Rezension: Die Verflüchtigten – Thomas Reverdy – Berlin Verlag

Ein Zauber zwischen Traum und Wirklichkeit

Die Verflüchtigten von Thomas Reverdy (Autor), Brigitte Große (Übersetzerin), 320 Seiten,Berlin Verlag (1. März 2016), 19 €, ISBN-13: 978-3827012227

Wer hat nicht schon mal den Wunsch verspürt oder zumindest eine flüchtige Idee, den verrückten Wunsch für immer zu verschwinden, alles hinter sich zu lassen und nie mehr zurückzukehren? Einfach sehr langsam zu verdunsten, wie Morgentau unter dem warmen Atem einer aufgehenden Sonne. Seit dem Tsunami und der Atomkatastrophe im Jahr 2012, sehen viele Japaner keine andere Möglichkeit, als diese Form des Exils. Sie werden „Johatsu“, die Verflüchtigten genannt. Rezession, Schulden bei kriminellen Organisationen, die Krise, Arbeitslosigkeit und das Ausmaß der Katastrophe in Fukushima, haben diese alte Praxis aus der Edo-Zeit als Diebe und Kriminelle sich zu den warmen Quellen am Fuße des Fuji auf machten, um sich zu reinigen und dann in dem warmen Wasserdampf verschwanden.

Diese Möglichkeit wählt auch Kazehiro (Kaze), ein ehrlicher Banker, nach dem skandalösen Spekulationen bei der großen Investmentgesellschaft, für die er arbeitet. Als er irgendwielästig wird, wird er ins Abseits gedrängt und entlassen. Bedroht durch die Unterwelt, ist ihm klar, dass er, um seine Frau zu schützen und sein Leben zu bewahren, jetzt einer der vielen Namenlosen werden müsse.

Als seine Tochter Yukiko die Nachricht von seinem Verschwinden erfährt, fliegt sie, die seit zehn Jahren in den Vereinigten Staaten lebt, sofort nach Japan. Sie wird von ihrem ehemaligen Partner, Detective Richard begleitet, der sich, in der Hoffnung sie zurück zu gewinnen, bereit erklärt hat, ihren Vater für sie zu finden.

Während Yukiko zu ihren Wurzeln zurück kehrt, entdeckt Richard die Komplexität einer interessanten und faszinierenden Welt. Während seiner anonymen Wanderschaft kreuzen Kazes Pfadesich mit Akainu – einem Jungen, der seine Familie im Chaos des Tsunami verloren hat.

Richard, Kaze, Yukiko, Akainu, diese vier Figuren, verkörpern jeder auf seine Weise eine Form der Flucht, zwischen Hoffnung und Angst, auf der Suche nach Liebe, Gerechtigkeit oder Herkunft. Gleichzeitig öffnet uns das Buch die Türen zu einem Land voller Charme undEinzigartigkeit und zum Herzen einer Gesellschaft in ständiger Balance zwischen Tradition und Moderne, auf der Bruchlinie zwischen der Raffinesse und Eleganz und den Regeln der Gewalt r, zwischen der ursprünglichen sozialen Codes und der Attraktivität der Moderne. Wir erleben zwei parallele Universen, die sich überlappen, die miteinander koexistieren, die sich vermischen, ohne jemals völlig zu verschmelzen.

Dieser Roman ist atemberaubend in mehr als einer Hinsicht. Es ist ein Roman mit einem geheimnisvollen Zauber, ein Roman von Dämmerung, Traum und Wirklichkeit. Denn die Geschichte ist in eine zarte und abklingende Atmosphäre getaucht, wo in der Dämmerung die Süße und die Kraft der Verzauberung durch einen bittersüßen Traum durchscheint.

Der Autor beschreibt sehr gut die Entwicklung von Japan nach dem Tsunami, der alles, was ihm im Weg stand wegspülte, nicht nur materielle Güter, sondern auch die Lebensweise, Kultur, ja, eine komplette Zivilisation. Die Menschen, die alles verloren haben, werden Flüchtlingein ihrem eigenen Land.Ohne Melancholie, aber empfindsam auf den höchsten Punkt zeichnet Thomas Reverdy ein Porträt des zeitgenössischen Japan, dämmerig, gequält, in endlosen Krisen, Natur- und Nuklearkatastrophen, der Griff der Yakuza auf die Wirtschaft, die Korruption der Eliten.

Der Roman prangert die unerhörte Ausbeutung menschlicher Not und Elend der Opfer nach der Katastrophe an. Er prangert auch die Korruption der Beamten und den japanischen Staat an, wegen seiner Nähe zur japanischen Mafia „Yakuza“.

Der Stil des Autors ist wie eine schöne, glatte Schrift, sensibel und poetisch, zart und nicht ohne Ironie, klar und wohlklingend, einfach schön, wie ein fein geschliffener Opal. Thomas Reverdy zeichnet sich vor allem in der Technik von Aphorismen aus. Es gelingt ihm zweifellos in ein schönes Porträt des zeitgenössischen Japan zu liefern, diese „moderne“ Japan, das nur ein schwacher Abglanz des „tradionellen“ Japans ist.

Die Verflüchtigten lässt sich sehr gut zu lesen und scheint mir für alle geeignet, die gerne in total andere Vorstellungswelten eintauchen möchten.

Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des Berlin Verlages

http://www.berlinverlag.de/buecher/die-verfluechtigten-isbn-978-3-8270-1222-7

Fragen Sie in Ihrer örtlichen Buchhandlung nach diesem Buch. Wenn Sie in meiner Gegend „Landkreis Merzig-Wadern“ leben, dann wenden Sie sich an die Rote Zora: http://www.rotezora.de

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