Abschied von Helden und der guten, alten Zeit

Abschied von Helden und der guten, alten Zeit

… oder was Leser von Romanen erwarten sollen

Was soll denn auf den restlichen 400 Seiten erzählt werden? Seine Beerdigung?“ Mit dieser lapidaren Aussage beschied meine Mutter mein Betteln um noch weitere zehn Minuten Lesezeit, weil es gerade so spannend wäre und sich jetzt entscheiden würde, ob mein Held überleben würde.

Wie alle Kinder hatte auch ich meine Helden. Sie verkörperten Mut, List, Stärke, Abenteuerlust, Improvisationstalent und Fantasie. Sie dienten mir als Spiegel für Wünsche und Träume. Hier fand ich, was der Alltag nicht oder nur in Grenzen zuließ, was ich mich selbst nicht trauten, wie ich sein wollte – oder die Figuren stellten auf liebenswürdige Weise meine eigenen Schwächen vor. Sie lebten mir etwas vor. Sie machten sich auf den Weg, zogen aus, mussten sich in der Fremde bewähren, mit Angst und Aggression umgehen. Was wären Kindheit und Jugend ohne Idole?

Es gibt Romanfiguren, die wir bewundern und lieben, weil sie das Bild eines wirklichen Menschen bewahren: Ja, so war er, so muss er wirklich gewesen sein. Und dann gibt es Figuren, die wir lieben, weil es sie nie und nimmer geben kann, weil sie im Roman aber so erscheinen, als seien solche gelungenen, vollständigen, schönen, klugen, liebevollen Menschen ohne Arg und Falsch eben doch möglich, als könne man ihnen eben doch eines Tages begegnen, weil man ihnen im Roman gerade so glaubwürdig begegnet ist.

Der klassische, romantische Held ist immer vorbildhaft. Er hat feste Werte. Sein Bild vom Menschen und von der Welt, ist auf eine klare Ordnung, mit eindeutigen Werten begründet und auf bestimmte Inhalte reduziert. Die Handlung entwickelt sich nach dem Prinzip von Ursache und Wirkung und wir können vom Charakter einer Figur auf ihre Handlungen schließen und umgekehrt. Der Held bestreitet Kämpfe, löst Aufgaben, besiegt seine Feinde und erlebt seine Abenteuer. Seine Abenteuer werden benutzt um Lehren zu verbreiten und egal ob es nur Metaphern sind oder der Inhalt für bare Münze genommen werden muss, unterhaltsam sind sie allemal. Bei fast jeder dieser Geschichten entdecken wir den immer gleichen Ablauf.

Das ist verständlich, denn Heldengeschichten und Heldenreisen haben immer auch und vor allem eine moralische Botschaft. Es geht immer um die Fragen: Was ist der Ursprung des Bösen? Was ist ein glückliches Leben? Was ist ein tugendhaftes Leben? So liefern diese klassischen Romane Anschauungsmaterial für tugendhaftes Handeln und zeigen die Auswirkungen von Verantwortlichkeit, Leichtsinn und Boshaftigkeit auf andere Menschen und das eigene Lebensglück.

Das vielleicht beste Beispiel eines romantischen Helden ist Karl Mays Winnetou: Reinheit der Seele, Aufrichtigkeit des Herzens, Unwandelbarkeit des Charakters und stete Wahrheit des Gefühls. Aber auch „Herr der Ringe“ von Tolkien, wo ganz gewöhnliche Helden uns Tugenden und Werte vorleben so wie Frodo, Sam, Merry, Pippin, Aragorn, Gandalf oder Legolas. Hier ist Sam die wichtigste Gestalt der Geschichte, denn nur durch seine Treue und Loyalität wurde letztendlich das gesamte Abenteuer getragen. Sam besitzt mehr heroische Eigenschaften, als auf den ersten Blick sichtbar sind und seine Bedürfnisse sind viel einfacher und nicht so edel wie die von anderen, aber dadurch wirken sie auch um einiges wertvoller.

Helden, in all ihrer übermenschlichen Größe werden aber auch schnell langweilig. Deshalb brauchen wir auch den tragischen Anti-Helden dessen Schwächen und Probleme ihn von dem Dasein eines Helden abhalten. Diese Charaktere haben mehr Tiefe als klassische Helden, oft sind diese Figuren deshalb sogar interessanter. Eines der ersten Beispiele ist Don Quijote von Miguel de Cervantes, dessen Abenteuer und Missgeschicke ungemein erheitern und bewegen, vor allem Don Quijotes geradezu legendärer Kampf gegen die Windmühlen als Allegorie auf den Konflikt zwischen Träume und der allzu harten Realität. Forrest Gump, ein moderner Don Quichotte, zeigt, dass der Held keineswegs ein Krieger sein muss, der seine Prüfungen mit dem Schwert oder zumindest mit seiner Intelligenz meistert. Seine Waffen sind die des unschuldigen Toren – gerade deshalb lieben wir ihn so.

Antihelden liegen wahrscheinlich gar nicht irgendwo zwischen “Wahrer Held” und “Elementarer Bösewicht”, vielmehr ist der Antiheld genau die Grenze zwischen beiden Kategorien. Eine Grenze die zusehends verschwimmt. Einfache Helden, edel und rein langweilen, ebenso die einfachen Schurken und Halunken. Sie sind zu oberflächlich für unsere Gesellschaft geworden und reißen nicht mehr mit.

Natürlich können wir mit dem Konzept des klassischen Helden und seiner Heldenreise gute Unterhaltungsliteratur schreiben. Aber reicht das in der heutigen Zeit noch aus?

Weltbilder verändern sich stetig. Unser Blick auf Identität, Demokratie und Geschlechterrollen ist ein anderer, als der von vergangenen Generationen. Und gerade in Zeiten, die immer komplexer werden, suchen Menschen nach Figuren und Geschichten, in denen sie eine Struktur zu finden hoffen. Wer kann das Rätsel des menschlichen Bewusstseins und der Zeit genau auf den Punkt bringen?

In welcher Situation lebt der Menschen heute? Er wird sich selber immer fragwürdiger und fremder. Er ist unsicher und ohne Orientierungen. Die Kluft zwischen der Welt des schönen Scheins und dem wahren Sein wird stetig größer. Verwahrlosung, Vergnügungssucht, Langeweile, Neugier, Verwilderung der Sitten nehmen zu. Das Streben nach Erhaltung der materiellen Existenz ist das beherrschende Thema und damit auch die Proletarisierung. Geschützt in der Anonymität der Masse, geben Menschen ihre persönliche Verantwortung auf. Die Individualität versinkt in einer Gleichschaltung und versucht sich nur noch in der Tristesse des modernen Freizeitlebens zu unterscheiden.

Diese Zeit braucht neue Geschichten und andere Helden.

Eine Geschichte von heute braucht nicht mehr unbedingt eine stimmige Handlung im klassischen Sinn. Sie kann auch auf den üblichen Spannungsbogen, der auf einen Höhepunkt zuläuft, verzichten. Die beobachtbaren und sinnlichen Wahrnehmungen der äußeren Handlung treten in den Hintergrund. Statt des chronologisch und kausal angelegten Handlungsgefüges des traditionellen Romans überwiegt im modernen Roman das Unverbundene, Zufällige, Sprunghafte. Nicht ein kausal geordnetes Geschehen steht im Mittelpunkt, sondern das im Bewusstsein der Figuren sich spiegelnde Geschehen.

Vorrang hat die innere Handlung, Vorgänge, die sich im Bewusstsein der Figuren abspielen. Oft gibt es einen Widerspruch von innerer und äußerer Handlung.An die Stelle geschlossener Werte- und Moralsysteme traten Uneindeutigkeiten und Pluralismus.

Handlungen sind nicht mehr Zweck und Ziel sondern lediglich ein Transportmittel, ein Vehikel, das das Thema ausreichend trägt. Hier hat der Autor heute alle Freiheiten: von Krimi bis Sciencefiction, vom Historienroman bis zum Gegenwartsdrama, von satirischer Komödie bis zu autobiographisch gefärbten Essays. Die Bandbreite ist unerschöpflich.

Und nun zu den Helden des modernen Romans.

Es gibt keine detaillierte und komplette Beschreibung der Figuren, keine fertigen, abgerundeten Persönlichkeiten. Die Figuren entstehen aus ihren manchmal unglaublichen Handlungen. Missstände, offene Fragen, Unsicherheit, Zweifel haben Vorrang vor der Unterhaltung des Lesers. Metaphysisches Puzzle wäre ein passender Ausdruck.

Statt des sich in allen Lebenslagen und Konflikten behauptenden großen Individuums, des im Positiven wie im Negativen überragenden Menschen kennt der moderne Roman als „Helden“ nur den Durchschnittsmenschen mit allen Schwächen und Gebrechlichkeiten: geängstigt, zerrissen, mittelmäßig, oft verzagend. Figuren sind komplexer, vielschichtiger und unverwechselbarer geworden. Sie werden menschlicher und schwächer.

So dient die Gestaltung der Heldenfigur in zunehmendem Maße der Frage nach den Möglichkeiten und Grenzen des Menschen in seiner gegenwärtigen Zeitsituation, in seinen Krisengebieten, in seinem Selbstmitleid, seiner Hybris, seiner Jämmerlichkeit, seiner Brillanz, seiner Glücklosigkeit.

Die Autoren stellen sich fundamentalen und existentiellen Fragen, wie Tod, Sinn, Freiheit, Isolation. Hier gibt es kein „richtig“ und „falsch“. Konflikte, Dilemma, Ungereimtes, Groteskes oder Paradoxien sind die Quellen für ihre Geschichten. Darstellung von Kommunikationslosigkeit und eine sich daraus andeutenden Beziehungsunfähigkeit. Unterkühlte und distanzierte Beziehungen, Fremdheit, Erfahrungs- und Identitätskrise: Ausdruck einer unerfüllten Sehnsucht der heutigen Menschen nach Liebe und Geborgenheit. Suche nach der eigenen Identität, Aufarbeiten der eigene Vergangenheit, aber auch Ironie und Vergnügen.

All diese Themen durchschaubar zu machen, ist Aufgabe der Literatur. Es kann nicht ihre Aufgabe sein, verlorene Sinnhaftigkeit wiederherstellen. Begreifbar zu machen, dass Fehler nicht das Ende der Welt bedeuten, wäre eine der wichtigsten Aufgaben der Literatur.

Die besondere Kunst besteht darin, diese Themen in den Texten so zu behandeln, dass sie sowohl für den einfachen als auch für den universellen Leser interessant sind. Denn Romane sollen den Leser unterhalten, im besten Sinn des Wortes. Dabei geht es nicht um ein Loblied auf die Mittelmäßigkeit, oder alberne, populistische Phrasen vom „kleinen Mann“ der als einziger wirklich die Welt versteht, sondern vielmehr darum, eine Vielzahl von Lebenswirklichkeiten darzustellen. Grenzen sind der Kunst nur durch die Kreativität der Künstler gesetzt. Der Erzähler selbst hat eine unsichere Identität und das Dilemma einer brüchigen Selbst- und Weltwahrnehmung.

Das Erzählen, das Schreiben wird zu einer Suche mit völlig ungewissem Ausgang und das ist vor allem auch eine Suche nach der geeigneten Ausdrucksform. In ästhetischer Hinsicht ist der zeitgenössische Roman gekennzeichnet durch den tiefen Zweifel, der Welt mittels Sprache habhaft zu werden. Permanente Selbstreflexionen über seinen Status als Sprachkunstwerk und Fiktion sowie über die Krise des Erzählens gehören zu den Kernpunkten seiner immanenten Poetik. Sie ist verbunden mit erzähltechnischen Experimenten, die das narrative Formenarsenal erweitern – sei es bei der Wahl der Erzählperspektive, der Darstellung von Zeit und Raum oder von Rede- und Bewusstseinsvorgängen. Im Vorgang des Schreibens wie des Lesens entstehen gleichzeitig verschiedene Geschichten, die alle gleichermaßen gültig sind.

So wird die Erzählweise des modernen Romans komplizierter. Es wird nicht chronologisch und nicht linear erzählt, sondern eher fragmentarisch: Das Geschehen muss oft vom Leser rekonstruiert werden. Durch Rückblenden, Erinnerungsmonologe, Assoziationen etc. wird Vergangenes oft in den Fortgang der Handlung eingebaut. Und vor allem wird der Roman nicht mehr vom allwissenden Erzähler aus der Distanz, sondern personal aus der Sicht einer oder mehrerer Figuren. Reflexion tritt an die Stelle von Handlung. Das Erzählen entwickelt sich aus Montage, Collage, Perspektivenwechseln, dem Spiel mit überlieferten Texten der Literatur sowie Wechsel der Erzählsituationen und Redeformen.

Der ständige Wechsel von Erwartung und Enttäuschung, Illusion und Desillusion strukturiert den außerordentlich unterhaltsamen und intelligenten Roman. Ironische Schilderung zwischen Erwartung und Enttäuschung tragen zum Lesevergnügen bei.

Die Sprache selber erfüllt viele Aspekte: ästhetisch und poetisch soll sie sein, aber auch komisch, respektlos und vulgär. Und das alles zugleich. Das Wie ist in der Literatur immer wichtiger als das Was.

Das erscheint schwierig. Und wenn etwas schwierig erscheint, dann macht es Schwierigkeiten. Meistens dem Leser. Die meisten Genussleser suchen im Buch weniger den Lebenslehrmeister als vielmehr ein Leben in der Möglichkeitsform; sie wollen spielerisch in fremde, andere, aufregendere Lebens- und Weltverhältnisse eintauchen, als sie ihnen ihr banaler Alltag bieten kann. Das Spiel, das Vergnügen am sprachlichen Gedankenspiel, am phantastischen Kopf-Kino steht bei diesen Lesern eindeutig im Vordergrund.

Der Leser zeitgenössischer Literatur muss die logischen Verknüpfungen selbst herstellen. Er muss die komplexen Deutungsangebote des Textes erfassen. Er wird gezwungen, kritisch zu lesen. Er wird gezwungen, selber zu denken. So wird er zu einer Art Mit-Autor: Er konstruiert sich seinen eigenen Sinngehalt. Statt ihn mit Theorien und Welterklärungen zu befriedigen, erzählt sie ununterbrochen Spielvorschläge, die variiert, abgebrochen, aber auch erweitert werden können. Das setzt natürlich den universellen Leser voraus, der auf solche Zumutung selbst die Antwort geben muss.

Für mich eines der besten Beispiele ist „Das Foucaultsche Pendel“ von Umberto Eco: Auf schalkhafte, raffinierte und geistreiche Weise parodiert der auch für sein enormes kulturgeschichtliches Wissen bekannte Semiotik-Professor die Hermeneutik und führt vor, dass sich immer und überall scheinlogische Zusammenhänge konstruieren lassen, mit denen sich dann auch alles plausibel erklären lässt. Indem er historische Ereignisse in einen neuen Kontext stellt, erzählt er die Weltgeschichte neu. Der Schein trügt! Das begreifen wir spätestens nach der Lektüre dieses ebenso dicken wie amüsanten Romans.

Dieses Buch hat alles was Romane heute brauchen: Überraschungs-, Provokations- und Irritationspotenzial, das den Leser zwingt, die vielschichtigen und sich eindeutigen Interpretationen entziehenden Texte zu entschlüsseln, Texte deren Dramaturgie statt um ein zentrales Moment um mehrere kreisen. Themen, Bilder und Ausdrucksformen, die möglicherweise auch befremden. Es sind Bücher oder Texte, die ein zweites Mal zu lesen unbedingt reizvoll ist, denn man sieht es dann mit anderen Augen.

Und da erhebt sich die Frage, Wozu ist Literatur noch gut in Zeiten, in denen Belehrung und Aufklärung und das Vermitteln von Ideen, Programmen oder Informationen besser durch andere Medien geleistet werden? Was erwarten wir von Literatur? Was soll sie? Aufarbeiten, anklagen, plädieren, therapieren? Oder soll sie etwas aus und über uns erzählen, was wir selbst vielleicht noch nicht wussten, jedenfalls noch nicht so? Soll sie etwas in Sprache fassen, was als individueller oder gesellschaftlicher Zustand präsent, in Schwingungen spürbar, aber noch nicht formuliert ist? Ein Bewusstsein, eine Angst, eine Bedrängung?

Ich erwarten heute von der Gegenwartsliteratur, dass sie dem Nichtdarstellbaren eine sichtbare Darstellung verleiht, dass sie Geschichten erzählt, die ständig parallel verlaufen, chaotisch sind. Die in den Vordergrund treten, sich verstecken und sich gegenseitig ins Wort fallen. Die sich verknüpfen und sich durchbrechen, sich umgehen, sich überschneiden und sich gegenseitig bespitzeln, sich verraten und in die Irre führen. Geschichten die Spuren legen und sie wieder verwischen, und vor allem Geschichten die in sich noch Abertausende von anderen Geschichten bergen. Und das in einer Form, die mich gut unterhält.

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