Rezension: Mein Jahr mit Mr. Mac – Esther Freud – Berlin Verlag

Eine sanfte, lebendige Geschichte von Verlust und Einsamkeit

Mein Jahr mit Mr Mac – Esther Freud (Autorin), Anke Kreutzer (Übersetzerin), Eberhard Kreutzer (Übersetzer), 368 Seiten, Berlin Verlag (1. April 2016), 22,00 €, ISBN-13: 978-3827012685

Zwei Personen dominieren dieses Buch: eine reale und eine fiktive:

Charles Rennie Mackintosh, ein schottischer Architekt, Innenarchitekt, Kunsthandwerker, Designer, Grafiker und Maler. Zusammen mit seiner Frau Margaret MacDonald Mackintosh, deren Schwester Frances MacDonald McNair und James Herbert McNair war er Begründer der Gruppe „The Four“, die unter anderem auch entscheidenden Einfluss auf die Glasgow School ausübte. Er war einer der führenden Persönlichkeiten der Art Nouveau-Bewegung des ausgehenden 19. Jahrhunderts und gab dem modernen Design wichtige Impulse. Mackintosh gilt als einflussreicher Vorläufer der Modern Art. Das ist die reale Figur. 1913 trank Mackintosh so viel, dass sich viele Verbindungen aufgelösten und Kunden wegen Unzuverlässigkeit Mackintoshs Aufträge abzogen. 1914 verließ Mackintosh Glasgow, um sich in Walberswick an der Küste von Suffolk zu erholen. Und hier trifft er auf:

Die fiktive Figur ist Thomas Maggs, ein dreizehnjähriger Junge, der ein lahmes Bein, einen verdrehten Fuß hat. Er ist der Sohn des Wirtes vom Blue Anchor, der Pub für die Bauern. Während The Bell der Pub für die Fischer ist. Thomas ist ein liebenswerter Charakter und er zeigt große Belastbarkeit und Zuversicht trotz seiner Behinderung. „Egal, was sie sagen, egal wie ich es anstellen muss, ich gehe eines Tages zur See.“ (Seite 59)

Thomas flieht vor den Frustrationen und der häuslichen Gewalt seines Vaters. „Vater ist wieder in Fahrt […] wenn er mittags sein erstes Bier trinkt und so lange weiter säuft, bis es knallt.“ (Seite 38). Er findet Zuflucht in einer Freundschaft mit Mackintosh. Er trifft „Mac“, als er jeden Morgen am Strand Ausschau hält. Ihre Freundschaft entwickelt sich. Mac fördert Thomas Interesse am Zeichnen. Er schenkt im Farbkasten und Block und leiht ihm Kunstbücher – einige von ihnen in Deutsch. Mackintosh hat seit langem Verbindungen nach Deutschland und pflegt zum Entsetzen von Thomas immer noch Kontakte dorthin, trotz DORA ( Defence of the Realm Act), die radikal die Wahrnehmung des ganzen Dorfes verändern. Denn es ist der Beginn des ersten Weltkrieges. „An einem Samstag den Krieg zu erklären, wo die Banken geschlossen sind!“ (Seite 48) DORA sollte verhindern, dass jemand mit dem Feind kommuniziert. Es begrenzt die Öffnungszeiten von Pubs und verbot allen in den Pubs eine Runde Getränke auszugeben. Zuwiderhandlungen wurden mit dem Tode bestraft.

Und der Krieg rückt näher, mit Nachrichten über das Blutvergießen in Frankreich und mit Bomben, die zuerst auf London und später entlang der Küste abgeworfen werden. Und noch näher: Die Einheimischen haben Mac bald als deutschen Spion verdächtigt und Mackintosh wird 1915 wegen Spionage verhaftet und eine Woche lang gefangen gehalten, bevor seine Unschuld festgestellt wurde: Er war nur ein Künstler mit einem Glasgower (nicht deutschen) Akzent und einer Vorliebe vor der Morgendämmerung am Strand spazieren zu gehen.

Esther Freud verbindet kunstvoll historische Tatsache und Fiktion. Ohne Herablassung oder Sentimentalität, erfasst ihr Roman die schmerzhaften Übergänge von der Unschuld zu Erfahrung. „Es ist ein langer Weg zur Lust.“ (Seite 105) Ein elegischer Roman, der ganz fein Mackintoshs Melancholie an der Heimatfront herausarbeitet, ausgedrückt in seinen akribischen Aquarellen der dort vorkommenden Blumen. „Noch nie habe ich etwas gesehen, dass so nach Blaukissen aussieht, nicht mal Blaukissen selbst.“ (Seite 107) So feiert sie die Kraft der Kunst, die den Menschen in Katastrophen überleben lässt.

Freuds Roman ist ein aufreizend schräges Porträt von Mackintosh in seinen letzten Lebensjahren, in den Jahren seines Niederganges. „Aber wie kann ein Mann Erfolg haben, wenn ihm alle Türen verschlossen sind? Wenn ihm das Leben, für das er geschaffen ist, verwehrt wird?“ (Seite 156) Gleichzeitig setzt sie diese persönliche Geschichte an den Drehpunkt einer Ära, in der Kommerz das handwerkliche Können ersetzt.

Esther Freud schreibt aus ihren Kenntnissen des Ortes (sie hat mal dort gelebt) und mit dem Ohr des Dichters für den maritimen Jargon. Sie schreibt über die Vergangenheit, die so anziehend wirkt. In einem Tempo und einem Timbre, das an verwaschene Aquarelle erinnert.

Die Charaktere sind gut gezeichnet Einzelpersonen; Mackintosh und Margaret stechen besonders heraus, natürlich; aber auch die Misstöne in dieser unveränderlichen Welt. Es sind poetische Beschreibungen von der Nordseeküste bei Walberswick in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts, und wunderbare Einblicke in diese Zeit des Lebens von Rennie Mackintosh und seiner Frau.

Manch einer wird das Buch im Tempo als langsam empfinden, aber ich bin völlig hingerissen und sauge diesen wunderschön beschreibenden Stil und diese eindrucksvollen Bilder der Flora und Fauna der desolaten und windigen Küste von Suffolk auf. Es ist ein sehr sanftes Buch. Schmerz und Tragödie gibt es in jedem Leben, aber die Charaktere sind stoisch; sie akzeptieren, was das Leben bringt, lehnen sich auf oder leben damit – oder auch nicht. Ein elegischer Roman über Kunst, Krieg und Freundschaft.

Für alle Leser, die es gerne ruhig angehen lassen, die Geschichten und Charaktere lieben, die sich langsam entwickeln und entfalten. Leser, die Atmosphäre lieben, poetisch, aber nie überreizt, nachdenklich. Ein feines tief empfundenes Buch in schimmernder Prosa, zart und lyrisch, mit verschiedenen Charaktere, die zärtlich und warm geschildert werden. Ein Buch, das für mich nahe am perfekten Roman ist.

Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des Berlin Verlages

http://www.berlinverlag.de/buecher/mein-jahr-mit-mr-mac-isbn-978-3-8270-1268-5

Fragen Sie in Ihrer örtlichen Buchhandlung nach diesem Buch. Wenn Sie in meiner Gegend „Landkreis Merzig-Wadern“ leben, dann wenden Sie sich an die Rote Zora: http://www.rotezora.de

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Ein Gedanke zu „Rezension: Mein Jahr mit Mr. Mac – Esther Freud – Berlin Verlag

  1. Ingo Schindera

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