Rezension: Andersen – Charles Lewinsky – Nagel & Kimche

Und was, wenn es weiterginge?

Andersen – Charles Lewinsky (Autor), 400 Seiten, Verlag Nagel & Kimche AG (14. März 2016), 24,90 €, ISBN-13: 978-3312006892

„Dunkel. Nicht das kalte, fugenlose Dunkel einer Zelle. Eine warme Dunkelheit. Ich weiss nicht, wo ich bin“. (Seite 11)

Das ist der allererste Satz, den wir von Jonas, dem Ich-Erzähler, erfahren. Und erst langsam begreifen wir: Er steckt noch im Mutterbauch, ist ein Embryo. Aber ein Ungeborenes weiß doch noch nicht, was eine Zelle ist. Wie also kann er den Uterus mit einem Gefängnis vergleichen?

Das ist die Grundidee hinter Andersen: ein Fötus mit den vollständigen Erinnerungen eines Erwachsenen.

Und hier kommen wir zum Titel: Andersen ist ein falscher Name, seine Identität ist konstruiert, seine Biografie komplett erfunden. „Ich weiß alles, was Andersen wüsste, wenn es Andersen gäbe.“ (Seite 18) Das ist nötig, weil der Träger dieses neuen Namens, wie wir bald sehen, kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges die Seiten wechselte. Der Mann, der als Andersen neu beginnen will, war Verhör-, also Folterspezialist wohl bei der Gestapo (wiewohl diese Namen nicht fallen). „Ich war der Beste meines Faches“, erinnert er sich stolz, was aber unter den neuen Verhältnissen keiner wissen darf.

Dieser Roman ist ein Experiment: Der Mann, der Andersen sein will, erwacht als Fötus im Bauch seiner Mutter. So etwas hat bisher noch niemand geschrieben. Ein ungeborenes Kind, das denkt und erzählt. Also ist er ein Wiedergeborener, der mit dem vollen Erkenntnis- und Erfahrungsschatz seines früheren Lebens in das neue startet. Er kommt als Jonas zur Welt, ein seltsames Baby, von dem seine Eltern manchmal sogar glauben, den wissenden Blick eines Greises in seinem Gesicht zu entdecken. Und es beginnt eine Geschichte über menschliche Niedertracht, eine Parabel über das Böse – abgründig und erschreckend.

Rasant, klug und mit gerissenem Witz erzählt Charles Lewinsky die Geschichte eines Mannes, der eine zweite Chance bekommt. Und eine dritte. Wie er sie nutzt, lässt das Blut bis in die nächste Generation gefrieren. Denn eine Regung des Guten erträgt das Böse nicht. Beklemmend und komisch zugleich.

Das Buch wirft bei jedem Leser automatisch Fragen auf: Woher kommen unsere Einstellungen? Wie viel Leben haben wir? Und wenn wir mehrere Leben haben, leben wir sie nebeneinander oder nacheinander? Weiß ein Leben von dem anderen? Kommen wir mit einer unauslöschlichen Vorprägung auf die Welt? Werden wir im Leben nur der, der wir schon sind? Was wäre, wenn es weiterginge? Nicht im Himmel, sondern hier auf der Erde?

Ein äußerst reizvoller origineller Ansatz den Charles Lewinsky hier wählt. Und, obwohl Andersen ein ganz und gar unerfreulicher Charakter ist, wird er Sie faszinieren. Unbedingt lesen.

Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des Hanser Verlages

http://www.hanser-literaturverlage.de/buch/andersen/978-3-312-00689-2/

Fragen Sie in Ihrer örtlichen Buchhandlung nach diesem Buch. Wenn Sie in meiner Gegend „Landkreis Merzig-Wadern“ leben, dann wenden Sie sich an die Rote Zora: http://www.rotezora.de

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