Rezension: September – Jean Mattern – Berlin Verlag

Eines Tages müssen wir für alles bezahlen

September von Jean Mattern (Autor), Sabine Müller (Übersetzerin), Holger Fock (Übersetzer), 160 Seiten, Berlin Verlag (17. März 2016), 18 €, ISBN-13: 978-3827012937

Als die BBC ihn fragte, wieder für die Olympischen Spiele in London zu berichten, sieht sich Sebastian, der Journalist mit berühmter Karriere gezwungen, sich mit den Ereignissen von vor 40 Jahren auseinander zu setzen. Ironischerweise ist es die Ankündigung der Weigerung des IOC eine Schweigeminute für die vor vierzig Jahren ermordeten Athleten zu machen, die den Erzähler dazu bringt, den Auftrag nicht an zu nehmen und statt dessen über das zu erzählen, was er nie mit einem Wort erwähnt hatte.

München, September 1972. Sebastian, ein britischer Journalist, jung, verheiratet, eine Karriere bei der BBC beginnend, ist verantwortlich für Hintergrundberichte über die Atmosphäre im Olympischen Dorf und auch in Deutschland zu den olympischen Spielen. Dort trifft er den amerikanischen Journalisten Sam. Obwohl Sebastian heterosexuell ist, wird ihm schon bei ihrer ersten Begegnung klar, dass es zu einer intimen Beziehung kommen muss. Es entwickelt sich eine Beziehung zwischen Verführung und Kälte. „Ich wusste, dass ich für immer verändert sein würde durch diese Reise, die mich viel weiter geführt hatte als nur bis München, durch diese Begegnung, die mich endlich die Bedeutung des oft gelesenen, aber nie verstandenen Wort Raptus erfassen ließ.“ (Seite 57)

Jean Mattern zeigt uns das alltägliche Geschäft der akkreditierten Journalisten. Aber plötzlich, nimmt die Geschichte einen anderen Lauf. Ein palästinensisches Kommando bricht in die Wohnung der israelischen Delegation ein. Schwarzer September, so nennen sie sich selbst nehmen die Israelis als Geiseln. Es gibt erste Tote. Der olympische Traum zerbricht.

Jetzt mischt er sehr gekonnt die intime Geschichte und die kollektive Geschichte. Er fängt die beunruhigende und seltsame Atmosphäre jener Stunden ein, diese Livetragödie, mit seinen öffentlichen bizarren Reaktionen, Stimmen aus dem Volk, Eindrücke der Journalisten bis zum Fiasko der versuchten Geiselbefreiung in Fürstenfeldbruck; elf israelische Sportler und ein deutscher Polizist ermordet. Siebzehn Tote. Eine makabre Bilanz. „Es ist schlimmer als alles, was wir uns hätten ausmalen können.“ (Seite 117)

September ist eine erfolgreiche Darstellung echter Ereignisse, gemischt mit einfallsreicher Erzählung. Mit der Geschichte des Erzählers, die er bisher in seinem Gedächtnis vergraben hat. Zwei Geschichten tatsächlich. Die sich um die große Frage drehen: Wer beeinflusst entscheidend sein Leben: die große Geschichte des Angriffs oder die intime. Vierzig Jahre später, bleibt das Schweigen der gemeinsame Nenner dieser beiden ineinander verschlungenen Geschichten.

Jean Mattern schreibt auf hohe Niveau: präzise, ​​diskret, mit Lebenserfahrung: Sehr sachliche Passagen ohne Adjektiv einer starken, aber diskreten Dokumentation, in einem einfachen Stil geschrieben, klar und flüssig und andererseits hoch emotional, wo man fühlt wie die Zeit zerrinnt. Die Struktur des Textes erinnert mich an griechische Tragödien. Die Figuren selbst sind tragisch, weil sie durch eine höhere Kraft überwältigt, ein Schicksal erleiden, das sie schrecklich menschlich macht.

Jean Mattern liefert uns eine clevere Konstruktion aus Fiktion und Realität, subjektiv und voller Emotionen. Und das ist die Stärke dieses Romans: die Qualität der Dokumentation und der permanente Satz von parallelen Gateways in Zeit und Spiegeleffekte. Ein kurzer, intensiver Roman, ein historisches Drama, die Geschichte von fünfzehn intensiven und unvergesslichen Tagen, die über die Unvollkommenheit des Lebens erzählt und die Aufrichtigkeit zu den Tatsachen und den Gefühlen fordert.

Geschrieben ohne Schnörkel, perfekt dokumentiert, ist dieser Roman schockierend in mehr als einer Hinsicht. Empfehlenswert für alle, die Geschichte, Olympia, aber auch die Geschichte von Menschen und ihren Beziehungen lieben.

Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des Berlin Verlages

http://www.berlinverlag.de/buecher/september-isbn-978-3-8270-1293-7

Fragen Sie in Ihrer örtlichen Buchhandlung nach diesem Buch. Wenn Sie in meiner Gegend „Landkreis Merzig-Wadern“ leben, dann wenden Sie sich an die Rote Zora: http://www.rotezora.de

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s