Rezension: In anderen Herzen – Neel Mukherjee – Antje Kunstmann Verlag

Respekt – Gehorsam – Liebe und ein Lavastrom von Wut

In anderen Herzen von Neel Mukherjee (Autor), 600 Seiten, Verlag Antje Kunstmann GmbH; Auflage: 1 (16. März 2016), 26 €, ISBN-13: 978-3956140891

Die Geschichte beginnt im Jahr 1966 mit einer zutiefst schockierend Sequenz, ein Sinnbild für den Zweck des Romans, in dem ein verhungernder Bengali-Bauer seine Frau und Kinder abschlachtet, bevor er sich selbst durch das Trinken Insektiziden tötet. Wir werden dann in eine scheinbar nicht miteinander verbundenen Doppelerzählung entführt.

Die Geschichte spielt in Westbengalen, in Kalkutta und in den Palmenhainen des Dschungels. Sie umfasst die zweite Hälfte der 60er Jahre und konzentriert sich auf die große und relativ reiche Familie Gosh. Es ist klar, „dass die Goshs auf keiner besonders hohen Sprosse der Kastenleiter hocken, umso dankbarer waren sie den paar Leuten, auf die sie herabschauen konnten.“ (Seite 31) Ihr Kopf, Prafullanath, besitzt mehrere Papierfabriken. Der älteste Enkel Supratnik ist schon aus dem Haus und hat sich der CPI, der kommunistischen Partei Indiens angeschlossen. Heimlich arbeitet er daran, die Bauern gegen die Gutsbesitzer zu mobilisieren.

Supratnik schreibt Berichte (Briefe?) an einen mysteriösen Adressaten möglicherweise einen Liebhaber oder ein Familienmitglied (es ist nicht sofort klar) und er erzählt und beschreibt die überwältigende Schönheit und die abgrundtiefe Armut auf dem Land, in dem betrügerische Vermieter und korrupte Polizisten Land der Bauern gestohlen haben. Das bietet einen ersten roten Faden durch die Erzählung.

Der andere rote Faden ist eine Darstellung der Ereignisse und Beziehungen zwischen den verschiedenen Etagen des Hauses der Mittelklassenfamilie Gosh, die ihr Vermögen in der Papierherstellung gemacht hat. Obwohl ihre Unternehmen auf dem gesamten Kontinent verbreitet sind, leben sie alle in einem alten Haus in Kalkutta zusammen, der Patriarch und seine Frau in der obersten Etage. Es gibt eine ungeheure Menge an Personen und der Leser braucht eine Weile um all die Männer, Frauen und Kinder auseinander zu halten. (Sehr hilfreich die Ahnentafel am Anfang und das Glossar für bengalische Begriffe am Ende des Buches). Aber die Geschichte ist immer packend, vor allem weil plötzliche Ereignisse unsere ganze Art, wie wir die Welt dieses Buches sehen, sich dann ändert.

Neel Mukherjee hat die Fähigkeit, das Leben anderer zu denken. Er nimmt uns mit in die Köpfe der anderen, bei ihren Gesprächen und Konflikten. Obwohl ein wirklich allwissender Erzähler fehlt, reicht die Phantasie mehr als aus, um den vollen Durchblick zu haben und zu behalten. Eine typische Szene (Seite 468 – 476) ist, als Prafullanath in seinem großen Auto der Marke Ambassador mit einer Menge wütender Arbeiter konfrontiert wird. „ Prafullanath schien auf einer Welle von Wut zu reiten.“ (Seite 471) Mukherjee sieht diesen gefährlich Moment aus jedem Blickwinkel – aus dem der Arbeiter, die für ein Jahr keinen Lohn bekamen, aus der der Fabrikbesitzer, deren Welt aus den Fugen gerät und aus der Sicht von Prafullanaths ängstlichen Söhnen.

Mit diesen und vielen anderen Geschichten und Szenen macht uns der Autor noch und noch Geschenke. Doch er übertreibt nie. Es gibt keine Längen und auch kein Verweilen bei der eigenen Klugheit. Mukherjee hat diese außergewöhnlich Begabung genau zu wissen, was wir wissen müssen, um zu verstehen, was wir lesen.

Natürlich hat sich in den letzten 50 Jahren in Indien manches verändert. Technologische Innovation und wirtschaftliche Entwicklung haben großen Reichtum in einige Teile des Landes gebracht, aber sie haben weiter die Teile der Gesellschaft, die Ureinwohner, die Gemeinden Waldbewohner und Bauern, die außerhalb der Mainstream-Gesellschaft leben, an den Rand gedrängt. „Ganz normale Leute aus der Mittelschicht, wie du und ich, raufen wie Hunde um Essbares.“ (Seite 49)

Neel Mukherjee versucht, mehr Komplexität in diesen Fragen hinein zu bringen und das in einer eindringlichen Geschichte.

Neel Mukherjee schreibt in einer fast altmodisch anmutenden Syntax, die aber überraschend frisch und eindrücklich daherkommt. Er erinnert an Tolstoi und dessen Fähigkeit, eine vielfältige und vielschichtige Reihe von Figuren zum Leben zu zu erwecken, mit einem erstaunlich scharfem Blick auf deren Innenwelten.

Am Ende des Buches, passt keiner von Mukherjee Figuren in eindeutige Kategorien von Heiligen oder Sünder. Reichen oder Armen. Sie haben alle ihre eigene Art von Angst erlebt und sie haben alle mit zum unaufhörlichen Kreislauf der Gewalt beigetragen: die Vermieter, die rigoros mittellose Dorfbewohner unterdrücken, die Bauern,, die brutal ihre Unterdrücker ermorden, Supratnik, der viele Menschen verraten hat; und die Polizisten, die ihn schließlich foltern.

„In anderen Herzen“ ist eine anspruchsvolle Meditation über das Leiden von Menschen, über die Macht gewaltsamer Ideologien als Folge von Ungerechtigkeit. Ebenso zeigt es, wie bedrückend sozioökonomischen Strukturen Menschen brutalisieren können und dass diese Brutalitäten oft zufällig sein können, und ihre Ursachen letztlich schwer zu fassen sind.

Es ist keine bequeme Lektüre, dieser indische Roman.Und nicht wenige indischen Romanciers, hätten sich mit der Fokussierung auf den Haushalt der Familie Gosh zufrieden gegeben, denn er bietet einen treffenden Mikrokosmos der Hindu-Gesellschaft, starr und hierarchisch, durch billige Arbeitskräfte getragen. Neel Mukherjee wählt einen anderen Weg und schafft eine wahre Herausforderung für den Geschmack von Durchschnittslesern, vor allem tritt er dem Charme indischer Romane entgegen, die die bürgerliche indische Kultur in einer verklärten postkolonialen Sichtweise so leicht idealisieren.

Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des Antje Kunstmann Verlages

http://www.kunstmann.de/titel-1-1/in_anderen_herzen-1136/

Fragen Sie in Ihrer örtlichen Buchhandlung nach diesem Buch. Wenn Sie in meiner Gegend „Landkreis Merzig-Wadern“ leben, dann wenden Sie sich an die Rote Zora: http://www.rotezora.de

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2 Gedanken zu „Rezension: In anderen Herzen – Neel Mukherjee – Antje Kunstmann Verlag

  1. Angelika Chanet

    „Sozioökonomischen Strukturen“, das nennt man glaub ich Kultur. Dieses Buch ist eine wunderbare Beschreibung davon. Aktuell, spannend und deprimierend.

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