das in der heutigen Zeit noch aus?

Weltbilder verändern sich stetig. Unser Blick auf Identität, Demokratie und Geschlechterrollen ist ein anderer, als der von vergangenen Generationen. Und gerade in Zeiten, die immer komplexer werden, suchen Menschen nach Figuren und Geschichten, in denen sie eine Struktur zu finden hoffen. Wer kann das Rätsel des menschlichen Bewusstseins und der Zeit genau auf den Punkt bringen?

In welcher Situation lebt der Menschen heute? Er wird sich selber immer fragwürdiger und fremder. Er ist unsicher und ohne Orientierungen. Die Kluft zwischen der Welt des schönen Scheins und dem wahren Sein wird stetig größer. Verwahrlosung, Vergnügungssucht, Langeweile, Neugier, Verwilderung der Sitten nehmen zu. Das Streben nach Erhaltung der materiellen Existenz ist das beherrschende Thema und damit auch die Proletarisierung. Geschützt in der Anonymität der Masse, geben Menschen ihre persönliche Verantwortung auf. Die Individualität versinkt in einer Gleichschaltung und versucht sich nur noch in der Tristesse des modernen Freizeitlebens zu unterscheiden.

Diese Zeit braucht neue Geschichten und andere Helden.

Eine Geschichte von heute braucht nicht mehr unbedingt eine stimmige Handlung im klassischen Sinn. Sie kann auch auf den üblichen Spannungsbogen, der auf einen Höhepunkt zuläuft, verzichten. Die beobachtbaren und sinnlichen Wahrnehmungen der äußeren Handlung treten in den Hintergrund. Statt des chronologisch und kausal angelegten Handlungsgefüges des traditionellen Romans überwiegt im modernen Roman das Unverbundene, Zufällige, Sprunghafte. Nicht ein kausal geordnetes Geschehen steht im Mittelpunkt, sondern das im Bewusstsein der Figuren sich spiegelnde Geschehen.

Vorrang hat die innere Handlung, Vorgänge, die sich im Bewusstsein der Figuren abspielen. Oft gibt es einen Widerspruch von innerer und äußerer Handlung.An die Stelle geschlossener Werte- und Moralsysteme traten Uneindeutigkeiten und Pluralismus.

Handlungen sind nicht mehr Zweck und Ziel sondern lediglich ein Transportmittel, ein Vehikel, das das Thema ausreichend trägt. Hier hat der Autor heute alle Freiheiten: von Krimi bis Sciencefiction, vom Historienroman bis zum Gegenwartsdrama, von satirischer Komödie bis zu autobiographisch gefärbten Essays. Die Bandbreite ist unerschöpflich.

Und nun zu den Helden des modernen Romans.

Es gibt keine detaillierte und komplette Beschreibung der Figuren, keine fertigen, abgerundeten Persönlichkeiten. Die Figuren entstehen aus ihren manchmal unglaublichen Handlungen. Missstände, offene Fragen, Unsicherheit, Zweifel haben Vorrang vor der Unterhaltung des Lesers. Metaphysisches Puzzle wäre ein passender Ausdruck.

Statt des sich in allen Lebenslagen und Konflikten behauptenden großen Individuums, des im Positiven wie im Negativen überragenden Menschen kennt der moderne Roman als „Helden“ nur den Durchschnittsmenschen mit allen Schwächen und Gebrechlichkeiten: geängstigt, zerrissen, mittelmäßig, oft verzagend. Figuren sind komplexer, vielschichtiger und unverwechselbarer geworden. Sie werden menschlicher und schwächer.

So dient die Gestaltung der Heldenfigur in zunehmendem Maße der Frage nach den Möglichkeiten und Grenzen des Menschen in seiner gegenwärtigen Zeitsituation, in seinen Krisengebieten, in seinem Selbstmitleid, seiner Hybris, seiner Jämmerlichkeit, seiner Brillanz, seiner Glücklosigkeit.

Die Autoren stellen sich fundamentalen und existentiellen Fragen, wie Tod, Sinn, Freiheit, Isolation. Hier gibt es kein „richtig“ und „falsch“. Konflikte, Dilemma, Ungereimtes, Groteskes oder Paradoxien sind die Quellen für ihre Geschichten. Darstellung von Kommunikationslosigkeit und eine sich daraus andeutenden Beziehungsunfähigkeit. Unterkühlte und distanzierte Beziehungen, Fremdheit, Erfahrungs- und Identitätskrise: Ausdruck einer unerfüllten Sehnsucht der heutigen Menschen nach Liebe und Geborgenheit. Suche nach der eigenen Identität, Aufarbeiten der eigene Vergangenheit, aber auch Ironie und Vergnügen.

All diese Themen durchschaubar zu machen, ist Aufgabe der Literatur. Es kann nicht ihre Aufgabe sein, verlorene Sinnhaftigkeit wiederherstellen. Begreifbar zu machen, dass Fehler nicht das Ende der Welt bedeuten, wäre eine der wichtigsten Aufgaben der Literatur.

Die besondere Kunst besteht darin, diese Themen in den Texten so zu behandeln, dass sie sowohl für den einfachen als auch für den universellen Leser interessant sind. Denn Romane sollen den Leser unterhalten, im besten Sinn des Wortes. Dabei geht es nicht um ein Loblied auf die Mittelmäßigkeit, oder alberne, populistische Phrasen vom „kleinen Mann“ der als einziger wirklich die Welt versteht, sondern vielmehr darum, eine Vielzahl von Lebenswirklichkeiten darzustellen. Grenzen sind der Kunst nur durch die Kreativität der Künstler gesetzt. Der Erzähler selbst hat eine unsichere Identität und das Dilemma einer brüchigen Selbst- und Weltwahrnehmung.

Das Erzählen, das Schreiben wird zu einer Suche mit völlig ungewissem Ausgang und das ist vor allem auch eine Suche nach der geeigneten Ausdrucksform. In ästhetischer Hinsicht ist der zeitgenössische Roman gekennzeichnet durch den tiefen Zweifel, der Welt mittels Sprache habhaft zu werden. Permanente Selbstreflexionen über seinen Status als Sprachkunstwerk und Fiktion sowie über die Krise des Erzählens gehören zu den Kernpunkten seiner immanenten Poetik. Sie ist verbunden mit erzähltechnischen Experimenten, die das narrative Formenarsenal erweitern – sei es bei der Wahl der Erzählperspektive, der Darstellung von Zeit und Raum oder von Rede- und Bewusstseinsvorgängen. Im Vorgang des Schreibens wie des Lesens entstehen gleichzeitig verschiedene Geschichten, die alle gleichermaßen gültig sind.

So wird die Erzählweise des modernen Romans komplizierter. Es wird nicht chronologisch und nicht linear erzählt, sondern eher fragmentarisch: Das Geschehen muss oft vom Leser rekonstruiert werden. Durch Rückblenden, Erinnerungsmonologe, Assoziationen etc. wird Vergangenes oft in den Fortgang der Handlung eingebaut. Und vor allem wird der Roman nicht mehr vom allwissenden Erzähler aus der Distanz, sondern personal aus der Sicht einer oder mehrerer Figuren. Reflexion tritt an die Stelle von Handlung. Das Erzählen entwickelt sich aus Montage, Collage, Perspektivenwechseln, dem Spiel mit überlieferten Texten der Literatur sowie Wechsel der Erzählsituationen und Redeformen.

Der ständige Wechsel von Erwartung und Enttäuschung, Illusion und Desillusion strukturiert den außerordentlich unterhaltsamen und intelligenten Roman. Ironische Schilderung zwischen Erwartung und Enttäuschung tragen zum Lesevergnügen bei.

Die Sprache selber erfüllt viele Aspekte: ästhetisch und poetisch soll sie sein, aber auch komisch, respektlos und vulgär. Und das alles zugleich. Das Wie ist in der Literatur immer wichtiger als das Was.

Das erscheint schwierig. Und wenn etwas schwierig erscheint, dann macht es Schwierigkeiten. Meistens dem Leser. Die meisten Genussleser suchen im Buch weniger den Lebenslehrmeister als vielmehr ein Leben in der Möglichkeitsform; sie wollen spielerisch in fremde, andere, aufregendere Lebens- und Weltverhältnisse eintauchen, als sie ihnen ihr banaler Alltag bieten kann. Das Spiel, das Vergnügen am sprachlichen Gedankenspiel, am phantastischen Kopf-Kino steht bei diesen Lesern eindeutig im Vordergrund.

Der Leser zeitgenössischer Literatur muss die logischen Verknüpfungen selbst herstellen. Er muss die komplexen Deutungsangebote des Textes erfassen. Er wird gezwungen, kritisch zu lesen. Er wird gezwungen, selber zu denken. So wird er zu einer Art Mit-Autor: Er konstruiert sich seinen eigenen Sinngehalt. Statt ihn mit Theorien und Welterklärungen zu befriedigen, erzählt sie ununterbrochen Spielvorschläge, die variiert, abgebrochen, aber auch erweitert werden können. Das setzt natürlich den universellen Leser voraus, der auf solche Zumutung selbst die Antwort geben muss.

Für mich eines der besten Beispiele ist „Das Foucaultsche Pendel“ von Umberto Eco: Auf schalkhafte, raffinierte und geistreiche Weise parodiert der auch für sein enormes kulturgeschichtliches Wissen bekannte Semiotik-Professor die Hermeneutik und führt vor, dass sich immer und überall scheinlogische Zusammenhänge konstruieren lassen, mit denen sich dann auch alles plausibel erklären lässt. Indem er historische Ereignisse in einen neuen Kontext stellt, erzählt er die Weltgeschichte neu. Der Schein trügt! Das begreifen wir spätestens nach der Lektüre dieses ebenso dicken wie amüsanten Romans.

Dieses Buch hat alles was Romane heute brauchen: Überraschungs-, Provokations- und Irritationspotenzial, das den Leser zwingt, die vielschichtigen und sich eindeutigen Interpretationen entziehenden Texte zu entschlüsseln, Texte deren Dramaturgie statt um ein zentrales Moment um mehrere kreisen. Themen, Bilder und Ausdrucksformen, die möglicherweise auch befremden. Es sind Bücher oder Texte, die ein zweites Mal zu lesen unbedingt reizvoll ist, denn man sieht es dann mit anderen Augen.

Und da erhebt sich die Frage, Wozu ist Literatur noch gut in Zeiten, in denen Belehrung und Aufklärung und das Vermitteln von Ideen, Programmen oder Informationen besser durch andere Medien geleistet werden? Was erwarten wir von Literatur? Was soll sie? Aufarbeiten, anklagen, plädieren, therapieren? Oder soll sie etwas aus und über uns erzählen, was wir selbst vielleicht noch nicht wussten, jedenfalls noch nicht so? Soll sie etwas in Sprache fassen, was als individueller oder gesellschaftlicher Zustand präsent, in Schwingungen spürbar, aber noch nicht formuliert ist? Ein Bewusstsein, eine Angst, eine Bedrängung?

Ich erwarten heute von der Gegenwartsliteratur, dass sie dem Nichtdarstellbaren eine sichtbare Darstellung verleiht, dass sie Geschichten erzählt, die ständig parallel verlaufen, chaotisch sind. Die in den Vordergrund treten, sich verstecken und sich gegenseitig ins Wort fallen. Die sich verknüpfen und sich durchbrechen, sich umgehen, sich überschneiden und sich gegenseitig bespitzeln, sich verraten und in die Irre führen. Geschichten die Spuren legen und sie wieder verwischen, und vor allem Geschichten die in sich noch Abertausende von anderen Geschichten bergen. Und das in einer Form, die mich gut unterhält.

Seelenarbeit – Kopfarbeit – Arscharbeit

Seelenarbeit – Kopfarbeit – Arscharbeit

oder was ist besser: spontanes oder konzeptionelles Schreiben

Fast jeder Zweite in Deutschland glaubt, dass in ihm ein verhinderter Autor steckt. So auch ein bekannter Herzchirurg, der auf einer Veranstaltung einen ebenso bekannten Autor traf:

Ah, Sie sind Autor, das ist interessant. Ich werde auch ein Buch schreiben. Irgendwann nehme ich mir mal sechs Wochen Urlaub und dann schreibe ich meinen Roman“ „Sehr gut“ antwortete der Autor. „Geben Sie mir dann Bescheid. Während Sie Ihren Roman schreiben, übernehme ich Ihre anstehenden Herzoperationen.“

Vielleicht schreibt der Chirurg sein Buch. Es wird dann eines sein unter rund einer Million Manuskripte, die bei deutschen Verlagen pro Jahr eingereicht werden und von denen über 920.000 abgelehnt werden.

Das Leben sei eine Anstrengung, die einer besseren Sache Wert wäre, meinte der Aphoristiker Karl Kraus. Dem füge ich hinzu, dass auch manche Lektüre eine Anstrengung bereitet, die eines besseren Buches Wert wäre. Ja, manche Lektüre wird sogar zur Zwangsarbeit.

Viele, die am Schreiben Interesse haben beginnen mit spontanem, impulsiven, kreativen Schreiben. Das bedeutet, Schreiben, bevor man denkt. Dieses spontane Schreiben eignet sich nicht nur für Menschen, die gerne schreiben, sondern für alle, die mit ihren Themen oder Fragen oder Problemen weiter kommen oder die aus einem Stau in Fluss kommen möchten. Das ist Seelenarbeit:

Darauflos schreiben – munter oder mutig, manchmal auch missmutig, freimütig oder mühsam. Ohne Zensur, ohne Ziel, am besten ohne Erwartung – einfach schreiben, was in den Sinn kommt. Und wenn nichts kommt, dann einfach spüren, wie sich dies anfühlt, und dies beschreiben.

Kreatives Schreiben erhöht die Ausdrucksfähigkeit der Schreibenden, d. h. sprachlose Zustände werden entschärft. Durch das Formulieren persönlicher Ansichten und Gefühle wird Erlebtes und Erfahrenes be- und verarbeitet.

Was dabei herauskommt, ist nicht unbedingt ein Werk, das man für sich und seine Nachkommen aufbewahren muss. Aber eines ist sicher: Sprachlosigkeit und Unfähigkeit sich und seine Gefühle verständlich zu machen, wird überwunden.

Viele haben gute Erfahrungen mit einem Schreibjournal, einer Art Tagebuch gemacht. Hier ist alles erlaubt: Sie dürfen Fehler machen, Sie dürfen kritzeln, Sie dürfen durch- und unterstreichen, Sie dürfen ganz klein und ganz groß schreiben, Sie können Seiten leer lassen oder proppenvoll schreiben. Einfach schreiben, so wie es Ihnen gefällt.

Zusätzlich entsteht ein riesiger Schatz an Ideen, Personen, Situation, Orten, Beschreibungen und Formulierungen, die alle für konzeptionelles Schreiben verwendet werden können.

Es gibt viele Anleitungen zum kreativen, zum impulsiven Schreiben. Sie suggerieren, habe man einmal begonnen, dann sprudelten die Worte und Sätze nur so aus einem heraus. Man müsse einfach nur beginnen. Das stimmt, wenn man es beim spontanen Schreiben belässt. Ein Irrglaube, wenn es an das konzeptionelle Schreiben, an die Kopfarbeit geht. Alle verschweigen eines, Ernst und die Mühen des Schreibens.

Ist auch kein Wunder, dass die meisten dieser Ratgeber das mühelose Schreiben predigen, das jeder könne. Denn immerhin sind große Teile der Menschen, die sich für einen verhinderten Autor halten, auch bereit nicht unerhebliche Beträge, als Druckkostenzuschuss oder Ähnliches getarnt zu zahlen, damit sie IHR Buch gedruckt in Händen halten. Die Umsätze und Gewinne von all diesen Verlagen, die Books on Demand (Buchdruck auf Nachfrage) anbieten, steigen und steigen.

Für manche ist das thematische, konzeptionelle Schreiben mit unangenehmen Gefühlen und mit Widerstand besetzt. Diese erleben durch spontanes Schreiben eine Befreiung. Sie finden den kreativen Fluss, der ja auch für das konzeptionelle Schreiben notwendig ist.

Aber für jeden kommt früher oder später der Punkt, wo er sich sagt: „Eigentlich könnte ich ja mal an ein richtiges Buch denken, veröffentlicht in einem seriösen Verlag. Dann beginnt die Kopfarbeit:

Wenn jemand mit einer Geschichte, einer Romanidee „schwanger“ geht, dann muss er sich Zeit lassen und die Geschichte von allen Seiten betrachten, bis sich der Kern der Geschichte herauskristallisiert hat. Wenn er jetzt in einem drei – bis vierseitigen Exposé die Hauptereignisse der Handlung festlegt, die wichtigen Eigenschaften der handelnden Personen zusammenfasst, wie z. B. Alter, Beruf, äußere Erscheinung, Stärken und Schwächen, sodass ihre Charaktere zu alten Bekannten werden, dann hat er eine gute Grundlage.

Anhand dieses Exposés stellt er auch fest, welches Material er noch braucht. Wer nie ein Polizeirevier von innen gesehen hat, kann nur schwerlich über die Polizeiarbeit z. B. bei einem Krimi schreiben. Wer noch nie den Nachtdienst in einer Klinik, die Arbeit in einer Unfallstation gesehen hat, kann sich kaum in die Köpfe von Mitarbeitern hineinversetzen.

Wenn er dann noch die Fragen klärt: „Mit was beginnen? Welche Konflikte ansprechen? An welchen Personen und Situationen die Konflikte sichtbar werden lassen? Welche Lösungen anbieten? Wo die Höhepunkte setzen?“ Dann hat er eine solide Vorarbeit und das Grundgerüst der Geschichte steht,

Und jetzt kann er sich auf den „Arsch“ setzen und mit dem eigentlichen Schreiben beginnen. Schreiben, ohne groß an die perfekte Formulierung zu denken. Einfach runter schreiben, so wie es einem einfällt. Schreiben muss auch nicht immer heißen, vollständige Sätze zu verfassen. Manchmal fallen zu einem Kapitel einfach nur Stichworte ein, einzelne Begriffe, Fragmente und Satzteile: Einfach notieren so, wie sie gerade in den Sinn kommen.

Dann den Text liegen lassen. Eine Woche, zwei Wochen. Und den Text von einem guten Freund lesen lassen. Und dann beginnt das Überarbeiten, der zweite Teil der „Arscharbeit“:

Wort für Wort das treffendere Wort suchen. Satz für Satz die bessere Formulierung, den passenderen Vergleich finden. Verdichten. Streichen. Und so braucht es oft viele Stunden und vielleicht zehn oder zwanzig Manuskriptseiten, bis eine perfekte Seite geschrieben ist.

Egal ob spontan und impulsiv, oder konzeptionell und strukturiert, Schreiben sollte immer ambitioniert sein. Und das bedeutet nicht, dass der Wert des Schreibers durch einen empirisch fragwürdigen Beweis belegt wird, etwa in der Spiegel-Bestseller-Liste aufgetaucht zu sein.

Wenn der Autor seinem Publikum Wissen, neue Ideen, neue Perspektiven und Freude schenkt, dann reicht das. Ja und wer ist denn nun dieses Publikum? Es sind mit Sicherheit mehr als eine Person. Ob Texte von zwei Personen oder von zwei Millionen gelesen werden ist egal. Wenn dieses Publikum, diese Personen etwas vom Autor bekommen, das ihnen wichtig erscheint und woran sie sich erfreuen, dann kann jeder zufrieden sein.

Ich schreibe, um Freude zu bereiten” sagte Thomas Mann und Max Frisch bemerkte “Ich schreibe, um etwas festzuhalten, das ich miterlebt habe; sonst wäre es verloren.”

Sind das nicht Gründe genug, um zu schreiben?

Rezension: Der Schlafmacher – Michael Robotham – Goldmann Verlag

Es gibt keine Absolution

Der Schlafmacher: Psychothriller von Michael Robotham (Autor), Kristian Lutze (Übersetzer), 416 Seiten, Goldmann Verlag (11. Januar 2016), 14,99 €, ISBN-13: 978-3442314089

Er ist wieder da. Der Psychologe Professor Joseph O`Loughin: „Ich habe Traurige, Einsame, Getrennte, Wütende, Ängstliche, Eifersüchtige, Todessehnsüchtige und Mordlustige behandelt. Ich habe die ´Tiefen menschlichen Elends ausgelotet, doch ich weiß, dass es immer noch eine weitere Schicht gibt, dunkler und gefährlicher.“ (Seite 37)

Und ein solcher Killer kündigt sich schon auf der ersten Seite an, in einem jener kursiven autobiographischen Kapiteln, wo er sich gegenüber dem Leser selber rechtfertigt und Einblicke in seinen verquerten Geist gibt.

Dann geht es ganz gemütlich weiter mit einer Familienszene in Oxford, wo Joes Tochter Charlie sich über Studienmöglichkeiten an der Universität informiert und Joe mit seiner von ihm getrennt lebenden Julianne ein Mittagessen samt unbeschwertem Geplänkel in einem Pub am Fluss genießen. Diejenigen, die Joes Entwicklung verfolgt haben, wird es nicht überraschen, zu erfahren, dass er nie aufgehört hat Julianne zu lieben. Daher wirkt ihre scheinbare Annäherung am Anfang sofort ermutigend. „…im Grunde sind wir noch dieselben Menschen in einer leicht veränderten Umlaufbahn.“ (Seite 111)

Aber dann wird es sofort ernst: Zwei Opfer, Elisabeth Crowe und ihre Tochter Haper werden in einem Bauernhaus in der Nähe von Bristol tot aufgefunden. Die Tochter im Schlaf erstickt, die Mutter brutal mit einem Küchenmesser malträtiert. An der Wand ein Pentagramm, ein fünfzackiger Stern in einem Kreis. Mit dem Blut der Opfer hingeschmiert. Chief Superintendent Veronica Cray, genannt Ronnie, mit ihren stacheligen Haaren und ihrer Vorliebe für Männerschuhe kommt mit dem Fall nicht weiter. Sie steckt wahrlich in einer Sackgasse und steht unter Druck der Bevölkerung und der lokalen Politik. Cray bitte Joe um Hilfe, zumal einer seiner ehemaligen Schüler sich als professioneller „Mindhunter“ eingerichtet hat und vorsätzlich detaillierte Informationen über das Verbrechen der Presse und der dörflichen Gemeinschaft verraten hat. Joe zieht seinen alten Freund, den inzwischen pensionierten Detective Vincent Ruiz hinzu. So kann Joe, trotz des vielversprechenden Starts mit Julianne nicht umhin, sich zu engagieren, weil er annimmt, dass die Polizei vieles falsch macht und das Leben unschuldiger Menschen auf dem Spiel steht.

Michael Robotham entwickelt eine komplexe und unvorhersehbare Handlung, rasant und der Spannungsbogen hält sich bis zum Schluss.

Wie üblich bei Michael Robotham wird die Identität des Täters erst auf den letzten Seiten offenbart werden. Zwischendurch, in kursiv gesetzten Kapiteln erzählt uns der Mörder von seinen Taten, Motiven und Gefühlen. Wir wissen alles über ihn. Wir kennen ihn aber nicht. „Sei durchschnittlich, sei gewöhnlich, sei unsichtbar in der Menge …“ (Seite 90)

So bleibt für Joe genügend Zeit, sich durch eine lange Liste von möglichen Verdächtigen und von falschen Spuren durch zu arbeiten. Der Fall wird immer komplexer. Nichts ist so, wie es scheint, und bald ist das Schicksal Joes und das seiner engsten Vertrauten gnadenlosen mit einem unberechenbaren Killer verflochten.

Michael Robotham versteht es meisterhaft den Leser mit einem geschickt verpackten Geheimnis in Spannung zu versetzen, während er zur gleichen Zeit seine Charaktere entwickelt, die so lebendig sind, dass sie noch lange in Erinnerung bleiben, wenn das Buch schon lange gelesen ist. Michael Robotham weiß, wie man eine Geschichte erzählt. Zahlreiche Wendungen, Kniffe und Erzählstränge sorgen dafür, dass es während der 416 Seiten niemals langweilig wird. Und ganz langsam zeigt dieses Mosaik ein stringentes und plausibles Bild. Hochspannend und mit glaubhaften, detailliert gezeichneten Charaktere, die auch in der kleinsten Nebenrolle überzeugen.

Michael Robotham schreibt sehr flüssige, ab und an ausschweifend, aber nie abschweifend. Mir gefallen besonders seine knappen, aber aussagekräftigen Beschreibungen und seine sehr bildhafte Alltagssprache. Ungeheuer viele kleine treffenden Beobachtungen und deren Interpretation dazu durchziehen das ganze Buch und machen es über die Spannung des Thrillers hinaus besonders lesenswert. Ein Beispiel: „Zwei Ratsmitglieder […] bewegen sich durch den Saal, schütteln Hände, nicken weise und lassen die Menschen wissen, dass die Zeiten sorgenvoll sind, jedoch die richtigen Leute Verantwortung tragen.“ (Seite 47/48) Das Einflechten von Erinnerungen, die nur bedingt zum Geschehen beitragen, ist dabei nicht hinderlich, weil sie einen dreidimensionalen Background für die Vergangenheit des Protagonisten schaffen, der auch dank seines trockenen Humors Sympathien beim Leser wecken wird.

Ein überraschend ergreifenden Thriller und für die vielen Joe O`Loughin Fans eine willkommene Rückkehr, dieses Protagonisten mit seinen beeindruckenden Fähigkeiten, Menschen zu lesen.

Eine emotionale Achterbahnfahrt von einem Buch, bei dem Sie immer raten, bis der Autor endlich bereit sein wird, seine Geheimnisse zu enthüllen. Wenn Sie mit dem Lesen angefangen haben, werden Sie es nicht mehr aus der Hand legen können. Spannend, temporeich und emotional geschrieben bietet er nicht nur zahlreiche Verdächtige, sondern lässt den Leser auch intensiv am Privatleben Joes teilhaben. Dezidierte Charakterstudien, ein brillantes Versteckspiel um den Täter/die Täterin und ein Wiedersehen mit Vincent Ruiz, machen dieses Buch zum Lesegenuss. Ein Muss für alle Fans anspruchsvoller, intelligenter Psychothriller. Sehr empfehlenswert.

Übrigens: Das A auf dem Titelbild hat seine Berechtigung. Sie werden es an unerwarteten Stellen wiederfinden.

Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des Goldmann Verlages

http://www.randomhouse.de/Paperback/Der-Schlafmacher/Michael-Robotham/Goldmann/e471976.rhd

Fragen Sie in Ihrer örtlichen Buchhandlung nach diesem Buch. Wenn Sie in meiner Gegend „Landkreis Merzig-Wadern“ leben, dann wenden Sie sich an die Rote Zora: http://www.rotezora.de