Rezension: V5N6 – Luise Welsh – Antje Kunstmann Verlag

Die Zivilisation auf dünnem Eis

V5N6. Tödliches Fieber von Louise Welsh (Autor), 352 Seiten, Verlag Antje Kunstmann GmbH; Auflage: 1 (17. Februar 2016), 19,95 €, ISBN-13: 978-3956140907

Das neue Buch von Luise Welsh ist das erste in einer angekündigten Trilogie und spielt so mit unseren Erwartungen. Es beginnt mit einem Paukenschlag: Ein Tory-Abgeordneter, ein Hedge-Fonds-Manager und ein Priester eröffnen das Feuer auf unschuldige Menschen. Dieser Prolog ist so stark, dass es eine Verbindung mit dem, was folgt, geben muss. Aber der Zusammenhang wird nie erklärt. So verleiht es eine geisterhafte Unsicherheit dem Rest des Buches, wie ein Versprechen, das in den folgenden Bänden erfüllt wird. Natürlich bleiben viele Fragen unbeantwortet. Doch Luise Welsh findet die ideale Balance, das Geheimnis wird schön eingebunden und trotzdem bleibt genügend Spannung, die mich sehr gespannt auf die nächste Ausgabe warten lässt.

Die Pandemie kommt zu einem schlechten Zeitpunkt für Luise Welshs Heldin, Stevie Flint, die anscheinend gedenkt eine ernste Beziehung zu dem Arzt Simon Sharkey einzugehen. Zu Beginn des Romans taucht Sharkey nicht zu einer Verabredung mit ihr auf. Aber zumindest hat er eine Entschuldigung. Er ist tot, scheinbar durch seine eigene Hand, obwohl dies schnell in Zweifel gezogen wird.

In der folgenden Handlung geht es um eine drohende Apokalypse, um nahezu biblische Gleichnisse einer unvorstellbar gründlichen Zerstörung. Thema ist die Heimsuchung durch Plagen und soziale Probleme, die angeblich aus „nicht entwickelten“ Nationen auf wohlhabende westlichen Gesellschaften zukommen. Ist es das Ende der Welt, wie wir sie kennen und warum fühlen wir uns trotzdem in Ordnung?. Die Geschichte entfaltet sich durch die Ausbrüche von fast surrealer Gewalt, die Stevie Flints Alltagsroutine destabilisieren und sie spürt, „… dass etwas aus dem Gleichgewicht geraten war, die Welt nicht mehr so war, wie sie sein sollte.“ (Seite 279)

Stevie Flint, eine ehemalige Journalistin arbeitet nun als Moderatorin auf einem TV-Shopping-Kanal. Die neuen Wendungen der Ereignisse fordern ihre journalistischen Instinkte heraus. Luise Welsh schickt ihre Heldin auf einer Reihe von Verfolgungsjagden und riskanten Begegnungen. In vielerlei Hinsicht ist Stevie Flint ein Spiegelbild der Stadt, die sie umgibt: sie ist energisch und zielgerichtet, aber auch anfällig für Angriffe. Ihre extreme Zähigkeit ist das einzige, was ihr durch ein Albtraum-Szenario hindurch hilft.

Wir folgen nebeneinander den Irrungen und Wirrungen mehreren Geschichten gleichzeitig: London im Griff einer hochansteckenden Seuche, die Aufdeckung eines medizinischen Skandals, die Fragmentierung der Gesellschaft. Und wir folgen Stevie als sie den Mord an ihrem Freund zu lösen versucht. Luise Welsh vermittelt ein wachsendes Gefühl der Bedrohung, als die institutionelle Infrastruktur der Staat zerfällt und die Überlebenden in ausuferndem Selbstschutz zurück lässt.

Luise Welsh zeigt uns durch ihre intimen Schilderungen des Alltags und seiner Menschen. Wie ein in einem Spiegel mysteriös gebrochenen Spiegel den Zusammenbruch. Dieser unheimlich modulierte Realismus durchzieht Louise Welsh neues Buch. Sie scheint spezialisiert auf Geheimnisse, auf recht kühle Sexualität, auf die plötzliche Umkehrungen des Glücks und auf die unruhigen Andeutungen des Untergangs. Sehr gekonnt zeigt sie uns eine dystopische Gesellschaft, die zwar augenscheinlich frei ist von Armut, Seuchen, Krankheit, Konflikten und sogar emotionaler Niedergeschlagenheit. Aber unter der Oberfläche offenbart sich jedoch genau das Gegenteil.

Welsh ist besonders gut bei der Beschreibung der institutionellen und sozialen Störung, die den Ausbruch der Epidemie begleiten, als ob Politik und Verwaltung selbst von einem Virus angegriffen wäre. Welsh hat eine unheimliche Begabung, was die Darstellung physischen Ekels angeht. Und sie hält den Leser sehr nahe am Geschehen und zur gleichen Zeit erleben wir den Zerfall der Gesellschaft durch Stevie Flints Augen.

Bis zum Ende des Romans, hat Stevie sich von ihrem femininen Look befreit. Ist sie am Anfang noch durch ihre lackierten Nägeln charakterisiert, trägt sie dann Simon Sharkeys Kleidung und hat ihr Haar abrasiert. Das Feminine hat keinen Platz in einer gefährlichen Antiutopie einer Gesellschaft. Es gibt keine Töchter, keine Schwestern, keine Mütter in dieser trostlosen Welt. Als die Stadt ins Chaos versinkt, durchstreifen Männer die Straßen und Frauen sind unsichtbar. Vielleicht ist es das, was wir wirklich fürchten sollten. Denn, wenn Sie als Leser nach der letzten Seite dachten, das kann dir nicht passieren, so werden Sie dieses Mal feststellen, dass es unbestreitbar auch in unserem Leben so kommen könnte. Was Luise Welsh zeigt ist nur allzu glaubwürdig, real und schrecklich. Sie werden gezwungen sich Fragen zu stellen, deren Antworten Ihnen nicht gefallen werden.

Luise Welsh schafft eine glänzende, phantasievolle Mischung aus Geheimnis und Apokalypse, was sehr gut unterhält und süchtig macht nach dieser Lektüre, mit seiner perfekten Spannung, ihrer wunderbar überzeugenden Hauptfigur Stevie Flint und der brillanten Schreibweise.

Eine höchst interessante Mischung aus Seuchengeschichte und spannendem, klaustrophobisch-medizinischen Krimi mit einem apokalyptischen Hintergrund. Insgesamt eine äußerst unterhaltsame und spannende Geschichte – und ich empfehlen sie auf jeden Fall.

Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des Antje Kunstmann Verlages

http://www.kunstmann.de/titel-0-0/v5n6-1074/

Fragen Sie in Ihrer örtlichen Buchhandlung nach diesem Buch. Wenn Sie in meiner Gegend „Landkreis Merzig-Wadern“ leben, dann wenden Sie sich an die Rote Zora: http://www.rotezora.de

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