Rezension: Bella Mia von Donatella Di Pietrantonio – Antje Kunstmann Verlag

Ein Augenblick kann alles ändern.

Bella Mia von Donatella Di Pietrantonio (Autor), 224 Seiten, Verlag Antje Kunstmann GmbH; Auflage: 1 (17. Februar 2016), 18,95 €, ISBN-13: 978-3956140914

Es gibt viele Wege, um den Schmerz zu zeigen. Wird der Schmerz aber je vergehen?

Das Erdbeben vom 6. April 2009 in Aquila war für viele Überlebende der Beginn eines vorläufigen Lebens mit vielen leeren Versprechungen. „Als sie dir diese Luxusbaracke zugewiesen haben, haben sie genau darauf spekuliert, dass du dich daran gewöhnst und aufhörst zu fordern, dass die Stadt wieder aufgebaut wird.“ (Seite 158) Eines davon war das CASE-Projekt. Hier lebt Caterina mit ihrer Mutter und ihrem Neffen Marco, der Sohn ihrer Zwillingsschwester Olivia, die bei diesem Erdbeben getötet wurde.

Es wäre zu einfach zu sagen, dass dies ein Roman über das Erdbeben in L’Aquila ist. Ja, es ist wahr, das Buch erzählt von Zerstörung und Zusammenbruch, von Schutt und Übergangswohnungen. Aber: „Das Erdbeben hätte es nicht gebraucht; schon vorher hatte jeder seinen eigenen Schmerz.“ (Seite 10)

Auf der einen Seite lesen wir eine Geschichte über das Alltägliche, vor und nach dem Erdbeben. Andererseits begegnen wir hier der Innenansicht von Überlebenden. Eine direkte und intensive Erzählung über die Fragilität des menschlichen Daseins, deren Hauptbestandteile Schmerz und Scham sind. Und über allem scheint der „Der Schrei von Edward Munch“ und die Frage von Hiob: „Warum?“ zu schweben.

Catherine und Olivia … oder besser gesagt, die andere Olivia, Olivia und ihre Schwester, Olivia und die andere. Die Protagonisten dieses ergreifenden Romans sind Zwillinge. In der Tat ist der Protagonist „der andere“, der Zwilling, der nicht abheben wollte, der schwache, zerbrechliche, kleine Zwilling: Caterina. Zwillinge sind nie wirklich Zwillinge. Es sind nur Details die diesen Unterschied unüberwindlich machen. Olivia ist derjenige, die schon im Bauch der Mutter mehr Liebkosungen erhält. Sie wird mehr essen. Sie wächst mehr. Sie ist schön, intelligent, stark und entschlossen. Die andere nicht. Oder zumindest nicht so viel wie sie. Aber die andere ist die, die überlebt und berichtet

Das sind die durchgängigen Themen: Trauer und Wut über das ausgestorbene kleine Glück, das die Icherzählerin im Staub und in den Rissen ihres ehemaligen Wohngebäudes sucht. „Das graue Geflecht der Risse auf den Häuserfassaden verblasst langsam zu unregelmäßigen Girlanden, in die Ritzen im Putz schleichen sich Wind und Wetter ein.“ (Seite 78). Die Sorge um den hilflosen und mutterlosen Sohn. „Untröstlich saß er da, unserer hilflosen Fürsorge ausgesetzt.“ (Seite 33) Die Strafe für ihre Mutter. Diese „fleht zu ihrem Gott und tröstet sich damit.“ (Seite 12) All das ist erst beschränkt auf den Rand ihrer Träume. Diese ändern sich langsam, gleiten bösartig in unbekanntes Terrain, wo aus der Leere ihrer Seele die Widersprüche von Zwillingen schamlos zu Tage treten und die Grenze zeigen, ab der das Selbst aufhört, ein Selbst zu sein. „Diese schwärzesten Abschnitte der Nacht gehörten immer ihr, sie fehlt mir gnadenlos …“ (Seite 118)

Es ist der verzweifelten Versuch, das Leben zu akzeptieren. Aber auch die Darstellung von Schmerz, wie einen erstickten Schrei der Liebe. Ein unterschwelliger Charme zieht sich durch dieses Buch, versteckt in den Rissen des Verputz und in den Zwischenräumen des Herzens.

Der Schmerz des Verlustes und der menschlichen Ohnmacht schwebt in der kleinen Wohnung, infiziert alle, erobert die schlaflosen Nächte und stört die frühen Sonnenaufgänge. Donatella Di Pietrantonio hat einen Roman über Familie und Liebe geschrieben, über zerbröckelnde Fernbeziehungen, über die Notwendigkeit des Körpers eines Freundes, um ihre Leiden oder ihren Durst nach Umarmungen zu teilen. Ein Roman über die Zärtlichkeit, die Schuld, die untrennbare Verbindung von zwei Zwillingsschwestern. Sie erzählt die Reise von ihrer Konzentration auf ihre Trauer, die Wiedereröffnung in der Welt der anderen.

Donatella Di Pietrantonio schreibt sehr dicht, manchmal komplex, manchmal sanft und effektiv über die Beziehung von Liebe und Hass, Schmerz in unauslöschlichen, schillernden Bilder. Und vor allem die dramatische Schönheit, der leeren, zerstörten Häuser und Plätze, die noch erzählen. Sie schreibt einfach, aber prägnant, witzig und sie trifft einen außerordentlichen emotionalen Ton. Mir kommt es vor, wie eine unaufhörliche Serie von Fotos oder kleinen ergreifenden und aufschlussreichen Gemälden. Das schmerzhafte Thema, das behandelt wird, wird durch eine beeindruckende und anspruchsvolle Prosa, die in den Winkeln der Tragödie köstliche Poesie versteckt, gemildert.

Für alle, die sehr gut geschriebene, intensive Geschichten lieben, die dem Schmerz ausdrücken und eine ergreifende Beschreibung liefern, die aber nie banal werden und auch Hoffnung bieten. Ein Buch dass Sie in einem Zug durchlesen.

Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des Antje Kunstmann Verlages

http://www.kunstmann.de/titel-0-0/bella_mia-1101/

Fragen Sie in Ihrer örtlichen Buchhandlung nach diesem Buch. Wenn Sie in meiner Gegend „Landkreis Merzig-Wadern“ leben, dann wenden Sie sich an die Rote Zora: http://www.rotezora.de

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