Rezension: Ich bin eine freie Frau – Francoise Giroud – Hanser Verlag

Stark und frei, aber zerbrechlich

Ich bin eine freie Frau von Francoise Giroud (Autor), Alix de Saint-André (Vorwort), Patricia Klobusiczky (Übersetzerin) , 240 Seiten, Paul Zsolnay Verlag (1. Februar 2016), 19,90 €, ISBN-13: 978-3552057661

Ich gebe es zu, eine gewisse frankophile Neigung ist mir nicht ab zu sprechen. Francoise Giroud, Jean-Jacques Servan-Schreiber und andere dieser Zeit wie Simone de Beauvoir, Jean-Paul Sartre, Albert Camus, André Malraux, François Mauriac, Jean Genet, André Gide waren durchaus Idole meiner frühen Jugend. Und der L`Express wurde uns von unserem Deutschlehrer, der in Paris studiert hatte, nahegebracht. Deshalb Vorsicht, die Meinung des Autors beeinflusst natürlich auch diese Rezension.

Wer es noch nicht weiß:

Francoise Giroud gründete 1953 zusammen mit dem Linksintellektuellen Jean-Jacques Servant-Schreiber das Nachrichtenmagazin L`Express. Sie gehört neben Simone de Beauvoir zu den prägenden Frauen der Nachkriegszeit. Sie war Schriftstellerin, Drehbuchautorin, Medieninhaberin, Staatssekretärin für Frauen Staatspräsident Valéry Giscard d’Estaing und Kulturministerin unter der Regierung von Premierminister Jacques Chirac. Es ist eine Erfolgsgeschichte: Geboren als Lea France Gourdji 1916, Tochter von orientalischen Juden, also Migranteneltern, gelingt ihr der soziale Aufstieg, der aus ihr die berühmte Francoise Giroud macht, eine französische feministische Journalistin, Schriftstellerin und Politikerin.

Dann kommt ihr schwärzestes Jahr, ihr absoluter Fehlschlag: Ihre große Liebe Jean-Jacques Servant-Schreiber verlässt sie und aus der Redaktion des L`Express wird sie ausgeschlossen. Am 11. Mai 1960 versucht Francoise Giroud sich mit Gift zu töten. Sie wird gerettet und versucht sich im Krankenhaus wieder zu töten. Sie scheitert erneut. Sie lebt, ist aber zerstört.

Nach dieser Niederlage schreibt François Giroud einen wilden, an Raserei grenzenden Text, den Sie nie veröffentlichen will. „Mir wurde bewusst, dass das nicht erscheinen darf, dass man nicht alles veröffentlichen muss, was man schreibt.“ (Seite 5) Der Text bleibt verschollenen. Erst 10 Jahre nach ihrem Tod im Jahre 2003 taucht er wieder auf und liegt jetzt mit diesem Buch vor. Geschichte einer freien Frau. Auch einer glücklichen Frau? Sie beginnen mit „Ich bin eine freie Frau. Eine glückliche Frau war ich auch, vermag es also zu sein – was gibt es Selteneres auf der Welt?“ . […] Für die Freiheit eignete ich mich ganz gut, für das Glück war ich weniger begabt. (Seite 17)

Dieser Text zeichnet die Kindheit, Jugend und ihr Leben als junge Frau, zwischen 1916 und 1960. Sie spricht über die flüchtige Gestalt ihres Vaters, über ihre verehrte Mutter, Ihr Debüt in der Filmbranche. Wie ihre Karriere im Journalismus begann mit Pierre und Hélène Lazareff, die jeweiligen Gründer von France-Soir und Elle. Und natürlich auch auf ihren geliebten Jean-Jacques Servant-Schreiber und der Gründung des L`Express, das Wochenmagazin, das zu dieser Zeit Sinnbild für die moderne Linke und Entkolonialisierung, vor allem gegen Indochina und die OAS war. Francoise Giroud blickt auf ihr Leben und die Männer, die ihren Weg bis zu diesem Zeitpunkt gekreuzt haben. Gleichzeitig ist es auch ein Zeugnis für das Kino der Nachkriegszeit und vor allem auch ein Blick auf den Journalismus dieser Zeit.

Sie schreibt über ihre Verletzungen, Demütigungen, ihre Rolle als Störfaktor, ihre Kämpfe gegen Ungerechtigkeiten, ihre Schuldgefühle. „Schuldig, ein Mädchen zu sein, schuldig arm zu sein, schuldig überhaupt zu sein.“ (Seite 45). Und sie schreibt von ihrem Streben nach Freiheit. „Ich war immer bereit, den Preis für meine Freiheit zu bezahlen.“ (Seite 209)

Diese Geschichte ist überwältigend, als ob sie einen Schleier, von einer bekannten Frau, die man zu gut zu kennen meint, wegzieht und die man jetzt endlich versteht. Sie spricht über ihre Überzeugungen mit Entschlossenheit. Über ihr Credo: „Nie, nie, niemals darf man denjenigen trauen, die über das Geld und die damit verbundene Macht verfügen.“ (Seite 56) Über ihr berufliches Ideal: „Jeden Tag wachte ich kampfbereit auf, um die Welt zu verstehen und das Verstandene zu vermitteln.“ (Seite 166); und natürlich über die Liebe. „Mit fünfzehn weiß man alles über die Liebe, sobald sie einen befällt, nur eines weiß man nicht, dass sie immer ein Gefängnis ist und niemals lebenslänglich.“ (Seite 89)

Und natürlich erzählt sie von ihrem gescheiterten Selbstmord und ihren Beweggründen: „… wem kann man schon glaubhaft machen, dass ein Übermaß an Glück leichter zum Tode führt als ein Übermaß an Unglück?“ (Seite 223)

Aber die mit Abstand bewegendsten Momente, ist der Schrei nach Liebe zu Françoise Jean-Jacques, die ungewöhnliche Zärtlichkeit, die absolute Selbstlosigkeit und die grausame Klarheit und der Schmerz, der nur rühren kann. Hier gibt es unglaubliche Seiten, voller Eifersucht oder ihre Phantasien, wenn sie sich ein kleinbürgerliches Leben von Jean-Jacques vorstellt.

Dieses so leidenschaftliche Zeugnis einer Frau, mit dem sie ihr Leiden heftig zum Ausdruck bringt, erweicht das Bild der kompromisslosen Journalistin.

Doch bei allem bleibt ihre Schlüsselfrage: Wie man als freie Frau leben kann? Und welchen Preis müssen diese für ihre Freiheit zahlen? Und die letzte Disposition für Frauen, auch nachdem sie in der Lage waren, mit einem familiären und sozialen Umfeld zu brechen, bleibt immer noch lieben. „Das Leben wäre unerträglich ohne Liebe.“

Das Buch selber ist kein Roman. Francoise Giroud sagt dazu: „Wer mich bis hierher gelesenen hat, weiß, dass dieser Bericht keine Belletristik ist, sondern schlicht und ergreifend eine Reportage aus dem Leben einer freien Frau.“ (Seite 237)

Natürlich ist es mehr als nur eine Reportage. Dieses Buch ist ein Schatz. Eine sehr moderne Autobiographie. Ein tief bewegender Text.

Diese Geschichte einer freien Frau hat einen doppelten Charme, sowohl schwer als auch leicht. Sie hat Eleganz und Grausamkeit. Der fantastische Schreibstil und die flüssige Erzählweise machen es angenehm zu lesen.

Ich liebe dieses Buch, weil einmal mehr die Illusion, Frauen verstehen zu können, erschüttert. Was ist eine Frau? Schön, intelligent, sensibel, dezente Bescheidenheit und gleichzeitig so verliebt in Freiheit, Freude, Leben und Liebe. Ihre Worte sind wie Blitze. Und in wenigen Worten vermittelt sie Klarheit über Liebe Humanismus, Gesellschaft. Diese Autobiographie hat den Charme eines Romans über ein Stück Leben. Es ermöglicht Menschen sich besser zu verstehen.

Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des Hanser Verlages

http://www.hanser-literaturverlage.de/buch/ich-bin-eine-freie-frau/978-3-552-05766-1/

Fragen Sie in Ihrer örtlichen Buchhandlung nach diesem Buch. Wenn Sie in meiner Gegend „Landkreis Merzig-Wadern“ leben, dann wenden Sie sich an die Rote Zora: http://www.rotezora.de

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