Rezension: Die Caprice der Königin – Jean Echenoz – Hanser Verlag

Ironische Wanderungen in Zeit und Raum

Die Caprice der Königin – Jean Echenoz (Autor), Hinrich Schmidt-Henkel (Übersetzer) 144 Seiten, Verlag: Hanser Berlin (14. März 2016), 17,90 €, ISBN-13: 978-3446250727

Jean Echenoz ist einer der brillantesten Autoren der Gegenwartsliteratur in Frankreich. Jetzt legt er 7 Erzählungen vor. Sie spielen an sieben Erzählorten, von Suffolk über das antike Babylon bis zu Le Bourget, nahe Paris. Es sind sieben Wanderungen durch Zeit und Raum und Jean Echenoz sorgt für eine ironische Führung.

Es sind sieben Miniaturen, in Fresko gemalt, das eine spielerisch-schweigsam, das andere diskret-blendend und ein anderes wieder schüchtern-eloquent, ein lebendes Oxymoron, wie es nur ein moderne Romancier, ein wahrer Könner zu erstellen in der Lage ist.

Sieben Geschichten, die alle schon verstreut erschienen sind, aber jetzt von Echenoz neu retuschiert, montiert und zusammengestellt sind. Manche innerhalb des Genres, manche biographisch, oder besser gesagt, öfters auch topographisch.

Der erste Text, „Nelson“ ist ein Juwel: sechs hochkonzentrierte Seiten des Porträts eines Admirals in all seiner Erhabenheit aber auch Gebrechlichkeit ein Individuum in der fragilen, bröckelnden Luft am Rande des Zerbrechens. Wir folgen Herodot bei einem Ausflug ins große Babylon, wir fahren mit einem einsamen Ingenieur des Brückenbaus auf Floridas Straßen und begleiten Jean Echenoz selbst, wie es scheint, auf drei Fahrten nach Le Bourget. Und wir wandern zwischen den zwanzig Statuen von Frauen im Jardin de Luxemburg und einigen anderen Landschaften.

Diese sieben Texte scheinen auf den ersten Blick wenig miteinander zu tun zu haben: So fährt der Erzähler in einer Geschichte an drei verschiedenen Sonntagen in die Pariser Banlieue, allein mit dem Ziel, ein Baguette zu verspeisen. Dann reist der antike Geschichtsschreiber Herodot nach Babylon, um bei der Ortsbegehung einige seiner schriftstellerischen Fehler zu korrigieren. Oder wir sehen einem Vater und seinem Sohn dabei zu, wie sie hilflos versuchen, die Leere nach dem Tod der Mutter zu verdrängen. Aber das Nachdenken über die Vergänglichkeit zieht sich wie ein roter Faden durch das Buch. So lesen sich die Geschichten wie Variationen auf ein nie ausgesprochenes Thema: Es geht um den Abriss von Gebäuden, das Verschwinden von Menschen, das Erlöschen von Hoffnungen. Dabei wird das Buch niemals allzu schwer oder melancholisch:

Präzise, mit virtuoser Ironie zeigt sich deutlich der gelernt Schreiber in all seiner Virtuosität, mit seinem Charme und seinem Humor. Jean Echenoz bemüht sich um Genauigkeit, strenge, überzeugende Informationen und sorgfältige Beobachtungen sind seine Stärke. Daneben steht seine zweite Stärke: Struktur und Rhythmus seiner Sätze. Und das Ganze: unendlich lustig und lässig, auch ein bisschen verspielt, mit leiser Komik, einer beeindruckenden Zartheit gegenüber den Figuren und einer schier grenzenlosen Eleganz löst Jean Echenoz beim Lesen immer wieder Glücksgefühle aus.

Es ist ein kleines Buch, bei dem Sie keine der Geschichten einfach so weg lesen sollten. Nehmen Sie sich Zeit. Es lohnt sich in diese betörende Magie des Jean Echenoz einzutauchen. sie werden nicht mehr aufhören, diese starke Stimme der französischen Literatur in Hochform zu lesen.

Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des Hanser Verlages

http://www.hanser-literaturverlage.de/buch/die-caprice-der-koenigin/978-3-446-25072-7/

Fragen Sie in Ihrer örtlichen Buchhandlung nach diesem Buch. Wenn Sie in meiner Gegend „Landkreis Merzig-Wadern“ leben, dann wenden Sie sich an die Rote Zora: http://www.rotezora.de

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