Rezension: Das gläserne Klavier – Miriam Toews – Berlin Verlag

Geliebtes Kind, du gehst an meiner Seite

Das gläserne Klavier – Miriam Toews (Autorin), Monika Baark (Übersetzerin), 368 Seiten, Berlin Verlag (2. Mai 2016), 22 €, ISBN-13: 978-3827012494

Elfrieda, genannt Elf, ist eine reiche, berühmte und umjubelte Konzertpianistin. Trotz allem hat sie das Gefühl zur falschen Zeit geboren zu sein. „ … Samuel Coleridge, der definitiv ihr Liebhaber gewesen wäre, wäre sie auf die Welt gekommen, als sie eigentlich auf die Welt hätte kommen sollen.“ (Seite 13) Sie hat immer wieder versucht, ihr Leben zu beenden.

Ihre jüngere Schwester Yolandi, genannt Yoli, pleite und geschieden, sehnt sich danach ihre Schwester am Leben zu erhalten.

Beide sind aufgewachsen als Kinder von Mennoniten, geprägt von der Gemeinde, „Staatsfeind Nummer eins war für diese Männer ein Mädchen mit Buch.“ (Seite 19). Trotzdem könnten die beiden Schwestern nicht gegensätzlicher sein.

Dreißig Jahre später, kommt alles aus der viel versprechenden Jugend Elfs zum Tragen: Sie ist eine weltbekannte Pianistin mit einem Partner, der sie liebt. Wie konnte sie in einer psychiatrischen Abteilung an ein Krankenhausbett geschnallt landen? Nach einem Selbstmordversuch?

Die Fragen nach diesem unergründlichen, dämonenhaften Geheimnis zu beantworten, ringt Yoli in diesem Roman. Warum kann Elf ihr gesegnetes Leben nicht schätzen? Ist sie dadurch vorbelastet, dass schon ihren Vater vor einem Zug sprangen? Ist sie durch das Leiden ihrer Vorfahren geprägt, die vor einem Jahrhundert in Sibirien ermordet wurden? Was lässt einen erfolgreichen, geliebten, sonst gesunden Menschen in der Dunkelheit stranden?

Der Roman wechselt zwischen den Kindheitserinnerungen der trotzigen und unabhängigen älteren Schwester und dem Jetzt, wo sie in einem Krankenhaus liegt. Die unbeschwerte Frau wird dieser stoische Frau gegenübergestellt.

Miriam Toews legt einen unerträglich traurigen und zur gleichen Zeit unglaublich witzigen Roman vor. Ein außerordentlich lebendiger Roman. Über die widersprüchlichen Wünsche nach Leben und Tod. Sie nimmt uns auch auf eine herzzerreißende Reise durch die emotionale Landschaften ihre Figuren, über die grausamen Gelände der Verzweiflung, in dem Elf gelandet ist. Sie wirft Licht auf die dunkelsten Orte der Seele. Das ganze Buch ist im Grunde eine Beschreibung der Million-und-eine Art und Weise, in der unsere Protagonistin traurig ist. Ein fast handlungsloser Roman über das unablässige Wirken von suizidaler Depression.

Eine besondere Gabe von Miriam Toews ist die Fähigkeit, ihre Charaktere sehr komplex zu schichten und formen und dann ihre Charakterisierungen bewusst zu untergraben. Und sie ist in der Lage, in diesem schwierigen Thema über die ultimative Unfähigkeit und die existenzielle Bedeutung. Beschreibungen zu finden, ohne in Plattitüden zu verfallen und auch ohne ausführlich zu philosophieren. Hier zeigt sich die sehr erfahrene Schriftstellerin.

Toews zwingt den Leser zu bedenken, dass auch in uns „geheime Mörder lauern“, all unsere nihilistischen Gedanken und Impulse als Nebenprodukte unserer Erfahrungen. Sie erreicht mit diesem Roman, wozu wenige in der Lage sind: sie organisiert furchtlos ihre Trauer durch das Schreiben, sie erzeugt eine Fülle von Einsichten und bietet Trost und Empathie mit, all denen von uns, die ihre Erfahrungen teilen. Es gibt kein Urteil oder Schuldzuweisung, es ist einfach eine Hommage an eine geschwisterliche Beziehung.

Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des Berlin Verlages

http://www.berlinverlag.de/buecher/das-glaeserne-klavier-isbn-978-3-8270-1249-4

Fragen Sie in Ihrer örtlichen Buchhandlung nach diesem Buch. Wenn Sie in meiner Gegend „Landkreis Merzig-Wadern“ leben, dann wenden Sie sich an die Rote Zora: http://www.rotezora.de

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