Archiv für den Monat April 2016

Rezension: Die Raben – Tomas Bannerhed – btb Verlag

Rabe: Habicht der Wunden – Gesandter des Sensenmanns.

Die Raben – Tomas Bannerhed (Autor),Paul Berf (Übersetzer), 448 Seiten, btb Verlag (2. März 2015), 21,99 €, ISBN-13: 978-3442753925

Klas ist ein 12 Jahre alter Knabe, eingebunden in die Generationenkette Smålander Kleinbauern, die seit ewigen Zeiten ihre Nasen über den Boden beugen. Das Dilemma von Klas ist, dass er seine Nase in die Luft reckt zu den Vögeln. Mir scheint er wie ein Kuckuck, der von der Arbeit anderer lebt. Das Gefühl der Schuld, die Angst, der Sünde der Trägheit beschuldigt zu werden, lasten auf ihm. Zum anderen trägt er die Last auf seinen Schultern, einen Vater zu ertragen, der sich selbst nicht ertragen kann, dessen Depression dem Jungen ebenso bedrohlich erscheint, wie die Anforderung den Hof zu übernehmen.

Die Familie ist verwundbar. Die Mutter ist bewundernswert in ihren endlosen Versuchen ihren Kindern Wärme und wenig Freude, eine Art von Normalität zu geben, während der Vater zunehmend fremder wird.

Mich haben die Vogelbeschreibungen sehr beeindruckt. Blaumeisen, Grünfinken, Gimpel, Sumpfsänger und Schafstelzen werden in ihrer Art und in ihrem Verhalten so sorgfältig dargestellt, dass man meinen könnte, der Autor wolle uns in einen tropischen, exotischen Dschungel führen.

„Die Raben“ ist eine subtile Geschichte über Generationenkonflikte, Bruch mit Traditionen, Verlierer des Strukturwandels, über existentielle Bedrohungen und Einsamkeit, über das Gefühl, nicht dazu zu gehören. Vor allem eine Geschichte über den Wunsch mit dem Schicksal zu brechen, ohne konkrete Vorstellungen, aber zumindest mit dem inneren Wunsch, eigene Entscheidungen im Leben zu treffen. „Seht ihr, dass ich fliege? Der Faulpelz vom Hof Altenteil, der nie einen Finger krumm gemacht hat.?“ (Seite 431)

Eine sehr starke und ehrliche Geschichte. Es ist schwer zu glauben, dass „Die Raben“ wirklich ein Debütroman ist. Es ist ein reifer Schriftsteller, der uns diese unglaublich interessant, lebensechte und phantastische Geschichte aus dem 1970er Jahren von vergangenen Zeiten und Orten, die sowohl fremd als auch vertraut sind, nahe bringt.

Tomas Bannerheds Prosa ist außergewöhnlich reif. Etwas steckt in allem, was geschrieben ist: Eine fast unerträgliche Spannung, manchmal dunkel und bedrohlich. Kein Schnickschnack, kein Bauernland Kitsch. Einfach bemerkenswert, in Stil und Technik.

Für alle, die mit einer gewissen Grundmelancholie zurecht kommen und die anspruchsvolle Literatur mögen, sind hier genau richtig.

Übrigens: „Was die Raben haben wollen, das holen sie sich. […] Mehr gibt es dazu nicht zu sagen.“ (Seite 313)

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Rezension: Tod in Weimar – Dominique Horwitz – Knaus Verlag

Der Tod lächelt uns alle an

Tod in Weimar – Dominique Horwitz, 288 Seiten, Albrecht Knaus Verlag (17. August 2015), 19,99 €, ISBN-13: 978-3813506631

Vor kurzem hatte ich das Vergnügen Dominique Horwitz an einem seiner Brel-Abende als Sänger zu genießen. Dynamisch, sinnlich, dramatisch, anrührend, bedingungslos leidenschaftlich, frech, witzig, mitreißend – ein unvergessliches Erlebnis.

Da kam mir sein Debüt-Roman „Tod in Weimar“ gerade recht. Um es kurz und knapp auszudrücken: Dominique Horwitz schreibt genauso wie er singt.

Um was geht es: Roman Kaminski, ein Eremit und Eigenbrötler, war ehemals Schauspieler. Jetzt lebt er als Kutscher und Reiseführer in Weimar. Dort gibt es die Villa Gründgens, ein Alterssitz für Bühnenkünstler. Und dann stirbt auf einmal der Hausmeister dieser Seniorenresidenz. Trixi Muffinger, die Leiterin, bittet Roman Kaminiski dessen Aufgaben zu übernehmen. Doch irgendetwas scheint nicht zu stimmen: plötzlich stirbt einer nach dem anderen. Was geht hier vor sich? Welche Rolle spielt der Arzt des Hauses? Und was hat Trixi Muffinger zu verbergen? Kaminski ermittelt auf eigene Faust.

Die teils skurrilen Charaktere sind herrlich skizziert. Ob die Leiterin der Villa Gründgens, Trixi Muffinger oder Laura Hartmann, die Wirtin der Wilhelm-Meister-Schänke; ob Mucken-Michi oder der olle Bamberger, und nicht zu vergessen die köstlichen alten Villa-Insassen von der Staatsschauspielerin Elfriede Sasse über Wuttke, die Stimme des Volkes bis hin zu Oberst Lehndorff, die Rache der Vertriebenen und Werktätigen, bei allen weiss Dominique Horwitz wovon er redet. Einfach lebensecht und mit Tiefgang. Besonders gelungen scheint mir Roman Kaminski zu sein. In ihm steckt viel von Dominique Horwitz. Nicht nur vom Äußeren her. „Die abstehenden Ohren und das kurz geschorene Haar machten ihn allerdings nicht gerade zu einem George Clooney.“ (Seite 14) Und natürlich Frettchen, ein 14-jähriges Mädchen. Aber lesen sie selbst.

Dominique Horwitz erfreut seine Leser mit einer sehr guten Geschichte um Liebe, Tod, Alter, Politik und Vergangenheit. Das ganz wohl verpackt in die klassische Kulisse von Weimar. Und der Lokalkolorit dieser Stadt ist dem Autor besonders gut gelungen.

Der Roman ist gut aufgebaut, weitgehend aus Sicht des Kutschers/Hausmeisters Roman Kaminski erzählt. So ist der Leser immer genau auf der Höhe des Geschehens, ohne mehr zu wissen als der Erzähler. Das Buch führt uns auf viele falsche Fährten bis hin zum überraschenden Ende.

Eine gute Mischung aus Spannung und Unterhaltung. Frech und witzig. Humorvolle und doppelsinnig. Abwechslungsreich, spannend, mit viel Herz und augenzwinkernder Ironie.

Dominique Horwitz ist Schauspieler und Sänger, Vorleser und Regisseur. Jetzt auch Autor. Und alles kann er gleich gut. Ich freue mich auf die Fortsetzungen seiner „Schreibe.“

Ein ausgesprochenes Lesevergnügen mit hinreißenden Dialogen. Sehr zu empfehlen.

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Rezension: Unterleuten – Juli Zeh – Luchterhand Verlag

Alle wollen das Beste. Trotzdem passiert Schreckliches.

Unterleuten – Juli Zeh, 640 Seiten, Luchterhand Literaturverlag (8. März 2016), 24,99 €, ISBN-13: 978-3630874876

Unterleuten, ein fiktives Dorf in der Priegnitz im westlichen Brandenburg, eine perfekte Idylle? Dieser Mikrokosmos ist überschaubar, die Charaktere und die Konflikte ebenfalls. Neider und alte Kommunisten gibt es, Großstadtflüchter und Naturnaivlinge aus Berlin, eine sehr taffe Pferdenärrin und dann noch ein schwerreicher Investor aus Bayern. Also alles bereit für Krieg auf dem Dorf, in dem es um Nutzflächen, um Windräder und viel Geld, aber auch um DDR-Geschichte, Ehefrustrationen, Abhängigkeiten und einfach nur um Neurosen und Verrücktheiten geht, wie sie auf dem Dorf ja auch blühen: so wie bei der kleinen dürren Frau mit den unzähligen Katzen, die als Geliebte des Großbauern gilt und praktischerweise direkt neben ihm wohnt.

Streit ist vorprogrammiert bei diesem vielfältigen Personal aus Alteingesessenen und Zugezogenen: enthusiastische Zugezogene aus Berlin, frustrierte Wendeverlierer und schrullige Ossis. Und auch die enorm vielen großen und kleinen Themen bergen ihren Zündstoff:Landflucht, Ehekrisen, Kapitalismuskritik, DDR, Überwachungsstaat, Geschlechterkonflikte. Konflikte um altes und neues Unrecht, um Untreue, Eifersucht und verpasstes Glück steigern sich zum echten Thriller. und es gibt viele Stellen, die man sich anstreichen möchte, weil die Figuren so pointiert formulieren. Die Geschichte in Kurzform: Exkommunist gegen Neukapitalist.

Juli Zeh erzählt kapitelweise in wechselnden Perspektiven. Dadurch gelingt es ihr, sie aus der Innen- und Außenperspektive zu zeigen, mal massiv unsympathisch, mal gezeichnet vom Schicksal und höchst bemitleidenswert. Diese Perspektivenwechsel machen den eigentlichen Reiz des Romans aus, der ganz auf Handlung und psychologische, sehr pointierte Figurenzeichnung setzt.

Herausgekommen ist ein kulturkritischer Gegenwartsroman. Viel Sachkenntnis,perfekte Recherche wird mit Spannung vereint. Die großen Konflikte werden im Kleinen ausgearbeitet und gezeigt. Eine sehr gelungene Sozialstudie eines Brandenburger Dorfes, das typisch für viele deutsche Landschaften ist. Juli Zeh weiss wovon sie schreibt. Sie lebt in der Gegen und kennt die Psyche solcher Orte aus eigener Anschauung.

Die Sprache des Romans würde ich als eher konventionell bezeichnen. Aber die Sprache ist dem Dorf und der Sache durchaus angemessen. Juli Zeh hat ein besonderes Händchen für Handlungsführung und Figurenpsychologie. Und vor allem zeigt sie die Schwächen unseres Landes und auch unserer Zeit schonungslos auf.

Mitreißend geschrieben, lebendig und spannend – ein großer Roman. Juli Zeh entwickelt sich langsam aber sicher zu einer großen Erzählerin. Unbedingt lesen. Ein ganz großer Wurf.

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Rezension: Das Schweigen der Männer – Dasa Szekely – Blanvalet Verlag

Gegen Hierarchien und Schubladendenken.

Das Schweigen der Männer – Dasa Szekely (Autorin), 288 Seiten, Blanvalet Verlag (21. März 2016), 16,99 €, ISBN-13: 978-3764505523

Titel und Klappentext lassen zunächst an das übliche „Männer-Bashing“ denken. Doch das Buch und der Ansatz von Dasa Szekely geht tiefer und ist wesentlich umfassender.

Sehr treffend charakterisiert die Autorin die Männer (irgendwo zwischen 40 und 55) als Scheinerwachsene und zeigt es an Hand vieler Beispiele wie unbewusstes Übertreiben von Verhalten, starker Hang zum Risiko und unbegründete Zuversicht. Dieser Gruppe stellt sie die Opportunisten gegenüber, die keine eigene Meinung haben. Beides, so Dasa Szekely, liege am fehlenden stabilen Selbstwert.

Männer sind also kindisch, ängstlich, ignorant, größenwahnsinnig und krankheitsanfälliger als Frauen. Und sie belegt die Folgen: Männer sterben im Schnitt fünf Jahre früher als Frauen, sie leiden fast doppelt so häufig unter Herzkreislauf-Erkrankungen. Unter den Dicken gibt es mehr Männer (62 Prozent) als Frauen (43 Prozent). Alkoholmissbrauch ist bei Männern bis fünfmal häufiger als bei Frauen. 61 Prozent der Raucher sind Männer. Zwei Drittel bis drei Viertel aller Suizidopfer sind Männer, und Experten gehen davon aus, dass etwa 80 Prozent davon zuvor eine Depression hatten. Die Zuwachsraten bei Diabetes sind unter Männern deutlich höher als bei Frauen.

Männer sehen, fühlen, ahnen durchaus diese Probleme, aber sie schweigen lieber, so können sie weiter verdrängen, vermeiden und brauchen keine Verantwortung für sich selbst zu übernehmen. Das Schweigen der Männer heißt ja: Verdrängen, Vermeiden, keine Verantwortung für sich selbst übernehmen.

Also: „Fangt an zu reden, stellt euch den Problemen. Gebt ehrliche Antworten auf die Frage, wie es euch geht“, sagt Dasa Szekely.

Als Quintessenz sehe ich, dass Männer und Frauen sich gleichberechtigt und auf Augenhöhe begegnen sollten. Augenhöhe entsteht aber nur dann, wenn jemand seinen eigenen Standpunkt zur Disposition stellt. Und das müssen beide Seiten tun. Und beide Seiten müssen reden, vor allem miteinander: Wie will ich als Mann/Frau sein? Also in ein offenes Gespräch über sich und die Frauen mit sich UND den Frauen treten .

Der Autorin geht es aber nicht nur um das Rollenverständnis von Mann oder Frau. Es geht in der Tiefe des Buches um die Organisation unserer Gesellschaft, um den Abschied vom hierarchischen Denken und Organisieren.

Dasa Szekely bringt das alles umfassend auf den Punkt. Sie schreibt flüssig, sehr unterhaltsam und sehr verständlich.

Das Buch ist für alle ein Muss. Eine ganz hervorragende Lektüre für Männer UND Frauen.

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Rezension: Die Markus-Version – Péter Esterházy – Hanser Verlag

Alle sind sie einsam, sogar Gott.

Die Markus-Version: Einfache Geschichte Komma hundert Seiten – Péter Esterházy (Autor), Heike Flemming (Übersetzerin) 112 Seiten, Verlag: Hanser Berlin (14. März 2016), 16,90 €, ISBN-13: 978-3446250734

Esterházy erzählt die Geschichte aus der Perspektive eines scheinbar taubstummen Jungen, der mit seiner Familie unter Stalin zwangsweise von Budapest aufs Land zu einem „Kulak“, einem Großbauern, in ein einziges großes quadratisches Zimmer umgesiedelt wurde und dessen hauptsächliches Vergnügen es ist, sich von der Großmutter Bibelgeschichten anzuhören, aus denen er anschließend Fragmente in sein Heft kritzelt.

Eine Familiengeschichte während der Nachkriegszeit und dem Sozialismus in Ungarn, mit allem, was dazugehört, auch Mord und Totschlag. Und immer wieder wird die Leidensgeschichte aus dem Markus-Evangelium eingeflochten und vor allem auch über die Rätselhaftigkeit Gottes, insbesondere mit Blick auf den Holocaust nachgedacht. Kurze, schlaglichtartigen Szenen kennzeichnen den Aufbau: Mal taucht die Großmutter auf, mal betreut Mari, eine junge Nachbarin den Knaben. Mal lernen wir den Hof und das Dorf kennen. Mal bekommen wir atmosphärisch-dichte Milieuschilderungen des schon morgens Schnaps trinkenden Vaters oder der vom Schlag getroffenen, schließlich sterbenden Großmutter oder des von der Polizei abgeholten Großbauern.

Esterházy liefert eine Fülle von Szenen, Momenten, Erlebnissen, Erfahrungen, Begebenheiten, Hoffnungen, Zweifeln und Wünschen, die den Leser immer wieder innehalten lassen und einfach zum Nachdenken zwingen.

Die Seiten sind durchnummeriert, die Texte bestehen mal nur aus einer Zeile , mal sind es ein bis zwei Seiten. Manchmal liegt einem Text ein nicht gekennzeichnetes Zitat aus dem Markusevangelium zugrunde, ein anderes Mal wird ein ganzer Absatz zitiert. Die Seite 100 kommt dreimal vor. Dann folgt ein Anhang. Mit feiner Ironie werden Anspielungen, Zitate, Ideen, Quellen des Haupttextes offengelegt.

Was hat das Ganze jetzt mit dem Markusevangelium zu tun? Die Besonderheit des Markusevangeliums liegt darin, dass es unvermittelt, also ohne einen Prolog oder Berichte über Geburt und Kindheit Jesu, einfach die Taten des Herrn berichtet. Es beginnt mit dem Auftreten Johannes d. Täufer (Mk 1,1-13) und endet mit der Auffindung des leeren Grabes am Ostermorgen (Mk 16,1-8). Die Grundidee des Markusevangeliums ist die Erfahrung der Jünger mit Jesus und die Frage: »Wer ist dieser?» Diese Frage durchzieht das ganze Evangelium. Und auch diese Frage durchzieht den gesamten Roman von Péter Esterházy.

Die Themen drehen sich um ein Thema: Wer ist Gott? „Wer bist du, mein Herr, und wer bin ich?“ (Seite 82) Wie ist Gott? „…trauriger, glücklicher Gott, einsamer, merkwürdiger, stutzig machender, unergründlicher, schweigsamer, unglückseliger und lächerlicher, allmächtiger, zusammengerechneter“ Gott. (Seite 99) Über das Leiden: „Ständig wird jemand geboren, und dann kommt sein Leiden zu Christi Leiden dazu.“ (Seite 37) Über die Sünde: „Die Großmutter braucht deshalb die Pharisäer, wegen der Sünde, damit sie die Sünde zeigen kann.“ (Seite 65)

Einfach ist „Die Markus-Version“ nicht, dafür aber großartig und auf vertrackte Weise heiter, ja raffiniert. Eine Delikatesse für literarische Genießer.

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http://www.hanser-literaturverlage.de/buch/die-markus-version/978-3-446-25073-4/

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Rezension: Krötenliebe – Julya Rabinowich – Hanser Verlage

Verstrickungen, Verrat und Genie

Krötenliebe – Julya Rabinowich 112 Seiten, Verlag: Deuticke, (14. März 2016), 16,90 €, ISBN-13: 978-3446250734

Alma Mahler, Oskar Kokoschka und Paul Kammerer sind die Protagonisten im neuen Roman „Krötenliebe“ von Julya Rabinowich. Sie schreibt keine Biographie. Kenner der drei Personen erfahren kaum etwas biographisches, was sie nicht schon wussten.

Alma Mahler-Werfel ist ein Mythos der Wiener Moderne, schön und biestig zugleich, oder wie Julya Rabinowich sagt: „die Schöne, die ein größeres Biest als das Biest ist“. Berühmt wurde sie als Geliebte und Gattin berühmter Männer, vom Komponisten Gustav Mahler über den Maler Oskar Kokoschka bis zum Schriftsteller Franz Werfel. In der Nähe der berühmten Witwe wurden Männer zu Hysterikern und romantische Liebhaber entwickelten sich zu Stalkern.

Die Autorin konzentriert sich in dieser biografischen Erzählung auf die heißesten Jahre dieses bewegten Lebens und verknüpft die gut dokumentierte Kokoschka-Affäre, die 1912, wenige Jahre nach Mahlers Tod, begann, mit einem zeitgleichen Techtelmechtel.

Almas Stiefvater Carl Moll gehörte zu den Förderern des expressionistischen Malers Oskar Kokoschka. Er beauftragte ihn unter anderem, ein Porträt seiner Stieftochter anzufertigen. Noch während des Abendessens am 12. April 1912, bei dem Carl Moll ihm Alma Mahler vorstellte, verliebte sich Kokoschka in die Witwe. Nach dem Ende der Beziehung wird Kokoschka Alma als Puppe nachbilden lassen, ein spätes Symbol der verrückten Liebe.

Im Biologielabor von Paul Kammerer arbeitete Alma als Assistentin. Der Wissenschaftler hatte auf Grundlage von Experimenten mit Geburtshelferkröten eine Theorie der Umwelteinflüsse entwickelt, die Darwins Vererbungslehre diametral entgegengesetzt war. Er verehrte Alma Mahler in exzessiver Weise und drohte mehrfach, sich am Grabe Gustav Mahlers zu erschießen, sollte sie seine Liebe nicht erwidern. Der Biologe beschnüffelte und streichelte im Kaffeehaus den Sessel, als Alma von dort aufgestanden war. Unter dem Verdacht, seine experimentellen Ergebnisse gefälscht zu haben, nahm sich Kammerer 1926 das Leben.

Alle drei gehörten zur besten Wiener Gesellschaft. Sie waren Teil des Wiener Kosmos. Ein berühmter Maler, ein unglücklicher Biologe und die Femme fatale der Wiener Kunstszene – das ist das illustre Personal des Biographie-Romans, der die Verstrickungen und Sehnsüchte dreier Grenzgänger zeigt. Julya Rabinowich verkehrt die üblichen gesellschaftlichen Rollen. Statt nachgiebige Frau und männliches Genie zeigt sie die Muse (Alma) als die eigentliche Schöpferin dar.

Wie gesagt, biographisch nichts Neues. Aber neu ist dies Kombination: Kokoschka, Kammerer und Alma. Überzeugend, die Fülle skurriler Details, aber auch die besondere Atmosphäre der damaligen Zeit. Realität und fiktive Szenen vereinigen sich zu einem charmanten Roman voller Leidenschaft und Erotik. Ungemein elegant geschrieben. Julya Rabinowich als allwissende Erzählerin springt kapitelweise zwischen Figuren und Zeiten hin und her und lässt immer Vorgeschichte und späteres historisches Geschehen einfließe. Sie erzählt dramatisch, lyrisch und mit Empathie.

Für mich ist das Buch vor allem ein Beitrag, Wiens Vergangenheit – die künstlerische und politische – besser zu begreifen. Gönnen Sie sich das Vergnügen dieses aufregenden und einmaligen Treffens.

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Rezension: Schakale in Shanghai – Xiaolong Qiu – Paul Zsolnay Verlag

Erscheint am Horizont eine andere Kulturrevolution?

Schakale in Shanghai -Xiaolong Qiu (Autor), Susanne Hornfeck (Übersetzerin)320 Seiten, Verlag: Paul Zsolnay Verlag (22. Februar 2016), 19,90 €, ISBN-13: 978-3552057708

Nach vielen Jahren als Chefinspektor und stellvertretender Parteisekretär der Shanghai Polizei, wird Chen „befördert“ zum „Direktor des Shanghai Rechtsreform Commitee“. Das ist der Name einer leere Position für jemanden, der einmal zu viel jemandem auf die Zehen getreten ist. Das System hat keinen Platz für einen Polizisten, der Gerechtigkeit über die Interessen der Partei stellt. Sein langjähriger Partner Yu wurde zum Chefinspektor befördert, aber dieser Schritt ist nur für die Show gedacht. Beide überlegen ernsthaft, welcher Fall Chen nach unten gebracht haben könnte.

Er trifft eine junge Sängerin von der Souzhou Oper, die schöne, junge Qian. Chen, der inkognito ist, präsentiert sich als eine Art Privatdetektiv und wird von ihr auf der Stelle engagiert und das Drama beginnt. Chen Cao findet sich wieder einmal in elitäre politische Kämpfe innerhalb der Kommunistischen Partei Chinas verstrickt, aber es ist jetzt härter als je zuvor für ihn diese Konflikte zu beherrschen.Er steht vor der gefährlichsten Untersuchung seiner Karriere und sein Lebens.

Gleichzeitig wirft der Autor einen Blick auf die neuesten Entwicklungen in diesem Riesenland, wo Korruption und Wetten auf den Yuan haben ein Erdrutsch in der chinesischen Wirtschaft und auch in der Gesellschaft verursacht: Skrupelloser Ehrgeiz, Gier und die Korruption werden im neuen China immer deutlicher.

Dieses Buch zeigt einerseits die methodische Polizeiarbeit und entwirft andererseits ein vielschichtiges Bild einer mächtigen Gesellschaft im Wandel. Hintergrund ist ein tatsächlicher Skandal in China. Das durchgängige Thema ist die Korruption der Duodezfürsten oder des „roten Adels.“

Xiaolong Qiu schildert ergreifend und überzeugend das Schicksal eines ehrlichen Cops in einem Polizeistaat. Die Spannung ist spürbar, und Qiu bietet dem Leser eine erschreckende Vision des Lebens unter autoritärer Herrschaft.

Xiaolong Qiu bietet eine gute verwobene Handlung und glaubwürdige Charaktere, vor allem Chen ist ein wunderbarer Charakter. Er ist ethisch, moralisch und treu zu seiner Familie und Freunden. Er schützt sofort jemand, der unschuldig ist

Sehr geeignet nicht nur für die Freunde von Chen und orientalischen Geheimnissen, sondern auch für diejenigen, die eine intelligente Kriminalgeschichte mit einem exotischen Hintergrund mögen. Mich hat vor allem überzeugt, dass der Autor uns einen seltenen Einblick in das moderne China gibt. Vor allem erhält man ein tieferes Verständnis für das heutigen China sowie ein Gefühl dafür, wie eine intelligente, sensible Person in dem aktuellen politischen, post-Mao-System und den nicht immer klaren Grenzen der politischen Korrektheit leben und überleben kann. Sehr beeindruckend.

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Rezension: Das dritte Leben – Juan Villoro – Hanser Verlag

Die Gefahr ist das beste Aphrodisiakum

Das dritte Leben – Juan Villoro (Autor), Susanne Lange (Übersetzer) 288 Seiten, Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG (14. März 2016), 19,90 €, ISBN-13: 978-3446249134

Es gab eine Zeit, als Strände ein Ort der Ruhe waren. Aber heute brauchen „Extremtouristen andere Emotionen. Der ehemalige Rocker Mario Müller entdeckt eine visionäre Möglichkeit in der Karibik: die Freuden der Angst. Und sein alter Freund aus gemeinsamen Musikertagen Tony leitet am Ufer eines riesigen Korallenriffes das Resort „La Pirámide“. In diesem seltsamen und einzigartigen Komplex, können Gäste die extremen Emotionen von Risiko und Angst genießen, vorgetäuschte Terrorakte, Entführungen, Vergewaltigungen: so zum Beispiel unter anderem von der Guerilla entführt zu werden oder russisch Roulett zu spielen. Aber diese Gefahren sind gut kontrolliert und geplant von Mario Müller, dem Erfinder dieses seltsamen Ortes,der so mit großem Erfolg das Tourismus-Geschäft wieder belebt. Alles scheint perfekt, bis Taucher tot aus dem Wasser geborgen werden.

Diese Gäste sind müde von einem Leben ohne Überraschungen. Wenn Sie Angst haben, bedeutet es, dass Sie am Leben sind: sie wollen das Gefühl Angst, um sich zu entspannen.

Im Grunde ist es ein Polizeithriller, wo die Untersuchung von Verbrechen bei der Handlung im Vordergrund steht. Das Gesamtbild ist überzeugend. Elemente, die nie versagen: Polizeiintrigen, ein Toter, eine Frau, eine verborgene Vergangenheit. Aber im Hintergrund lastet eine der schwersten und kategorischen Herausforderungen auf Mexiko und Lateinamerika im Allgemeinen: Drogenhandel und die Gewalt, die er hervorruft. Der faszinierende neue Roman von Juan Villoro wirft moralische Fragen in dieser intensiven Geschichte von Freundschaft, Liebe, Schuld, Erlösung und die Möglichkeit, einer zweiten Chance auf. Und es ist auch die Geschichte der beiden Freunde als Reise in die Vergangenheit, in der Tony langsam sein Leben durch seine Gespräche mit Mario rekonstruiert. Es ist eine schwierige und schmerzhafte Reise, wo jedes Stück der Erinnerungen, das Tony herausholt, auch eine Erfahrung ist, die vergessene Leiden wieder aufleben lässt.

Wir begegnen einer Fülle von beschädigten Figuren, die exzentrisch sind oder einfach eine neue Chance im Leben suchen und deren Schicksale in einem Netz von gefährlichen, geheimen Beziehungen sich zu verflechten beginnen.

Juan Villoro einer der besten lateinamerikanischen Autoren, lässt eine Utopie Realität werden. Er schafft dazu starke Charaktere und eine geradezu filmische Dynamik. Der Autor gehört eindeutig zur Postmoderne: fragmentarischer Stil, offene Enden und vor allem setzt sich Villero mit den Themen auseinander, die die postmoderne Gesellschaft charakterisieren.

Ich habe das Buch mit Interesse und Vergnügen gelesen. Für mich ist es ein „schwarzer“ Roman mit klaustrophobischer Atmosphäre und gleichzeitig eine Gesellschaftskritik auf verschiedenen Ebenen. Sehr zu empfehlen.

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Rezension: Die Caprice der Königin – Jean Echenoz – Hanser Verlag

Ironische Wanderungen in Zeit und Raum

Die Caprice der Königin – Jean Echenoz (Autor), Hinrich Schmidt-Henkel (Übersetzer) 144 Seiten, Verlag: Hanser Berlin (14. März 2016), 17,90 €, ISBN-13: 978-3446250727

Jean Echenoz ist einer der brillantesten Autoren der Gegenwartsliteratur in Frankreich. Jetzt legt er 7 Erzählungen vor. Sie spielen an sieben Erzählorten, von Suffolk über das antike Babylon bis zu Le Bourget, nahe Paris. Es sind sieben Wanderungen durch Zeit und Raum und Jean Echenoz sorgt für eine ironische Führung.

Es sind sieben Miniaturen, in Fresko gemalt, das eine spielerisch-schweigsam, das andere diskret-blendend und ein anderes wieder schüchtern-eloquent, ein lebendes Oxymoron, wie es nur ein moderne Romancier, ein wahrer Könner zu erstellen in der Lage ist.

Sieben Geschichten, die alle schon verstreut erschienen sind, aber jetzt von Echenoz neu retuschiert, montiert und zusammengestellt sind. Manche innerhalb des Genres, manche biographisch, oder besser gesagt, öfters auch topographisch.

Der erste Text, „Nelson“ ist ein Juwel: sechs hochkonzentrierte Seiten des Porträts eines Admirals in all seiner Erhabenheit aber auch Gebrechlichkeit ein Individuum in der fragilen, bröckelnden Luft am Rande des Zerbrechens. Wir folgen Herodot bei einem Ausflug ins große Babylon, wir fahren mit einem einsamen Ingenieur des Brückenbaus auf Floridas Straßen und begleiten Jean Echenoz selbst, wie es scheint, auf drei Fahrten nach Le Bourget. Und wir wandern zwischen den zwanzig Statuen von Frauen im Jardin de Luxemburg und einigen anderen Landschaften.

Diese sieben Texte scheinen auf den ersten Blick wenig miteinander zu tun zu haben: So fährt der Erzähler in einer Geschichte an drei verschiedenen Sonntagen in die Pariser Banlieue, allein mit dem Ziel, ein Baguette zu verspeisen. Dann reist der antike Geschichtsschreiber Herodot nach Babylon, um bei der Ortsbegehung einige seiner schriftstellerischen Fehler zu korrigieren. Oder wir sehen einem Vater und seinem Sohn dabei zu, wie sie hilflos versuchen, die Leere nach dem Tod der Mutter zu verdrängen. Aber das Nachdenken über die Vergänglichkeit zieht sich wie ein roter Faden durch das Buch. So lesen sich die Geschichten wie Variationen auf ein nie ausgesprochenes Thema: Es geht um den Abriss von Gebäuden, das Verschwinden von Menschen, das Erlöschen von Hoffnungen. Dabei wird das Buch niemals allzu schwer oder melancholisch:

Präzise, mit virtuoser Ironie zeigt sich deutlich der gelernt Schreiber in all seiner Virtuosität, mit seinem Charme und seinem Humor. Jean Echenoz bemüht sich um Genauigkeit, strenge, überzeugende Informationen und sorgfältige Beobachtungen sind seine Stärke. Daneben steht seine zweite Stärke: Struktur und Rhythmus seiner Sätze. Und das Ganze: unendlich lustig und lässig, auch ein bisschen verspielt, mit leiser Komik, einer beeindruckenden Zartheit gegenüber den Figuren und einer schier grenzenlosen Eleganz löst Jean Echenoz beim Lesen immer wieder Glücksgefühle aus.

Es ist ein kleines Buch, bei dem Sie keine der Geschichten einfach so weg lesen sollten. Nehmen Sie sich Zeit. Es lohnt sich in diese betörende Magie des Jean Echenoz einzutauchen. sie werden nicht mehr aufhören, diese starke Stimme der französischen Literatur in Hochform zu lesen.

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Rezension: Omas Haus – Alice Melvin – Antje Kunstmann Verlag

Liebevolle und verschwenderische Illustrationen

Omas Haus – Alice Melvin (Autorin), Susanne Weber (Übersetzerin, 32 Seiten, Verlag Antje Kunstmann GmbH; Auflage: 1 (13. April 2016), 19,95 €, ISBN-13: 978-3956141034

Ein kleines Ritual beim Besuch der Großmutter: Durch alle Zimmer gehen, bis auf den Speicher, durch den Wintergarten bis hinaus in den Garten. Im Altbekannten immer wieder Neues zu entdecken. Diese Erinnerungen hat die Illustratorin Alice Melvin in liebevolle, detaillierte Zeichnungen gepackt, mit kleinen erklärenden Texten.

Klappen und gestanzte Löcher zeigen immer wieder Blicke in und vom nächsten Zimmer. Wir sehen Regale, verziertes Porzellan und Bücher, florale Tapeten, Teppiche und Tiermotiven, insgesamt ein gemütlich-skurriles Ambiente Und dann zeigt die Geschichte ihren dramatischsten Moment, aufklappbar, das „streng geheime Versteck“ auf dem Dachboden, dass das Mädchen über eine Leiter erreicht. Sobald das Mädchen durch einen Wintergarten in einen Garten geht, wartet ein reich gedeckter Tisch und ihr liebevolle Großmutter. Alice Melvins anmutiges Design schafft das Gefühl, wirklich im Inneren des Hauses zu sein.

Dieses Buch ist ein wahrer Schatz, in dem es viel zu entdecken und zu bestaunen gibt. Jedes Kind, aber auch jeder Erwachsene kennt solche Erinnerungen aus seinem eigen Umfeld, ob Großeltern, Onkel oder Tanten.

Alice Melvins Stil ist präzise und verschwenderisch, die Farben sind reich und geschmackvoll. Sie stellt eine Welt dar, in der alles ist, wie es sein sollte, auch wenn Oma ein wenig schwer zu finden ist. Eine Hommage an die kostbaren Bindungen und Erinnerungen, die Familien gerne teilen.

Ein Buch zum darin stöbern, zum gemeinsamen Betrachten und Erzählen, aber auch für Erstleser. Der Text hat Rhythmus und ist leicht zu lesen. Die unterschiedlichen Möglichkeiten des Ausklappens wird Kinder begeistern und faszinieren. Das ist so ein schönes und herzerwärmendes Buch, das jedes Kind berühren wird. Aber auch ein Buch, das Kinder ermutigt, mehr Details in den Bildern wahrzunehmen. Ich setze das Buch auch als Lesepate in Grundschulen ein und stoße auf absolute Begeisterung.

Omas Haus von Alice Melvin ist ein absolutes Vergnügen und es wird Sie sofort zurück zu den Tagen Ihrer Kindheit versetzen.

Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des Antje Kunstmann Verlages

http://www.kunstmann.de/titel-0-0/omas_haus-1180/

Fragen Sie in Ihrer örtlichen Buchhandlung nach diesem Buch. Wenn Sie in meiner Gegend „Landkreis Merzig-Wadern“ leben, dann wenden Sie sich an die Rote Zora: http://www.rotezora.de