Seelenarbeit – Kopfarbeit – Arscharbeit

Seelenarbeit – Kopfarbeit – Arscharbeit

oder was ist besser: spontanes oder konzeptionelles Schreiben

Fast jeder Zweite in Deutschland glaubt, dass in ihm ein verhinderter Autor steckt. So auch ein bekannter Herzchirurg, der auf einer Veranstaltung einen ebenso bekannten Autor traf:

Ah, Sie sind Autor, das ist interessant. Ich werde auch ein Buch schreiben. Irgendwann nehme ich mir mal sechs Wochen Urlaub und dann schreibe ich meinen Roman“ „Sehr gut“ antwortete der Autor. „Geben Sie mir dann Bescheid. Während Sie Ihren Roman schreiben, übernehme ich Ihre anstehenden Herzoperationen.“

Vielleicht schreibt der Chirurg sein Buch. Es wird dann eines sein unter rund einer Million Manuskripte, die bei deutschen Verlagen pro Jahr eingereicht werden und von denen über 920.000 abgelehnt werden.

Das Leben sei eine Anstrengung, die einer besseren Sache Wert wäre, meinte der Aphoristiker Karl Kraus. Dem füge ich hinzu, dass auch manche Lektüre eine Anstrengung bereitet, die eines besseren Buches Wert wäre. Ja, manche Lektüre wird sogar zur Zwangsarbeit.

Viele, die am Schreiben Interesse haben beginnen mit spontanem, impulsiven, kreativen Schreiben. Das bedeutet, Schreiben, bevor man denkt. Dieses spontane Schreiben eignet sich nicht nur für Menschen, die gerne schreiben, sondern für alle, die mit ihren Themen oder Fragen oder Problemen weiter kommen oder die aus einem Stau in Fluss kommen möchten. Das ist Seelenarbeit:

Darauflos schreiben – munter oder mutig, manchmal auch missmutig, freimütig oder mühsam. Ohne Zensur, ohne Ziel, am besten ohne Erwartung – einfach schreiben, was in den Sinn kommt. Und wenn nichts kommt, dann einfach spüren, wie sich dies anfühlt, und dies beschreiben.

Kreatives Schreiben erhöht die Ausdrucksfähigkeit der Schreibenden, d. h. sprachlose Zustände werden entschärft. Durch das Formulieren persönlicher Ansichten und Gefühle wird Erlebtes und Erfahrenes be- und verarbeitet.

Was dabei herauskommt, ist nicht unbedingt ein Werk, das man für sich und seine Nachkommen aufbewahren muss. Aber eines ist sicher: Sprachlosigkeit und Unfähigkeit sich und seine Gefühle verständlich zu machen, wird überwunden.

Viele haben gute Erfahrungen mit einem Schreibjournal, einer Art Tagebuch gemacht. Hier ist alles erlaubt: Sie dürfen Fehler machen, Sie dürfen kritzeln, Sie dürfen durch- und unterstreichen, Sie dürfen ganz klein und ganz groß schreiben, Sie können Seiten leer lassen oder proppenvoll schreiben. Einfach schreiben, so wie es Ihnen gefällt.

Zusätzlich entsteht ein riesiger Schatz an Ideen, Personen, Situation, Orten, Beschreibungen und Formulierungen, die alle für konzeptionelles Schreiben verwendet werden können.

Es gibt viele Anleitungen zum kreativen, zum impulsiven Schreiben. Sie suggerieren, habe man einmal begonnen, dann sprudelten die Worte und Sätze nur so aus einem heraus. Man müsse einfach nur beginnen. Das stimmt, wenn man es beim spontanen Schreiben belässt. Ein Irrglaube, wenn es an das konzeptionelle Schreiben, an die Kopfarbeit geht. Alle verschweigen eines, Ernst und die Mühen des Schreibens.

Ist auch kein Wunder, dass die meisten dieser Ratgeber das mühelose Schreiben predigen, das jeder könne. Denn immerhin sind große Teile der Menschen, die sich für einen verhinderten Autor halten, auch bereit nicht unerhebliche Beträge, als Druckkostenzuschuss oder Ähnliches getarnt zu zahlen, damit sie IHR Buch gedruckt in Händen halten. Die Umsätze und Gewinne von all diesen Verlagen, die Books on Demand (Buchdruck auf Nachfrage) anbieten, steigen und steigen.

Für manche ist das thematische, konzeptionelle Schreiben mit unangenehmen Gefühlen und mit Widerstand besetzt. Diese erleben durch spontanes Schreiben eine Befreiung. Sie finden den kreativen Fluss, der ja auch für das konzeptionelle Schreiben notwendig ist.

Aber für jeden kommt früher oder später der Punkt, wo er sich sagt: „Eigentlich könnte ich ja mal an ein richtiges Buch denken, veröffentlicht in einem seriösen Verlag. Dann beginnt die Kopfarbeit:

Wenn jemand mit einer Geschichte, einer Romanidee „schwanger“ geht, dann muss er sich Zeit lassen und die Geschichte von allen Seiten betrachten, bis sich der Kern der Geschichte herauskristallisiert hat. Wenn er jetzt in einem drei – bis vierseitigen Exposé die Hauptereignisse der Handlung festlegt, die wichtigen Eigenschaften der handelnden Personen zusammenfasst, wie z. B. Alter, Beruf, äußere Erscheinung, Stärken und Schwächen, sodass ihre Charaktere zu alten Bekannten werden, dann hat er eine gute Grundlage.

Anhand dieses Exposés stellt er auch fest, welches Material er noch braucht. Wer nie ein Polizeirevier von innen gesehen hat, kann nur schwerlich über die Polizeiarbeit z. B. bei einem Krimi schreiben. Wer noch nie den Nachtdienst in einer Klinik, die Arbeit in einer Unfallstation gesehen hat, kann sich kaum in die Köpfe von Mitarbeitern hineinversetzen.

Wenn er dann noch die Fragen klärt: „Mit was beginnen? Welche Konflikte ansprechen? An welchen Personen und Situationen die Konflikte sichtbar werden lassen? Welche Lösungen anbieten? Wo die Höhepunkte setzen?“ Dann hat er eine solide Vorarbeit und das Grundgerüst der Geschichte steht,

Und jetzt kann er sich auf den „Arsch“ setzen und mit dem eigentlichen Schreiben beginnen. Schreiben, ohne groß an die perfekte Formulierung zu denken. Einfach runter schreiben, so wie es einem einfällt. Schreiben muss auch nicht immer heißen, vollständige Sätze zu verfassen. Manchmal fallen zu einem Kapitel einfach nur Stichworte ein, einzelne Begriffe, Fragmente und Satzteile: Einfach notieren so, wie sie gerade in den Sinn kommen.

Dann den Text liegen lassen. Eine Woche, zwei Wochen. Und den Text von einem guten Freund lesen lassen. Und dann beginnt das Überarbeiten, der zweite Teil der „Arscharbeit“:

Wort für Wort das treffendere Wort suchen. Satz für Satz die bessere Formulierung, den passenderen Vergleich finden. Verdichten. Streichen. Und so braucht es oft viele Stunden und vielleicht zehn oder zwanzig Manuskriptseiten, bis eine perfekte Seite geschrieben ist.

Egal ob spontan und impulsiv, oder konzeptionell und strukturiert, Schreiben sollte immer ambitioniert sein. Und das bedeutet nicht, dass der Wert des Schreibers durch einen empirisch fragwürdigen Beweis belegt wird, etwa in der Spiegel-Bestseller-Liste aufgetaucht zu sein.

Wenn der Autor seinem Publikum Wissen, neue Ideen, neue Perspektiven und Freude schenkt, dann reicht das. Ja und wer ist denn nun dieses Publikum? Es sind mit Sicherheit mehr als eine Person. Ob Texte von zwei Personen oder von zwei Millionen gelesen werden ist egal. Wenn dieses Publikum, diese Personen etwas vom Autor bekommen, das ihnen wichtig erscheint und woran sie sich erfreuen, dann kann jeder zufrieden sein.

Ich schreibe, um Freude zu bereiten” sagte Thomas Mann und Max Frisch bemerkte “Ich schreibe, um etwas festzuhalten, das ich miterlebt habe; sonst wäre es verloren.”

Sind das nicht Gründe genug, um zu schreiben?

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3 Gedanken zu „Seelenarbeit – Kopfarbeit – Arscharbeit

  1. mtzenkopf

    Vielen Dank für diesen Beitrag! Er bringt mich unglaublich weiter. Ich habe schon als 6-jährige mit meiner ersten Schreibmaschine Geschichten geschrieben – ohne Konzept. Dieses entsteht jetzt gerade und ich denke, eine gut durchdachte Geschichte benötigt ein wenig Zeit 🙂
    Liebe Grüße, Kiki

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  2. Petra Frey

    Hallo Jules – mvor einigen Wiochen hast Du ein Buch empfohlen auf Facebook. Über das Sterben —— kannst Du mir bitte noch einmal den Titel und den Autor senden ?
    Lieben Gruß
    Petra Frey

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    Antwort

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