Die Raffinesse des Einfachen

Die Raffinesse des Einfachen

… oder „Hauptsach gudd gess“

Die Geschichte des Menschen ist eigentlich eine Geschichte des Essens. Und wir reden heute gerne von früher und Omas Küche. Als ob es früher besser gewesen wäre? Oder wollen wir mit dieser Illusion dem heimtückischen Virus entfliehen, der sich Fastlife, schnelles Leben nennt, der unsere Gewohnheiten beeinträchtigt, unser Privatleben durchdringt und uns zwingt, Fastfood zu essen?

Fastfood ist keinesfalls etwas Neues. Schon zu den ersten olympischen Spielen im antiken Griechenland wurde Fastfood angeboten. Im römischen Circus Maximus wurden neben Souvenirs und Obst auch Pasteten, gebratene Fische, Fleischspießchen und Käse verkauft. Und wann gab es die erste Würstchenbude in Deutschland? 1134, zur Zeit des Regensburger Dombaus um die Bauarbeiter zu verpflegen.

Vom 16. bis zum 18. Jahrhundert war Fastfood in den höheren Schichten dagegen verpönt. Die Wohlhabenden speisten in großen Gelagen, während Fastfood der ärmeren Bevölkerung zugeteilt wurde.

Den vollen Durchbruch brachte die Industrialisierung, da der Arbeitstag der normalen Arbeiter 12 bis 14 Stunden dauerte und nur kurze Pausen von fünfzehn Minuten zur Verfügung standen, mussten die Arbeiter möglichst schnell und billig satt werden.

Und heute bewirtet McDonalds allein in seinen 1.386 Restaurants in Deutschland 2,69 Millionen Gäste täglich, und macht mit über 62.000 Mitarbeitern 3,2 Milliarden Euro Umsatz

Bei dieser Art des Essens wird Quantität mit Qualität gleichgesetzt. Die Betonung der Quantität erscheint auch in den Namen der Gerichte: Big Mac bei McDonalds oder Whopper (Riesending) oder Biggie Fries bei Burger King. Big Bite heißt die heiße Wurst bei Seven-Eleven, Big Gulp oder Super Big Gulp die große Limonade. Es wird suggeriert, dass man für wenig Geld eine Menge Essen bekommt.

Also doch eine Frage von arm oder reich, gebildet oder ungebildet?

Gut essen und trinken kann jeder jeden Tag, ob arm oder reich, ob mit viel freier Zeit ausgestattet oder im dauernden Arbeits- und Terminstress. Schlichte Raffinesse und einfaches Zubereiten reduziert auf das Wesentliche ohne Firlefanz mit frischen und besten Zutaten, ohne kunstvolle Maskeraden. Der unverfälschte Geschmack frischer, einheimischer Produkte wird durch einen Hauch des passenden Gewürzkrautes betont: bescheidenste Gerichte werden zum Meisterwerk. Diese Art des Kochens ist eben das pure Gegenteil einer präzisen Cuisine Française oder der wissenschaftlich exakten Molekularküche.

Kann man genießen lernen? Ja, man muss nur üben. Denn Genuss und Geschmack – das untrennbare Paar – sind nicht angeboren. Sie sind auf der kulturellen, nicht auf der physiologischen Ebene (süß, salzig, bitter) betrachtet, mühsam gelernt, immer wieder trainiert. Genuss geht direkt durch die Sinne und braucht Sinnlichkeit, Gefühle, Erinnerungen. Essen ist anders als die Ernährung nicht vom Verstand, sondern vom Gefühl her gesteuert. Darum essen wir ganz selbstverständlich das, was wir in unserer Kindheit gelernt haben, und haben bestimmte Vorlieben.

„Hundert Speisen schmecken hundertmal verschieden!“ Die sinnliche Vielfalt, die in diesem chinesischen Sprichwort zum Ausdruck kommt, macht das Leben spannend. Die Einfalt wiederholter industrieller Geschmacksstandards macht uns manipulierbar, weckt Langeweile und vor allem Sucht.

Wer Erdbeere oder Himbeere lediglich als aromatischen Verstärker im Joghurt kennt, kann den natürlichen Aromen nichts abgewinnen. Genauso wie ein Spitzenmusiker sein Talent verspielt, wenn er statt Klassisches zu üben, nur Pop spielt.

Essen, um satt zu werden, ist ein Bedürfnis, genießen eine Kunst. Und jeder Mensch kennt Beides – schnell den Hunger stillen oder ein Mahl zelebrieren, das für nachhaltiges Wohlbefinden sorgt. Man kann Beides: Gerichte die schnell und einfach zubereitet werden und trotzdem das Bedürfnis nach Genuss stillen.

Meine Heimat, das Saarland und meine Wahlheimat Italien zeigen es uns. Beide folgen der Aussage von Heinrich Heine: „Nichts ist köstlicher als die Raffinesse des Einfachen“

Auch wenn das Saarland flächenmäßig das kleinste Flächenbundesland ist, darf man das Saarland auf kulinarischer Ebene keinesfalls unterschätzen. Kleines Genießerland mit großer Küche. Da das Saarland früher einmal an Frankreich angeschlossen war, gibt es in der dortigen Küche ebenso viele französische wie deutsche Einflüsse. Durch das für Deutschland verhältnismäßig milde Klima wird hier Wein angebaut. Der Saargauer Viez, eine regionale Apfelweinspezialität, ist nur eine von vielen Köstlichkeiten.

Die saarländische Küche wird von vielen immer noch als deftige Küche gesehen, in der Kartoffeln, Lyoner, Speck und Bohnen im Vordergrund stehen, Gerichte von denen Bergleute, Bauern und Industriearbeiter satt werden und Kräfte für die schwere Arbeit sammeln können. Irrtum: das Deftige und Schwer ist verschwunden, das Ursprüngliche ist erhalten geblieben. „Hauptsach gudd gess, geschafft hann mir schnell“ dieses saarländische Lebensmotto zeigt die Prioritäten der Saarländer.

Doch nicht nur von Wein hat man im Saarland Ahnung. Die saarländische Küche ist sehr abwechslungsreich und hat einige Gaumenschmäuse zu bieten. Überall in Deutschland kennt man wohl die Fleischwurst, welche hier als Lyoner bekannt ist. In Kombination mit Gurken, Zwiebeln, Champignons und Paprika erhält man dann den leckeren Lyoner Stroganoff.

Oder probieren Sie einfach mal einen herb-erfrischenden Löwenzahnsalat (saarländisch: Bettseichersalat) oder einen würzig-frisch Schnittlauchsalat mit seinem milden, frühlingszwiebelartigen Geschmack. Dazu junge Kartoffeln und Kräuterquark. Während die unerlässlichen Eier dazu hart gekocht sind, sind auch die restlichen Zutaten geschnitten, vermischt und gewürzt. Also maximal 5 – 8 Minuten. Oder eine Kartoffelsuppe (Grumbeersupp). 3 Minuten um alles klein zu schneiden und in einen Topf zu füllen. Garzeit 20 Minuten. Oder Eierschmier – eine Scheibe Brot, die mit einer lecker gewürzten Eiermasse belegt wird. In 10 Minuten ist diese Köstlichkeit auf dem Tisch. Das ist Fastfood nach saarländischer Art.

Nach 2500 Jahren Hochkultur ist es kein Wunder, dass bei den Italienern neben der Funktion als Gesprächsrunde das Essen einen hohen Genussfaktor kennt.

Jedes Pasta-Gericht braucht in der Zubereitung nicht länger als die Kochzeit der Nudeln. Zu einer köstlichen Carbonara brauchen sie Nudeln, Speck, Ei und 10 Minuten. Zu einem Thunfischsalat mit weißen Bohnen aus Neapel Zwiebeln, Kapern, vorgekochte Bohnen und 1 Dose Thunfisch. Und 10 Minuten. Und wenn Sie den Thunfisch durch gewürfelten Lyoner ersetzen haben Sie direkt eine saarländische Variation.

Diese Küche bezeichnet man gerne als „cucina povera“ – Arme-Leute-Küche. Das ist natürlich eine Fehlinterpretation, denn hier bedeutet povera nicht arm im Sinne von Besitz, sondern wenige, einfache Zutaten, die ihren Reichtum aus ihrer Einfachheit bezieht.

Ach die Einfachheit! Würde sie doch nicht immer so nieder und gering eingeschätzt werden. In Italien jedenfalls versteht der Mensch mit wenig Geld umzugehen, und trotzdem nicht irgendwelche Fertignahrung in sich hineinzufressen. Und das gilt für Italien, wie für das Saarland.

Vergleichen Sie einmal „Minestrone“ mit „Quer durch den Garten“ oder „Gefillde“ mit „Gnocchi“ sowie „Kartoffelsalat“ mit „Nudelsalat“, „Caprese“ mit „Tomatensalat“ und zuletzt „Pfannkuchen“ mit „Piadina“

Einfache und wenige Zutaten, wenige Gewürze, vor allem Kräuter und dazu den passenden Wein und schon haben Sie in wenigen Minuten eine kleines, perfektes Mahl, dass Ihnen höchsten Genuss bietet. Das ist Fastfood und Slowfood in einem.

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