Rezension: Winterdreieck – Julia Deck – Klaus Wagenbach Verlag

Das Fräulein träumt sein Leben

Winterdreieck – Julia Deck (Autorin), Antje Peter (Übersetzerin),144 Seiten, Verlag Klaus Wagenbach (29. Januar 2016), 17,90 €, ISBN-13: 978-3803132765

„Mademoiselle“ (das Fräulein) ist jung, blond, ohne Arbeit. Am Anfang beschließt sie ein anderes Leben zu führen und nennt sich von jetzt Bérénice Beaurivage, eine Romanautorin die Arielle Dombasle in einem Film von Eric Rohmer gespielt hat. Romanautorin, ist das nicht schon ein Vermögenswert an sich? „Bérénice Beaurivage. Sie braucht nur diesen Namen auszusprechen, und schon weitet sich die Perspektive, schon dehnt sich der Horizont.“ (Seite 7). Und überhaupt „Romanschriftstellerin. Eine verführerische Tätigkeit. Vielmehr als die angeblich so tollen Stellen, die die Arbeitsagentur immer anpreist.“ (Seite 8) Das Abenteuer kann beginnen. Das Leben im Winterdreieck.

Der Roman steht unter dem Zeichen der Zahl drei und die Figur des Dreiecks wiederholt sich: in der Liebe, geographisch und astronomisch. In der Astronomie ist das Winter-Dreieck die im Winter auf der nördlichen Hemisphäre sichtbare Konstellation der drei hellen Sterne Sirius, Prokyon und Beteigeuze in Form eines gleichseitigen Dreiecks. Es verbindet die Sternbilder Großer Hund, Kleiner Hund und den markanten Orion. Das gleichseitige Dreieck als ein Bild der Vollkommenheit begleitet diese Geschichten, geradezu als harter Kontrast zu den Unvollkommenheiten der Personen und Geschehnisse. Und in der Liebe sehen wir das Dreieck Fräulein, Inspektor und Mademoiselle Blandine Lenoir.

Die Geschichte beginnt in Le Havre im Dezember und endet in der gleichen Stadt nach einer Reise von einem Jahr, die drei Hafenstädte, Le Havre, Saint-Nazaire und Marseille verbindet. Es beginnt auch mit einem Schiff namens Sirius und einem verführerischen Schiffsinspektor. Sie endet bezeichnenderweise mit einem Schiff namens Prokyon. Mit Zwischenstationen in Paris, unvermeidlicher zentraler Eisenbahnknotenpunkt zwischen den verschiedenen Städten.

Anstatt eine banale Existenz zu leben, entscheidet sich das Fräulein aus der tyrannischen Sackgasse von Routine, unsicheren Arbeitsplätzen, niedrigen Löhnen und kleinen Chefs zu entfliehen. „Mademoiselle kennt alle Schritte des Einstellungsverfahrens. Bei den Vorstellungsgesprächen erklärt sie meistens Ich bin Autodidaktin, ich lerne sehr schnell und ich würde meine Begeisterungsfähigkeit gerne in den Dienst ihres Unternehmens stellen.“ (Seite 44)

Fräulein ist ein namenloser Charakter: keine Vergangenheit, keine Aussichten und keine Arbeit, aber mit Schulden. Diese junge Frau jagt ihrer eigenen Identität nach. Doch die Suche nach dem Geheimnis wird nie abgeschlossen werden, weil sie das Geheimnis selbst ist: Bérénice Beaurivage. Wird sie finden und bekommen, was sie will. Aber was bedeutet es wollen? Sie ignoriert es. Sie wandert. Das Echo der Angst und die Leere des Fräuleins, seine Untätigkeit, seine Melancholie, seine Obsessionen und sein süßer Wahnsinn begleiten uns. Das Fräulein versucht aus ihrem streng dualistischen Weltbild von Gut und Böse, Himmel und Hölle, Leben und Tod, Herrscher und Beherrschte, aus all diesen unvereinbaren Gegensätzlichkeiten auszubrechen.

Brillant und teuflisch in seiner Konstruktion wie ein guter Krimi, präzise und obsessiv spielt Julia Deck das Thema und seine Variationen durch. Das Fräulein – eine herrlich abgedrehte Heldin. Es ist das Porträt einer Frau, verloren in der Gesellschaft und in ihren eigenen Augen. Die Atmosphäre wird immer bedrückender und die Verhaltensweisen werden zunehmend rätselhafter. Was als leichte Komödie beginnt schlägt um in eine Tragödie. Ein wahres Schauspiel der Fiktionen.

Gleichzeitig ist es ein Roman der Postmoderne. Die Geschichten sind elliptische Geschichten und oft nur Löcher. Sie sind nie stabil und eine eindeutige Interpretation ist nicht möglich. Alles ist in Bewegung. Jeder Charakter oder Hinweis ist bereits Interpretation oder Geschichten aus einer früheren Geschichte und alles verändert sich durch die Wahrnehmung des Lesers. Winterdreieck scheint mir wie eine Endlosschleife, und wir warten auf den Punkt an dem die Kraft erlischt, sich immer wieder neu zu erfinden.

Trockene, präzise und trotzdem detailreiche Erzählweise: die kleinen Dinge aus der Wohnung vom Fräulein, die Umrisse des Hafens, Betonarchitekturen, Rekonstruktion, der beladene Himmel von Le Havre, die Werften von Saint-Nazaire, und auch der Geschmack von Tintenfischen im alten Hafen von Marseille, mit Blick auf die Kräne. Dieser Realismus der genauen Beschreibungen, Straßennamen, Gebäuden, Landschaften, die das Fräulein entdeckt kontrastiert mit der Unbestimmtheit der Störungen auf der Suche nach ihrer Identität. „Ich könnte ich könnte ich könnte.“ (Seite 27)

Julia Deck liefert eine saubere Prosa, mit einer frischen Ästhetik und phasenweise köstlich ironisch. Fein gearbeitete Sätze von großer Zurückhaltung.

Es macht einfach ungeheuer viel Spaß dieses Buch zu lesen, Hypothesen zu enträtseln und Parallelen zu suchen. Das ist ein Roman für die Freunde von Zwischentönen, von unfertigen Geschichten und für Menschen die es lieben, die Geschichten hinter den Geschichten zu entdecken. Sehr empfehlenswert.

Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des Klaus Wagenbach Verlages

https://www.wagenbach.de/buecher/titel/1017-winterdreieck.html

Fragen Sie in Ihrer örtlichen Buchhandlung nach diesem Buch. Wenn Sie in meiner Gegend „Landkreis Merzig-Wadern“ leben, dann wenden Sie sich an die Rote Zora: http://www.rotezora.de

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