Essay: Der kleine Sonnenstrahl

Der kleine Sonnenstrahl

… oder wie wirklich ist die Wirklichkeit

Was ist Wirklichkeit? Ein Sonnenstrahl, der aus dem All kommt? Er ist ein Nichts. Doch dann trifft er auf weiße Haut und rötet sie. Oder er fällt auf die blinkende Oberfläche eines kleinen Weihers und lässt Wasser verdampfen. Oder er fällt durch das gekrümmte Glas einer achtlos weggeworfenen Flasche und entfacht im dürren Gras und Laub einen riesigen Flächenbrand. Oder er wärmt alte, gichtige Knochen. Oder Sonnenblumen drehen ihre Köpfe in seine Richtung. Oder, oder, oder … Oder er berührt die Erde gar nicht und verstrahlt ohne Wirkung.

Ein Sonnenstrahl ist ein Nichts, weder gut noch böse. Erst wenn er auf eine Struktur trifft, bewirkt er etwas, was nicht von ihm abhängt, sondern von der Beschaffenheit dieser Struktur. Der Sonnenstrahl verändert sich nicht durch die Struktur, auf die er trifft. Aber seine Wirkungen auf bestimmte Strukturen sind festgelegt.

Wenn Menschen aufeinandertreffen, passiert Ähnliches und noch mehr. Die Struktur des einen verändert die Struktur des anderen. Der eine kann bewusst bei dem anderen eine Struktur so schaffen, dass seine Energie eine Wirkung erzielt. Und er kann latente Strukturen sichtbar machen. Und das heißt nichts anderes als Beeinflussen.

Es gibt keine festgelegte Wirkungen. Jedes Wort, das wir sagen, jede Bewegung, die wir machen, gewinnt je nach Situation und Bereitschaft des Gegenübers eine jeweils andere Bedeutung und gleichzeitig schaffen und verändern wir damit das Gebilde aus Situationen und Menschen, auf die wir treffen. Wir bewegen uns in sozialen Systemen, die hochgradig komplex sind,

Und diese Systeme lassen sich nicht mit einfachen mathematischen Gleichungen beschreiben. Wir können über sie keine Gesetze aufstellen, keine Aussagen über Regelmäßigkeiten formulieren, die mit wissenschaftlicher Exaktheit zutreffen. Solche Gesetzmäßigkeiten ließen sich nur überprüfen, wenn wir sie auf eine größere Menge von identischen Menschen und Situationen anwenden können. Und das gibt es eben nicht. Kein Mensch gleicht dem anderen. Keine Situation des Zusammentreffens von Menschen wiederholt sich unter exakt gleichen Bedingungen. Bei jedem Zusammentreffen von Menschen entsteht ein Raum, ein sozialer Raum mit neuen Qualitäten. Nehmen wir einmal zwei Beispiele:

Ein Kunde betritt ein Geschäft. Hat er feste Kaufabsichten? Will er sich nur vorab informieren? Macht er einen ungezielten Bummel? Oder will er nur die Wartezeit überbrücken, bis sein Bus fährt? Der Verkäufer tritt auf den Kunden zu und spricht ihn an. Vielleicht will der Kunde gar nicht angesprochen werden und verschließt sich? Vielleicht lässt er sich auf ein Gespräch ein, weil er sich nicht „nein“ zu sagen traut? Oder ist er doch an einem Gespräch interessiert? Wecken Art und Worte das Vertrauen und vielleicht verborgene Bedürfnisse? Will er plötzlich etwas, an das er bisher nicht gedacht hat? Was geht in seinem Kopf vor? Hat er genügend Geld dabei? Muss er jemand anderen um Zustimmung fragen? Und so weiter und so weiter … Dieser kurze Ausschnitt spielt sich in wenigen Sekunden ab. Wer will den weiteren Gang der Dinge vorhersagen? Das bedeutet „Sozialer Raum“.

Oder nehmen wir einen x-beliebigen Mitarbeiter. Bislang hat er zur Zufriedenheit seines Vorgesetzten gearbeitet, nicht übermäßig gut – eben zufriedenstellend. Und plötzlich sackt seine Leitung ab. Er wird unpünktlich, unzuverlässig, verschlampt Vorgänge. Hält Informationen zurück. Vergesslichkeit? Absicht? Ab und an sucht er die direkte Konfrontation. Reagiert überzogen. Woran kann es liegen? Streit mit einem Kollegen? Probleme zu Hause? Schwierigkeiten mit den Aufgaben? Keine Zukunftsperspektiven? Krankheit? Ja und vor allem: Wie soll sein Vorgesetzter reagieren? Behutsam? Forsch und fordernd? Nicht beachten? Egal, was er tut. Er weiß nicht, wie der Mitarbeiter reagieren wird. Bleibt seine Leistung auf dem gleichen Stand? Rutscht er noch stärker ab? Wie verändert sich sein Verhalten? Wer will den weiteren Gang der Dinge voraussagen?

Das heißt „Sozialer Raum“. Oder vereinfacht und positiv ausgedrückt, wer sich hier zuhause fühlt, wer in diesem Raum seine „Heimat“ findet, der ist beeinflussbar.

Heimat ist nicht die Stadt, in der jemand seit Jahren lebt. Die hat er sich nicht ausgesucht. Er könnte auch woanders leben. Heimat ist weniger Ort, sondern vielmehr Gefühl: Heimat ist dort, wo der Mensch Geborgenheit spürt, wo er Spuren hinterlassen hat oder hat und wo sich Erinnerungen ranken. „Dort“ ist nicht mit „Ort“ gleichzusetzen.

Mit „Heimat“ verbinden wir drei menschlichen Grundbedürfnissen: dem Bedürfnis nach sozialer Zugehörigkeit, Einbindung und Anerkennung, dem Bedürfnis nach Beeinflussung, Gestaltung und Handlungsmöglichkeit und dem Bedürfnis nach Sinnstiftung, Vertrautheit und einbettenden Erzählungen.

„Heimat ist unerlässlich, aber sie ist nicht an Ländereien gebunden. Heimat ist der Mensch, dessen Wesen wir vernehmen und erreichen.“ sagte Max Frisch.

Wir begegnen Menschen zum ersten Mal. Sie sind uns fremd. Was in ihren Köpfen vorgeht, wissen wir nicht. Wenn wir sie für uns, unsere Ideen, Produkte oder für was auch immer gewinnen wollen, dann sollten wir ihnen das Gefühl von Heimat vermitteln, sodass sie sich „Zuhause“ fühlen, dass sie Vertrauen zu uns haben. Dass sie das Gefühl haben, verstanden zu werden.

Wir brauchen Fähigkeit und Bereitschaft zum Einfühlen. Die Bereitschaft hängt von unserer Persönlichkeit ab. Sich wenigstens für ein paar Minuten voll auf die Gedanken, Gefühle und Bedürfnisse des Gesprächspartners zu konzentrieren – was zugleich bedeutet, die eigenen vorläufig zurückzustellen. Dies fällt vielen Menschen ausgesprochen schwer. Wer ständig im Mittelpunkt stehen möchte, kaum bereit sein wird, die „ihm zustehende“ Aufmerksamkeit anderen Personen zu schenken. Auch wer meint, ständig um seine Interessen kämpfen zu müssen, tut sich sehr schwer, sich auf die Bedürfnisse anderer einzulassen. Auch wer das Gefühl hat, ständig zu kurz zu kommen, dem mangelt es in aller Regel an „emotionaler Freigiebigkeit“.

Die Bereitschaft ist die unabdingbare Grundlage. Zur Fähigkeit gehören natürlich dann auch Methoden. Z. B. Erkennbar zuhören – körperliche Zugewandtheit, Nicken, Blickkontakt, die sogenannten „therapeutischen Urlaute“ wie „Mhm“, „Ja“, „Hmm“ etc. Zum „aktiven Zuhören“ zählen auch Anstöße zum Weiterreden wie Nachfragen, Wiederholen der letzten Worte („Echo“), Impulse wie „Erzähl ‘“, „Und wie ging es dann weiter?“ etc. Mit eigenen Worten das Gesagte wiedergeben. – „Wenn ich Sie richtig verstehe, geht es Ihnen vor allem darum, dass …“. Die emotionale Bedeutung ansprechen. – „Sie machen sich Sorgen, ob …“.

Hört sich einfach an? Wer Schwierigkeiten mit diesen „Methoden“ hat, der hat wahrscheinlich zu wenig Bereitschaft, sich auf den anderen einzulassen.

Für die Führungsfähigkeit, für die Überzeugungskraft sind nicht einzelne Methoden, Techniken, Taktiken oder „Rezepte“ entscheidend. Nicht der ist die beste Führungskraft, der beste Verkäufer, der wie Rastelli, der kleine Zauberer immer neue Tricks aus der Tasche zaubert und bunt schillernde Illusionen vorgaukelt, sondern der, der in positiven Visionen Räume schafft, in denen seine Kollegen, Mitarbeiter, Kunden, Geschäftspartner, Familie und Freunde sich wiederfinden und wohlfühlen, der also dem sozialen Experiment „Leben“ einen Sinn vermittelt.

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