Rezension: Die Rückkehr des Buddha – Gaito Gasdanow – Hanser Verlag

Provozierend vielschichtig

Die Rückkehr des Buddha von Gaito Gasdanow (Autor), Rosemarie Tietze (Nachwort, Übersetzerin), 224 Seiten, Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG (1. Februar 2016), 19,90 €, ISBN-13: 978-3446250475

Gaito Gasdanow erzählt nicht nur einfach eine Geschichte. Nein, er geht weit darüber hinaus und behandelt viele Geschichten, die ständig parallel verlaufen, chaotisch sind. Die in den Vordergrund treten, sich verstecken und sich gegenseitig ins Wort fallen. Die sich verknüpfen und sich durchbrechen, sich umgehen, sich überschneiden und sich gegenseitig bespitzeln, sich verraten und in die Irre führen. Geschichten die Spuren legen und sie wieder verwischen, und vor allem Geschichten, die in sich noch Abertausende von anderen Geschichten bergen.

Es gibt keine detaillierte und komplette Beschreibung der Figuren, keine fertigen, abgerundeten Persönlichkeiten. Die Figuren entstehen aus ihren manchmal unglaublichen Handlungen. Missstände, offene Fragen, Unsicherheit, Zweifel haben Vorrang vor der Unterhaltung des Lesers. Metaphysisches Puzzle wäre ein passender Ausdruck.

Der russische Student, dessen Namen, dessen Äußeres und dessen Lebensumstände wir nie erfahren, ist nur ein normaler Migrant mit allen Schwächen und Gebrechlichkeiten: geängstigt, zerrissen, mittelmäßig, oft verzagend und vor allem unverwechselbar in seiner „Paranoia“. „… meine hartnäckige Geisteskrankheit, die mich in die kalten und abstrakten Räume fortzog, von denen ich nicht los kam.“ (Seite 71) Es scheint eine radikale und unheilbare Zerrissenheit zu sein. „… und da stand vor mir jene übliche, weiche Düsternis, die ich so oft verließ und in die ich so oft zurückkehrte, wenn ich aus der einen Welt in die andere überwechselte und erneut in der stummen Tiefe wiederfand, nach jedem seelischen Absturz.“ (Seite 86)

Dieser russische Student ist der Icherzähler ungeheuer vieler Geschichten, Visionen, Begegnungen, Träume. Seine Beziehung zu Pawel Alexandrowitsch Schtscherbow und seiner jungen Geliebten Lida steht im Mittelpunkt. In diese Geschichten rankt sich der Kriminalfall ein. Pawel Alexandrowitsch wird ermordet und seine goldene Buddhastatuette verschwindet. Verhaftung, Befragungen, Verhöre durch Inspektoren und Untersuchungsrichter folgen. Eine Fülle von Figuren ist vertreten: die syphilitische Sina, ihre Tochter Lida, Amar ihr Zuhälter, der mausgraue Schnorrer, Georgette und Gugusse, Catrine, Mado, Mr. Thomas Wilkins der Blumenhändler aus Chicago. Alle fein gezeichnet auch bei nur kurzen Auftritten. Und in diesem „ … unglaublichen Gemenge von Trunksucht, Leidenschaft für Blumen, käuflichen Frauenkörper und analphabetischen Zuhältern“ (Seite 158) taucht schließliche der goldene Buddha wieder auf.

Gaito Gasdanow beleuchtet Möglichkeiten und Grenzen des Menschen in seiner gegenwärtigen Zeitsituation, in seinen Krisengebieten, in seinem Selbstmitleid, seiner Hybris, seiner Paranoia, seiner Jämmerlichkeit, seiner Brillanz, seiner Glücklosigkeit.

Der Stil von Gaito Gasdanow ist einerseits redselig und warmherzig aber auch grotesk, morbid und verführerisch bis hin zu melancholisch, erregt und verzweifelt. Ein Paradestück der literarischen Moderne.

Das Buch hat Überraschungs-, Provokations- und Irritationspotenzial, das den Leser zwingt, die vielschichtigen und sich eindeutigen Interpretationen entziehenden Texte zu entschlüsseln, Texte deren Dramaturgie statt um ein zentrales Moment um mehrere kreisen.

Dieser menschlich feine und anrührende Roman ist ein Meisterwerk der klassischen Moderne und verleiht dem Nichtdarstellbaren einen sichtbare Ausdruck.

Für alle die an wirklicher Literatur interessiert sind und trotzdem nicht auf beste Unterhaltung verzichten wollen. Sehr empfehlenswert.

Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des Hanser Verlages

http://www.hanser-literaturverlage.de/buch/die-rueckkehr-des-buddha/978-3-446-25047-5/

Fragen Sie in Ihrer örtlichen Buchhandlung nach diesem Buch. Wenn Sie in meiner Gegend „Landkreis Merzig-Wadern“ leben, dann wenden Sie sich an die Rote Zora: http://www.rotezora.de

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