Rezension: Die Fotografin – William Boyd – Berlin Verlag

Eine faszinierende schillernde Frauenfigur

Die Fotografin: Die vielen Leben der Amory Clay von William Boyd (Autor), Patricia Klobusiczky (Übersetzer), Ulrike Thiesmeyer (Übersetzer), 560 Seiten, Berlin Verlag (1. Februar 2016), 24 €, ISBN-13: 978-3827012876

William Boyd erzählt uns die fiktive Biographie, die Abenteuer einer idealtypischen Figur, die so nie existiert hat, aber für ihre Erlebnisse eine hohe historische Wirklichkeit bieten kann.

Hochinteressant ist für mich die letzte Seite des Buches, sein „Dank“. Statt den üblichen Quatsch über Lektoren, Agenten und tapfere Ehepartner wieder zu geben, listet Boyd 32 der renommiertesten weiblichen Reporterinnen und Fotografinnen des 20. Jahrhunderts, Pioniere, die sich ihre Namen in einem von Männern dominiert Gebiet machten. Aber nicht alles ist, was es scheint. Denn auch in dieser Liste erscheinen mehrere fiktive Personen. Zum Beispiel gibt es bei Google keine Informationen über eine Renata Alabama oder eine Mary Poundstone. Und doch erscheinen beide in Boyds Roman mit so überzeugenden Realismus, dass der Leser einfach wollen muss, dass sie existierten.

Ebenso ist die Dokumentarfotografin Amory Clay, diese offene, komplizierte, bahnbrechende Heldin und Icherzählerin von „Die Fotografin“, eine reine Fiktion. Am 7. März 1908 geboren ist und gestorben am 23. Juni 1983 (durch eigene Hand) wird ihr komplettes Leben in einem erzählerischen Patchwork dargestellt: Zeitungsausschnitte, detaillierte Beschreibung ihres alltäglichen Lebens und Rückblenden aus ihrer Jugendzeit, ihr Trinken, ihre Geselligkeit, ihre Aufenthaltsorte von Berliner Striptease-Clubs, den 1920er Jahren, den faschistischen Unruhen in London in den 1930er Jahren, dem zweiten Weltkrieg in Frankreich und dann, später, nach Vietnam; ihre Liebe zu einer Handvoll Männer, ihre Freundschaften, die vielen unerwarteten Wendungen ihres Lebens vermischt William Boyd zu einem großartigen Werk. Es geht um Glauben und Verrat, um die menschliche Art und Weise ein Leben zu führen, das von den Kriegen des 20. Jahrhunderts und ihren Traumata geprägt ist.

Mit Amory Clay hat William Boyd einen faszinierenden Charakter geformt: tückisch, widersprüchlich und impulsiv, aber auch gerundet, komplex und höllisch betörend. Sie ist in jeder Beziehung echt.

William Boyd ist ein brillanter Romancier und was wirklich überzeugt, ist seine strukturelle Leistung in diesem Buch, an der die meisten Schriftsteller scheitern würde. Er mischt die Welten der Reportage, der Geschichte und der Fiktion mit großer Wirkung. Und er hat die Fähigkeit, die Unmittelbarkeit einer Situation mit präziser Prosa zu vermitteln. Ein Beispiel mag genügen: „Im perlweißen Morgenlicht, mit Nebelschleiern, die aus gewundenen Flüssen und kleinen Bächen aufsteigen, und einem Himmel, der sich allmählich blau tönt, sieht Vietnam sehr schön aus. Nur gewisse Narben, der ziegelrote Schorf, den Bulldozer auf den Hügelkuppen hinterlassen haben, und die Überreste verlassener Artilleriestützpunkte und Beobachtungsposten beeinträchtigen die üppig wuchernde, saftig grüne Landschaft.“ (Seite 460)

Und einfach fantastisch wie William Boyd die Grenze zwischen Fakt und Fiktion verwischt. Unterstützt wird das mit einer Auswahl von „Amorys“ Fotos, die durch das ganze Buch verstreut sind. (Offenbar fand er sie auf Flohmärkten und Auktionen.)

„Die Fotografin“ ist ein kühnes Buch und die mitreißende Geschichte eines gut gelebtes Leben. Das ist Literatur im besten Sinne. Und es beweist, dass William Boyd für Vergnügen, für sehr viel Spaß beim Lesen sorgen kann. Ein überaus zufriedenstellendes Buch in höchstem Maße unterhaltsam.

Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des Berlin Verlages

http://www.berlinverlag.de/buecher/die-fotografin-isbn-978-3-8270-1287-6

Fragen Sie in Ihrer örtlichen Buchhandlung nach diesem Buch. Wenn Sie in meiner Gegend „Landkreis Merzig-Wadern“ leben, dann wenden Sie sich an die Rote Zora: http://www.rotezora.de

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2 Gedanken zu „Rezension: Die Fotografin – William Boyd – Berlin Verlag

  1. Ralf Bernhardt

    Also ich habe jetzt schon einige Bücher von William Boyd gelesen. Aber „die Fotografin“ ist das bisher schwächste. Die Protagonistin setzt sich trotz traumatischer Erlebnisse kein bisschen mit dem Krieg als solchem und der Schuld- und Sinnfrage auseinander. Sie bleibt ihr Leben lang naiv. Da hätte man doch mehr draus machen können. Die Fotos sind im übrigen auch schlecht ausgewählt. Sie sollen ja von einer eigentlichen Profifotografin sein. Dafür sind sie allerdings allesamt sehr schlecht.

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