Rezension: Krötenliebe – Julya Rabinowich – Hanser Verlage

Verstrickungen, Verrat und Genie

Krötenliebe – Julya Rabinowich 112 Seiten, Verlag: Deuticke, (14. März 2016), 16,90 €, ISBN-13: 978-3446250734

Alma Mahler, Oskar Kokoschka und Paul Kammerer sind die Protagonisten im neuen Roman „Krötenliebe“ von Julya Rabinowich. Sie schreibt keine Biographie. Kenner der drei Personen erfahren kaum etwas biographisches, was sie nicht schon wussten.

Alma Mahler-Werfel ist ein Mythos der Wiener Moderne, schön und biestig zugleich, oder wie Julya Rabinowich sagt: „die Schöne, die ein größeres Biest als das Biest ist“. Berühmt wurde sie als Geliebte und Gattin berühmter Männer, vom Komponisten Gustav Mahler über den Maler Oskar Kokoschka bis zum Schriftsteller Franz Werfel. In der Nähe der berühmten Witwe wurden Männer zu Hysterikern und romantische Liebhaber entwickelten sich zu Stalkern.

Die Autorin konzentriert sich in dieser biografischen Erzählung auf die heißesten Jahre dieses bewegten Lebens und verknüpft die gut dokumentierte Kokoschka-Affäre, die 1912, wenige Jahre nach Mahlers Tod, begann, mit einem zeitgleichen Techtelmechtel.

Almas Stiefvater Carl Moll gehörte zu den Förderern des expressionistischen Malers Oskar Kokoschka. Er beauftragte ihn unter anderem, ein Porträt seiner Stieftochter anzufertigen. Noch während des Abendessens am 12. April 1912, bei dem Carl Moll ihm Alma Mahler vorstellte, verliebte sich Kokoschka in die Witwe. Nach dem Ende der Beziehung wird Kokoschka Alma als Puppe nachbilden lassen, ein spätes Symbol der verrückten Liebe.

Im Biologielabor von Paul Kammerer arbeitete Alma als Assistentin. Der Wissenschaftler hatte auf Grundlage von Experimenten mit Geburtshelferkröten eine Theorie der Umwelteinflüsse entwickelt, die Darwins Vererbungslehre diametral entgegengesetzt war. Er verehrte Alma Mahler in exzessiver Weise und drohte mehrfach, sich am Grabe Gustav Mahlers zu erschießen, sollte sie seine Liebe nicht erwidern. Der Biologe beschnüffelte und streichelte im Kaffeehaus den Sessel, als Alma von dort aufgestanden war. Unter dem Verdacht, seine experimentellen Ergebnisse gefälscht zu haben, nahm sich Kammerer 1926 das Leben.

Alle drei gehörten zur besten Wiener Gesellschaft. Sie waren Teil des Wiener Kosmos. Ein berühmter Maler, ein unglücklicher Biologe und die Femme fatale der Wiener Kunstszene – das ist das illustre Personal des Biographie-Romans, der die Verstrickungen und Sehnsüchte dreier Grenzgänger zeigt. Julya Rabinowich verkehrt die üblichen gesellschaftlichen Rollen. Statt nachgiebige Frau und männliches Genie zeigt sie die Muse (Alma) als die eigentliche Schöpferin dar.

Wie gesagt, biographisch nichts Neues. Aber neu ist dies Kombination: Kokoschka, Kammerer und Alma. Überzeugend, die Fülle skurriler Details, aber auch die besondere Atmosphäre der damaligen Zeit. Realität und fiktive Szenen vereinigen sich zu einem charmanten Roman voller Leidenschaft und Erotik. Ungemein elegant geschrieben. Julya Rabinowich als allwissende Erzählerin springt kapitelweise zwischen Figuren und Zeiten hin und her und lässt immer Vorgeschichte und späteres historisches Geschehen einfließe. Sie erzählt dramatisch, lyrisch und mit Empathie.

Für mich ist das Buch vor allem ein Beitrag, Wiens Vergangenheit – die künstlerische und politische – besser zu begreifen. Gönnen Sie sich das Vergnügen dieses aufregenden und einmaligen Treffens.

Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des Hanser Verlages

http://www.hanser-literaturverlage.de/buch/kroetenliebe/978-3-552-06311-2/

Fragen Sie in Ihrer örtlichen Buchhandlung nach diesem Buch. Wenn Sie in meiner Gegend „Landkreis Merzig-Wadern“ leben, dann wenden Sie sich an die Rote Zora: http://www.rotezora.de

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