Das neue Projekt … oder von der Schwierigkeit des Anfangens

Das neue Projekt

…. oder von der Schwierigkeit des Anfangens

7.15 Uhr So. Eine letzte Tasse Kaffee und dann erst mal in Ruhe die Zeitung lesen. Vielleicht finde ich ja dort eine gute Formulierung, mit der ich beginnen kann, oder eine interessante Nachricht, aus der was zu machen ist.

8.13 Verdammt, man müsste früher aufstehen. In der Zeitung??? Keine Spur einer Anregung. Na ja … macht nichts. Da ist doch am Samstag das neue Textverarbeitungsprogramm von Ewald gekommen. Soll gut sein. Werde ich gleich mal installieren. Denn wenn ich schon die neue Woche mit einem neuen Plan fürs Schreiben beginne, 70 Seiten sollen es in dieser Woche werden, 10 Seiten am Tag, in 5 Stunden, von 7 Uhr bis Mittag. Also, wenn schon denn schon, dann gleich mit dem richtigen Schreibprogramm.

9.32 Es ist wie verhext. Alles richtig gemacht und trotzdem funktioniert dieses verflixte Programm nicht. Ich ruf mal Ewald an. Besetzt. Neu wählen. Wieder besetzt. Neu wählen wieder besetzt. Mit wem redet der bloß so lange? Wahlwiederholung einschalten? Tüt Tüt Tüt

9.46 Endlich … Ewalds Frau ist dran. – „Wo ist denn Ewald?“ – „Der schreibt, darf nicht gestört werden.“ – „Ich melde` mich dann später.“ … Dieser eingebildete Schnösel. Noch nicht mal auf die besten Freunde ist Verlass. Wie soll man da zu was kommen. Na dann muss es eben diese Woche noch das alte Schreibprogramm tun. Außerdem, am Telefon so ne schwierige Sache zu behandeln. Am besten ich geh heute Nachmittag zu Ewald rüber und lass es mir erklären. Oder Morgen. Oder, wenn Ewald wieder hier ist. Wollten wir nicht am Donnerstag … Wo ist denn mein Terminkalender. Ich wühle den Stoß an Zeitungen, Papieren, Büchern auf meinem Arbeitstisch um … ach da ist ja noch die Literarische Monatsschau. Wieso Ausgabe Januar? Jetzt haben wir Mai? Wieso hab ich die noch nicht gelesen. Nur mal schnell einen kurzen Blick rein werfen …

10.51 Na, was die wieder an Themen haben. Eigentlich müsste man sie abbestellen. Aber wer weiß, von Ewald haben sie schließlich auch mal was veröffentlicht. So jetzt aber … Ist ja auch ein schwieriges Thema, das ich mir vorgenommen habe. Kein Wunder, dass ich keinen Anfang finde. Gut … Ewald hatte mich auch vor der Vielschichtigkeit des Stoffes gewarnt. Aber der sieht ja eh alles schwarz und ist ein hoffnungsloser Pessimist. Obwohl im Herbst … da hat er auch Recht behalten … nach 6 Monaten Recherche und vergeblichen Ansätzen hatte ich eine hoffnungsvolle Idee begraben, im buchstäblichen Sinn, ganz unten begraben in den alten Aktenschrank unter die drei Ordner von Opa. Opas Ordner? Da waren doch diese Haushaltsnotizen über Ein- und Ausgaben drin. Das gab doch immer gute Ansätze, wenn man von früher erzählt und damit anfängt.

11.28 Wo waren nur diese blöden Aufzeichnungen. Ich hätte schwören können, sie waren immer in einem dieser drei Ordner. Hatte Hilde bestimmt raus genommen. Ich muss nochmals mit ihr ein ernstes Wort reden, dass sie nicht immer in meine Ordnung eingreifen sollte. Das Telefon schrillt. „Jaaa???? …“ Ewald ist dran, sagte“ meine Frau, „du hättest vorhin angerufen“. „Nee, das hat sich erledigt, ist zu schwierig am Telefon. Außerdem, ich bin mittendrin in einer äußerst kreativen Phase, du weißt, dass du mich nicht stören solltest. Sag Ewald ich käme auf ihn zu, aber heute bestimmt nicht mehr, ich bin gerade mittendrin und das will ich ausnutzen.“

11.47 Welchen Titel sollte mein neues Werk überhaupt haben? Schwierige Frage. Aber entscheidend. So ein guter Titel gab ja direkt richtigen Schwung. Wenn man ihn denn hätte. Vielleicht wäre es auch besser, den Titel ganz am Schluss zu suchen. Dann würde er mit Sicherheit viel treffender. Bis dahin müsste nur ein Arbeitstitel her. Wie wäre es mit Projekt 007. „Ha hä … Du kleiner Plagiator du …“ Am besten … ja es ist ja das erste Projekt dieses Jahres … also Projekt No. 1 … oder doch Projekt No. 01. Es könnte ja sein, dass man mehr als 10 Projekte in diesem Jahr begänne und dann bräuchte man ja eine zweistellige Projektnummer. Oder ich könnte ein B vorne dran setzen B für Belletristik, dann K für Kurzgeschichten, S für Sachbuch. Das muss ich direkt festhalten … guter Gedanke. Ich greife mir ein Blatt, einen Bleistift … ohhh, den Bleistift erst mal spitzen.

12.00 Was? Schon Mittag. Na ja … Punkt 12 hatte Konsalik auch immer Schluss mit Schreiben gemacht. So hatte ich es wenigstens mal gelesen. War ja auch einleuchtend. Morgens schreiben von 7 bis 12 und dann am Nachmittag: Genießen, neue Ideen tanken, gedanklich vorbereiten für den neuen Tag. Austausch suchen. Außerdem ist das ein herrliches Wetter draußen. Und ganz zart zieht doch der Duft eines schönen Schweinebratens in mein Arbeitszimmer.

Na, so schlecht ist der erste Tag für mein neues Projekt doch gar nicht gelaufen.

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