Archiv für den Monat Mai 2016

Rezension: Die Welt hört nicht auf – Bilal Tanweer – Carl Hanser Verlag

Eine gebrochene, schöne Stadt

Die Welt hört nicht auf von Bilal Tanweer (Autor), Henning Ahrens (Übersetzer), 192 Seiten, Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG (14. März 2016), 19,90 €, ISBN-13: 978-3446250604

„Schon mal eine zerschossene Windschutzscheibe gesehen? Rings um das Einschussloch bildet sich ein Gespinst aus kantigen, gezackten Linien, zwischen denen winzige Kristalle sitzen, dicht an dicht. Das ist die Metapher für meine Welt, diese Stadt. Kaputt, schön und aus brutaler Gewalt geboren.“ (Seite 11)

So beginnt Bilal Tanweer dieses sehr eindrucksvolle Buch. Karachi ist die Heimatstadt des Autors und die Stadt zeigt sich auf jeder Seite des Buches: der Dreck, die Menschenmassen, die ständigen Staus, der Charme vieler Menschen – und die Bösartigkeit der anderen. Man fühlt sich wirklich so, als wäre man dort, am vom Müll übersäten Strand am Meer, als blicke man auf die pochenden Straßen und die Märkte. Kaum zu glauben, dass dies sein erstes Buch ist.

Im Dezember 2012 ließen Terroristen eine Bombe in einem Bus in der Nähe des Cantt Bahnhof in Karachi explodieren. Die Explosion tötete sechs Menschen und etwa fünfzig Menschen wurden verletzt. Es war ein schreckliches Ereignis in der größten Stadt der muslimischen Welt (mehr als 20 Millionen Menschen) und eine Erinnerung daran, dass die häufigsten Ziele von muslimischen Extremisten Muslime sind.

Diese Bombenexplosion ist das Ereignis von dem sich die unterschiedlichen Erzählstränge dieses Buches ergeben. Bilal Tanweer bevölkert dieses schlanke, episodische Buch mit einer ausgedehnten Reihe von Charakteren: abwesende Väter; abergläubische, alleinstehende Mütter; nachdenkliche Söhne; der traumatisierte Fahrer einer Ambulanz und ein Teenager-Mädchen, das bittersüße Märchen für ihren kleinen Bruder erfindet. Der Roman hat keinen einzigen Protagonisten, aber der alternde kommunistische Dichter Sukhansaz hat in den meisten der verschlungenen Geschichten einen Auftritt.

In 9 Geschichten beleuchtet Bilal Tanweer die komplizierte Natur des Gedächtnisses oder entwirrt die verwirrende Beziehung zwischen Gegenwart und Vergangenheit mit einer Mischung aus psychologischen Realismus und einer besonderen Art des Storytelling. Vor allem durch Sukhansas Leben und Tod bekommt das Buch eine beißende politische Kante. Er ist ein Symbol für Karachis säkulare intellektuellen Vergangenheit, er ist das Opfer einer tödlichen Kombination von US-Außenpolitik und religiösen Extremismus.

Doch im Mittelpunkt steht Karachi, diese weitläufige Megalopolis an Pakistans Südküste, die in den letzten Jahren von politischer Gewalt, sozialen Unruhen und von der Bedrohung durch die Taliban geplagt wurde. Und Tanweer schafft es, die Komplexität der Stadt in Prosa zu erfassen. Er vereinigt wunderschöne Fragmente, reich an soziologischen Details und subtilen existentiellen Betrachtungen, zu einem ausgeklügelten, eindringlichen Porträt des städtischen Pakistan. Er liefert eine Hommage an Karachi, die ihren paradoxen Reiz durch die Monologe einer Reihe von anonymen Erzählern bezieht.

Bilal Tanweer erzählt ohne Glamour, ohne rosarote Stimmung. Seine Texte sind körnig und manchmal erschütternd. Und er zeigt trotz der Kürze des Buches eine beeindruckende Reichweite und die Fähigkeit, überzeugend jedem Charakter seine eigene Stimme zu verleihen.

Es ist ein ganz besonderes Buch. Es ist eine Sammlung von Fragmenten – nicht ganz kurze Geschichten, nicht ganz Kapitel – die höchst eigenwillig das Porträt einer Bombardierung an einem Bahnhof in Karachi liefern, erzählt aus der Perspektive von Zeugen, Opfer, Familienmitglieder, Freunden, Mitarbeiter, Liebhaber. Was zunächst wie eine rudimentäre Sammlung von unterschiedlichen Geschichten zu sein scheint, entwickelt sich Schicht für Schicht zu einem komplexen Muster, das die komplizierten Beziehungen des Autors mit seiner gebrochenen, schönen Stadt aufzeigt.

Ich möchte den Roman aber nicht nur auf den Aspekt Karachi reduzieren.

Er erzählt sehr unterhaltsame Geschichten, die es dem Leser ermöglichen über die Schlagzeilen hinaus zu schauen. Denn niemand würde diesen Teil der Stadt kennen lernen, sondern ihn nur als den Ort in Erinnerung behalten, wo eine Bombe hochging.

Für mich machen vor allem die reichen und tiefen Einblicke in die Kultur von Pakistan und seiner faszinierenden Bevölkerung das Buch besonders lesenswert. Dieses Erstlingswerk von Bilal Tanweer scheint mir auch ein großes Versprechen zu sein und ich werde diesen Autor auch in Zukunft bei meiner Lektüre im Auge behalten.

Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des Hanser Verlages

https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/die-welt-hoert-nicht-auf/978-3-446-25060-4/

Fragen Sie in Ihrer örtlichen Buchhandlung nach diesem Buch. Wenn Sie in meiner Gegend „Landkreis Merzig-Wadern“ leben, dann wenden Sie sich an die Rote Zora: http://www.rotezora.de

Advertisements

Essay: Der kleine Sonnenstrahl

Der kleine Sonnenstrahl

… oder wie wirklich ist die Wirklichkeit

Was ist Wirklichkeit? Ein Sonnenstrahl, der aus dem All kommt? Er ist ein Nichts. Doch dann trifft er auf weiße Haut und rötet sie. Oder er fällt auf die blinkende Oberfläche eines kleinen Weihers und lässt Wasser verdampfen. Oder er fällt durch das gekrümmte Glas einer achtlos weggeworfenen Flasche und entfacht im dürren Gras und Laub einen riesigen Flächenbrand. Oder er wärmt alte, gichtige Knochen. Oder Sonnenblumen drehen ihre Köpfe in seine Richtung. Oder, oder, oder … Oder er berührt die Erde gar nicht und verstrahlt ohne Wirkung.

Ein Sonnenstrahl ist ein Nichts, weder gut noch böse. Erst wenn er auf eine Struktur trifft, bewirkt er etwas, was nicht von ihm abhängt, sondern von der Beschaffenheit dieser Struktur. Der Sonnenstrahl verändert sich nicht durch die Struktur, auf die er trifft. Aber seine Wirkungen auf bestimmte Strukturen sind festgelegt.

Wenn Menschen aufeinandertreffen, passiert Ähnliches und noch mehr. Die Struktur des einen verändert die Struktur des anderen. Der eine kann bewusst bei dem anderen eine Struktur so schaffen, dass seine Energie eine Wirkung erzielt. Und er kann latente Strukturen sichtbar machen. Und das heißt nichts anderes als Beeinflussen.

Es gibt keine festgelegte Wirkungen. Jedes Wort, das wir sagen, jede Bewegung, die wir machen, gewinnt je nach Situation und Bereitschaft des Gegenübers eine jeweils andere Bedeutung und gleichzeitig schaffen und verändern wir damit das Gebilde aus Situationen und Menschen, auf die wir treffen. Wir bewegen uns in sozialen Systemen, die hochgradig komplex sind,

Und diese Systeme lassen sich nicht mit einfachen mathematischen Gleichungen beschreiben. Wir können über sie keine Gesetze aufstellen, keine Aussagen über Regelmäßigkeiten formulieren, die mit wissenschaftlicher Exaktheit zutreffen. Solche Gesetzmäßigkeiten ließen sich nur überprüfen, wenn wir sie auf eine größere Menge von identischen Menschen und Situationen anwenden können. Und das gibt es eben nicht. Kein Mensch gleicht dem anderen. Keine Situation des Zusammentreffens von Menschen wiederholt sich unter exakt gleichen Bedingungen. Bei jedem Zusammentreffen von Menschen entsteht ein Raum, ein sozialer Raum mit neuen Qualitäten. Nehmen wir einmal zwei Beispiele:

Ein Kunde betritt ein Geschäft. Hat er feste Kaufabsichten? Will er sich nur vorab informieren? Macht er einen ungezielten Bummel? Oder will er nur die Wartezeit überbrücken, bis sein Bus fährt? Der Verkäufer tritt auf den Kunden zu und spricht ihn an. Vielleicht will der Kunde gar nicht angesprochen werden und verschließt sich? Vielleicht lässt er sich auf ein Gespräch ein, weil er sich nicht „nein“ zu sagen traut? Oder ist er doch an einem Gespräch interessiert? Wecken Art und Worte das Vertrauen und vielleicht verborgene Bedürfnisse? Will er plötzlich etwas, an das er bisher nicht gedacht hat? Was geht in seinem Kopf vor? Hat er genügend Geld dabei? Muss er jemand anderen um Zustimmung fragen? Und so weiter und so weiter … Dieser kurze Ausschnitt spielt sich in wenigen Sekunden ab. Wer will den weiteren Gang der Dinge vorhersagen? Das bedeutet „Sozialer Raum“.

Oder nehmen wir einen x-beliebigen Mitarbeiter. Bislang hat er zur Zufriedenheit seines Vorgesetzten gearbeitet, nicht übermäßig gut – eben zufriedenstellend. Und plötzlich sackt seine Leitung ab. Er wird unpünktlich, unzuverlässig, verschlampt Vorgänge. Hält Informationen zurück. Vergesslichkeit? Absicht? Ab und an sucht er die direkte Konfrontation. Reagiert überzogen. Woran kann es liegen? Streit mit einem Kollegen? Probleme zu Hause? Schwierigkeiten mit den Aufgaben? Keine Zukunftsperspektiven? Krankheit? Ja und vor allem: Wie soll sein Vorgesetzter reagieren? Behutsam? Forsch und fordernd? Nicht beachten? Egal, was er tut. Er weiß nicht, wie der Mitarbeiter reagieren wird. Bleibt seine Leistung auf dem gleichen Stand? Rutscht er noch stärker ab? Wie verändert sich sein Verhalten? Wer will den weiteren Gang der Dinge voraussagen?

Das heißt „Sozialer Raum“. Oder vereinfacht und positiv ausgedrückt, wer sich hier zuhause fühlt, wer in diesem Raum seine „Heimat“ findet, der ist beeinflussbar.

Heimat ist nicht die Stadt, in der jemand seit Jahren lebt. Die hat er sich nicht ausgesucht. Er könnte auch woanders leben. Heimat ist weniger Ort, sondern vielmehr Gefühl: Heimat ist dort, wo der Mensch Geborgenheit spürt, wo er Spuren hinterlassen hat oder hat und wo sich Erinnerungen ranken. „Dort“ ist nicht mit „Ort“ gleichzusetzen.

Mit „Heimat“ verbinden wir drei menschlichen Grundbedürfnissen: dem Bedürfnis nach sozialer Zugehörigkeit, Einbindung und Anerkennung, dem Bedürfnis nach Beeinflussung, Gestaltung und Handlungsmöglichkeit und dem Bedürfnis nach Sinnstiftung, Vertrautheit und einbettenden Erzählungen.

„Heimat ist unerlässlich, aber sie ist nicht an Ländereien gebunden. Heimat ist der Mensch, dessen Wesen wir vernehmen und erreichen.“ sagte Max Frisch.

Wir begegnen Menschen zum ersten Mal. Sie sind uns fremd. Was in ihren Köpfen vorgeht, wissen wir nicht. Wenn wir sie für uns, unsere Ideen, Produkte oder für was auch immer gewinnen wollen, dann sollten wir ihnen das Gefühl von Heimat vermitteln, sodass sie sich „Zuhause“ fühlen, dass sie Vertrauen zu uns haben. Dass sie das Gefühl haben, verstanden zu werden.

Wir brauchen Fähigkeit und Bereitschaft zum Einfühlen. Die Bereitschaft hängt von unserer Persönlichkeit ab. Sich wenigstens für ein paar Minuten voll auf die Gedanken, Gefühle und Bedürfnisse des Gesprächspartners zu konzentrieren – was zugleich bedeutet, die eigenen vorläufig zurückzustellen. Dies fällt vielen Menschen ausgesprochen schwer. Wer ständig im Mittelpunkt stehen möchte, kaum bereit sein wird, die „ihm zustehende“ Aufmerksamkeit anderen Personen zu schenken. Auch wer meint, ständig um seine Interessen kämpfen zu müssen, tut sich sehr schwer, sich auf die Bedürfnisse anderer einzulassen. Auch wer das Gefühl hat, ständig zu kurz zu kommen, dem mangelt es in aller Regel an „emotionaler Freigiebigkeit“.

Die Bereitschaft ist die unabdingbare Grundlage. Zur Fähigkeit gehören natürlich dann auch Methoden. Z. B. Erkennbar zuhören – körperliche Zugewandtheit, Nicken, Blickkontakt, die sogenannten „therapeutischen Urlaute“ wie „Mhm“, „Ja“, „Hmm“ etc. Zum „aktiven Zuhören“ zählen auch Anstöße zum Weiterreden wie Nachfragen, Wiederholen der letzten Worte („Echo“), Impulse wie „Erzähl ‘“, „Und wie ging es dann weiter?“ etc. Mit eigenen Worten das Gesagte wiedergeben. – „Wenn ich Sie richtig verstehe, geht es Ihnen vor allem darum, dass …“. Die emotionale Bedeutung ansprechen. – „Sie machen sich Sorgen, ob …“.

Hört sich einfach an? Wer Schwierigkeiten mit diesen „Methoden“ hat, der hat wahrscheinlich zu wenig Bereitschaft, sich auf den anderen einzulassen.

Für die Führungsfähigkeit, für die Überzeugungskraft sind nicht einzelne Methoden, Techniken, Taktiken oder „Rezepte“ entscheidend. Nicht der ist die beste Führungskraft, der beste Verkäufer, der wie Rastelli, der kleine Zauberer immer neue Tricks aus der Tasche zaubert und bunt schillernde Illusionen vorgaukelt, sondern der, der in positiven Visionen Räume schafft, in denen seine Kollegen, Mitarbeiter, Kunden, Geschäftspartner, Familie und Freunde sich wiederfinden und wohlfühlen, der also dem sozialen Experiment „Leben“ einen Sinn vermittelt.

Kurzgeschichte: Der Schneider

Der Schneider

Sie waren auf seinen Ladentisch gerichtet. Seine bodenlosen Augen von der unergründlichen Farbe, wie sie die Waldseen im hohen Aspromonte an einem Herbsttag zeigen. Dunkel, tief, klar, aber ohne Glanz. Wenn er sich nicht bewegte, wurde er eins mit dem einfachen Raum seiner Änderungsschneiderei. Sein undefinierbar bräunlicher Anzug verschmolz mit den abgewetzten Maserungen seiner Schränke mit den vielen kleinen Schubladen, in denen er Nadeln, Scheren, Garne, Stoffstücke nach seinem eigenen, für andere nicht erkennbaren Regeln hütete und bewachte wie andere ihre Münzsammlungen oder Fotoalben.

Während er arbeitete, d. h. während der Geschäftszeiten trug er einen einfachen beige-grauen Kittel über seinem Anzug. Der einzige Luxus, den er sich gönnte, waren Strümpfe in Flaschengrün von Brioni, die aber nur dem wirklichen Kenner auffielen und von denen gab es im weiten Umkreis der etwas heruntergekommenen Kleinstadt niemanden.

Er saß gebeugt auf einem schlichten glatten Holzstuhl hinter einem großen Tisch, der ihm für alles diente – fürs sorgsame Nähen, fürs Lesen der Zeitung Calabria Ora, die ihn immer mit einem Tag Verspätung erreichte, für das Entgegennehmen der seltenen Aufträge, meistens Hosen oder Röcke kürzen. Eine kleine farblose Existenz – die vollendete Unauffälligkeit.

Es war zwei Minuten vor 18 Uhr, der Zeit des Geschäftsschlusses. Nie in den 15 Jahren, seit er aus Cariati, einem kleinen Ort in der Provinz Cosenza nach Deutschland gekommen war und diese Änderungsschneiderei eröffnet hatte, war ihm der Gedanken gekommen, auch nur eine Minute früher als 18 Uhr zu schließen. Genauso wie er morgens exakt um 8 Uhr seine Ladentür aufschloss.

Noch eine Minute, dann würde er schließen – sein Geschäft. Eigentlich war es kein Laden, sondern das ehemalige Wohnzimmer eines schmalen alten Hauses mit einem Flur zur Linken und drei Zimmer zur Rechten. Sie hatten damals das Fenster erweitert und eine Tür nach draußen gebrochen. In den leeren Raum kamen der Tisch, der Wäscheschrank mit den vielen Schubladen, zwei offene Regale. Eine Schneiderpuppe in der linken Ecke wartete seit dieser Zeit vergeblich auf eine Anprobe und der kleine runde Tisch mit zwei Holzsesseln war gedacht als Wartezone, wenn mal mehr als ein Kunde zur gleichen Zeit da wäre. Bisher war das nicht vorgekommen.

Der Zeiger der Uhr sprang auf 18 Uhr. Der Schneider löschte seine Arbeitsleuchte, erhob sich, ging langsam und geräuschlos zur Tür, drehte das alte silberne Schild von „Offen“ auf „Geschlossen“ und ließ die Jalousien an Fenster und Tür herunter.

Er tauschte seinen Arbeitskittel gegen einen graubraunen Regenmantel, zog dünne braune Seidenhandschuhe über seine schmalen, alterslosen Hände, steckte zwei kleine, zusammengefaltete Zettel, die mit Tesafilm verschlossen waren in seine linke äußere Manteltasche, schaute in den Briefkasten. Ein einfacher Holzkasten, innen an die Eingangstür genagelt mit einem metallfarbenem Schlitz darüber. Zwei dicke DIN-A5-Kuverts aus bräunlichem Packpapier fand er im Briefkasten. Eines davon mit einem kleinen Kreuz in der rechten oberen Ecke, also für den Pfarrer. Das andere mit einem kleinen x an der gleichen Stelle, für Mimmo. Aber keines für Domenico. Er steckte sie in die rechte Manteltasche und zog eine Kappe auf sein dunkles, schon etwas gelichtetes Haar, das streng nach hinten gekämmt war.

Ohne Worte ging er durch den Raum hinter seinem Laden, eine Art Wohnküche, in dem seine Frau mit ihrer Tochter Concetta Peperoni schnitt. Seine Tochter Valentina saß auf der mit einer grauen Decke bespannten Couch und blätterte in einem italienischen Comicheftchen. Sie war nicht seine Tochter, auch nicht seine Stief- oder Adoptivtochter. Sie war die Tochter seines Cousins Fabrizio, der eine Bar in der Nähe betrieben hatte, bis er vor fünf Jahren erdrosselt in seinem Lokal gefunden wurde. Der Schneider hatte die Kleine, sie war damals noch keine zwei Jahre alt gewesen, einfach zu sich genommen. Grußlos verließ er die Küche und nahm im Flur sein Fahrrad, obwohl es leicht regnete. Normalerweise nahm er bei diesem Wetter den Bus für seine kleinen abendlichen Ausgänge. Bei schönem Wetter ging er zu Fuß. Doch heute waren Eile und Pünktlichkeit geboten. Um 19 Uhr begann in der nahe Johanniskirche die Vorabendmesse. Morgen war Allerheiligen.

Der Feierabendverkehr draußen war abgeebbt. Er fuhr mit dem Fahrrad über den Bürgersteig an den abgasgeschwärzten Fassaden vorbei bis zur nächsten Kreuzung, genauso langsam, geräuschlos und unsichtbar, wie er ging. Vorne bog er in den Schlossgarten ein, vorsichtig bei dem nassen Laub. Der Herbst war dieses Jahr spät gekommen. Am leeren Spielplatz vorbei, durch den Rhododendronhain. Am Ende standen drei Holzbänke, die bei schönem Wetter von Rentnern bevölkert waren. Er hielt bei der mittleren Bank an und schob die zwei kleinen, gefalteten Briefchen in den Ritz zwischen der zweiten Latte der Bank und dem mittleren Standfuß.

Inzwischen war die Nacht wie ein schwarzer Vorhang über den Park gesunken. Er ließ das weiß getünchte Schloss mit seinem großen freien Rondell links liegen. Dahinter erhoben sich die schwarzen Konverter des Stahlwerkes. Links bog er in eine kleine Gasse ein. Er lehnte sein Fahrrad an das unbewohnte Eckhaus und ging dicht an der Wand vorbei die vielleicht 20 Meter zur Pizzeria Mimmo und schob einen der dicken Umschläge aus seiner rechten Manteltasche in den Briefkasten der Pizzeria. Kein Mensch war auf der Straße,

Er ging zu seinem Fahrrad zurück. Jetzt würde er den Weg durch das Werksgelände nehmen. Neben den Eisenbahngleisen verlief ein schmaler etwa 30 cm breiter Weg aus Betonplatten, der den Streckenwärtern als Fußweg diente. So konnte er in knapp zehn Minuten gemächlichen Fahrens den Nachbarort erreichen. Hier wohnte Luigi, der Schwager seiner Schwester. An dessen Garten vorbei gelangte er über schmale Pfade zwischen anderen Gärten direkt an das rückwärtige Grundstück der Pizzeria „Costa Smeralda“. Er lehnte das Fahrrad an den Stakenzaun, ging am neu gebauten Kühlhaus vorbei zum Kücheneingang. Er zog einen einzelnen Schlüssel aus seiner Hosentasche und schloss geräuschlos auf und hinter sich genauso geräuschlos zu.

Die Küche blitzte vor Sauberkeit. Der gute Domenico! Sauberkeit ging ihm über alles. Jede Nacht nach Feierabend im Lokal wurde alles geschrubbt und gewienert, Kühlschränke und Öfen von den Wänden gerückt, um auch die hinterste Ecke so sauber zu bekommen wie die blitzenden Arbeitsflächen. Niemand war in der Küche, weder der pakistanische Salatputzer noch der kleine indische Tellerwäscher noch der tunesische Hilfskoch. Heute war Ruhetag. Aus dem Lokal fiel ein schwaches Licht durch die Scheibe der Pendeltür, die der Schneider jetzt aufdrückte.

Domenico saß am hintersten Tisch neben dem alten Kachelofen und sortierte mühsam Rechnungen und Lieferscheine. Das fiel ihm schwer, denn er hatte in Kalabrien nur 4 Jahre die scuola elementare, die Grundschule besucht und das Lesen machte ihm Mühe.

Der Schneider schob sich durch den kleinen Zwischenraum zwischen Theke und Pizzaofen und drehte an der Eingangstür den dort steckenden Schlüssel um.

„Buona sera lieber Freund.“

Domenico schreckte hoch.

„Ach bischte du. Isse aber heute nischte deine Tag. Haschdu dreie Dienestage gefehlt.“

„Wie hätte ich da sein können. Dein Lokal hatte an diesen Tagen geschlossen.“

„Ja, ware Schweinerei. Hatte jemanden an die Nachmittag Sekundenkleber in die Schloss von Lokal vorne und hinten gespritzt. Ware alles vorbestellt – mussten uns absagen.“

„Na, dann hatte ich Recht daran getan, nicht zu kommen.“

Der Schneider sprach perfektes Deutsch ohne jeden Akzent, während Domenico trotz dreißig Jahren in Deutschland noch immer nicht über sein gebrochenes „Gastarbeiterdeutsch“ hinausgekommen war.

„Isse Schweinerei, ganze große“

„Lass es Dich nicht verdrießen, lieber Freund“

„Hasdu gute reden – is viele Umsatz fehlen. – hasdu mitgebracht?“

„Sollte ich Dir etwas mitbringen?“

„Wieso niche – waren dreiemal niche da. Haben denken …“

„Lieber Freund, ich verehre Dich, ja ich liebe Dich, mein geschätzter Domenico, aber Du denkst zu viel und tust zu wenig das, was man von Dir erwartet. Im Gegenteil – Du tust Dinge, die Du nicht tun solltest und mit denen Du Unglück und Verdruss über die ganze Familie bringst.“

„Meine Familie hatte nische …“

„Ich meine nicht deine Familie, ich rede von unserer Familie. Schau mal, lieber Freund, wir waren immer sehr großzügig zu dir. Du hast dieses Lokal mit den Wohnungen im ersten Stock. Du machst gute Geschäfte. Zu Dir kommen alle: der Fußballklub, der Bürgermeister, der Chef der Versicherungen, die Herren von der Staatskanzlei, der Bankdirektor. Und wem hast du das alles zu verdanken?“

„Habe sie auche gute verdienen …“

„Wer möchte nicht gut verdienen? Aber du scheinst jetzt eigene Wege gehen zu wollen.“

„Iche niche gehen eigene Weg, iche …“

„Ja, ich weiß, Du willst nur Ruhe, Sicherheit und gute Geschäfte. Und deshalb schickst Du Deine Frau mit den Kindern nach Cariati …“

„Besuchen Grab von die Mama un die Papa, isse morgen Allerheiligen …“

„Und deine Frau hat 280.000 Euro im Gepäck, in dem kleinen Kosmetikköfferchen aus rotem Saffianleder, das Du ihr zum letzten Geburtstag geschenkt hast. Was will sie damit? Blumen kaufen?“

„Isse meine Gelde. Kanne iche machen, was iche wollen …“

„Du irrst. Es ist nicht dein Geld. Seit zwei Monaten hast du deine Rechnungen nicht überwiesen. Du hast dein Lokal zweimal schließen müssen. Doch du hast auf die Warnungen nicht gehört. Und jetzt redet man davon, dass du übermorgen zur Polizei gehen willst.“

„Aba habe iche imma …“

Der Schneider legte den Finger auf den Mund und setzte sich Domenico gegenüber.

„Ich will dir eine kleine Geschichte erzählen, ein Märchen aus Kalabrien. Hör zu, lieber Freund.“

Eine alte Mutter hatte einen Sohn, der wollte heiraten und bat die Mutter, sie möge ihm doch ihr Häuschen und ihr Gütchen geben. Er und ihre zukünftige Schwiegertochter wollten es auch gar gut mit ihr meinen, sie bei sich hegen und pflegen und sie sozusagen auf den Händen tragen. Die alte Mutter war vom Herzen gut und vom Hirn etwas einfältig; sie kannte das Sprichwort nicht: Ziehe dich nicht eher aus, bis du dich schlafen legst, und gab her, was sie hatte. Zum Dank wurde sie sehr übel gehalten, war über nichts mehr Herrin, und jeder Bissen Brot wurde ihr erst schmal genug vorgeschnitten, dann vorgerechnet und jeder Tropfen Trankes ihr vergällt; aber Sohn und Schwiegertochter ließen sich’s ganz gütlich und wohl sein.

Einst speisten die beiden miteinander und mit Knecht und Magd einen gebratenen Truthahn, ohne die Mutter dazu einzuladen; zufällig kam diese aber dennoch, musste jedoch anklopfen, denn die Türe war zugeschlossen. „Holla, die Alte kommt, fort mit dem Huhn! Setze es derweil in die Ofenröhre und mache deren Türe zu!“ gebot der Sohn dem Knechte, und dieser vollzog alsbald den erhaltenen Befehl. Jetzt wurde die Stubentüre aufgerissen von dem Sohne und die arme Alte angefahren: „Nun, was soll es denn? Hat der alte Drache etwa schon wieder Hunger? Ei, so wollt ich doch! Da, nehmt, hier ist Brot, und nun trollt Euch von hinnen! „

Weinend wankte mit dem trockenen Stückchen Brot die alte Mutter aus der Stube; der böse Sohn warf hinter ihr die Türe in das Schloss, dass es krachte, und eiferte: „Keinen Bissen kann man doch in Ruhe und ohne Ärger genießen! Ich möchte nur wissen, ob die Alte ewig leben will. „

„Bringe das Huhn wieder her!“ gebot die Sohnesfrau dem Knechte – dieser öffnete die Ofentüre und sprang mit einem lauten Schrei des Schreckens drei Schritte vom Ofen zurück und verfärbte sich.

„Nun, was hat denn der tölpelhafte Narr? Er ist wohl verrückt!“ rief der Mann und gebot der Magd, das Huhn aus der Röhre zu holen. Diese ging und griff in die Röhre und kreischte alsbald vor Entsetzen auf, indem auch sie zurücksprang. „Was soll das heißen, ihr dummes Volk?“ schalt der Herr. „Und wenn der lebendige Teufel drinnen saß, so würde ich nicht solchen Lärm aufschlagen! Geh du hin, Frau. „

„Ich?“ fragte die Frau, „nicht um die Welt, ich tu’s nicht – ich danke; ich bin satt.“

„Ei, so muss ich selbst nachsehen und will es, und wenn der Donner drinnen säße!“ rief der Mann, stieg auf und ging an die Röhre. Hu! Da schoss eine armdicke und klafterlange Schlange heraus, schnellte gegen ihn und ringelte sich um seinen Hals, eiskalt, und als er sie abzuwenden strebte, riss sie ihren Rachen gräulich auf und zeigte ihre Giftzähne und ihre Gabelzunge, und weder er noch sonst jemand anders durfte sie berühren, und wenn man Miene machte, sie von Weitem zu beschädigen, so zog sie sich gleich fester um den Hals, dass der Mann zu ersticken Gefahr lief und ängstlich schrie, man solle die Schlange unberührt und ungeschädigt lassen.

Und die Schlange wich nicht von ihm. Sie um seinen Hals, legte er sich schlafen. Sie um seinen Hals, stand er wieder auf. Ehe er einen Becher Getränk zum Munde führte, trank erst die Schlange aus demselben Becher, jeden Bissen, den er aß, beleckte sie oder biss Stücken davon ab, ach, und dabei roch sie, so wie sie nur den Rachen aufriss, fürchterlich aus dem Halse, dass dem Mann eine Ohnmacht um die andere zu stieß, und niemand es in seiner Nähe aushalten konnte. Wer zuerst von ihm weglief, das war seine Frau, die doch die meiste Schuld daran trug, dass er die Schlange des Undanks gegen seine betagte Mutter in seinem Herzen getragen, die schlimmer und scheußlicher ist als jener Wurm, den er jetzt am Halse tragen musste, zur quälenden Strafe. Knecht und Magd liefen auch davon; Hund und Katze wanderten aus; der Vogel im Käfig krepierte; Motten und Mücken starben, die Spinnen machten sich hinweg, die Mäuse entflohen so schnell sie nur konnten; die Wanzen zogen in langen Zügen langsam an den Türpfosten nieder und schlüpften zwischen Türe und Angel hinaus – nicht das armseligste Läuschen bewies dem Undankbaren, von Gottes Strafgericht hart Heimgesuchten noch freudige Anhänglichkeit und Treue – alles, was lebte, floh ihn.

„… wie gehte weita …?“

Der Schneider erhob sich.

„Die Geschichte ist zu Ende. Deine Geschichte ist zu Ende.“

Als ob eine straff gespannte Feder gelöst wird, wirbelte er um seine Achse, befand sich hinter Domenico, warf blitzschnell eine Nylonschlinge um dessen Hals und zog mit der Kraft eines tonnenschweren Bullen zu – so blitzschnell und mit so ungeheurer Kraft, dass Domenico kaum Zeit fand, hilflos mit den Füßen zu scharren und in einem Anflug von aussichtsloser Gegenwehr mit den Händen fuchtelte. Innerhalb von zehn Sekunden verlor Domenico das Bewusstsein. Der Schneider wartete fünf Minuten, ohne in seiner Kraft nachzulassen. Dann verstaute er die Schlinge in einer Plastiktüte, die er in die Innentasche seines Mantels schob. Er schob Domenico die heraushängende Zunge in den Mund zurück, den er fast zärtlich zudrückte, und schloss ihm die fast herausquellenden Augen.

„Der Herr erbarme sich deiner Seele.“

Er löschte das Licht und verließ das Lokal, so wie er es betreten hatte, nicht ohne die Außentür zur Küche sorgfältig zu zu sperren. Den Schlüssel steckte er zu der Nylonschlinge in die Plastiktüte.

Genau zehn Minuten später kniete er in der Johanniskirche, genau als das Glöcklein am Ausgang der Sakristei den Beginn der heiligen Messe einläutete. Er bete und sang laut aber unaufdringlich mit und als er den Mund öffnete, um die heilige Kommunion nach alter Tradition zu empfangen, betrachtete ihn der Pfarrer mit Wohlgefallen.

Nach der Messe betrat er die Sakristei.

„Entschuldigen Sie die Störung, Hochwürden.“

„Nein, nein, Sie stören nicht. Kommen Sie ruhig herein Signor Cataldo.“

Der Pfarrer war der Einzige, der ihn mit seinem Vornamen anredete. Sogar seine eigene Ehefrau nannte ihn nur „sarto“ – Schneider.

„Was kann ich für Sie tun, mein Sohn?“

Der Schneider gab ihm den dicken Umschlag aus seiner rechten Manteltasche.

„Ein kleines Dankeschön für Ihre viele Arbeit, Hochwürden. Ein kleines Zeichen des Respekts vor unserer großen Mutter Kirche.“

„Danke, Signor Cataldo, du hast schon soviel für uns getan.“

„Nein, nicht ich, Hochwürden, ich bin nur ein kleiner Diener meiner Familie. Wir verehren Sie sehr, Hochwürden, und unsere Spende kommt von Herzen, denn sonst würde sie die nicht nur die Heiligen schmerzen, sondern uns noch viel mehr.“

„Danke, Signor Cataldo.“

„Ich werde nicht mehr oft in ihre Messe kommen, Hochwürden. Noch vor Weihnachten gehe ich mit meiner Familie zurück nach Cariati.“

„Du willst und verlassen? Nach so vielen Jahren.“

„Ja, Vater. Valentina, die Tochter des unglücklichen Fabrizio soll in der Heimat ihrer Vorfahren aufwachsen. Nächstes Jahr kommt sie zur Schule.“

„Ja, das verstehe ich. Du hast viel für das Mädchen getan. Komm mit ihr vorbei, bevor ihr weggeht, damit ich euch segnen kann.“

„Ihr Segen wird mir Kraft geben für die vielen Aufgaben, die das Leben und die Familie für mich bereithalten. Auf wiedersehn, Vater.“

„Auf wiedersehn, Signor Cataldo, der Herr segne Dich und alles, was Du tust.“

„Danke, Vater, ich bin in den Händen Gottes.“

Er drehte sich noch einmal um:

„Entschuldigung Hochwürden. Ich habe eine kleine Bitte.“ Er zog die zusammengeknüllte Plastiktüte aus seiner Innentasche.

„Wären Sie so nett und würden diesen Abfall in Ihre Mülltonne hinter der Sakristei werfen. Vorne steht keine.“

Rezension: Clara Rilke-Westhoff – Marina Bohlmann-Modersohn – btb Verlag

Die Frau im Schatten

Clara Rilke-Westhoff: Eine Biografie Marina Bohlmann-Modersohn (Autorin), 384 Seiten, btb Verlag (19. Oktober 2015), 21,99 €, ISBN-13: 978-3442754328

„Wer ist sie, in was drückt sie sich aus, an welchen Freuden, Wünschen, Hoffnungen erkennt sie sich?“, fragte Rilke, um seine Ehefrau Clara Henriette Sophie Rilke, geb. Westhoff zu verstehen. Gelungen ist es ihm nicht.

Clara Rilke-Westhoff, geboren am 21. November 1878 in Bremen und gestorben am 9. März 1954 in Fischerhude) war eine deutsche Bildhauerin und Malerin. Sie wurde zu einer der Vorreiterinnen der Frauen in der Kunst. Wie ihre enge Freundin und Weggefährtin Paula Modersohn-Becker brach sie mit den Konventionen ihrer Zeit und wählte eine Domäne, die bis dahin vor allem Männern vorbehalten war: die Bildhauerei, dieses schwere Handwerk mit hartem Marmor, Kalk- oder Sandstein, festem Lehm, flüssiger Bronze.

Jetzt nähert sich Marina Bohlmann-Modersohn (verheiratet mit dem Enkel des Malers Otto Modersohn) in einer ebenso spannenden wie aufschlussreichen Biographie dieser faszinierenden Persönlichkeit aus einer ebenso faszinierenden Zeit mit all ihren Prägungen. „Sehen Sie, Fräulein, es gibt zwei Arten von Malerinnen: die einen möchten heiraten und die anderen haben auch kein Talent.“ (Seite 9)

So zeichnet die Autorin nicht nur den Lebensweg der Künstlerin nach, sondern bringt uns tiefe Einblicke in das Leben der damaligen Künstler wie Rainer Maria Rilke, Paula Becker-Modersohn, Otto Modersohn, Rodin und viele andere. Und sie zeigt uns die Denk- und Arbeitsweise wie auch die Lebensumstände dieser Menschen und ihrer damaligen Zeit. Sie beleuchtet alle Lebensstationen: Die ertrotzte Ausbildung unter anderem in München, Leipzig und Paris, die Freundschaft mit Paula Modersohn-Becker, die Ehe mit Rainer Maria Rilke, die Trennung sowie die künstlerischen und menschlichen Krisen. Es ist der Kampf einer ehrgeizigen Künstlerin, die mit großen Zielen gestartet ist, aber schlussendlich doch an den Umständen scheiterte.

Entstanden ist ein stilles Porträt, ohne Klischees, sensibel und diskret. Vor allem gefällt mir, dass Marina Bohlmann-Modersohn nicht urteilt, sondern durch ihr sehr gut recherchiertes Material den Leser sich sein eigenes Bild machen lässt. Sie zitiert aus den verschiedenen Briefwechseln von Clara Westhoff: mit den Eltern, mit Paula Modersohn-Becker, Briefe des Ehepaars Rilke untereinander und auch die Briefe Rilkes an seine Mutter. Dadurch kommt man Clara Westhoff sehr nahe und erkennt unter welchen Bedingungen sich die künstlerische Entwicklung von Clara Westhoff-Rilke vollzog und welche Schwierigkeiten sie dabei als Frau, Ehefrau und Künstlerin zu bewältigen hatte.

Diese Biographie ist nicht nur für Kunstinteressierte interessant. Ich kann diese ungemein kenntnisreiche, hoch spannende und sehr differenzierte Biografie jedem empfehlen, der diese Zeit und ihr Leben besser kennen lernen möchte.

Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des btb Verlages

http://www.randomhouse.de/Buch/Clara-Rilke-Westhoff/Marina-Bohlmann-Modersohn/btb-Hardcover/e421853.rhd

Fragen Sie in Ihrer örtlichen Buchhandlung nach diesem Buch. Wenn Sie in meiner Gegend „Landkreis Merzig-Wadern“ leben, dann wenden Sie sich an die Rote Zora: http://www.rotezora.de

Rezension: The Lovers – Rod Nordland – Ullstein Verlag

Und Liebe wagt, was irgend Liebe kann

The Lovers – Rod Nordland (Autor), Michael Windgassen (Übersetzer), 368 Seiten, Verlag: Ullstein Hardcover (13. Mai 2016), 19,99 €, ISBN-13: 978-3550081002

The Lovers erzählt die wahre Geschichte eines jungen afghanischen Paares. Zakia und Ali sind wohl das berühmteste Liebespaar von Afghanistan. Diese afghanischen Romeo und Julia sind Tadschiken und Hazara, Sunniten und Schiiten, unterschiedliche Ethnien und gespaltener Religionsrichtungen. Sie leben in Bamiyan, wo die Taliban im Jahr 2001 die berühmten Sandstein-Buddhas zerstörten. Sie verlieben sich als Teenager. Eine Heirat ist unmöglich. Sie riskierten Schande und Tod um einander zu heiraten, bleiben aber zu einem Leben auf der Flucht verurteilt.

Diese Geschichte ist aber nur die äußere Hülle der Geschichte. Darunter gibt uns „The Lovers“ einen Einblick in die Denkweise der afghanischen Stammesehre, die afghanische nationale Ehre, die durch weibliche Rebellion als gefährdet angesehen wird. Und sie zeigt uns, dass die westlichen Einmischungen zu einer Not-win-Situation führen. Sie kann die Änderungen nicht fördern, die in Afghanistan stattfinden muss, um seine Frauen sicher zu machen

Dies ist die Geschichte einer verbotenen Liebe in einer Gesellschaft, wo Ehen von Familien sorgfältig arrangiert werden. Es offenbart eine Welt, in der Frauen das Eigentum der Väter, Ehemänner und Brüder sind, die auf den Frauen Wunsch nach individueller Autonomie mit „Ehrenmord“ antworten.

Rod Nordland ist ein New Yorker Journalist und Pulitzer-Peisträger. Er berichtet akribisch und beschreibt außergewöhnlich gekonnt eine geschlossene patriarchalische Gesellschaft und das Leid, das diese den Frauen zufügt.

Eine provokante, gut erzählte Geschichte von Liebe um jeden Preis und eine prägnante Darstellung der fortdauernden Verletzung der Rechte der Frauen in Afghanistan.

Der erfahrene Journalist war Bürochef für die New York Times in Kabul, als er 2014 zum ersten Mal über Zakia, 18 und Ali, 21 schrieb, über dieses junge afghanische Paar, das alles für die Liebe aufs Spiel setzt. Er schrieb mehr als ein halbes Dutzend weitere Artikel über dieses Paar und legt jetzt die ganze Geschichte als Buch vor. Es ist Liebesgeschichte und Thriller in einem.

Norlands Liebesgeschichte mitten in der erschütternden Realität, was es bedeutet, heute in Afghanistan weiblich zu sein, wird jeden Leser fesseln. Ein ebenso faszinierendes wie schockierendes Buch. Es ist ein Muss für jeden, der diese Region verstehen will und der eine Vorstellung von den Komplikationen im Umgang mit kulturellen Unterschieden bekommen möchte.

Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des Ullstein Verlages

http://www.ullsteinbuchverlage.de/nc/buch/details/the-lovers-9783550081002.html?cHash=577983d24376f402a35f62409a25880d

Fragen Sie in Ihrer örtlichen Buchhandlung nach diesem Buch. Wenn Sie in meiner Gegend „Landkreis Merzig-Wadern“ leben, dann wenden Sie sich an die Rote Zora: http://www.rotezora.de

Essay: Das perfekte Chaos

Das perfekte Chaos – Ordnung ohne Herrschaft

… oder gibt es eine Ordnung ohne Gewalt?

Fremdgesteuert und fremdbestimmt – damit hat unsere Gesellschaft Jahrhunderte gelebt. Im Staat herrschten Kaiser, Führer, Kanzler. In der Familie war das Familienoberhaupt das höchste und allein entscheidende Gesetz. In der Schule hatte immer der Lehrer nicht nur das letzte Wort. Und alle beugten sich einer festen Ordnung, die niemand infrage stellte. Das gab Halt und Orientierung. Und heute, in einer Zeit der großen, nicht überschaubaren Freiheit, scheint nichts mehr zu funktionieren. Ein Gefühl der Verlassenheit und Einsamkeit macht sich breit. Kein Wunder das viele nach „law and order“ und nach den alten Werten einer angeblich heilen Welt rufen. Und manch einer wünscht sich den starken Mann an die Spitze unseres Gemeinwesens zurück.

Unsere Welt und unser Leben ist vielfältiger und vielschichtiger geworden. Und verwickelte, soziale Situationen lassen sich nicht durch gezielte Eingriffe von oben verändern. Denn soziale Systeme, wie zum Beispiel Gruppen in der Schule, Teams in Unternehmen entwickeln ein Eigenleben, ebenso wie die schwer durchschaubaren Abhängigkeiten eines Biotops.

Gruppe ist ein Wort aus dem Althochdeutschen und bedeutet „Kropf“, das nicht nur die krankhaft vergrößerte Schilddrüse bezeichnet, sondern auch den „Knoten“ (ital. groppo) bezeichnet.

Überall wo sich Menschen in ihren Lebenslinien miteinander mehr oder minder fest verknoten, entsteht eine Gruppe. Eine einheitliche Definition sucht man vergebens. Allerdings kann man anhand der Begriffsbestimmung charakteristische Merkmale herausfinden. So sind Gruppen ein soziales System, dessen Mitglieder in direkter Beziehung stehen und ihren Verhalten durch sich ergänzende Rolle und gemeinsame Maßstäbe und Ziele bestimmen.

Menschen sind soziale Wesen, die in der Lage sind, ihr Leben zwar gemeinschaftlich, vor allem aber selbstverantwortlich gegenüber sich und ihrer Umwelt zu organisieren. Selbstbestimmt Leben heißt, dass wir über die Ziele und Inhalte, über Formen und Wege, Ergebnisse und Zeiten sowie die Orte ihres Lebens selbst entscheiden, frei von jeder Bevormundung. Also jeder tut das, was er will?

Laissez-faire, alles laufen lassen, wie es läuft? Es kommt sowieso, wie es kommt. Nach den Kölner Grundsätzen: „Et kütt, wie et kütt“ und „Et hätt noch immer jot jejange.“

Um Himmels willen, das ist doch Anarchie. Oder? Und viele erinnern sich sofort an die sogenannte antiautoritäre Erziehung in den 60er und 70er Jahre. Ja wo kämen wir denn da hin? Das ist ja wirklich Anarchie.

Dabei ist Anarchist nur derjenige, der freiwillig darauf verzichtet andere beherrschen und unterdrücken zu wollen. Im Gegensatz zu den autoritären Systemen, wie wir sie noch immer erleben, wo der Stärkere gewinnt und wo die Grenzen zur Strafe werden.

Richtig: Ohne Halt und Sinn und ohne Grenzen wären wir gefühlsmäßig und intellektuell überfordert. Aber einen starken „Führer“ brauchen wir wirklich nicht, obwohl das bequem ist, denn wir haben im Nachhinein immer einen Schuldigen.

Was wir brauchen, sind funktionierende Gruppen, ob in der Familie, den Vereinen oder in den Gemeinden.

Die Mitglieder einer Gruppe sind in ihrem Verhalten wechselseitig voneinander abhängig. Die Mitglieder beeinflussen sich in ihrem Denken und Handeln gegenseitig: Was jedes einzelne Mitglied der Gruppe tut, beeinflusst das Verhalten aller anderen und ist seinerseits auf das Verhalten dieser anderen bezogen.

Die Mitglieder erleben sich als zusammengehörig und sprechen deshalb von der Gruppe als „wir“ im Gegensatz zu den „anderen“, die nicht zu der Gruppe gehören.

In jeder Gruppe entwickeln sich bestimmte allgemein anerkannte Erwartungen darüber, wie man in bestimmten Situationen denken und handeln sollte.

Die Gruppe hat eine Ordnung, in der jedes Mitglied eine bestimmte Position einnimmt. Daran sind entsprechende Bündel von Erwartungen geknüpft. Die Rollen sind wechselseitig aufeinander bezogen und ergänzen sich gegenseitig.

Unter den Mitgliedern einer Gruppe herrscht Übereinstimmung über Ziele, die erreicht werden sollen. Das Verhalten der verschiedenen Gruppenmitglieder ist miteinander verknüpft und auf dieses gemeinsame Ziel ausgerichtet oder besser gesagt gleichgerichtet.

Gruppen brauchen einfach einen Konsens. Das bedeutet die Übereinstimmung von Menschen hinsichtlich einer bestimmten Thematik ohne verdeckten oder offenen Widerspruch. Und da es nicht mehr den alleinigen Steuermann gibt, aber Teilsysteme verhandlungsfähig sind, müssen und können die Besatzung und die Passagiere das Steuer übernehmen. So entstehen überschaubare Einheiten.

Gruppen stehen nicht in einem Über- und Unterordnungsverhältnis, sondern existieren mehr oder weniger gleichberechtigt nebeneinander. Nur daraus ergeben sich Selbststeuerung und Selbstbestimmung sowie dezentrale und Von-Unten-Nach-Oben-Entscheidungen. Viele dezentrale Gruppen und Initiativen können sich miteinander vernetzt und so zu kooperativen Einheiten werden, ohne dass sie ihre Eigenständigkeit an ein übergeordnetes System abgeben müssen.

Unser aller „Mutti“ redet zwar davon mit so wunderschönen Floskeln wie: „verlässlicher innerer Kompass“, „verantwortlicher Freiheit“ oder „Gesellschaft mit einem menschlichen Gesicht“. „Ohne Grundsätze, Werte, Leitbilder, ohne dass wir Halt und Orientierung haben“, könne man den Herausforderungen dieser Tage nicht begegnen.“ sagte Merkel. Gut gebrüllt Löwe. Aber wo bleibt das „Wie“?

Niemand hat ihn je gesehen, doch alle spüren, wenn er da ist … der Gruppengeist. Ein guter Gruppengeist lässt sich nicht erzwingen noch herbeizaubern und schon gar nicht herbeireden. Aber er kann wachsen, wenn sich die Gruppenmitglieder kennen, gerne zusammen sind und gemeinsame Erlebnisse haben. Alle brauchen die Sicherheit, von allen anderen akzeptiert zu werden.

Gruppen-Geist, das ist der Geist oder die Intelligenz, welchen eine Mehrzahl von Menschen gemeinsam haben. Der Gruppen-Geist bzw. die Gruppen-Intelligenz ist der entscheidende Faktor für die Fortentwicklung einer Zivilisation.

Nur verträgt sich das mit unseren individualistischen Ansprüchen? Schwer, sehr schwer. Wenn die soziale Identität fehlt und nur die individuelle Identität herrscht, dann bleibt der Konsens auf der Strecke und der gute Geist einer Gruppe macht sich auf und davon.

Fangen wir einfach mal klein an: In der Familie, in der Hausgemeinschaft, in unserer Straße oder in unserem Viertel

Setzen wir uns auf den Stuhl des anderen. Was denkt er? Was fühlt er? Wo sind seine Sorgen und Nöte?

Lernen wir, aus vielen Gläsern zu trinken. Und lernen wir, so zu schweigen, dass andere Zeit zum Reden haben.

Kurzgeschichte: Der Auswanderer

Der Auswanderer

von Jules Barrois

Sebastiano, ein zwar kleinwüchsiger, sanfter aber trotzdem heißblütiger Italiener, fasste einen Entschluss. Endgültig! Unumstößlich! Denn so konnte es bei Gott nicht weitergehen. Er würde dieses Haus, in dem er mit seinen Eltern sein ganzes Leben verbracht hatte, verlassen. Für immer!!! Nicht etwa, um in das alte leer stehende Häuschen seiner Großeltern drei Kilometer hinaus in die campagna – aufs Land zu ziehen. Das hatte er einmal gemacht, wenn auch nur für einen Tag. Nein, diesmal war es ihm wirklich ernst. Mindestens in die Provinzstadt am Meer sollte es gehen. Nein, das war nicht weit genug. Besser in eine der größeren Städte – Bologna oder Milano – von denen er schon viel gehört hatte. Oder gar all‘ estero – ins Ausland -, Frankreich oder Deutschland. Seine Eltern hatten viele Bekannte und Freunde in Deutschland. Ja, Germania, das war die Lösung.

Hier wollte er nicht einen Tag länger bleiben. Sein Cousin Elia ging ihm ganz gehörig auf den Senkel, dieser Wichtigtuer und Schleimer, der immer so tat, als ob er hier der Herr im Hause wäre und alles bestimmen und das große Wort führen könnte.

Und seine Freundin Amalia stellte sich jetzt, wo sie sich fast täglich sahen, als in höchstem Maße anstrengend heraus.

Nein, er würde keinem etwas sagen und sich auch von keinem verabschieden. Noch vor dem Mittagessen würde er verschwunden sein.

Er fing an seinen Rucksack zu packen – zwei Unterhosen, zwei T-Shirts, seine kurzen Shorts und die Jeans. Eine kaum angebrochene Schachtel seiner Lieblingskekse. Nachher würde er in der Küche noch zwei Dosen Thunfisch und eine Packung Spaghetti einpacken und ein bisschen prosciutto und formaggio.

Die ganz neuen Jeans und das neue Hemd zog er gleich an, band sich die Riemen seiner neuen Turnschuhe. Darüber zog er das Sweatshirt der NY-Soccers, seines Lieblingsvereins. Er wusste es nicht so genau, aber mit Sicherheit waren in Deutschland die Temperaturen tiefer als hier. Also noch zur Vorsicht den warmen Fleece Pulli in den Farben vom AC-Milan in den Rucksack.

Eigentlich war er fertig. Er ging noch einmal alles durch: Geld hatte er in seinem Beutel, Rucksack gepackt. Wenn jetzt seine Mutter aus der Küche in den Garten ging um dragoncello – Estragon – für die Carbonara zu holen, würde er schnell die paar Sachen aus dem Küchenschrank nehmen und dann verschwinden.

Der Duft der Carbonara zog bis in sein Zimmer. Sehr verführerisch.

Die Tür ging auf. Seine Mutter steckte den Kopf rein: „Essen ist …“ hob sie an, „… Was hast du denn an? Das sind doch die neuen Sachen, die wir für deinen ersten Tag im asilo – im Kindergarten – gekauft haben und das neue Rucksäcklein hast du auch schon gepackt. Sehr brav. Du kannst es wohl gar nicht erwarten. Aber der Kindergarten fängt erst morgen an.“

„Komm zum Essen. Amalia ist auch gerade gekommen. Und streite nicht wieder mit ihr wie gestern Abend. Sie wird doch erst im nächsten Frühjahr zwei und du wirst nächstes Jahr doch schon vier.

Na gut, dachte er. Er würde sich morgen mal den Kindergarten anschauen und nachher besonders nett zu Amalia sein. Auswandern konnte er auch noch übermorgen. Aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Aber jetzt erst mal Spaghetti carbonara essen.