Rezension: Das achte Leben – Nino Haratischwili – Frankfurter Verlagsanstalt

Der verführerische Geschmack heißer Schokolade

Das achte Leben (Für Brilka) von Nino Haratischwili (Autorin), 1280 Seiten, Frankfurter Verlagsanstalt; Auflage: 6 (1. September 2014), 34 €, ISBN-13: 978-3627002084

Nino Haratischwili erzählt uns die Geschichte eines Jahrhunderts. Eigentlich erzählt sie nicht uns die Geschichte sondern Brilka, ihre Nichte, der zwölfjährigen Tochter ihrer älteren Schwester. Und es ist mehr als eine Geschichte: „… ich habe Angst vor diesen Geschichten. Diesen Geschichten, die ständig parallel verlaufen, chaotisch; die in den Vordergrund treten, sich verstecken und sich gegenseitig ins Wort fallen. Denn sie verknüpfen und durchbrechen sich, sie umgehen, sie überschneiden und bespitzeln sich gegenseitig, sie verraten und führen in die Irre, sie legen Spuren, verwischen sie, und vor allem bergen sie in sich noch Abertausende von anderen Geschichten.“ (Seite 31)

Und trotz dieser Angst stürzt die Autorin sich voller Begeisterung in dieses gewaltige Epos. Eine Begeisterung, die man in jeder Zeile wiederfindet.

Das Buch ist in Kapiteln unterteilt, die sie Bücher nennt: Stasia – Christine – Kostja – Kitty – Elene – Daria – Niza – Brilka. Niza ist die Ich-Erzählerin und das Buch Brilka hat nur eine leere Seite.

Das sind die acht Leben dieser Familien, in denen die dramatischen Verstrickungen und tragischen Schicksalen der Frauen der Familie im Vordergrund stehen. Diese sind meist atemberaubend schön, aber vom Unglück geschlagen und ins Elend gestürzt durch die falschen Männer, denen sie sich ausliefern. Vergewaltigungen, Abtreibungen und Selbstmorde sind im Roman an der Tagesordnung. Eine Familiengeschichte, die von Tbilissi über Moskau und London bis nach Berlin reicht. Von der zaristischen Epoche bis ins Nachwende-Berlin spannt sich der Bogen. Sie bettet die von Tragödien und Triumphen, Liebe und Hass, von Anpassung, Verrat und Widerspruchsgeist überquellende Familiengeschichte der Jaschis ein in die Geschichte eines ganzen Jahrhunderts. Aber auch ein historischer Roman mit deutlichen politischen Gewicht. Liebesgeschichten, Horror, Anklänge von Satire und eine gehörige Portion Philosophie machen aus diesem Buch ein Lesevergnügen der besonderen Art.

Alle die Frauen, bis hin zu Brilka, die nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion zur Welt gekommen ist, scheinen in ihren Genen die grausame Geschichte der Sowjetunion und auch das Erbe ihrer Vorfahren zu tragen. Das familiäre Erbe, die fatalen Wiederholungen, werden durch den „Fluch der Schokolade“ verkörpert. Nach dem Rezept des Ururgroßvaters der Erzählerin wird eine verhängnisvolle heiße Schokolade zubereitet, die zwar eine „geistige Ekstase“ verheißt, aber jeden, der bisher von ihr zu probieren wagte, schnell ins Unglück gestürzt hat. Der verführerische Geschmack heißer Schokolade treibt die Handlung voran.

Gefühlsstark aber unaufgeregt und authentisch mit prächtigen Figuren und Szenen, farbig und packend inszeniert die Autorin menschliche Dramen und den Weg Georgiens durch Revolutionen, Kriege und Stalins Säuberungen. Vor allem fasziniert mich das erzählerische Feuer von Nino Haratischwili.

Ein Epos von Tolstoischem Ausmaße. Keine Sekunde langweilig. Beste Unterhaltung der Extraklasse.

Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite der Frankfurter Verlagsanstalt

http://frankfurter-verlagsanstalt.de/frames/fva_b_frs_buecher_programm.html

Fragen Sie in Ihrer örtlichen Buchhandlung nach diesem Buch. Wenn Sie in meiner Gegend „Landkreis Merzig-Wadern“ leben, dann wenden Sie sich an die Rote Zora: http://www.rotezora.

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