Rezension: Die Welt hört nicht auf – Bilal Tanweer – Carl Hanser Verlag

Eine gebrochene, schöne Stadt

Die Welt hört nicht auf von Bilal Tanweer (Autor), Henning Ahrens (Übersetzer), 192 Seiten, Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG (14. März 2016), 19,90 €, ISBN-13: 978-3446250604

„Schon mal eine zerschossene Windschutzscheibe gesehen? Rings um das Einschussloch bildet sich ein Gespinst aus kantigen, gezackten Linien, zwischen denen winzige Kristalle sitzen, dicht an dicht. Das ist die Metapher für meine Welt, diese Stadt. Kaputt, schön und aus brutaler Gewalt geboren.“ (Seite 11)

So beginnt Bilal Tanweer dieses sehr eindrucksvolle Buch. Karachi ist die Heimatstadt des Autors und die Stadt zeigt sich auf jeder Seite des Buches: der Dreck, die Menschenmassen, die ständigen Staus, der Charme vieler Menschen – und die Bösartigkeit der anderen. Man fühlt sich wirklich so, als wäre man dort, am vom Müll übersäten Strand am Meer, als blicke man auf die pochenden Straßen und die Märkte. Kaum zu glauben, dass dies sein erstes Buch ist.

Im Dezember 2012 ließen Terroristen eine Bombe in einem Bus in der Nähe des Cantt Bahnhof in Karachi explodieren. Die Explosion tötete sechs Menschen und etwa fünfzig Menschen wurden verletzt. Es war ein schreckliches Ereignis in der größten Stadt der muslimischen Welt (mehr als 20 Millionen Menschen) und eine Erinnerung daran, dass die häufigsten Ziele von muslimischen Extremisten Muslime sind.

Diese Bombenexplosion ist das Ereignis von dem sich die unterschiedlichen Erzählstränge dieses Buches ergeben. Bilal Tanweer bevölkert dieses schlanke, episodische Buch mit einer ausgedehnten Reihe von Charakteren: abwesende Väter; abergläubische, alleinstehende Mütter; nachdenkliche Söhne; der traumatisierte Fahrer einer Ambulanz und ein Teenager-Mädchen, das bittersüße Märchen für ihren kleinen Bruder erfindet. Der Roman hat keinen einzigen Protagonisten, aber der alternde kommunistische Dichter Sukhansaz hat in den meisten der verschlungenen Geschichten einen Auftritt.

In 9 Geschichten beleuchtet Bilal Tanweer die komplizierte Natur des Gedächtnisses oder entwirrt die verwirrende Beziehung zwischen Gegenwart und Vergangenheit mit einer Mischung aus psychologischen Realismus und einer besonderen Art des Storytelling. Vor allem durch Sukhansas Leben und Tod bekommt das Buch eine beißende politische Kante. Er ist ein Symbol für Karachis säkulare intellektuellen Vergangenheit, er ist das Opfer einer tödlichen Kombination von US-Außenpolitik und religiösen Extremismus.

Doch im Mittelpunkt steht Karachi, diese weitläufige Megalopolis an Pakistans Südküste, die in den letzten Jahren von politischer Gewalt, sozialen Unruhen und von der Bedrohung durch die Taliban geplagt wurde. Und Tanweer schafft es, die Komplexität der Stadt in Prosa zu erfassen. Er vereinigt wunderschöne Fragmente, reich an soziologischen Details und subtilen existentiellen Betrachtungen, zu einem ausgeklügelten, eindringlichen Porträt des städtischen Pakistan. Er liefert eine Hommage an Karachi, die ihren paradoxen Reiz durch die Monologe einer Reihe von anonymen Erzählern bezieht.

Bilal Tanweer erzählt ohne Glamour, ohne rosarote Stimmung. Seine Texte sind körnig und manchmal erschütternd. Und er zeigt trotz der Kürze des Buches eine beeindruckende Reichweite und die Fähigkeit, überzeugend jedem Charakter seine eigene Stimme zu verleihen.

Es ist ein ganz besonderes Buch. Es ist eine Sammlung von Fragmenten – nicht ganz kurze Geschichten, nicht ganz Kapitel – die höchst eigenwillig das Porträt einer Bombardierung an einem Bahnhof in Karachi liefern, erzählt aus der Perspektive von Zeugen, Opfer, Familienmitglieder, Freunden, Mitarbeiter, Liebhaber. Was zunächst wie eine rudimentäre Sammlung von unterschiedlichen Geschichten zu sein scheint, entwickelt sich Schicht für Schicht zu einem komplexen Muster, das die komplizierten Beziehungen des Autors mit seiner gebrochenen, schönen Stadt aufzeigt.

Ich möchte den Roman aber nicht nur auf den Aspekt Karachi reduzieren.

Er erzählt sehr unterhaltsame Geschichten, die es dem Leser ermöglichen über die Schlagzeilen hinaus zu schauen. Denn niemand würde diesen Teil der Stadt kennen lernen, sondern ihn nur als den Ort in Erinnerung behalten, wo eine Bombe hochging.

Für mich machen vor allem die reichen und tiefen Einblicke in die Kultur von Pakistan und seiner faszinierenden Bevölkerung das Buch besonders lesenswert. Dieses Erstlingswerk von Bilal Tanweer scheint mir auch ein großes Versprechen zu sein und ich werde diesen Autor auch in Zukunft bei meiner Lektüre im Auge behalten.

Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des Hanser Verlages

https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/die-welt-hoert-nicht-auf/978-3-446-25060-4/

Fragen Sie in Ihrer örtlichen Buchhandlung nach diesem Buch. Wenn Sie in meiner Gegend „Landkreis Merzig-Wadern“ leben, dann wenden Sie sich an die Rote Zora: http://www.rotezora.de

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