Kurzgeschichte: Das Fest – Jules Barrois

Das Fest

1. Variation zur Beobachtung „Ein neuer, weißer Sommerhut treibt auf dem Fluss“

Herbstlich trockene Luft hatte über Nacht die Schwüle der letzten Tage gebrochen. Der Fluss hatte sich nicht verändert. Träge, bräunlich, glatt, fast bewegungslos. Ab und an ein leichtes, flirrendes Zittern über die Oberfläche. Direkt vor ihm sprang ein Fisch, verschwand und hinterließ konzentrische, sich ausbreitende Kreise.

Als Knabe hatte er flache Steine über die Oberfläche tanzen lassen. Er griff einen der runden, polierten Kiesel aus der Böschung neben sich. Wollte mit der Hand, leicht schräg gestellt zum Wurf ausholen. Zögerte. Zagte. Ließ den Stein in einem Anflug von Schuld leise und sacht an seine angestammte Stelle gleiten.

Er schämte sich. Röte stieg von seinem kräftigen gedrungenen Hals hoch, flutete sein teigiges Gesicht. Er konnte doch nicht seine Welt beschädigen, zerstören, noch nicht mal beunruhigen. Hier auf seinem Ausguck konnte er die ganze Welt betrachten, die sich ihm in der spiegelnden Oberfläche darbot.

Schweiß drang aus Stirn und Kopf, perlte aus den zerzausten Haaren, sammelte sich in kleinen Rinnsalen über seinen Nacken und versickerten im steifen, weißen Kragen seines neuen Hemdes auf.

Das neue Hemd. Weiß, gestärkt, vorgestern gekauft, gestern Abend zum ersten Mal angezogen. Vielleicht hatte sie zur gleichen Zeit in der gleichen Straße ihren kleinen, kecken, weißen Strohhut erstanden. Den Hut mit der schmal nach oben gebogenen Krempe. Sein Herz pochte. Laut. Bis in seine Schläfen.

Wie hatte sie ausgesehen? Keine Erinnerung. Klein war sie. Aber sonst. Ihn hatte nur der Hut angezogen. Dieser Hut, der ihm alles versprochen hatte. Was genau? Weiß nicht, dachte er. Hab keine Erfahrung mit Frauen, kannte keine, nur seine Schwester, bei der er lebte. Aber die war ja keine Frau. War eben seine Schwester.

Manchmal hatte er sich etwas vorzustellen versucht, etwas gewünscht, herbeigesehnt. Jedes Mal waren seine Ohren heiß und rot geworden. Bist du krank, hatte seine Schwester dann gefragt. Er hatte ihr aber nichts gesagt. Auch nicht, dass er sich ein weißes Hemd gekauft hatte und wo er gestern Abend hingegangen war. Sie würde es nie erfahren. Niemand würde nie irgendetwas erfahren.

Hinter der Scheune hatte er sein durchgeschwitztes Arbeitshemd ausgezogen und sich das neue übergestreift. Eng saß es. Die schwarzen Perlmuttknöpfe spannten. Er musste den Bauch einziehen. Dann hatte er sich auf Großvaters altes Fahrrad geschwungen und war los gestrampelt. Seine dunkle Arbeitshose war fleckig und seine klobigen Arbeitsstiefel hatten nicht zum Hemd gepasst. Aber er hatte vorgesorgt.

Auf den Gepäckträger hatte er Opas schwarze Sonntagsschuhe geklemmt. Opa ging sonntags nicht mehr in die Kirche. Er ging nirgendwo hin. Er sei jetzt im Himmel, hatte ihm seine Schwester gesagt. Aber wieso hatte er seine blankpolierten Schuhe nicht mit in den Himmel genommen?

Auch Mama war im Himmel. Hatte man ihm gesagt. Er Ständig hatte er nach oben gestarrt. Entdeckt hatte er sie nie. Ein Stern wäre sie und würde immer auf ihn herabsehen und aufpassen. Hatte man ihm gesagt. Aber welcher Stern war sie? Alle sahen gleich aus. Wie konnte sie ihn sehen, wenn er sie nicht sah?

Kurz vor seinem Ziel hatte er seine verschmutzten Treter am Wegrand abgestellt und versucht in Opas Schuhe hinein zu kommen. Sehr eng. Sehr, sehr. Er musste seine dicken Wollsocken ausziehen. Dann passten sie. Gerade so.

Toll kam er sich vor. Weißes Hemd, schwarz-glänzende Schuhe und dunkle Hose. Zwei, drei Flecken hatte er versucht, mit Spucke wegzuwischen. Sah ganz gut aus. Aber nach wenigen Minuten kamen die Flecken aus Kuhmilch, Mist und verkleckerterSuppe wieder vor. Ihn störte das nicht. Überhaupt nicht.

In seinem Dorf ging er in keine Wirtschaft. Obwohl, gewollt hätte er gerne. Und auch auf kein Fest. Obwohl, früher war er schon mal gegangen. Bis sie ihm einmal immer mehr Bier gegeben hatten. Geschmeckt hatte es nicht. Hatte gerülpst. Da hatten alle gegrölt. Die haben dir Schnaps ins Bier getan. Hatte seine Schwester gesagt. Sie hatte ihn gefunden. Als er hinter dem Festzelt im Dreck lag. Sie hatte dafür gesorgt, dass er nirgends und von niemandem mehr reingelassen wurde. Sie beschimpfen dich doch nur. Sie wollen dich in ein Heim stecken, hatte sie gesagt. Sie meine es doch nur gut mit ihm, hatte seine Schwester gesagt. Was daran gut sein sollte, hatte er nicht verstanden.

Jetzt taten ihm die Füße weh. Ganz fürchterlich. War er gerannt? Wo war sein Fahrrad? Er versuchte die Schuhe abzustreifen. Ahihaa. Tat das weh. Fersen und Zehen waren ganz wund gescheuert. Ganz blutig. Er tauchte seine Füße in das kühle Wasser des Flusses. Da rutschen Opas Schuhe auch ins Wasser. Weg. Opa brauchte sie nicht mehr. Und er auch nicht. Würde er eben barfuß zurückgehen. Zum Fahrrad. Zu seinen Strümpfen und seinen Arbeitsschuhen und dann nach Hause radeln, als ob gar nichts gewesen wäre. Von der anderen Seite des Flusses läutete eine Glocke. Heute ist Sonntag. Da geht seine Schwester im in die Frühmesse. Bis danach wird sie ihn nicht vermissen. Bis dahin war er auch wieder zurück.

Und wenn er beim Suchen auf sie treffen würde? Die mit dem weißen Hütchen? Irgendwo musste sie ja sein. Sie war ja vor ihm gewesen. Also, wenn er ihr begegnete, dann würde er etwas zu ihr sagen. Müsste nur noch wissen was. Er kramte in seinem Kopf. Fand nichts. Gar nichts fiel ihm ein. Wie gestern Nacht. Da war ihm auch nichts eingefallen. Und wenn, dann hätte sie ihn sowieso nicht verstand. Die Musik war so laut und so viel Lärm um sie herum. So viele Leute, die sangen, tranken, grölten, tanzten.

Dabei hatte er nur ihr Hütchen vorsichtig berührt. Da war sie aufgesprungen, hatte ihr Hütchen festgehalten und war weggerannt. Hau bloß ab, du blöder Sack. Du versaust uns nur das ganze Fest, hatten alle geschrieben, ihn hin und her gestupst. Was blieb ihm da übrig? Auch raus rennen. Hinter dem Mädchen mit dem Hütchen her. Sie war schon weg. Aber es gab nur den einen Weg, über den Steg, über den Fluss. Unbeholfen aber schnell stakste er drauflos. Mit seinen wehen Füßen. In seinem Körper vibrierte es. War ihm auch schon auf der Straße passiert. Sah etwas an einer Frau. Ein Hütchen. Und in diesem Hütchen lag Traum, Erwartung, Verlangen, ein ganzes Leben voller Möglichkeiten. Stille entstand in seiner Seele, als er ihr weißes Hütchen am Weg den Fluss entlang zwischen dem Gesträuch aufblitzen sah, ein Abgrund, wo unter der Gewalt dieses Aufleuchtens die ganze Welt versankt.

Er kam sich wesenlos vor, einem Schatten gleich, rannte er dicht an den Hecken, nutze jeden Deckung, um sich zu verbergen. Er begann sich zu schämen und wusste nicht warum. Ihm war als ob er nackt sei, nackt bis auf die Knochen, nackt bis auf die Seele. Und da stand sie plötzlich. Vor ihm. Hinter der kleinen Biegung. Er sah nur ihr weißes Hütchen. Verwegen kam er ihm vor. Dieses Hütchen bezwang ihn. Ohne seine Füße zu fühlen, ging er auf sie zu. Wie im Traum. Sie streckte einen Finger aus. Er streckte einen Finger aus. Ihre Lippen bewegten sich. Seine Lippen bewegten sich. Er ging nach vorn. Da blickte sie ihn an. Mit einem Blick, der sagte, dich kenne ich jetzt, ich weiß jetzt was für einer du bist. Dich werde ich mir merken.

Ihr Blick hatte sich so tief in seine Augen gefressen, dass er ihn jetzt noch spürte. Das Schreckliche konnte er auch jetzt nicht fassen, schon gar nicht beschreiben. Seine hellen, merkwürdig ausdruckslosen Augen tasteten über die Leere des trägen Flusses. Was wusste schon der Fluss? Nicht mehr als er. Nichts. Er betrachtete sich selbst im Spiegel des Wassers. War er das? War er nicht. War bestimmt ein Fremder.

Dann trieb ein kleines weißes Hütchen durchs Bild.

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