Ich trinke, also bin ich

Ich trinke, also bin ich

… ist Kunst und Kreativität ohne Drogen möglich?

„Dem Alkohol müsste man Tantiemen zahlen“, behauptet Wilfried Schoeller in seinem Artikel „Das letzte Glas“, „er ist der mächtigste Erzeuger von Literatur, der sich denken lässt“, und er untermauert seine Behauptung sogleich mit einer Aufzählung einer ganzen Reihe von Flaschengeistern:

Ja der gute Alkohol. Er verbindet die düstersten mit den leuchtendsten Qualitäten und er bringt den schöpferischen Geist auf ungeahnte Höhen – ein wahrhaft glühender Förderer der Künste. Allein, was er uns durch Komponisten, durch Maler und durch Dichter sage.

Unter den ersten sechs Amerikanern, die den Literaturnobelpreis erhielten, waren nicht weniger als fünf – Sinclair Lewis, William Faulkner, Ernest Hemingway, John Steinbeck und Eugene O`Neill – gestandene Alkoholiker. Der Alkohol führte sie in Tiefen, die sie als Nüchterne wohl nie erreicht hätten. Der Lohn war Weltenruhm, der Preis nicht selten Siechtum.

Alkohol steigert aber nicht nur Kreativität und Erfindergeist, verleiht nicht nur Charisma, sondern sorgt vor allem für jene permanente Ruhelosigkeit, die Fortschritt, Expansion und Wachstum erst die Wege ebnet – seien diese nun auf Dauer nutzbringend oder destruktiv.

Mit der Romantik bekommt der Rausch dann eine neue Dimension. Laudanum, mit Opium versetzter Wein hält Einzug in die Poeten-Kabinette und mit ihm der Realitätsverlust als schöpferisches Element. Im Laudanumrausch eröffnen sich traumhafte Parallelwelten, die allerdings wie alles ekstatische Erleben den Nachteil haben, dass man möglicherweise den Rückweg nicht mehr findet. Kaum hat man von der „Milch des Paradieses“ gekostet wie der englische Dichter Samuel Taylor Coleridge, holt einen auch schon wieder der Dämon.

E.T.A. Hoffmann notiert in sein Tagebuch: „Alle Nerven excitiert von dem gewürzten Wein – Anwandlung von Todesahnungen – Doppelt-Gänger.“ Bis zum Unfassbaren gesteigerte Empfindsamkeit, Weltflucht und hoffungsloser Schrecken treiben ihr Unwesen in den Dichterhirnen und gebären Werke wie „Die Elixiere des Teufels“ (E.T.A. Hoffmann), „Bekenntnisse eines Opiumessers“ (Thomas de Quincey) oder Novalis‘ „Hymnen an die Nacht“. Novalis, der verklärte Held der deutschen Frühromantik, suchte Zuflucht bei „Bitter-Mandel-Wasser und Opium“, und so stammt wohl auch seine blaue Blume der Sehnsucht aus demselben Garten wie Baudelaires „Blumen des Bösen“.

Ein seltsamer Vogel, der da in der Mitte des vorigen Jahrhunderts durch Paris ging – wenn er überhaupt ging und nicht von Haschisch umdampft auf dem Diwan lag: in überweit geschnittenen Kaschmirhosen, blauem Rock mit Metallknöpfen, darüber ein hochstirniger Asketenschädel mit mokant verbittertem Breitmaul und brennenden Augenhöhlen, so streifte er durchs Quartier, angewidert vom Geschiebe der Menschenhaufen, von Bettlern, Vetteln, gefühlsfauler Bourgeoisie: Charles Baudelaire. Er war nicht nur einer der wichtigsten Wegbereiter der literarischen Moderne, sondern auch ein früher Vertreter des Cross-Drugging. Er lässt nichts aus, was der Erschaffung seiner „Künstlichen Paradiese“ dienlich sein könnte: Laudanum, Haschisch und natürlich Wein, den er als „Mittel, die Individualität zu steigern“ feiert. „Berauscht euch“ fordert Baudelaire, „mit Wein, mit Versen oder mit Tugend“. Er selbst hielt sich vorwiegend an Absinth, jenes übelbeleumundete Kräuterdestillat, dem mehrere Künstler-Generationen verfielen. Eine Höllenmischung aus hochprozentigem Alkohol und neurotoxischen Pflanzenextrakten mit extremem Rausch-, Visions-, Sucht- und Zerstörungspotential. Absinth wurde zum Treibstoff der Bohème, Inbegriff eines anti-bürgerlichen Lebensstils, der für das Künstlerselbstverständnis im späten 19. Jahrhundert prägend war.

Und ein weiterer skurriler Vertreter der schreibenden aber auch der zeichnenden Kunst war ein Leben lang alkoholsüchtig: Wilhelm Busch, der als ein „Klassiker des deutschen Humors“ galt und der mit seinen satirischen Bildergeschichten eine Volkstümlichkeit wie nur wenige seiner Zunft erreichte. Seine 1878 erschienene Bildergeschichte „Die Haarbeutel“ thematisiert in neun Einzelepisoden, wie sich Mensch und Tier betrinken. Nur vordergründig komisch und harmlos, ist eine bittere Studie über die Sucht und den durch sie hervorgerufenen Zustand des Wahns.

Seine besten Gedichte schrieb Hermann Hesse in den schlaflosen Nächten zum Beispiel im Winter 1925/26, als er am „Steppenwolf“ arbeitete und als er in dieser Existenzkrise, die meiste Zeit des Tages mit Trinken in seiner kleinen Wohnung verbrachte und die Abende in Bars und Gasthäusern.

Wo die Sprache aufhört, fangt die Musik an.“ bekannte die Berliner Schnapsnase E.T. A. Hoffmann. Wenn „Wort und Wein“ eine untrennbare Einheit bilden, dann auch Wein und Musik.

Rockmusik und Drogen gehören untrennbar zusammen, folgt man dem Leitspruch der Rockkultur „Sex, Drugs and Rock’n’roll“ aus den 50er und 60er Jahren. Die unvergessene Musik James Brown, Coolio, Snoop Doggy Dogg, The Rolling Stones, The Doors oder Free ist ohne die Öffnung zu den verschlossenen und versiegelten Welten durch Drogen nicht denkbar. Die Drogen inspirierten sie und förderten ihre Kreativität. Wie die romantischen Dichter vergnügten sie sich mit allem, was zur Veränderung der Sinne verfügbar war: Wein, Whiskey, Haschisch, LSD, Heroin bringt viele verheißungsvolle Künstler an den Rand des Abgrunds und so manche wie Jimmy Hendrix, Janis Joplin oder zuletzt Amy Winehouse darüber hinaus.

Viele bekamen die Kurve, weil sie im Laufe der Jahre feststellten, dass die Musik selber wie eine Droge wirkt und sie keine anderen Stimulanzien mehr brauchten. Schon Beethoven, sah in der Musik zumindest „Höhere Offenbarung als alle Weisheit und Philosophie“.

Viele bekamen die Kurve, weil sie weg von harten Drogen zu der milderen, wenn auch nicht weniger gefährlichen Droge Wein wechselten.

Wie auch immer: Die enge Bindung von Musik und Wein ist kein Zufall. Weshalb man denn auch mit Eigenschaftswörtern wie „leicht“, „schwer“, „rassig“, „lebendig (vivace)“, „feurig“, „elegant“, „tiefgründig“, „ausdrucksstark“, „gefällig“, „harmonisch“, „wuchtig“, „rund“, „kantig“ oder „zart“ den Charakter von Weinen wie von Musik umschreibt.

Musik und Wein sind Seelenverwandte, nur in ihren Mitteln unterscheiden sie sich. Bei der Musik sind es Rhythmus, Ton und Klang, beim Wein Säure, Frucht und Aroma, auf die es ankommt. Auch die Herstellung klassischer Musik und edler Gewächse weist Gemeinsamkeiten auf: großer Arbeitsaufwand und hohe Kunstfertigkeit sind in beiden Fällen vonnöten, wobei Präzision und Handwerk die Voraussetzung der Komposition sind. Diese machen erst das Meisterwerk. Was Wunder, dass in Italien Rebstock und Belcanto schon immer zusammengehörten.

Am Ende seines Lebens gestand selbst Nietzsche, erst Wagnerfreund, dann Wagnerfeind: „Nicht jeder ist gleich Zarathustra ein geborner Wassertrinker. Wasser taugt auch nicht für Müde und Verwelkte: uns gebührt Wein!“

Trotz aller Verirrungen in die unterschiedlichsten Drogen und Alkoholika brach doch immer die Sehnsucht nach Wein durch. Schnaps oder Wein? Ein gewisses Quantum Alkohol braucht zum Beispiel Franz Josef Degenhardt, um damals, Mitte der 60er nach Feierabend als Sänger und Dichter wirken zu können. (Hauptsächlich zog es ihn nach eigenen Worten ins Saarland, weil dort der Schnaps so billig sei.) Früher kippte er täglich einen Liter Klaren, jetzt kommt er mit Weniger aus. Sein Ziel:

„Ich möchte Weintrinker sein und nicht immer diese hellen Schnäpse saufen.“

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