Archiv für den Monat März 2016

Rezension: Und Angst wird dich erfüllen – Faye Kellerman – btb Verlag

Wenn ein Tiger in der Wohnung brüllt

Und Angst wird dich erfüllen – Faye Kellerman (Autorin), Frauke Brodd (Übersetzerin), 480 Seiten, btb Verlag (9. März 2015) ISBN-13: 978-3442748075

Das erste, was Peter Decker hört, ist das Gebrüll eines Tigers aus der Wohnung von Hubart Penny. Erst nachdem das Tier betäubt und abtransportiert ist, entdecken sie die Leiche von Hubart. Zunächst glauben sie, dass möglicherweise der Tiger den alten Milliardär getötet hat. Aber dann stellen sie fest, dass ein Mensch den exzentrischen Erfinder getötet haben muss.

Sie nehmen Spuren auf, von einem Wildpart in den San Bernardino Bergen bis zum wilden Nachtleben von Las Vegas. Zu viele Verdächtige und zu wenige Antworten. Dieser Fall scheint einer der bizarrsten der Karriere von Peter Decker zu sein, denn Hobart Penny war ein außergewöhnlich eigenartigen Mann mit exotischem Geschmack.

Es ist kaum zu glauben, dass dies der 21. Titel in der Serie ist und dass seine Fans seit 27 Jahren über Peter Decker und Rina Lazarus gelesen haben. Eine lang laufenden Serie bietet ein gewisses Maß an Komfort, an Vertrautheit und ein Gefühl des Treffens mit alten Freunden. Sehr schön Peter und Rina, sowie Peters Polizeikollegen Marge und Oliver wieder zu sehen.

Wir erleben die Geschichte aus einer dreifachen Sicht: einmal von Peter Decker, dann von seinem Pflegesohn Gabe (Gabriel) und aus der Sicht seiner beiden Mitarbeiter, der Sergeants Marge Dunn und Oliver Scott. Immer mehr Geheimnisse des Toten kommen ans Licht und so wird auch die Bandbreite möglicher Motive und Täter immer größer.

Faye Kellerman schreibt leicht und unkompliziert und macht es dem Leser leicht, sich sofort mit dem Geschehen und den Charaktere zu identifizieren. Bissigen Dialog und ein ausgezeichnetes Verständnis der Polizeiarbeit runden diesen Krimi ab.

Faye Kellerman hat uns eine sehr unterhaltsame polizeiliche Ermittlung mit vielen Verdächtigen und Theorien geliefert. Ergänzt wird dieser Krimi durch die Kollisionen von Beruf und Privatleben von Peter Decker und seiner Frau Rina. Wie gut werden die beiden die schockierenden Wahrheiten bewältigen? Es scheinen sich Veränderungen anzudeuten. Aber welche? Da werden wir auf das nächste Buch der Serie warten müssen.

Ein flüssiger, sehr starker und sehr spannender Krimi mit einer einzigartigen Geschichte, bekannten Charaktere und mit ein paar überraschenden Wendungen. Auch wer die Serie, ihre Charaktere und ihre Vorgeschichte nicht kennt, findet schnell hinein. Für alle empfehlenswert, die solide Krimiunterhaltung mit bizarren Fällen lieben.

Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des btb Verlages

http://www.randomhouse.de/Suche.rhd?searchText=Und+Angst+wird+dich+erf%C3%BCllen&exactSearch=true

Fragen Sie in Ihrer örtlichen Buchhandlung nach diesem Buch. Wenn Sie in meiner Gegend „Landkreis Merzig-Wadern“ leben, dann wenden Sie sich an die Rote Zora: http://www.rotezora.de

Rezension: Andersen – Charles Lewinsky – Nagel & Kimche

Und was, wenn es weiterginge?

Andersen – Charles Lewinsky (Autor), 400 Seiten, Verlag Nagel & Kimche AG (14. März 2016), 24,90 €, ISBN-13: 978-3312006892

„Dunkel. Nicht das kalte, fugenlose Dunkel einer Zelle. Eine warme Dunkelheit. Ich weiss nicht, wo ich bin“. (Seite 11)

Das ist der allererste Satz, den wir von Jonas, dem Ich-Erzähler, erfahren. Und erst langsam begreifen wir: Er steckt noch im Mutterbauch, ist ein Embryo. Aber ein Ungeborenes weiß doch noch nicht, was eine Zelle ist. Wie also kann er den Uterus mit einem Gefängnis vergleichen?

Das ist die Grundidee hinter Andersen: ein Fötus mit den vollständigen Erinnerungen eines Erwachsenen.

Und hier kommen wir zum Titel: Andersen ist ein falscher Name, seine Identität ist konstruiert, seine Biografie komplett erfunden. „Ich weiß alles, was Andersen wüsste, wenn es Andersen gäbe.“ (Seite 18) Das ist nötig, weil der Träger dieses neuen Namens, wie wir bald sehen, kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges die Seiten wechselte. Der Mann, der als Andersen neu beginnen will, war Verhör-, also Folterspezialist wohl bei der Gestapo (wiewohl diese Namen nicht fallen). „Ich war der Beste meines Faches“, erinnert er sich stolz, was aber unter den neuen Verhältnissen keiner wissen darf.

Dieser Roman ist ein Experiment: Der Mann, der Andersen sein will, erwacht als Fötus im Bauch seiner Mutter. So etwas hat bisher noch niemand geschrieben. Ein ungeborenes Kind, das denkt und erzählt. Also ist er ein Wiedergeborener, der mit dem vollen Erkenntnis- und Erfahrungsschatz seines früheren Lebens in das neue startet. Er kommt als Jonas zur Welt, ein seltsames Baby, von dem seine Eltern manchmal sogar glauben, den wissenden Blick eines Greises in seinem Gesicht zu entdecken. Und es beginnt eine Geschichte über menschliche Niedertracht, eine Parabel über das Böse – abgründig und erschreckend.

Rasant, klug und mit gerissenem Witz erzählt Charles Lewinsky die Geschichte eines Mannes, der eine zweite Chance bekommt. Und eine dritte. Wie er sie nutzt, lässt das Blut bis in die nächste Generation gefrieren. Denn eine Regung des Guten erträgt das Böse nicht. Beklemmend und komisch zugleich.

Das Buch wirft bei jedem Leser automatisch Fragen auf: Woher kommen unsere Einstellungen? Wie viel Leben haben wir? Und wenn wir mehrere Leben haben, leben wir sie nebeneinander oder nacheinander? Weiß ein Leben von dem anderen? Kommen wir mit einer unauslöschlichen Vorprägung auf die Welt? Werden wir im Leben nur der, der wir schon sind? Was wäre, wenn es weiterginge? Nicht im Himmel, sondern hier auf der Erde?

Ein äußerst reizvoller origineller Ansatz den Charles Lewinsky hier wählt. Und, obwohl Andersen ein ganz und gar unerfreulicher Charakter ist, wird er Sie faszinieren. Unbedingt lesen.

Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des Hanser Verlages

http://www.hanser-literaturverlage.de/buch/andersen/978-3-312-00689-2/

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Rezension: Carvalho und die olympische Sabotage – Manuel Vázquez Montalbán – Wagenbach Verlag

Carvalho, Olympia braucht Sie!!!

Carvalho und die olympische Sabotage – Manuel Vázquez Montalbán (Autor) Bernhard Straub (Übersetzer), 144 Seiten, Verlag Klaus Wagenbach (4. März 2016), 9,90 €, ISBN-13: 978-3803127525

Pepe Carvalho verweigert sich. „Sein Detektivbüro blieb wegen geistigen Urlaubs geschlossen.“ (Seite 19). Er verbarrikadiert sich. Doch man braucht ihn. Antonio Samaranch, Prinzessin Anne, der Innenminister Corcuera, der König und die Königin, der KGB, alle brauchen ihn. Warum? Ben Johnson ist die 100 Meter in 6,4 Sekunden gelaufen, ohne Doping. Und „man hat herausgefunden, dass vierzig Prozent der Mannschaften der schwarzen Leichtathleten keine Schwarzen sind.“ (Seite 23) Die Isolierung des Detektivs findet ihr Ende unter den Militärstiefeln, die seine Tür eintreten. Er muss einfach dieses ernste Problem der olympischen Sabotage lösen.

Was steckt alles hinter Olympia? Was ist die Rolle des echten Sport bei den Spielen? Wie funktioniert die Spekulation im Olympischen Sport? Wenn Pokern einen Sponsor hätte, würde es dann eine olympische Sportart werden?

All diesen Fragen widmet sich Manuel Vázquez Montalbán. Und er nimmt dabei viele Figuren aufs Korn. Neben ihm brilliert eine serbische Bodybuilderin,Vera, die nicht zu den olympischen Spielen zugelassen ist und schließlich seine ständige Begleiterin wird. Natürlich auch Biscuter, sein Faktotum, der sich zu einem Suppenseminar in Paris aufhält.

Montalbán spannt seinen Bogen sehr weit: „von Polizisten aller Gattungen, die Designer-Uniformen von Mariscal, Armani, Rabanne, Cardin, Adolfo Dominguez, Sarah Ferguson und Senora Ripa di Meana trugen […] als Beweis, „dass Spanien den Anschluss an die Moderne geschafft hat.“ (Seite 87) über den amerikanischen Präsidenten Bush, der Bagdad mit Barcelona verwechselt, und den polnische Papst, der inkognito in Barcelona ist „verkleidet als tschechische Speerwerferin“ (Seite 83). Über Giulio Andreotti, der empört ist, weil das IOC ihm niemals die Präsidentschaft angetragen hat bis zu Caroline von Monaco, „die nicht wusste, was sie noch anstellen sollte, um Trauer und Schmerz ihres Witwendaseins zu demonstrieren.“ (Seite 51) Von Literaturkritik, CIA bis hin zu Stierragout und einem Rioja Jahrgang 1904 gibt es kaum etwas, was nicht zur Sprache kommt. Schlussendlich lässt sich noch die serbische Bodybuilderin mit Arnold Schwarzenegger ein, diesem „Roboter des Imperialismus“ (Seite 113) und ein falscher Oberst ertrinkt im Meer.

Heraus kommt eine Abrechnung, Kritik in Form einer Farce, mit viel schwarzem Humor und einer gehörigen Portion Zynismus. Ein Abrechnung mit Olympia, mit Spanien, mit der Weltpolitik, mit der Literatur und der Philosophie. Eine absurde, metaphysische Reise.

Sehr vergnüglich zu lesen. Sehr anregend. Mit viel Tief- und noch mehr Hintersinn. Ein Meisterwerk der Wortspiele und der abstrusen Gedanken. Für alle, die sich beste Unterhaltung – sprich auch schwarzen Humor – auf literarischem Niveau wünschen.

Je nachdem wie Sie es lesen, ist es entweder ein sehr gutes Buch oder einfach nur ein Wirrwarr von Vorstellungen, Ansichten, Ereignissen und Worten. Mir persönlich hat es sehr viel Vergnügen bereitet.

Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des Klaus Wagenbach Verlages

https://www.wagenbach.de/buecher/titel/1029-carvalho-und-die-olympische-sabotage.html

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Das neue Projekt … oder von der Schwierigkeit des Anfangens

Das neue Projekt

…. oder von der Schwierigkeit des Anfangens

7.15 Uhr So. Eine letzte Tasse Kaffee und dann erst mal in Ruhe die Zeitung lesen. Vielleicht finde ich ja dort eine gute Formulierung, mit der ich beginnen kann, oder eine interessante Nachricht, aus der was zu machen ist.

8.13 Verdammt, man müsste früher aufstehen. In der Zeitung??? Keine Spur einer Anregung. Na ja … macht nichts. Da ist doch am Samstag das neue Textverarbeitungsprogramm von Ewald gekommen. Soll gut sein. Werde ich gleich mal installieren. Denn wenn ich schon die neue Woche mit einem neuen Plan fürs Schreiben beginne, 70 Seiten sollen es in dieser Woche werden, 10 Seiten am Tag, in 5 Stunden, von 7 Uhr bis Mittag. Also, wenn schon denn schon, dann gleich mit dem richtigen Schreibprogramm.

9.32 Es ist wie verhext. Alles richtig gemacht und trotzdem funktioniert dieses verflixte Programm nicht. Ich ruf mal Ewald an. Besetzt. Neu wählen. Wieder besetzt. Neu wählen wieder besetzt. Mit wem redet der bloß so lange? Wahlwiederholung einschalten? Tüt Tüt Tüt

9.46 Endlich … Ewalds Frau ist dran. – „Wo ist denn Ewald?“ – „Der schreibt, darf nicht gestört werden.“ – „Ich melde` mich dann später.“ … Dieser eingebildete Schnösel. Noch nicht mal auf die besten Freunde ist Verlass. Wie soll man da zu was kommen. Na dann muss es eben diese Woche noch das alte Schreibprogramm tun. Außerdem, am Telefon so ne schwierige Sache zu behandeln. Am besten ich geh heute Nachmittag zu Ewald rüber und lass es mir erklären. Oder Morgen. Oder, wenn Ewald wieder hier ist. Wollten wir nicht am Donnerstag … Wo ist denn mein Terminkalender. Ich wühle den Stoß an Zeitungen, Papieren, Büchern auf meinem Arbeitstisch um … ach da ist ja noch die Literarische Monatsschau. Wieso Ausgabe Januar? Jetzt haben wir Mai? Wieso hab ich die noch nicht gelesen. Nur mal schnell einen kurzen Blick rein werfen …

10.51 Na, was die wieder an Themen haben. Eigentlich müsste man sie abbestellen. Aber wer weiß, von Ewald haben sie schließlich auch mal was veröffentlicht. So jetzt aber … Ist ja auch ein schwieriges Thema, das ich mir vorgenommen habe. Kein Wunder, dass ich keinen Anfang finde. Gut … Ewald hatte mich auch vor der Vielschichtigkeit des Stoffes gewarnt. Aber der sieht ja eh alles schwarz und ist ein hoffnungsloser Pessimist. Obwohl im Herbst … da hat er auch Recht behalten … nach 6 Monaten Recherche und vergeblichen Ansätzen hatte ich eine hoffnungsvolle Idee begraben, im buchstäblichen Sinn, ganz unten begraben in den alten Aktenschrank unter die drei Ordner von Opa. Opas Ordner? Da waren doch diese Haushaltsnotizen über Ein- und Ausgaben drin. Das gab doch immer gute Ansätze, wenn man von früher erzählt und damit anfängt.

11.28 Wo waren nur diese blöden Aufzeichnungen. Ich hätte schwören können, sie waren immer in einem dieser drei Ordner. Hatte Hilde bestimmt raus genommen. Ich muss nochmals mit ihr ein ernstes Wort reden, dass sie nicht immer in meine Ordnung eingreifen sollte. Das Telefon schrillt. „Jaaa???? …“ Ewald ist dran, sagte“ meine Frau, „du hättest vorhin angerufen“. „Nee, das hat sich erledigt, ist zu schwierig am Telefon. Außerdem, ich bin mittendrin in einer äußerst kreativen Phase, du weißt, dass du mich nicht stören solltest. Sag Ewald ich käme auf ihn zu, aber heute bestimmt nicht mehr, ich bin gerade mittendrin und das will ich ausnutzen.“

11.47 Welchen Titel sollte mein neues Werk überhaupt haben? Schwierige Frage. Aber entscheidend. So ein guter Titel gab ja direkt richtigen Schwung. Wenn man ihn denn hätte. Vielleicht wäre es auch besser, den Titel ganz am Schluss zu suchen. Dann würde er mit Sicherheit viel treffender. Bis dahin müsste nur ein Arbeitstitel her. Wie wäre es mit Projekt 007. „Ha hä … Du kleiner Plagiator du …“ Am besten … ja es ist ja das erste Projekt dieses Jahres … also Projekt No. 1 … oder doch Projekt No. 01. Es könnte ja sein, dass man mehr als 10 Projekte in diesem Jahr begänne und dann bräuchte man ja eine zweistellige Projektnummer. Oder ich könnte ein B vorne dran setzen B für Belletristik, dann K für Kurzgeschichten, S für Sachbuch. Das muss ich direkt festhalten … guter Gedanke. Ich greife mir ein Blatt, einen Bleistift … ohhh, den Bleistift erst mal spitzen.

12.00 Was? Schon Mittag. Na ja … Punkt 12 hatte Konsalik auch immer Schluss mit Schreiben gemacht. So hatte ich es wenigstens mal gelesen. War ja auch einleuchtend. Morgens schreiben von 7 bis 12 und dann am Nachmittag: Genießen, neue Ideen tanken, gedanklich vorbereiten für den neuen Tag. Austausch suchen. Außerdem ist das ein herrliches Wetter draußen. Und ganz zart zieht doch der Duft eines schönen Schweinebratens in mein Arbeitszimmer.

Na, so schlecht ist der erste Tag für mein neues Projekt doch gar nicht gelaufen.

Rezension: Reisen und andere Reisen – Antonio Tabucchi – Carl Hanser Verlag

Die Poesie des Reisens

Reisen und andere Reisen – Antonio Tabucchi (Autor), Karin Fleischanderl (Übersetzerin), 256 Seiten, Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG (14. März 2016), 19,90€,


Antonio Tabucchi ist in seinem Leben als Mensch und als Schriftsteller viel gereist. Und von seinen Reisen schrieb er in Zeitschriften und Zeitungen.

In seinem jüngsten Buch setzt er neue Akzente. Er beschäftigt sich mit seinen Lieblingsorten in Lissabon, Indien, Brasilien, Mexiko, Griechenland, Japan und viele Städte wie Madrid, Lissabon, Genua, Barcelona, Bombay, Solothurn, ​​Kairo, Kyoto, New York, Washington und viele andere. Über 40 Städte in 4 Kontinenten bringt uns der Autor nahe, mit dem neugierigen Blick eines Reisenden, mit der Nostalgie und Freude eines Flaneurs, in den Worten eines großen Erzählers.

Antonio Tabucchi zeigt uns die Welt aus einer anderen Perspektive, zeigt uns die Geheimnisse und Schönheiten der Orte und die ungeheure Vielfalt. Vor allem sucht er nach intimen Details, die das tiefe Wesen der Orte zum Ausdruck bringen, Ecken von Orten, die keinen Raum in den Reiseführern haben.

Antonio Tabucchi ist nicht nur Reisender und Schriftsteller, sondern auch ein kultivierter Mann der Literatur und Geschichte, der in der Lage ist seine Leser zu verzaubern. Und in diesem Buch öffnet er ein Fenster, und gibt den Blick frei auf einem Teil seines Lebens: von der Kindheit (hier begann er seinen Reise, mit Hilfe einer guten Portion Fantasie und Kreativität, vor allem aber durch das Buch Schatzinsel, und den Weltatlas von De Agostini). Hier wächst eine Vorstellung davon, was die Welt um ihn herum sein könnte. Doch bald entdeckte er, dass der Atlas eine sehr enge Sicht der Welt wiedergibt. In Wirklichkeit war und ist die Welt für ihn viel komplexer und in ihrer Komplexität faszinierend.

In allen diesen Berichten lehrt uns Antonio Tabucchi, dass die Reise nie nur die einfache Entdeckung eines Ortes ist. Die Reise ist die Fähigkeit, während des Aufenthalts die Welt um uns herum zu beobachten und Menschen mit den Orten zu verbinden. Eine Reise besteht aus Menschen, Namen, Häuser, aber auch aus Büchern und Geschichten.

Es sind Essays, Gedanken, Reflexionen und Geschichten, aber auch regionale Empfehlungen, die Tabucchi hier vorstellt. Es ist für mich aber vor allem die Vielfalt, die überzeugt. „Es stimmt nicht, dass die Welt klein ist. Es stimmt auch nicht, dass sie ein »globales« Dorf ist, wie die Massenmedien behaupten. Die Welt ist groß und vielfältig. Deshalb ist sie schön. Weil sie groß und vielfältig ist und weil man sie nicht in Gänze kennenlernen kann.“ (Seite 12)

Antonio Tabucchi gibt uns durch dieses Buch Lektionen fürs Leben. Vielleicht finden auch Sie auf diese Weise die Antwort auf viele Ihrer Fragen, ob persönliche, ob soziale, politische oder wirtschaftliche.

Vergnüglich zu lesen, ein Buch zum Schmöckern, zum Nachdenken und Nachempfinden.

Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des Carl Hanser Verlages

http://www.hanser-literaturverlage.de/buch/reisen-und-andere-reisen/978-3-446-25098-7/

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Rezension: September – Jean Mattern – Berlin Verlag

Eines Tages müssen wir für alles bezahlen

September von Jean Mattern (Autor), Sabine Müller (Übersetzerin), Holger Fock (Übersetzer), 160 Seiten, Berlin Verlag (17. März 2016), 18 €, ISBN-13: 978-3827012937

Als die BBC ihn fragte, wieder für die Olympischen Spiele in London zu berichten, sieht sich Sebastian, der Journalist mit berühmter Karriere gezwungen, sich mit den Ereignissen von vor 40 Jahren auseinander zu setzen. Ironischerweise ist es die Ankündigung der Weigerung des IOC eine Schweigeminute für die vor vierzig Jahren ermordeten Athleten zu machen, die den Erzähler dazu bringt, den Auftrag nicht an zu nehmen und statt dessen über das zu erzählen, was er nie mit einem Wort erwähnt hatte.

München, September 1972. Sebastian, ein britischer Journalist, jung, verheiratet, eine Karriere bei der BBC beginnend, ist verantwortlich für Hintergrundberichte über die Atmosphäre im Olympischen Dorf und auch in Deutschland zu den olympischen Spielen. Dort trifft er den amerikanischen Journalisten Sam. Obwohl Sebastian heterosexuell ist, wird ihm schon bei ihrer ersten Begegnung klar, dass es zu einer intimen Beziehung kommen muss. Es entwickelt sich eine Beziehung zwischen Verführung und Kälte. „Ich wusste, dass ich für immer verändert sein würde durch diese Reise, die mich viel weiter geführt hatte als nur bis München, durch diese Begegnung, die mich endlich die Bedeutung des oft gelesenen, aber nie verstandenen Wort Raptus erfassen ließ.“ (Seite 57)

Jean Mattern zeigt uns das alltägliche Geschäft der akkreditierten Journalisten. Aber plötzlich, nimmt die Geschichte einen anderen Lauf. Ein palästinensisches Kommando bricht in die Wohnung der israelischen Delegation ein. Schwarzer September, so nennen sie sich selbst nehmen die Israelis als Geiseln. Es gibt erste Tote. Der olympische Traum zerbricht.

Jetzt mischt er sehr gekonnt die intime Geschichte und die kollektive Geschichte. Er fängt die beunruhigende und seltsame Atmosphäre jener Stunden ein, diese Livetragödie, mit seinen öffentlichen bizarren Reaktionen, Stimmen aus dem Volk, Eindrücke der Journalisten bis zum Fiasko der versuchten Geiselbefreiung in Fürstenfeldbruck; elf israelische Sportler und ein deutscher Polizist ermordet. Siebzehn Tote. Eine makabre Bilanz. „Es ist schlimmer als alles, was wir uns hätten ausmalen können.“ (Seite 117)

September ist eine erfolgreiche Darstellung echter Ereignisse, gemischt mit einfallsreicher Erzählung. Mit der Geschichte des Erzählers, die er bisher in seinem Gedächtnis vergraben hat. Zwei Geschichten tatsächlich. Die sich um die große Frage drehen: Wer beeinflusst entscheidend sein Leben: die große Geschichte des Angriffs oder die intime. Vierzig Jahre später, bleibt das Schweigen der gemeinsame Nenner dieser beiden ineinander verschlungenen Geschichten.

Jean Mattern schreibt auf hohe Niveau: präzise, ​​diskret, mit Lebenserfahrung: Sehr sachliche Passagen ohne Adjektiv einer starken, aber diskreten Dokumentation, in einem einfachen Stil geschrieben, klar und flüssig und andererseits hoch emotional, wo man fühlt wie die Zeit zerrinnt. Die Struktur des Textes erinnert mich an griechische Tragödien. Die Figuren selbst sind tragisch, weil sie durch eine höhere Kraft überwältigt, ein Schicksal erleiden, das sie schrecklich menschlich macht.

Jean Mattern liefert uns eine clevere Konstruktion aus Fiktion und Realität, subjektiv und voller Emotionen. Und das ist die Stärke dieses Romans: die Qualität der Dokumentation und der permanente Satz von parallelen Gateways in Zeit und Spiegeleffekte. Ein kurzer, intensiver Roman, ein historisches Drama, die Geschichte von fünfzehn intensiven und unvergesslichen Tagen, die über die Unvollkommenheit des Lebens erzählt und die Aufrichtigkeit zu den Tatsachen und den Gefühlen fordert.

Geschrieben ohne Schnörkel, perfekt dokumentiert, ist dieser Roman schockierend in mehr als einer Hinsicht. Empfehlenswert für alle, die Geschichte, Olympia, aber auch die Geschichte von Menschen und ihren Beziehungen lieben.

Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des Berlin Verlages

http://www.berlinverlag.de/buecher/september-isbn-978-3-8270-1293-7

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Rezension: In anderen Herzen – Neel Mukherjee – Antje Kunstmann Verlag

Respekt – Gehorsam – Liebe und ein Lavastrom von Wut

In anderen Herzen von Neel Mukherjee (Autor), 600 Seiten, Verlag Antje Kunstmann GmbH; Auflage: 1 (16. März 2016), 26 €, ISBN-13: 978-3956140891

Die Geschichte beginnt im Jahr 1966 mit einer zutiefst schockierend Sequenz, ein Sinnbild für den Zweck des Romans, in dem ein verhungernder Bengali-Bauer seine Frau und Kinder abschlachtet, bevor er sich selbst durch das Trinken Insektiziden tötet. Wir werden dann in eine scheinbar nicht miteinander verbundenen Doppelerzählung entführt.

Die Geschichte spielt in Westbengalen, in Kalkutta und in den Palmenhainen des Dschungels. Sie umfasst die zweite Hälfte der 60er Jahre und konzentriert sich auf die große und relativ reiche Familie Gosh. Es ist klar, „dass die Goshs auf keiner besonders hohen Sprosse der Kastenleiter hocken, umso dankbarer waren sie den paar Leuten, auf die sie herabschauen konnten.“ (Seite 31) Ihr Kopf, Prafullanath, besitzt mehrere Papierfabriken. Der älteste Enkel Supratnik ist schon aus dem Haus und hat sich der CPI, der kommunistischen Partei Indiens angeschlossen. Heimlich arbeitet er daran, die Bauern gegen die Gutsbesitzer zu mobilisieren.

Supratnik schreibt Berichte (Briefe?) an einen mysteriösen Adressaten möglicherweise einen Liebhaber oder ein Familienmitglied (es ist nicht sofort klar) und er erzählt und beschreibt die überwältigende Schönheit und die abgrundtiefe Armut auf dem Land, in dem betrügerische Vermieter und korrupte Polizisten Land der Bauern gestohlen haben. Das bietet einen ersten roten Faden durch die Erzählung.

Der andere rote Faden ist eine Darstellung der Ereignisse und Beziehungen zwischen den verschiedenen Etagen des Hauses der Mittelklassenfamilie Gosh, die ihr Vermögen in der Papierherstellung gemacht hat. Obwohl ihre Unternehmen auf dem gesamten Kontinent verbreitet sind, leben sie alle in einem alten Haus in Kalkutta zusammen, der Patriarch und seine Frau in der obersten Etage. Es gibt eine ungeheure Menge an Personen und der Leser braucht eine Weile um all die Männer, Frauen und Kinder auseinander zu halten. (Sehr hilfreich die Ahnentafel am Anfang und das Glossar für bengalische Begriffe am Ende des Buches). Aber die Geschichte ist immer packend, vor allem weil plötzliche Ereignisse unsere ganze Art, wie wir die Welt dieses Buches sehen, sich dann ändert.

Neel Mukherjee hat die Fähigkeit, das Leben anderer zu denken. Er nimmt uns mit in die Köpfe der anderen, bei ihren Gesprächen und Konflikten. Obwohl ein wirklich allwissender Erzähler fehlt, reicht die Phantasie mehr als aus, um den vollen Durchblick zu haben und zu behalten. Eine typische Szene (Seite 468 – 476) ist, als Prafullanath in seinem großen Auto der Marke Ambassador mit einer Menge wütender Arbeiter konfrontiert wird. „ Prafullanath schien auf einer Welle von Wut zu reiten.“ (Seite 471) Mukherjee sieht diesen gefährlich Moment aus jedem Blickwinkel – aus dem der Arbeiter, die für ein Jahr keinen Lohn bekamen, aus der der Fabrikbesitzer, deren Welt aus den Fugen gerät und aus der Sicht von Prafullanaths ängstlichen Söhnen.

Mit diesen und vielen anderen Geschichten und Szenen macht uns der Autor noch und noch Geschenke. Doch er übertreibt nie. Es gibt keine Längen und auch kein Verweilen bei der eigenen Klugheit. Mukherjee hat diese außergewöhnlich Begabung genau zu wissen, was wir wissen müssen, um zu verstehen, was wir lesen.

Natürlich hat sich in den letzten 50 Jahren in Indien manches verändert. Technologische Innovation und wirtschaftliche Entwicklung haben großen Reichtum in einige Teile des Landes gebracht, aber sie haben weiter die Teile der Gesellschaft, die Ureinwohner, die Gemeinden Waldbewohner und Bauern, die außerhalb der Mainstream-Gesellschaft leben, an den Rand gedrängt. „Ganz normale Leute aus der Mittelschicht, wie du und ich, raufen wie Hunde um Essbares.“ (Seite 49)

Neel Mukherjee versucht, mehr Komplexität in diesen Fragen hinein zu bringen und das in einer eindringlichen Geschichte.

Neel Mukherjee schreibt in einer fast altmodisch anmutenden Syntax, die aber überraschend frisch und eindrücklich daherkommt. Er erinnert an Tolstoi und dessen Fähigkeit, eine vielfältige und vielschichtige Reihe von Figuren zum Leben zu zu erwecken, mit einem erstaunlich scharfem Blick auf deren Innenwelten.

Am Ende des Buches, passt keiner von Mukherjee Figuren in eindeutige Kategorien von Heiligen oder Sünder. Reichen oder Armen. Sie haben alle ihre eigene Art von Angst erlebt und sie haben alle mit zum unaufhörlichen Kreislauf der Gewalt beigetragen: die Vermieter, die rigoros mittellose Dorfbewohner unterdrücken, die Bauern,, die brutal ihre Unterdrücker ermorden, Supratnik, der viele Menschen verraten hat; und die Polizisten, die ihn schließlich foltern.

„In anderen Herzen“ ist eine anspruchsvolle Meditation über das Leiden von Menschen, über die Macht gewaltsamer Ideologien als Folge von Ungerechtigkeit. Ebenso zeigt es, wie bedrückend sozioökonomischen Strukturen Menschen brutalisieren können und dass diese Brutalitäten oft zufällig sein können, und ihre Ursachen letztlich schwer zu fassen sind.

Es ist keine bequeme Lektüre, dieser indische Roman.Und nicht wenige indischen Romanciers, hätten sich mit der Fokussierung auf den Haushalt der Familie Gosh zufrieden gegeben, denn er bietet einen treffenden Mikrokosmos der Hindu-Gesellschaft, starr und hierarchisch, durch billige Arbeitskräfte getragen. Neel Mukherjee wählt einen anderen Weg und schafft eine wahre Herausforderung für den Geschmack von Durchschnittslesern, vor allem tritt er dem Charme indischer Romane entgegen, die die bürgerliche indische Kultur in einer verklärten postkolonialen Sichtweise so leicht idealisieren.

Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des Antje Kunstmann Verlages

http://www.kunstmann.de/titel-1-1/in_anderen_herzen-1136/

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