Rezension: Die Lebenden und Toten von Winsford – Håkan Nesser – btb-Verlag

Ein Buch mit unwiderstehlicher Sogkraft

Die Lebenden und Toten von Winsford – Håkan Nesser (Autor), Paul Berf (Übersetzer), 464 Seiten, btb Verlag (9. Mai 2016), 9,99 €, ISBN-13: 978-3442713899

„Ich fasste Entschlüsse und setzte sie in die Tat um.“ (Seite 136) Dieser Satz bestimmt das aktuelle Leben der Mitfünfzigerin Maria. Plötzlich und unerwartet ist sie in Exmoor aufgetaucht. Ihr einziger Reisebegleiter ist ein Hund. Sie mietet für ein paar Monate eine alte Hütte in der Mitte der Heidelandschaft. Sie hat als TV-Moderatorin im Fernsehen gearbeitet, aber den neugierigen Dorfbewohner erzählt sie, dass sie Autorin sei und die Zeit in der Abgeschiedenheit nutze, um ein Buch fertig zu schreiben. „Ich schreibe um dem Wahnsinn zu entgehen – dem geduldig erodierenden Wahnsinn der Einsamkeit – und um meinen Hund zu überleben, das ist alles.“ (Seite 113)

Wer ist diese mysteriöse Schwedin? Langsam, sorgfältig und methodisch erfahren wir von ihr die Vorgeschichte. Wo ist ihr Ehemann Martin, Schriftsteller und Literaturprofessor? Warum verwischt Maria all ihre Spuren auf dem Weg in diese südenglische Landschaft? Was hat es auf sich mit dem berühmt-berüchtigten Schriftstellerkollektiv in Marokko vor vielen, vielen Jahren? Warum schreibt Maria E-Mails in Martins Namen?

Keine Sorge. Die Geschichte mit vielen Verwicklungen und einem überraschenden Ende, werden ich hier nicht verraten. Soviel sei nur gesagt: Trotz ihres Vorsatzes, Entschlüsse zu fassen und in die Tat umzusetzen, die Dinge verlaufen natürlich nicht wie geplant. Und die Geschichten der Lebenden und Toten findet nicht nur im Dorf Winsford statt, sondern auch in Schweden, Polen, Griechenland und Marokko. Und das besondere an diesem Roman von Nesser: Er erzählt die Handlung komplett aus weiblicher Perspektive.

Bei Håkan Nesser fühlt der Leser sich gut aufgehoben, manchmal vielleicht zu sicher. Stilistische Experimente und mutige Erzählweisen werden Sie hier nicht finden. Dafür aber eine Geschichte im Grenzbereich von Roman und Krimi. In gewisser Weise ist es ein psychologischer Thriller, aber der Roman ist nicht leicht zu kategorisieren. Vielleicht ist es eine eigene Kategorie. Und natürlich die ungeheuer echten Naturbeschreibungen. Auch wenn Sie im Süden unter strahlender Sonne sitzen und lesen, werden Sie sich nach einem feuchten, windigen und nebligen Moor irgendwo im Südwesten von England sehen.

Über die vielschichtige Handlung hinaus ist es eine starke Geschichte über Trauer und wie wir auf Schmerz reagieren. Mancher wird umgeworfen und verliert alle Lebensenergie, andere finden schließlich einen Weg zu leben. Håkan Nesser schreibt darüber in Bildern und ohne es ganz offen zu schreiben. Jeder, der schon mal großes Leid erfahren hat, wird vieles erkennen, ohne erklären zu können, was es ist. Aber auch das ist nur ein Teil des Buches. Håkan Nesser, so scheint es mir, macht uns Lesern Angebote, mit denen wir uns auseinandersetzen können.

„Die Lebenden und Toten von Winsford“ ist einer von Håkan Nessers besten Romanen. Hier zeigt er sich wieder einmal als Autor der feinen Stimmungen und der subtilen Überraschungen. Ein wahrhaft gewitzter und raffinierter Geschichtenerzähler mit viel Tiefe und Ironie. Es ist ein Buch, von dem ich mich nicht losreißen konnte, sondern eine Lektüre, die mich antrieb, zu lesen und zu lesen und kaum ein Durchatmen erlaubte.

Das ist anspruchsvolle Literatur: es gibt keinen konstruierten Plot sondern eine Vielzahl kleiner Geschichten. Es gibt keine Action, keinerlei Grausamkeiten und trotzdem entsteht Gänsehautgefühl. Das Buch bezieht seine Spannung vor allem aus dem, was im Verborgenen bleibt. Für mich war es ein ganz besonders nachhaltiges Leseerlebnis. Sehr empfehlenswert.

Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des btb Verlages

http://www.randomhouse.de/Buch/Die-Lebenden-und-Toten-von-Winsford/Hakan-Nesser/btb-Hardcover/e453086.rhd

Fragen Sie in Ihrer örtlichen Buchhandlung nach diesem Buch. Wenn Sie in meiner Gegend „Landkreis Merzig-Wadern“ leben, dann wenden Sie sich an die Rote Zora: http://www.rotezora.de

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