Essay: Das perfekte Chaos

Das perfekte Chaos – Ordnung ohne Herrschaft

… oder gibt es eine Ordnung ohne Gewalt?

Fremdgesteuert und fremdbestimmt – damit hat unsere Gesellschaft Jahrhunderte gelebt. Im Staat herrschten Kaiser, Führer, Kanzler. In der Familie war das Familienoberhaupt das höchste und allein entscheidende Gesetz. In der Schule hatte immer der Lehrer nicht nur das letzte Wort. Und alle beugten sich einer festen Ordnung, die niemand infrage stellte. Das gab Halt und Orientierung. Und heute, in einer Zeit der großen, nicht überschaubaren Freiheit, scheint nichts mehr zu funktionieren. Ein Gefühl der Verlassenheit und Einsamkeit macht sich breit. Kein Wunder das viele nach „law and order“ und nach den alten Werten einer angeblich heilen Welt rufen. Und manch einer wünscht sich den starken Mann an die Spitze unseres Gemeinwesens zurück.

Unsere Welt und unser Leben ist vielfältiger und vielschichtiger geworden. Und verwickelte, soziale Situationen lassen sich nicht durch gezielte Eingriffe von oben verändern. Denn soziale Systeme, wie zum Beispiel Gruppen in der Schule, Teams in Unternehmen entwickeln ein Eigenleben, ebenso wie die schwer durchschaubaren Abhängigkeiten eines Biotops.

Gruppe ist ein Wort aus dem Althochdeutschen und bedeutet „Kropf“, das nicht nur die krankhaft vergrößerte Schilddrüse bezeichnet, sondern auch den „Knoten“ (ital. groppo) bezeichnet.

Überall wo sich Menschen in ihren Lebenslinien miteinander mehr oder minder fest verknoten, entsteht eine Gruppe. Eine einheitliche Definition sucht man vergebens. Allerdings kann man anhand der Begriffsbestimmung charakteristische Merkmale herausfinden. So sind Gruppen ein soziales System, dessen Mitglieder in direkter Beziehung stehen und ihren Verhalten durch sich ergänzende Rolle und gemeinsame Maßstäbe und Ziele bestimmen.

Menschen sind soziale Wesen, die in der Lage sind, ihr Leben zwar gemeinschaftlich, vor allem aber selbstverantwortlich gegenüber sich und ihrer Umwelt zu organisieren. Selbstbestimmt Leben heißt, dass wir über die Ziele und Inhalte, über Formen und Wege, Ergebnisse und Zeiten sowie die Orte ihres Lebens selbst entscheiden, frei von jeder Bevormundung. Also jeder tut das, was er will?

Laissez-faire, alles laufen lassen, wie es läuft? Es kommt sowieso, wie es kommt. Nach den Kölner Grundsätzen: „Et kütt, wie et kütt“ und „Et hätt noch immer jot jejange.“

Um Himmels willen, das ist doch Anarchie. Oder? Und viele erinnern sich sofort an die sogenannte antiautoritäre Erziehung in den 60er und 70er Jahre. Ja wo kämen wir denn da hin? Das ist ja wirklich Anarchie.

Dabei ist Anarchist nur derjenige, der freiwillig darauf verzichtet andere beherrschen und unterdrücken zu wollen. Im Gegensatz zu den autoritären Systemen, wie wir sie noch immer erleben, wo der Stärkere gewinnt und wo die Grenzen zur Strafe werden.

Richtig: Ohne Halt und Sinn und ohne Grenzen wären wir gefühlsmäßig und intellektuell überfordert. Aber einen starken „Führer“ brauchen wir wirklich nicht, obwohl das bequem ist, denn wir haben im Nachhinein immer einen Schuldigen.

Was wir brauchen, sind funktionierende Gruppen, ob in der Familie, den Vereinen oder in den Gemeinden.

Die Mitglieder einer Gruppe sind in ihrem Verhalten wechselseitig voneinander abhängig. Die Mitglieder beeinflussen sich in ihrem Denken und Handeln gegenseitig: Was jedes einzelne Mitglied der Gruppe tut, beeinflusst das Verhalten aller anderen und ist seinerseits auf das Verhalten dieser anderen bezogen.

Die Mitglieder erleben sich als zusammengehörig und sprechen deshalb von der Gruppe als „wir“ im Gegensatz zu den „anderen“, die nicht zu der Gruppe gehören.

In jeder Gruppe entwickeln sich bestimmte allgemein anerkannte Erwartungen darüber, wie man in bestimmten Situationen denken und handeln sollte.

Die Gruppe hat eine Ordnung, in der jedes Mitglied eine bestimmte Position einnimmt. Daran sind entsprechende Bündel von Erwartungen geknüpft. Die Rollen sind wechselseitig aufeinander bezogen und ergänzen sich gegenseitig.

Unter den Mitgliedern einer Gruppe herrscht Übereinstimmung über Ziele, die erreicht werden sollen. Das Verhalten der verschiedenen Gruppenmitglieder ist miteinander verknüpft und auf dieses gemeinsame Ziel ausgerichtet oder besser gesagt gleichgerichtet.

Gruppen brauchen einfach einen Konsens. Das bedeutet die Übereinstimmung von Menschen hinsichtlich einer bestimmten Thematik ohne verdeckten oder offenen Widerspruch. Und da es nicht mehr den alleinigen Steuermann gibt, aber Teilsysteme verhandlungsfähig sind, müssen und können die Besatzung und die Passagiere das Steuer übernehmen. So entstehen überschaubare Einheiten.

Gruppen stehen nicht in einem Über- und Unterordnungsverhältnis, sondern existieren mehr oder weniger gleichberechtigt nebeneinander. Nur daraus ergeben sich Selbststeuerung und Selbstbestimmung sowie dezentrale und Von-Unten-Nach-Oben-Entscheidungen. Viele dezentrale Gruppen und Initiativen können sich miteinander vernetzt und so zu kooperativen Einheiten werden, ohne dass sie ihre Eigenständigkeit an ein übergeordnetes System abgeben müssen.

Unser aller „Mutti“ redet zwar davon mit so wunderschönen Floskeln wie: „verlässlicher innerer Kompass“, „verantwortlicher Freiheit“ oder „Gesellschaft mit einem menschlichen Gesicht“. „Ohne Grundsätze, Werte, Leitbilder, ohne dass wir Halt und Orientierung haben“, könne man den Herausforderungen dieser Tage nicht begegnen.“ sagte Merkel. Gut gebrüllt Löwe. Aber wo bleibt das „Wie“?

Niemand hat ihn je gesehen, doch alle spüren, wenn er da ist … der Gruppengeist. Ein guter Gruppengeist lässt sich nicht erzwingen noch herbeizaubern und schon gar nicht herbeireden. Aber er kann wachsen, wenn sich die Gruppenmitglieder kennen, gerne zusammen sind und gemeinsame Erlebnisse haben. Alle brauchen die Sicherheit, von allen anderen akzeptiert zu werden.

Gruppen-Geist, das ist der Geist oder die Intelligenz, welchen eine Mehrzahl von Menschen gemeinsam haben. Der Gruppen-Geist bzw. die Gruppen-Intelligenz ist der entscheidende Faktor für die Fortentwicklung einer Zivilisation.

Nur verträgt sich das mit unseren individualistischen Ansprüchen? Schwer, sehr schwer. Wenn die soziale Identität fehlt und nur die individuelle Identität herrscht, dann bleibt der Konsens auf der Strecke und der gute Geist einer Gruppe macht sich auf und davon.

Fangen wir einfach mal klein an: In der Familie, in der Hausgemeinschaft, in unserer Straße oder in unserem Viertel

Setzen wir uns auf den Stuhl des anderen. Was denkt er? Was fühlt er? Wo sind seine Sorgen und Nöte?

Lernen wir, aus vielen Gläsern zu trinken. Und lernen wir, so zu schweigen, dass andere Zeit zum Reden haben.

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