Rezension: Die Wurzeln des guten Geschmacks – Carlo Petrini und Stefano Mancuso

Als ob es kein Morgen gäbe

Die Wurzeln des guten Geschmacks – Carlo Petrini Stefano Mancuso (Autor), 112 Seiten, Antje Kunstmann Verlag, 20. Januar 2016, 10 €, 10ISBN-13: 978-3956140969

„Den Planeten ernähren“, das Motto der Expo 2015 in Mailand war wohl der Auslöser für dieses revolutionäre Gespräch. Denn von diesem Ziel sind wir noch weit entfernt.

Denn uns wird in jeder Beziehung ein Weltbild des Konsums und der Produktion vorgetäuscht, ein trügerischer Glaube gefördert, dass man sich durch Wachstum aller Probleme entledigen könnte, ein System in dem es kein Morgen zu geben scheint. All das tun wir, um uns vor der Erkenntnis zu drücken, dass wir nicht weiter über unsere Verhältnisse leben können.

Carlo Petrini, Gründer von Slow Food und Terra Madre-Netzwerk, und Stefano Mancuso, ein renommierter Experten der Pflanzen treffen sich zu einem Dialog an der Universität der gastronomischen Wissenschaften in Pollenzo im Piemont. Nichts weniger als Lösungen zu finden für die schwierigsten Probleme der Menschheit ist ihre Absicht: Verunreinigung, Knappheit der natürlichen Ressourcen, Klimawandel, die wirtschaftliche und soziale Verelendung. Der Mensch verbraucht natürliche Ressourcen viel schneller als die Erde sie regenerieren kann. Der Planet wird ausgesaugt. Eine Diskussion zwischen zwei Persönlichkeiten, die zwar von ihrer Ausbildung ganz unterschiedlich sind, aber sich beide auszeichnen durch eine große Sensibilität für den Schutz der Natur und die beide der Erde verbunden sind. Sie schauen besorgt auf die Szenarien, die wir in der allgemeinen Kurzsichtigkeit aus den Augen verloren haben.

Und sie fordern einen Paradigmenwechsel:

„Der Mensch sollte sich nicht mehr als Mittelpunkt der belebten Welt sehen, um den die anderen Lebewesen kreisen, sondern als ein Element des Ökosystems“ (Seite 14) Ein ebenso revolutionärer wie faszinierender Ansatz, mit Auswirkungen auf viele Bereiche: vor allem die tiefgehende Änderung vom hierarchischen zum modularen Denken und Organisieren klingt überzeugend.

Erholung, Schutz und Förderung der Biodiversität bei Lebensmitteln. Einheimische Arten, lokale Produkte mit all ihren Eigenheiten und sozialen Werten sind ihre Antwort auf die großen Lebensmittelketten, die ganze Ökosysteme zerstören.

Carlo Petrini fordert Nachhaltigkeit, die Gewährleistung der Dauerhaftigkeit, Beständigkeit von Ressourcen und Leben. Und die Verteidigung des guten Geschmack ist auch die Verteidigung der biologischen Vielfalt. Und er macht uns u.a. klar, „dass McDonalds einen Hamburger nur darum für drei Euro verkaufen kann, weil wir, die Bewohner dieses Planeten, indirekt für die restlichen zehn Euro Produktionskosten aufkommen.“ (Seite 59)

Stefano Mancuso geht direkt in der Pflanzenwelt auf die Suche, um neue Strategien, um den Klimawandel, nachhaltige Reaktionen auf die steigende Nachfrage nach Nahrungsmitteln und der materiellen und spirituellen Bedürfnisse der Menschen anzupassen, zu finden.

Dieses Buch berücksichtigt viele Aspekte, ist also alles andere als einseitig oder sektiererisch. Es versucht Lebensmittel, die biologische Vielfalt und die Nachhaltigkeit unter einen Hut zu bringen. Nahrung nicht nur für den Menschen, sondern auch Nahrung für alle Lebewesen, denn der Mensch ist nicht das Zentrum der Welt.

So entsteht im Vergleich von botanischer Wissenschaft und Gastronomie eine neue Vision von der Erde und der Rolle des Menschen. Und vor allem: Nahrung für alle. Ein großes Problem, denn innerhalb von drei Jahrzehnten werden wir neun Milliarden Menschen auf unserem Planeten sein.

Die Pflanzenwelt könnte ein gutes Modell der Moderne sein. Pflanzen bieten uns ein Beispiel für eine ganz andere Organisation. Im Gegensatz zu unser hierarchisch organisierten Gesellschaft bestehen Pflanzen aus einer Wiederholung von Grundmodulen, die miteinander interagieren um so zu überleben. Jedes Modul ist in der Lage sich selbst zu verwalten.

Beide fordern die Bioinspiration. Lassen wir uns also von allen Lebewesen inspirieren. Pflanzliche Organismen, insbesondere dank ihres evolutionären Erfolges, können uns grundlegende Erkenntnisse darüber liefern, wie wir lang und gut überleben. Beide fordern „affektive Intelligenz, die sich von der sogenannten Vernunft unterscheidet, die unsere Welt heute mit ihren Nützlichkeits- und Spezialistendenken bestimmt.“ (Seite 47) Und beide sprechen für eine total andere Weltsicht. „Wo es einen Sinn für Solidarität gibt, wo Langsamkeit nicht negativ besetzt und Schnelligkeit kein absoluter Wert ist, entstehen widerstandsfähige Gesellschaften.“ (Seite 39)

In einer Gesellschaft, die von übermotorisierten SUVs, Plastikwegwerfbechern und Billigfleisch vom Discounter beherrscht wird, scheint dieser Paradigmenwechsel unmöglich zu sein. Und manche werden die beiden Autoren als Träumer und Narren verspotten. Zugegeben, sie fordern nicht weniger als ein totales Umdenken. Aber müssen wir nicht ein maximales Endziel fordern und anvisieren, dem wir uns Schritt für Schritt annähern? Bewegungen wie Slow-Food oder Terra madre machen Hoffnung. Ebenso, weit weg vom Bereich Lebensmittel, das modular organisierte, redundante und dezentrale IT-Konzept blockchain auf dem zum Beispiel das Zahlungssystem Bitcoin beruht oder das System Everledger für die Herkunft und die Bekämpfung von Versicherungsbetrug.

So eröffnet dieses Buch ein völlig neues, revolutionäres Szenario, für einen neuen Bund zwischen Mensch und unserer Mutter Erde. Ein Strategie, die eine langsame, stille aber radikale Transformation einleitet. Lassen Sie sich anregen.

Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des Antje Kunstmann Verlages

http://www.kunstmann.de/titel-0-0/die_wurzeln_des_guten_geschmacks-1181/

Fragen Sie in Ihrer örtlichen Buchhandlung nach diesem Buch. Wenn Sie in meiner Gegend „Landkreis Merzig-Wadern“ leben, dann wenden Sie sich an die Rote Zora: http://www.rotezora.de

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