Der letzte Mohikaner – Mythos Barolo

Der letzte Mohikaner – Mythos Barolo

… oder Wein der Könige, König der Weine

„Andar per Langhe“ nennen es die Piemontesen, wenn sie einen Ausflug in das hügelige Weinland südlich von Alba unternehmen. Und den unternehmen sie gerne, denn die alte Kulturlandschaft der Langhe, dieses Auf und Ab der weinbewachsenen Hügelketten vor dem Hintergrund der oft schneebedeckten Westalpen, ist von großem ästhetischem Reiz.

Die Langhe sind mehr als nur ein geografisches Gebiet, sie sind ein Gemütszustand, eine Kultur, ein Lebensstil – für den Sachlichkeit, Anstand, Fleiß und Unternehmungsgeist die Grundsteine bilden. Hier ist die Natur großmütig gewesen. Den steilen Hängen der Hügel entlang, scheinen die regelmäßig angebauten Weinlagen wie architektonische Strukturen. Da oben zeichnen die Hügel Profile zwischen lebhaften Farben und weiten Lichtkegel. Da oben vor den alten, vom Menschen und Wind modellierten Konturen ist es angenehm, die Seele mit einem Glas Wein ausruhen zu lassen.

Die wenigen ebenen Abschnitte sind mit zahlreichen Feldern, Gärten und Obstbäumen bedeckt; in der Tiefe des Waldes, birgt der Boden seinen kostbarsten Schatz – die weiße Trüffel aus Alba. Der Mensch hat dieses Gebiet im Laufe der Jahrhunderte mit allen Mitteln verteidigt und geschützt, was die eindrucksvollen Burgen und Schlösser, die über die einzelnen Dörfer ragen, beweisen.

Wenn Sie einmal ein Weingebiet an einem neblig herbstlichen Morgen heraufkommen, an einem windigen Tag im Frühling über eine Wiese schreiten, die Spuren vom Wild im frisch gefallenen Schnee verfolgen, oder an einem heißen Mittag im Juni am Rande der gereiften Weizenfelder spazieren gehen, nur dann können Sie verstehen, was „Langhe“ bedeutet“.

Dank harter Arbeit und großer Leidenschaft in dieser nur spärlich besiedelten Region wächst der Barolo, einer der besten Rotweine der Welt.

„Ziehen wir den Hut vor diesem wertvollen Getränk. Wenn der Nebbiolo der Prinz unter den Rebsorten ist, dann ist der Barolo der König der Weine“ schrieb Lorenzo Fantini im Jahr 1879.

Der Barolo ist einer der größten reinsortigen Weine der Welt. Seit Menschengedenken wird die Nebbiolotraube, aus der er gemacht wird, im Piemont angebaut. Aber erst Mitte des 19. Jahrhunderts stellten einige Adelsfamilien aus Savoyen fest, dass in der Region, die heute als das Barolo-Gebiet ausgewiesen ist, der beste Nebbiolo wächst, und haben ihn für sich reserviert. Nach und nach wurde er durch die offiziellen Empfänge bei Hof bekannt und einige Jahrzehnte später errang er Medaillen und Auszeichnungen in ganz Europa und in Amerika. Heute werden nur etwa sechs Millionen Flaschen jährlich in dem elf Gemeinden umfassenden Anbaugebiet hergestellt.

Natürlich gibt es auch Barolo, der den Namen nicht wert ist. Und auch viele alteingesessene Winzer äffen einen internationalen Stil nach, der alle Weine gleich schmecken lässt, nur weil die Amerikaner einen schwarzen Wein haben wollen, der nach Eichenholz schmeckt und nach Vanille riecht. Ja es ist richtig: In den letzten zwei Jahrzehnten entstand eine neue Welle von Produzenten in der Region, Modernisten, die aus Barolo mehr ansprechbarer, schneller trinkbar und gefälliger machten.

Doch der wahre Barolo ist ein Wein, der Geduld braucht, bei der Herstellung wie beim Trinken. Deshalb greifen wir zu einem Barolo, bei dem wir sicher sind, dass er aus den Wurzeln der Barolo-Kultur kommt: einen Barolo von Bartolo Mascarello, der sich selber als den letzten Mohikaner bezeichnete und 2005 von uns ging. So klar wie seine politische Meinung war auch sein Barolo. Gewinnmaximierung mit dem Ausbau von einzelnen Cru-Lagen hat er genauso abgelehnt, wie den Einsatz von barriques. Er erzeugte stets nur einen Barolo, eine Assemblage von Trauben vier verschiedener Parzellen, drei davon stammen aus der großen Lage Cannubi. In der Regel kam sein Barolo ungefiltert auf die Flasche und bei der Füllung richtete er sich nach dem Mondkalender. Seine Tochter Maria Teresa folgte aber ganz konsequent der Politik ihres Vaters.

Als Ort des Genießens wählen wir ein kleines Lokal, mit einem schattigen Vorhof, keine hundert Meter vom Haus der Mascarello weg. Das ristorante La Cantinetta. Hier regieren Maurilio e Paolo Chiappetto.

Als Begleiter könnten wir viel wählen aus der typischen einheimischen Küche. Ich persönlich bevorzuge einen einfachen Teller „Tajarin“, jene legendären, hauchdünn und schmal geschnittene Tagliatelle. Bandnudeln, die nach dem klassischen Rezept auf 1 kg Mehl 30 Eidotter haben sollen (auch von 50 Eidottern hat man schon gehört). Wer jedoch seinen Teig aus einem Kilogramm Weißmehl, zehn Eidottern, einem gehäuften Teelöffel Salz und einem Esslöffel Olivenöl zubereitet, weiß sich in guter Gesellschaft mit einer ansehnlichen Zahl von bewährten Köchinnen und Köchen, vor allem wenn er neben der üblichen Menge Eigelb auch noch ganze Eier dem Teig hinzugefügt. Etwas Eiweiß die macht Tajarin zarter..

Begleitet werden sollten die Tajarin von einer möglichst einfachen Soße. Sie darf keine Konkurrenz zu dem delikaten Teiggeschmack sein, sondern muss ihn auf diskrete Weise unterstützen. Einfach die natürlich al dente gekochten Tajarin in einer Pfanne mit zerlassener Trüffelbutter schwenken und auf vorgewärmte Teller servieren. Das Ganze mit darüber frisch gehobelten Trüffelscheiben abgerundet.

Ein klassischer, heller Barolo mit der Farbe von Ziegelmauern des Duomo von Alba im Sonnenuntergang. In der Nase die typische Aromen von Teer, Veilchen und Rosen. Am Gaumen dicht, sehr gut strukturiert, ausgewogen, spürbarem aber feinem Tannin, sehr gut eingebundener Säure, präsentes aber nicht aufdringliches Tannin, getrocknete Pflaume, etwas Lakritz und einem langen Abgang.

Im Laufe des Abends entwickelt der Wein immer neue Aromen: Himbeeren und Kirschen, Pilzen, Trüffel und Waldboden. Er entwickelt eine traumhafte Süße und eine Feinheit, die den Weinen vom Château Lafite-Rothschild in keiner Weise nachsteht.

Die Nase wird immer feiner und ätherischer, Pflaumenaromen, Trockenfrüchte, Tabak, Leder und Unterholz. Ausdrucksstarker, tiefgründiger Wein, der das Morgengold der Sonne über Cannubi genauso spüren lässt, wie die Mittagshitze und die laue Abendkühle. Ein Wein, in dem die gesamte Langhe enthalten ist.

Wer kann diese Stimmung verlassen ohne einen der berühmten dolce des Piemont?

Und natürlich begleitet von einem Barolo Chinato von Maria Teresa Mascarello, auf dem einfachen Etikett in blau, rot, grün, gelb eine einfache Zeichnung ihres Vaters mit der Friedenstaube im oberen linken Eck.

Die rubinrote Farbe geht ins Orange. Man riecht das Chinin und die sorgfältig gewählten Kräuter und Gräser, wie, Zimt, Enzian, Orange Wacholder und viele andere Kräuter. Warm, süß und samtig begleitet er den bonet, diesen unnachahmlichen Bittermandelpudding des Piemont.

Willkommen in Italiens Feinschmeckerparadies

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