Rezension: Der Schlafmacher – Michael Robotham – Goldmann Verlag

Es gibt keine Absolution

Der Schlafmacher: Psychothriller von Michael Robotham (Autor), Kristian Lutze (Übersetzer), 416 Seiten, Goldmann Verlag (11. Januar 2016), 14,99 €, ISBN-13: 978-3442314089

Er ist wieder da. Der Psychologe Professor Joseph O`Loughin: „Ich habe Traurige, Einsame, Getrennte, Wütende, Ängstliche, Eifersüchtige, Todessehnsüchtige und Mordlustige behandelt. Ich habe die ´Tiefen menschlichen Elends ausgelotet, doch ich weiß, dass es immer noch eine weitere Schicht gibt, dunkler und gefährlicher.“ (Seite 37)

Und ein solcher Killer kündigt sich schon auf der ersten Seite an, in einem jener kursiven autobiographischen Kapiteln, wo er sich gegenüber dem Leser selber rechtfertigt und Einblicke in seinen verquerten Geist gibt.

Dann geht es ganz gemütlich weiter mit einer Familienszene in Oxford, wo Joes Tochter Charlie sich über Studienmöglichkeiten an der Universität informiert und Joe mit seiner von ihm getrennt lebenden Julianne ein Mittagessen samt unbeschwertem Geplänkel in einem Pub am Fluss genießen. Diejenigen, die Joes Entwicklung verfolgt haben, wird es nicht überraschen, zu erfahren, dass er nie aufgehört hat Julianne zu lieben. Daher wirkt ihre scheinbare Annäherung am Anfang sofort ermutigend. „…im Grunde sind wir noch dieselben Menschen in einer leicht veränderten Umlaufbahn.“ (Seite 111)

Aber dann wird es sofort ernst: Zwei Opfer, Elisabeth Crowe und ihre Tochter Haper werden in einem Bauernhaus in der Nähe von Bristol tot aufgefunden. Die Tochter im Schlaf erstickt, die Mutter brutal mit einem Küchenmesser malträtiert. An der Wand ein Pentagramm, ein fünfzackiger Stern in einem Kreis. Mit dem Blut der Opfer hingeschmiert. Chief Superintendent Veronica Cray, genannt Ronnie, mit ihren stacheligen Haaren und ihrer Vorliebe für Männerschuhe kommt mit dem Fall nicht weiter. Sie steckt wahrlich in einer Sackgasse und steht unter Druck der Bevölkerung und der lokalen Politik. Cray bitte Joe um Hilfe, zumal einer seiner ehemaligen Schüler sich als professioneller „Mindhunter“ eingerichtet hat und vorsätzlich detaillierte Informationen über das Verbrechen der Presse und der dörflichen Gemeinschaft verraten hat. Joe zieht seinen alten Freund, den inzwischen pensionierten Detective Vincent Ruiz hinzu. So kann Joe, trotz des vielversprechenden Starts mit Julianne nicht umhin, sich zu engagieren, weil er annimmt, dass die Polizei vieles falsch macht und das Leben unschuldiger Menschen auf dem Spiel steht.

Michael Robotham entwickelt eine komplexe und unvorhersehbare Handlung, rasant und der Spannungsbogen hält sich bis zum Schluss.

Wie üblich bei Michael Robotham wird die Identität des Täters erst auf den letzten Seiten offenbart werden. Zwischendurch, in kursiv gesetzten Kapiteln erzählt uns der Mörder von seinen Taten, Motiven und Gefühlen. Wir wissen alles über ihn. Wir kennen ihn aber nicht. „Sei durchschnittlich, sei gewöhnlich, sei unsichtbar in der Menge …“ (Seite 90)

So bleibt für Joe genügend Zeit, sich durch eine lange Liste von möglichen Verdächtigen und von falschen Spuren durch zu arbeiten. Der Fall wird immer komplexer. Nichts ist so, wie es scheint, und bald ist das Schicksal Joes und das seiner engsten Vertrauten gnadenlosen mit einem unberechenbaren Killer verflochten.

Michael Robotham versteht es meisterhaft den Leser mit einem geschickt verpackten Geheimnis in Spannung zu versetzen, während er zur gleichen Zeit seine Charaktere entwickelt, die so lebendig sind, dass sie noch lange in Erinnerung bleiben, wenn das Buch schon lange gelesen ist. Michael Robotham weiß, wie man eine Geschichte erzählt. Zahlreiche Wendungen, Kniffe und Erzählstränge sorgen dafür, dass es während der 416 Seiten niemals langweilig wird. Und ganz langsam zeigt dieses Mosaik ein stringentes und plausibles Bild. Hochspannend und mit glaubhaften, detailliert gezeichneten Charaktere, die auch in der kleinsten Nebenrolle überzeugen.

Michael Robotham schreibt sehr flüssige, ab und an ausschweifend, aber nie abschweifend. Mir gefallen besonders seine knappen, aber aussagekräftigen Beschreibungen und seine sehr bildhafte Alltagssprache. Ungeheuer viele kleine treffenden Beobachtungen und deren Interpretation dazu durchziehen das ganze Buch und machen es über die Spannung des Thrillers hinaus besonders lesenswert. Ein Beispiel: „Zwei Ratsmitglieder […] bewegen sich durch den Saal, schütteln Hände, nicken weise und lassen die Menschen wissen, dass die Zeiten sorgenvoll sind, jedoch die richtigen Leute Verantwortung tragen.“ (Seite 47/48) Das Einflechten von Erinnerungen, die nur bedingt zum Geschehen beitragen, ist dabei nicht hinderlich, weil sie einen dreidimensionalen Background für die Vergangenheit des Protagonisten schaffen, der auch dank seines trockenen Humors Sympathien beim Leser wecken wird.

Ein überraschend ergreifenden Thriller und für die vielen Joe O`Loughin Fans eine willkommene Rückkehr, dieses Protagonisten mit seinen beeindruckenden Fähigkeiten, Menschen zu lesen.

Eine emotionale Achterbahnfahrt von einem Buch, bei dem Sie immer raten, bis der Autor endlich bereit sein wird, seine Geheimnisse zu enthüllen. Wenn Sie mit dem Lesen angefangen haben, werden Sie es nicht mehr aus der Hand legen können. Spannend, temporeich und emotional geschrieben bietet er nicht nur zahlreiche Verdächtige, sondern lässt den Leser auch intensiv am Privatleben Joes teilhaben. Dezidierte Charakterstudien, ein brillantes Versteckspiel um den Täter/die Täterin und ein Wiedersehen mit Vincent Ruiz, machen dieses Buch zum Lesegenuss. Ein Muss für alle Fans anspruchsvoller, intelligenter Psychothriller. Sehr empfehlenswert.

Übrigens: Das A auf dem Titelbild hat seine Berechtigung. Sie werden es an unerwarteten Stellen wiederfinden.

Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des Goldmann Verlages

http://www.randomhouse.de/Paperback/Der-Schlafmacher/Michael-Robotham/Goldmann/e471976.rhd

Fragen Sie in Ihrer örtlichen Buchhandlung nach diesem Buch. Wenn Sie in meiner Gegend „Landkreis Merzig-Wadern“ leben, dann wenden Sie sich an die Rote Zora: http://www.rotezora.de

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