Rezension: Die Geschichte meiner Zähne – Valeria Luiselli – Antje Kunstmann Verlag

Dickens + MP3 + Balsac + JPG

Die Geschichte meiner Zähne – Valeria Luiselli (Autorin), Dagmar Ploetz (Übersetzerin), 140 Seiten, Verlag Antje Kunstmann; Auflage: 1 (16. März 2016), 18,95 €, ISBN-13: 978-3956140921

Gustavo Sánchez Sánchez, genannt Carretera, ist Protagonist und Ich-Erzähler. Über sich selbst bekennt er: „Ich bin der beste Auktionator der Welt. Das weiß aber keiner, denn ich bin ein zurückhaltender Mensch.“ (Seite 13) Und dann legt er auch gleich los, mit wenig Zurückhaltung führt er uns unterhaltsam und abwechslungsreich durch die Stationen seines Lebens von der Geburt über die Schulzeit, über verschiedene Arbeitsstellen, über seine Heirat mit Flaca bis zur Geburt seines Sohnes, den sie Ratzinger nannten. Richtig, Ratzinger, nach dem späteren Papst Benedikt XVI, dem damaligen Präfekten der Glaubenskongregation. Und atemlos geht es weiter über seine verschiedenen Beschäftigungsverhältnisse, seinen erfolglosen Bemühungen bis hin zu seiner Erweckung, als er dem Ruf des Schicksals folgt: „Die Kunst der Versteigerung. Erfolg garantiert. Yushimito-Technik.“ (Seite 19)

Das ist ganz kurz das erste Buch. Der Rest des Romans – oder in diesem kollektiven Roman-Essay wie Luiselli es genannt hat – ist in sechs Bücher unterteilt, die jeweils eine andere Version der Geschichte des Protagonisten zeigen. Diese Abschnitte werden durch Funktionen gekennzeichnet, durch die sie von der ursprünglichen Geschichte ( „Parabolische“, „Hyperbolisches“, „Elliptisches“, „Allegorisches“, „Rundgang“ und „Epilog.“) abweichen. Bis zum 5. Buch ist Gustavo Sánchez Sánchez der Icherzähler. Für den Rest wechselt die Erzählerrolle zu Roberto Bàlser, genannt Beto, einen Typen den Gustavo zum Schreiben angeheuert hat.

Das tiefe Thema: Jedes Objekt kann versteigert werden, wobei nicht das Objekt an sich einen Wert hat, sondern die Geschichten, die ihm Wert und Sinn gibt. Es ist aber auch eine Reflexion über die Obsession von Objekten und deren Verselbständigung. Die Erfindung von Geschichten ist die menschliche Eigenschaft par excellence, um die Absurdität dieser Welt zu zeigen. „Die Geschichte meiner Zähne“ ist eine Geschichte, wie Kunst zur Ware wird, und eine Aufzeichnung des eigenen Entstehens.

Das ist die Provokation von Luiselli Roman in diesem Buch: dass gewisse Täuschungen in der Tat realer sind als die „eigentliche“ Wahrheit. Wenn eine gute Geschichte, den Preis eines Objektes bestimmt, dann wird Fiktion der entscheidende Faktor für der Wert. Mit dieser Beziehung zwischen Fiktion und dem Markt, untergräbt Luiselli eine der grundlegendsten Fragen des kapitalistischen Systems. Vor allem, dass der Mensch selbst immer mehr will. „Sie wollten mehr. Es war augenfällig, sie wollten weiter steigern … In Ermanglung weiterer Lose beschloss ich – ein Geniestreich, der auf den mich erfüllenden Enthusiasmus zurückzuführen war – , nun mich selbst zu versteigern.“ (Seite 75)

Was sollte bei einer Ware den Tauschwert bestimmen? Ist ein Preisschild immer „wahr“? Und wenn der Preis nur die Rolle der Geschichten auf dem Markt bestätigt? Dann wird der Wert der Wahrheit fragwürdig und relativ. Und das gilt besonders für den Markt von Kultur und Kunst: Bei Kunstgegenstände, für die es ja oft keine wirkliche Verwendung gibt, ist der Wert im Preisschild verankert. Und da die Arbeit hinter einem Kunstwerk ständig variabel ist (manchmal auch gar nicht vorhandenen), ist ihr Wert einfach das, was jemand dafür bezahlt. Dies gilt zwar für jeden Marktwert, aber das Preisschild auf der Ware „Kunst“ ist bekanntlich abhängig von den Phantasien, die um es herum gesponnen werden. Ohne diesen Rahmen oder die Kunst-Kultur, könnte das so genannte Stück „Kunst“ auch einfach nur ein Stück Müll sein.

„Die Geschichte meiner Zähne“ ist schwer zu kategorisieren: in Zusammenarbeit mit einer Kunstgalerie in der Umgebung von Mexiko-Stadt produziert, ist es vielleicht eher eine Sammlung oder eine Collage als eine stringente Erzählung. Wie eine Kunstausstellung kann ihr Inhalt in mehr als einer Ordnung gesehen werden. Die Gesamtheit muss aufgenommen werden, bevor die Logik seiner Sammlung voll verstanden und geschätzt werden kann. „Die Formel, wenn es sie denn gäbe, könnte in etwa lauten: Dickens + MP3 + Balsac + JPG.“ (Seite 190)

„Die Geschichte meiner Zähne“ ist eine Überraschung vom Anfang bis zum Ende. Als ob wir das Leben anderer Leute lesen: manchmal lächelnd, manchmal mit den Augen anderer, manchmal mit echtem Interesse. Zum einen sind es kontinuierliche, intertextuelle Bezüge durch die Namen von anderen Charaktere und fiktive Erzählung, die die Objekte begleiten. Einige Namen von Charaktere: Cortazar, Ruben Dario, Blau, Ratzinger, Jorge Ibargüengoitia, Plinius, Quintilian oder Ludwig Wittgenstein Sanchez. Zum anderen werden solche Bezüge hergestellt, als er seine Sammlung von Zähnen einiger Prominente verkauft. In der Tat kommen die Zähne von Plato, Augustinus, Franc Petracca, Montaigne, Rousseau, Charles Lamb, Chesterton, Borges und Vila Matas zur Versteigerung. Wir sind daher ständig mit einer ironischen Aneignung dieser philosophischen und literarischen Bezügen konfrontiert.

Diese schwierige Balance zwischen Fiktion und Fiktion in der Fiktion, meistert die Autorin souverän. Insgesamt ist es eine unmögliche Geschichte eines unmöglichen Charakters, mit einer gehörigen Portion schwarzen Humors. „Vater hatte inzwischen keine Zähne mehr. Auch keine Nägel und kein Gesicht: Er wurde vor zwei Jahren verbrannt, und seinem Wunsch gemäß haben meine Mutter und ich seine Asche in die Bucht von Akapulko gestreut.„ (Seite 17)

Valeria Luiselli zeigt eine faszinierende Dimensionen ihres schriftstellerischen Könnens und besonders ihre Fähigkeit, mit subtilem Augenzwinkern Atmosphären voller Rätsel zu schaffen, in denen jede Geste voller Bedeutung ist. Sie kombiniert eindrucksvolle Formulierungsbegabung mit einer kühnen und dreisten Struktur und porträtiert mit Humor, aber auch mit Zärtlichkeit

Hier zeigt sich das Temperament der Autorin, ihren entfesselten Geschmack für Phantasie und Verspieltheit, ihre Freiheit, die, wenn sie nicht in einem runden Roman materialisiert, zu einer Erzählung von schillernden Unvollkommenheit geführt hat. Valeria Luiselli webt in diesem Buch eine Geschichte voller großer Gestaltungskraft mit Humor, Dreistigkeit, Frische und einer Mischung von alltäglichen bis zu bizarren Tönen.

Gut zu lesen gegen mentale Verknöcherung.

Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des Antje Kunstmann Verlages

http://www.kunstmann.de/titel-0-0/die_geschichte_meiner_zaehne-1082/

Fragen Sie in Ihrer örtlichen Buchhandlung nach diesem Buch. Wenn Sie in meiner Gegend „Landkreis Merzig-Wadern“ leben, dann wenden Sie sich an die Rote Zora: http://www.rotezora.de

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