Archiv für den Monat Juli 2016

Pinucia – die Fette

Pinucia – die fette Frau

Sie rührte gedankenverloren ihre Brioche in ihrem Cappuccino, den sie neben sich auf die Marmorfensterbank gestellt hatte. Ihre rechte Schläfe lehnte an der Fensterscheibe. Ihre braunen, ausdruckslosen Augen starren auf die via Benvenuto Cellini, die nach zwanzig Meter in die via Nizza, eine ewige Baustelle, mündet. Seit neun Jahren, seit ihrer Heirat mit Carmelino wohnt sie hier, in einer Umgebung, die ihr nicht behagte und ihr, die sie dreißig Jahre in der edlen via Roma im Herzen von Turin, über dem Zuckerbäckerladen ihres Vaters gelebt hatte, auch nicht angemessen schien. Sie war besseres gewohnt und hatte auch besseres erwartet und verdient.

Sie, die von ihrem gutmütigen, liebevollen und schwerfälligen Vater, den alle bei seinem Nachnamen Pace – Frieden riefen, in den Stand einer Prinzessin erhoben worden war; sie, die schon als Dreijährige in rosaroten Spitzenkleidchen, goldenen Lederschühchen und einem feinen Pelzjäckchen in den Kindergarten gebracht wurde, was natürlich von keinem ihrer kleinen, eifersüchtigen Mitbesucherinnen des Kindergartens gewürdigt wurde; im Gegenteil, deren unverhohlener Neid entlud sich in Spott und Beschimpfungen, nicht nur wegen ihrer ausgefallenen Kleidung, sondern auch über ihr damals schon sehr rundlichen Körperbau, der im Laufe der Jahre immer mehr zunahm und schon zu ihrer Schulzeit auch nicht durch die raffiniert geschnittenen Kleider, maßgefertigt aus dunkelrotem Taft oder ultramarinblauem Samt, kaschiert wurde. Sie war immer mehr zum Gespött der ganzen Schule geworden. Sie, die eigentlich allen überlegen war und doch mit Füßen getreten wurde.

Aber sie hatte damals eine Macht, eine Versuchung, ja, Verführung, die keiner ihrer Schulkameraden widerstehen konnte: La pasticceria e cremeria Pace unter den Arkaden der via Roma mit ihren acht imponierenden Schaufenstern und den 12 Tischen draußen. Hier verkehrten die Reichen und die Schönen von Turin, aßen ihre cannoli oder torronocini zu einem café oder Cappuccino, kauften ihre panettone zu Weihnachten und ihre colomba zu Ostern. Sogar Gianni Agnelli, der allmächtige Chef von Fiat verkehrte hier.

Und welche Kinder konnten diesem Genuss aus torroncini, der cassata, der zabaione, den tartuffi, der heißen Schokolade und den unzähligen Gebilden aus Schokolade, Sahne, Mandeln, Nüssen widerstehen, die ihr Vater nach alten Familienrezepten herstellte. Schließlich bestand die pasticceria Pace seit 1870, obwohl sie bis Anfang der fünfziger Jahre eine latteria, ein Milchgeschäft war, wo ihr Großvater noch in den typischen, weißen Fässern die frische Milch im Pferdewagen ins Haus lieferte. Niemand sagte nein, wenn Pinucia zweimal im Jahr zum Schluß des Schuljahres und zu ihrem Geburtstag einlud, Hof hielt und ihre Gnade all denen zuteilwerden ließ, die sie, zumindest an diesem Tag, liebten.

Sie rührte gedankenlos mit ihrer Brioche, die sich schon halb im Cappuccino aufgelöst hatte.

„Giuseppina“ sagte sie sich … Ja, sie redete laut mit sich selber und sie redete sich selbst als einzige mit ihrem korrekten Vornahmen an:

„Giuseppina, die Liebe ist nur eine andere Form des Mitleides.“

„Oder es verbirgt sich hinter diesem Ausdruck für das Ereignis der Liebe, das du so sehnlichst erwartet hattest, nur reine Habgier.“

Ja, zu solchen Überlegungen war sie fähig, obwohl das niemand hinter der trägen Masse ihres Körpers und der linienlosen Schlaffheit ihres Gesichtes vermutet hätte.

Die Liebe, der Märchenprinz, der principe blu, eigens angefertigt für die Contessa Giuseppina, wie lange hatte sie darauf gewartet. Und nichts hatte ihr Vater unversucht gelassen, ihre Träume, die von ihm selbst angeregt und genährt wurden, nicht zerbrechen zu lassen.

Er stellte sie jedem besser gestellten Kunden der pasticceria vor, nahm sei mit zu den winterlichen Festlichkeiten seiner Zunftgenossen. Im Mai fuhr er mit ihr zum Urlaub an die Riviera nach Allassio ins Grand Hotel mediterrane direkt am Lungo Mare und im August nach Cattolica ins Wellnesshotel Vittoria direkt am Strand. Und jedes Mal verliebte sie sich aufs Neue. In Alessandro den Sohn des Hotelbesitzers in Allassio und in Roberto den Sohn des Hotelbesitzers in Cattolica, wo sie immer ihre vier Wochen im August verbrachten. Gefördert durch diskrete und direkte Zahlungen ihres Vaters mussten diese in jedem Urlaub mehrmals zum Abendessen und anschließend zum Tanzen ausführen. Sie in silber-goldenen Albendkleidern und die Jungs in weißen Dinner-Jacketts und Roberto dazu im offenen Alfa-Spider, der sie wesentlich besser zu kleiden schien als der etwas gutbürgerliche Maserati von Alessandro. Sie liebte diese vier Wochen in Cattolica, die Abende mit Roberto im Posillipo, dem exklusivsten Fischlokal der gesamten Adria hoch über dem Meer und dem anschließenden Tanzen im Marechiaro, wo sie auf den Tanzflächen unter freiem Himmel in selige Träume versank. Doch keiner der beiden Verehrten und Angebeteten hatte sie und ihre Familie, wie jedes Mal versprochen, in Turin besucht.

Im diesigen Novemberniesel schlurfte unten der alte, krummbeinige Nunzio, ein kleiner, mickriger Sizilianer in seiner braunen Anzugjacke und der ebenso braunen coppola storta, der schiefen Mütze der Sizilianer auf seinem fast kahlen Schädel. Also war es pünktlich zehn Uhr. Um diese Zeit ging der Alte weg von seiner Arbeitsstelle, einem altersschwachen Schuppen, das den hochtrabenden Namen Intermecan trug, um sich in der via Nizza in der Bar Sforza seinen Cappuccino zu trinken.

Zehn Uhr. Also waren es noch höchstens zwanzig Minuten Zeit, bis das eintrat, was sie sich seit Wochen, ja Monaten vorgestellt hatte.

„Tok, tok, tok“ klang es durch die Wohnung.

„Heute gehe ich nicht rüber.“

„Tok, tok, tok“ der Besenstiel in der Nachbarwohnung stieß zum zweiten Mal gegen ihre Wand, energischer, fordernd und ungeduldig.

„Scheiß` dir doch in die Hosen. Ich komme nicht.“ Sagte Pinucia mehr zu sich als zu der alten Frau, ihrer Schwiegermutter in der Nachbarwohnung.

„Tok, tok, tok“

„Du hast doch dieses Scheusal Carmelino auf die Welt gebracht. Und jetzt soll ich noch als Dankeschön für Das Elend, in das du und dein vermaledeiter Sohn gebracht haben auch noch den Arsch abwischen. Vaffanculo, strega, merda, fatti fottere.“

„Seit neun Jahren bin ich mit deinem stronzo von Sohn verheiratet und seit acht Jahren, seit ich meinen Sohn Cirò geboren habe, hat er mich nicht mehr angerührt.“

„Und du alte verdammte Hexe hast mir auch meinen Sohn Cirò genommen. Nach der Schule kommt er zu dir, genauso wie den Sohn Carmelino sich mehr in deiner Wohnung aufhält, als in unserer. Wenn er denn überhaupt zu Hause ist und nicht mit blonden, dürren Schlampen in den Bars rumhängt.“

„Tok, tok, tok“

Sie stand auf und legte ihr Ohr an die Wand zu ihrer Schwiegermutter. Sie hörte deren Stock klappernd und knallend zu Boden fallen. Sie hörte die Alte keuchen, wimmern gurgeln. Sie hörte leises Rumpeln und Ächzen. Die Alte schien nach Luft zu ringen.

Sie setzte sich wieder ans Fenster

Draußen kam der alte Nunzio um die Ecke zurückgeschlurft. Also war es 20 Minuten nach 10 Uhr. Nunzio sah nie hoch. Trotzdem lächelte sie ihm zu und hob ihre schlaffe Hand zu einem schüchternen Gruß. Ihm hatte sie das kleine Fläschlein mit der klaren Flüssigkeit zu verdanken. Vor einiger Zeit hatte ihr Mann Carmelino es von ihm bekommen. Angegeben hatte er mit dem Teufelszeug, geprahlt dass ein Leben damit in 20 Minuten ausgelöscht werden konnte. Ganz hinten im Küchenschrank hinter den alten Kaffeedosen mit den Gewürzresten hatte er es versteckt. Und sie hatte es gestern Abend in die neue Amarettoflasche für ihre Schwiegermutter getan.

Absolute Stille im Haus … Vorbei … Endlich vorbei.

Wenn es mit der Schwiegermutter so einfach war, dann würde sie sich ein neues Fläschlein von Nunzio besorgen und dann war ihr Ehemann an der Reihe.

Romagna: La mia gente

Romagna: La mia gente

… oder warum die Romagna meine zweite Heimat geworden ist.

Von allen Regionen Italiens kenne ich die Romagna wohl am besten. Und es scheint mir, dass es deshalb umso schwerer fällt, etwas über diese Region zu schreiben. Wo soll man beginnen:

Mit dem wildromantischen Umland von Brisighella ohne Touristenmassen und ohne mittelmäßige Restaurants mit schwindelerregenden Preisen? Oder doch lieber die mondänen Badeorte wie Rimini oder Riccione, wo schlechtes Wetter eine Katastrophe ist, denn hier leben die Menschen am Strand, rund um die Uhr? Oder doch weit vom Strand weg in den Appenin hinein zum Staudamm von Ridracoli, mit seltenen Tieren, Pflanzen und eindrucksvollen geologischen Formationen? Oder doch einfach nur dem val marecchia folgen, wo die grünen Hügel von Kirchen, Schlösser und Klöster dominiert werden und wo es ein anderes Zeitempfinden zu geben scheint, ja fast eine Bewegungsträgheit? Auch einfach am Hafen von Cesenatico zu sitzen, der noch von Leonardo da Vinci geplant war und in einem der kleinen Lokale in den schmalen bunten Häuschen Spaghetti alle vongole zu genießen? Oder beim Sonnenuntergang auf der Terrasse des „Il Faro“ am Hafen von Cattolica zu sitzen und die Stille und die Farbenpracht des abendlichen Panoramas in sich aufzunehmen?

Nein, so reizvoll sie alle sind, ich entscheide mich für „Il balcone della Romagna“, den Balkon der Romagna, dem spektakulären Aussichtspunkt weit über die italienische Landschaft. Ich wähle Bertinoro, ein mittelalterlicher Ort mit kopfsteingepflasterten Gassen und Plätzen, es ist der Balkon der Romagna: An klaren Tagen ist die Aussicht auf das Meer und die Hügellandschaft einfach atemberaubend. Der Name Bertinoro wird auch auf den Ausspruch aus dem kaiserlichen Munde der Galla Placidia zurückgeführt: „ber‘ ti in oro“ („man sollte dich aus goldenem Becher trinken“) soll sie gesagt haben, als man ihr den hier wachsenden vortrefflichen Wein, den Albana in einem Keramikbecher reichte.

Herz der von Ringmauern eingefassten mittelalterlichen Ortschaft ist die Piazza della Libertà. Schlendern wir durch die mit Pflasterstein ausgelegten Gässchen. Sehenswert die schöne Altstadt mit ihren kopfsteingepflasterten Sträßchen und Gässchen innerhalb der fast noch vollständig erhaltenen Stadtmauern erkundet man am besten zu Fuß. Die Piazza della Libertà mit dem großartigen Palazzo aus dem 14. Jh., der Uhrturm und die jahrtausendealte Burg von Barbarossa auf der Hügelspitze erzählen noch heute von der wichtigen Geschichte dieser Ortschaft.

Aber Bertinoro ist vor allem berühmt für die Tradition der Gastfreundschaft. Mitten in Bertinoro steht eine unscheinbare Säule mit einem ungewöhnlichen Band: schwere Eisenringe, vom Rost der Jahrhunderte rotbraun überzogen. Hier haben einst die Durchreisenden ihre Pferde angebunden und, indem sie das taten, gleichzeitig auch ihr Quartier gebucht. Nur wussten sie nicht, bei wem. Klingt ein bisschen umständlich, ergibt aber Sinn. Denn im 13. Jahrhundert waren Reisende der beste Zeitvertreib und eine lebendige Nachrichtenquelle für den Adel, der fernab von Rom kaum Informationen erhielt. Also bemühte man sich um die begehrten Durchreisenden, was unter den Adligen bald zu bösem Blut führte. Die Lösung war schließlich die Colonna degli Anelli, die Säule der Ringe, die später auch der Gastfreundschaft, Ospitalità, gewidmet wurde: eine Art anonymisierter Check-in, der allen Einheimischen die gleiche Chance bot. Problem gelöst.

Bei einem dieser Spaziergänge entdeckte ich „Il Trebbo“, eine Trattoria, ein Ristorante? Es entpuppt sich als kulinarische Überraschung. In einem unscheinbaren, alten Bauernhaus untergebracht, sind hier ein Restaurant und eine Bar ausgebaut. Die Atmosphäre ist familiär, die Einrichtung schlicht, aber gemütlich in warmen Erdtönen gehalten. Eine der besten Trattorien in der romagnolischen Tradition, ohne ausgesprochene Besonderheiten aber mit einer guten Küche und freundlich-fröhlichem Personal.

Und was isst man in der Romagna? Natürlich zuerst eine Piadina eine Fladenbrotscheibe und das Aushängeschild der Romagna. Eine Piadina mit Squacquerone und Rucola. Der Squacquerone, weißer Frischkäse mit einer Konsistenz zwischen Mascarpone und Crême fraîche., ist so schön weich und schmeckt am besten, wenn er geschmolzen ist. Hier wird er in die Piadina gefüllt und dann wird das Ganze in einer Terracotta-Pfanne gebacken.

Dazu einen Albana di Romagna – ein funkelndes Goldgelb. In der Nase sehr delikat mit Nuancen von Mandel, Pfirsich, Aprikose, Ananas, Melone und Zitrone. Im Mund: reich, geschmeidig, elegant, kräftig, mit langem Abgang – ein gut strukturierter, frischer Wein. Wunderbar harmoniert er mit dem leicht säuerlichen Squacquerone und den leicht bitteren Nusstönen des Rucolas.

Anschließend Tagliatelle mit frischen Steinpilzen. Ein einfaches Gericht. Hier schön getrennt zubereitet:

Zuerst mal Pancettawürfel in einem Pfännchen anbraten. Nicht zu vergleichen mit Dörrfleisch oder gar einfachem Speck. Die Pancetta ist ein mild-würzig gepökelter durchwachsener Bauchspeck, der über Wacholderholz geräuchert wird. Und der dann in einen Kräutermantel aus Pfeffer, Wacholder, Rosmarin, Thymian und Meersalz sechs Monate reift. Danach klitzekleine Schalottenwürfel dazugeben und kurz mit schwitzen. Etwas Weißwein und Sahne angießen und einköcheln. Mit Pfeffer würzen.

Die Steinpilze gesondert in Butter und Öl in einer Pfanne kräftig anbraten, denn dadurch kommt ihr besonderer Geschmack am besten zur Geltung. Sie sollten beidseitig leicht gebräunt sein. Pfeffern und salzen und mit klein gehackter Petersilie bestreuen.

Tagliatelle nestförmig auf einem tiefen Teller platzieren. Die Pilze in der Mitte anrichten und die Weißwein-Sahne-Soße über die Nudeln gießen.

Und natürlich passt dazu ein Sangiovese. Er ist das Symbol der Romagna, das Blut der Romagna. Schon die Römer verglichen seinen starken Geschmack mit dem „Blut Jupiters“, daher also Sanguis Giovis. Und hier in Bertinoro gibt es eine reinsortigen, die Auslese Bertinoro. Nach drei Jahren Alterung entfaltet dieser intensiv rubinroten Wein seine ganze Geruchsvielfalt und seine harmonischen, straffen Tannine. Seine Aromen von Frucht und Floraltönen bis hin zu erdigen und dunkleren Tönen von Wald- und Tiergerüchen sind der ideale Begleiter zu den Steinpilzen.

Und als Nachtisch? Auf jeden Fall einen „Frutto proibito“ (verbotene Frucht), einem Albana Passito von der Fattoria Paradiso. Bernstein im Glas, Datteln, Birnen, Äpfel, weiße Trüffel mit balsamischer Note in der Nase. Und im Geschmack süßsauer, intensiv nach gereiften Früchten, nach Äpfeln und Datteln. Süß aber mit einem charmant säuerlichen Abgang. Dieser Passito braucht Ruhe zum Genießen und Zeit, viel Zeit. Also dazu passend einen besonderen Käse, den Fossa-Käse. Er ist einer der typischsten Käse aus der Romagna, der seinen Geschmack durch die in besonderen Tuffsteinhöhlen gewinnt. Pikanten und sehr besonders. Intensiv, delikat und absolut nicht aggressive im Geschmack.

So könnte ich ganze Nachmittage und Abende in der Romagna genießen, mit dem weiten Blick über die Hügel und Ebenen bis zum Meer der Adria. Ich liebe nicht nur die Landschaft, das Essen und die Weine, sondern auch die Romagnoli, die Menschen aus der Romagna. Und nichts kann es besser ausdrücken als das Lied von Casadei:

La mia gente che mi vuole bene, la gente mia che mi sa capir. La mia gente che m’aspetta ancora, la gente mia ce l’ho qui nel cuor.

Meine Leute, die mich mögen, meine Leute, die mich verstehen. Meine Leute, die mich immer erwarten, meine Leute, die ich im Herzen trage.

Die Romagna ist für mich immer ein bisschen, wie nach Hause kommen.

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Rezension: My Life on the Road – Gloria Steinem – btb-Verlag

Ruhelose Wanderarbeiterin in Sachen Feminismus

My Life on the Road – Gloria Steinem (Autorin), Eva Bonné (Übersetzerin), 384 Seiten, btb Verlag (11. Juli 2016), 16,99 €, ISBN-13: 978-3442757039

Gloria Steinem passt in keine Schublade. Dafür waren und sind die Aktivitäten der jetzt über 80-Jährigen einfach zu vielfältig. Sie ist Sozialaktivistin, Schriftstellerin, Dozentin, wandernde Feministin, Veranstalterin und eine Anführerin, die wirklich etwas verändert.

In diesem Buch, My Life on the Road, bietet Gloria Steinem, Schnappschüsse und ganze Porträts von Dutzenden starker Frauen, die sie bei ihren Vortragsreisen kreuz und quer durch Amerika, so getroffen hat.

Bei vielen der wichtigsten politischen Momente der letzten fünf Jahrzehnte war sie anwesend: Sie hörte Martin Luther King Jr. im März 1963 in Washington; Sie stand im Weißen Haus im Büro des Redenschreibers Ted Sorensen als John F. Kennedy ihm Lebewohl sagte, vor seiner Reise nach Dallas im Jahr 1963; Sie ist im Jahr 1968 in Kalifornien zusammen mit Dolores Huerta und Cesar Chavez, in Solidarität mit dem Streik der Landarbeiter; Sie organisiert die Konferenz der National Women in Houston im Jahre 1977; Sie ist auf der Bühne mit der Vizepräsident-schaftskandidatin Geraldine Ferraro 1984; Sie ist nach der Wahl 2000 in Palm Beach, als die Wähler eine Nachzählung verlangen usw.

Steinem beschreibt ihre frühen Begegnungen mit Basisaktivismus, ihre informelle Ausbildung, die sie durch die Beobachtung der von Gandhi geprägten Organisatoren bei ihrer ersten Wanderung durch Indien erhalten hat und die vielen Details ihrer unerbittlichen Kampagne für die Gleichberechtigung von Mädchen und Frauen. Gloria Steinem betrachtet Reisen nicht als Luxus, sondern als einen transformierenden, potentiell radikalen Akt, vor allem für Frauen, die lange verbannt waren, hinter ihren Männern zu reiten – oder zu Hause zu bleiben.

Gloria Steinem hat eine bemerkenswerte Karriere als „Hybrid-Journalistin-Aktivistin“ hingelegt. In einem Moment verfolgt sie eine Kampagne als Reporterin, und im nächsten Moment ist sie auf der Bühne als Veranstalterin. So ist sie ebenso ein Teil der Medien, als auch ein Teil der Bewegung.

Was Gloria Steinem geprägt hatte, ist ihre Kindheit. Lange weigerte sie sich, das anzuerkennen. Jetzt widmet sie wichtige Teile dieses Buches ihrer Kindheit. Vor allem das Porträt ihres Vaters Leo wirft ein helleres Licht auf ihren Feminismus und ihre nomadische Lebensweise. Ihr Leben lang ist sie getrieben von Unruhe, Neugier und dem Wunsch, gehört zu werden. Aber auch zuzuhören, eine Gewohnheit, die sie bei ihrem ersten Besuch in Indien entwickelt hatte, wo sie die Methode des Gesprächskreises kennenlernte, eine Methode bei der jeder eine Stimme hat.

Dieses Buch ist eine hochinteressante Mischung aus Memoiren, Philosophie des Feminismus, eine Verneigung vor Freunden und Mentoren auf ihrem Weg und natürlich auch eine Geschichte der Frauenbewegung. In vielerlei Hinsicht beschreibt sie auch die Veränderungen in der amerikanischen Gesellschaft während ihrer eigenen prägenden Zeit. Sie schreibt mit tiefen Reflexion und großer Sensibilität.

My Life on the Road ist ein Buch voller Weisheit, Freude, Empathie und einem pragmatischen Optimismus. Es ist eine Vorlage für die Zukunft, aber es macht auch Mut, indem es zeigt, wie weit wir schon gekommen sind. Und es ist reich an neuen Erkenntnissen. Vor allem ist es für mich wieder ein Beweis für das Motto: „Bleiben Sie in Bewegung. Und hören Sie nicht auf Fragen zu stellen.“

Ich empfehle das Buch für Männer, damit sie wirklich begreifen, welche Geschlechterunterschiede auch heute noch herrschen. Und ich empfehle es allen Frauen, für die der Feminismus kein Thema mehr zu sein scheint, weil sie all die bisherigen Erfolge als selbstverständlich hinnehmen, ohne sich weiter anzustrengen. Es wird Euer Bewusstsein ein bisschen weiter öffnen.

Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des btb Verlages

http://www.randomhouse.de/Paperback/My-Life-on-the-Road/Gloria-Steinem/btb-Hardcover/e505644.rhd

Die Angst ist ein Meister aus Deutschland

Die Angst ist ein Meister aus Deutschland

… oder warum das Glas bei uns immer halb leer ist

Früher hatten viele „Angst vor Deutschland“. Heute haben wir „Angst in Deutschland“. Verzagtheit eine typisch deutsche Eigenschaft? Die Deutschen haben Angst, vor allem Angst vor der Zukunft. Aber nicht nur:

Sie haben Angst, den Arbeitsplatz zu verlieren, Angst vor der Technik, Angst und Unsicherheit, was sie noch essen dürfen. Angst vor dem Alter, Angst vor Krieg und der Klimawandel, Angst vor Pickeln und Nagelpilz, Angst davor ihr Geld zu verlieren, Angst vor Falten und Allergien, Angst vor zu viel Sonnenschein, Angst vor Radioaktivität, die so groß wurde, dass in diesem Frühjahr Geigerzähler ausverkauft waren. Angst vor Hochwasser und Angst vor Terroranschlägen. Angst vor dem Islam und Angst vor dem Papst. Angst vor steigenden Preisen und davor, im Alter ein Pflegefall zu werden. Angst vor Überfremdung, Angst vor Extremisten, Angst vor gepanschtem Essen. Angst vor Viren und Angst vor der Steuer. Und neu natürlich Angst vor Europa, vor dem Euro und vor Brüssel. Die Regierung hat Angst vor den Wählern und die Industrie hat Angst vor steigenden Kosten. Und natürlich die deutsche Urangst ums Geld.

Angst ist zunächst mal ein ganz normaler Zustand. Es gibt niemanden, der nicht schon mal Angst hat.

Angst vor Dingen und Orten ist leicht zu erkennen. Sie reicht von Angst vor Hunden über Angst vor geschlossenen Räumen bis hin zu Angst vor Krankheiten. Diese Gruppe von Ängsten wird Phobie genannt.

Soziale Ängste sind weniger leicht zu erkennen. Angst vor Zurückweisung, Angst vor Versagen oder auch Angst vor Misserfolg gehören in diese Gruppe. Sie zu erkennen ist deshalb besonders schwer, weil der Betreffende es immer wieder versteht, den Angstsituationen geschickt auszuweichen. Oder er hat sie rationalisiert, indem er in erster Linie das Fünkchen Wahrheit registriert, aber nicht seine überzogene Reaktion darauf.

Dann gibt es noch Angst vor der Angst. Hier ängstigt sich der Mensch vor einem Gefühl oder einem Gedanken. Diese Angst steigert sich, da er den eigenen Gefühlen und Gedanken nur schwer entfliehen kann. Zwanghaftes Handeln oder übertriebene Vermeidungsreaktionen können die Folge sein.

Die heimtückischste Angst ist die, die jemand vor sich selbst hat. Die Angst vor der eigenen Persönlichkeit ist schwierig zu durchschauen und deshalb auch schwer zu bekämpfen. Denn Angst vor sich selbst ist eigentlich Versagensangst aufgrund von Minderwertigkeitsgefühlen.

Jetzt reagiert jeder anders auf Angst. Da gibt es den Drückeberger, der der Angstsituation ausweicht. Oft gibt er sie nicht offen zu, sondern schlägt „bessere Alternativen“ vor. Oder der Ausreißer: Er setzt sich der Angstsituation zwar aus, sucht aber wieder herauszukommen, bevor die Angst nachlässt. Der Kopflose setzt sich Angstsituationen aus und konzentriert sich so sehr auf seine Angstgefühle, dass er nicht mehr vernünftig reagieren kann. Und es gibt natürlich auch den Schwarzseher: Er denkt an drohende Gefahren, konzentriert seine Gedanken auf das Schlimmste und verrennt sich darin.

Angst haben wir weitgehend Angst erlernt. Entweder durch ein schlimmes Erlebnis oder durch eine Vielzahl weniger tief gehender Erlebnisse der gleichen Art. Oder wir haben es von Vorbildern gelernt: entweder von Menschen, die wir in Angstsituationen erlebt haben oder andere haben uns durch ständiges Warnen Angstgefühle beigebracht. Gefühlsmäßige Reaktionen wie Angst beschränken sich nicht auf die eine Situation, in der wir sie erlernt haben. Sie überträgt sich auch auf andere Situationen. Auch unsere Angst ist erlernt. Wir können sie demnach jederzeit wieder verlernen. Das können wir umso leichter je besser wir die Ursachen unserer Angst kennen.

An erster Stelle scheint mir das Besitzdenken zu stehen. Jede Veränderung birgt die Gefahr, dass wir unseren Besitz wieder verlieren könnten.

Unwissenheit ist eine weitere Angstquelle. Jetzt leben wir zwar in einer der bestinformierten Gesellschaften, aber diese Welt ist komplexer, undurchschaubarer geworden und viele verstehen weder das Problem noch die Lösungen. Und eine Unzahl selbst ernannter Experten liefert uns immer neue Lösungen. Und die Orientierungsschwäche unserer Politiker verschärft noch die Situation.

Wer schwierige Herausforderungen meistern will, braucht ein hohes Selbstwertgefühl. Wer durch ständiges Bedenken und Kritisieren vernünftiges Handeln verhindert, zerstört das Selbstwertgefühl und damit auch Lösungen für die Zukunft.

Das Nachdenken über den Sinn der eigenen Existenz verunsichert viele. Sollen wir Kinder in die Welt setzten? Ist das Älterwerden jetzt ein Segen oder eher doch ein Fluch?

Gut, wir Deutsche haben Erfahrung mit Untergängen. Inflation und Weltkriege haben das deutsche Selbstbewusstsein schwinden lassen. Die Lücke wurde durch Unsicherheit und Angst gefüllt, und niemand tat etwas, um dem entgegenzuwirken.

Eine der Hauptursachen für die deutsche Angst liegt im deutschen Wahn alles zu reglementieren, festzuschreiben und zu zementieren. Das hat uns in weiten Bereichen handlungsunfähig werden lassen. Und wer sich eingesperrt fühlt oder für jeden Fehler sofort bestraft werden kann, muss ängstlich werden. Wir haben zu viel auf Sicherheit und zu wenige auf Freiheit und Unabhängigkeit gesetzt. Sicherheit geht immer auf Kosten der Freiheit.

Die zweite Hauptursache scheint mir in unseren Medien zu liegen. Jeder noch so kleine, belanglose Furz wird von diesen zur Katastrophe, zur Tragödie, zum Debakel aufgeblasen. Die Medien beschwören immer neue Untergangsszenarien: Seien es Lebensmittelskandale, Asche speiende Vulkane, Grippeviren oder an sich harmlose Dinge wie angekündigte Wetterkapriolen von großer Hitze bis zu Starkschneefällen. Und die Politik liefert ausreichendes Material mit Antiterrorgesetzen, Vorratsdatenspeicherungen und mit immer neuen Reglementierungen. So treiben sich beide Ursachen gegenseitig an und bedienen die „Vollkaskomentalität“, die besonders uns Deutschen gerne nachgesagt wird.

Doch wie sagt Sabine Leutheusser-Schnarrenberger: „Damit wurde nur einem gefühlten Bedrohungs-Szenario Nahrung gegeben. Die Spirale aus Sicherheitsgesetzen und Symbolpolitik drehte sich immer schneller“.

Fallen die Ursachen weg, so geht auch die Angst zurück. Wir brauchen ein neues Selbstbewusstsein und vor allem wieder mehr Freiheit. Nur Freiheit schützt vor Angst. Und natürlich unsere eigene Sichtweise der Dinge: Das Glas – ist es halb voll oder halb leer?

Die Geschwister Bucci

Die Geschwister Bucci

Jules Barrois

Es gibt für mich kaum etwas Angenehmeres, als am Nachmittag auf der schattigen Terrasse des Hotels Cevoli zu sitzen, und meine Ohren vom leisen Flattern der Sonnenschirme, vom monotonen Wellengang des Meeres und vom zarten Klirren der Eiswürfel im Glas einlullen zu lassen. Vor allem wenn „ferragosto“ vorbei ist und das ewige Kindergeplärr, begleitet von dem ständigen „fermati“, „veni qua“ und „smettila“ genervter Mütter nicht mehr meine Ruhe stört und meine Ohren strapaziert.

Und wenn dann noch angenehme Gesprächspartner dazukommen, wie ich sie in diesem Sommer in den drei sorelle Bucci gefunden hatte, dann konnte auch der „garbino“ mir nichts anhaben, der Wind aus Afrika, der die Temperaturen von Tag zu Tag nach oben trieb und sich dann in einem chaotischen Gewitter entlud, das aus Nord-Nord-Ost so schnell aufzog, dass den Kellnern kaum Zeit blieb, die Aschenbecher einzusammeln und die fortwehenden Tischtücher einzufangen.

Auch diese Momente hatten ihren Reiz, geschützt durch ein festes Glasdach, das in einer Minute quietschend und rumpelnd ausgefahren war und von den in Leichtmetall gefassten Kunststoffscheiben, die die zwei Kellner noch schnell genug zuzogen, um uns so von allen Seiten gegen den prasselnden Regen schützten.

Alle Touristen flohen Hals über Kopf, beladen mit ihren Badesachen, den Bällen, Förmchen, Schaufeln, Baggern der Kinder und den übergroßen Badetaschen der Frauen und brachten sich vor dem einsetzenden Regen unter den schmal überstehenden Dächern der Umkleidekabinen in Sicherheit.

Und die Geschwister Bucci genossen mit mir nun das fantastische Schauspiel der prächtig zuckenden Blitze am schwarzen Himmel der Adria.

„Wie ein Feuerwerk, nur noch beeindruckender.“ flüsterte – wie immer mit einem leichten Kichern in der Stimme – Griselda, mit knapp 82 die Älteste von den Dreien.

„Ist aber nicht so bunt.“ raunzte Signora Bucci, die Zweite, mit schon etwas stachligen dunklen Haaren auf Oberlippe und Wange, denen man ansah, dass sie sich einmal in der Woche rasieren musste.

„Dafür ist es kostenlos.“ gab Olga, die Schwarzhaarige zurück, die ebenso vergeblich immer wieder betonte, dass ihre pechschwarzen Haare nicht gefärbt, sondern „natur“ wären, wie sie auch ihr Alter mit 62 Jahren 10 Jahre tiefer ansetzte, als es in ihrer „carta d‘ identità“ stand.

Eigentlich waren sie keine Schwestern. Nur wenn sie sich vorstellten, führte immer Signora Bucci das Wort und sagte mit ihrer rauen, etwas brummigen Stimme. „Sono Signora Bucci quelle due ragazze sono mie sorelle.“ Dann streckte die Schwarzhaarige ihre kräftige Hand aus und sagte: „Sono Olga, la tigra delle abruzzo.“ Worauf Signora Bucci – von ihr habe ich nie den Vornamen erfahren – sofort knurrte „Sie kommt nicht aus den Abruzzen, sondern aus Macerata in den Marchen. Und eine Tigerin wäre sie wohl gerne. Während mir die älteste mit einem angedeuteten Knicks ihre ungeheuer gepflegte Hand reichte, „Griselda – di Milano“. „Ihr können Sie glauben, sie kommt zwar nicht aus Milano, hat aber fast ihr ganzes Leben dort als Balletttänzerin und dann als Klavierlehrerin verbracht.“ „Ja, aber das war ganz früher – und jetzt wohne ich in Lecco, an der südlichen Seite des Comer Sees. In Milano könnte ich nicht mehr leben.“ „Ja, du bist auch was Besseres. Ich lebe in der Stadt, in Genua und mir gefällt es“ entgegnete Signora Bucci. „Ihr wisst gar nicht, wie gut es ist, auf dem Land zu leben, wie ich“ bemerke Olga und holte zu einem ihrer gefürchteten längeren Vorträge über die Abruzzen aus.

Drei Grazien zwischen 72 und 82 Jahren, die höchstens Schwestern im Geiste waren, aber nach Art und Herkunft nicht unterschiedlicher hätten sein können. Aber im Hotel, am Stand und in den zwei Strandbars, die sie regelmäßig aufsuchten, wurden sie nur die „sorelle Bucci – die Schwestern Bucci“ genannt.

Sie plauderten und erzählten aus ihrem reichhaltigen Leben – eine köstliche Unterhaltung – für die ich mich am Vormittag mit capuccino und brioche bedankte, am Nachmittag mit einem gelato oder einem Eiscafe und am Abend mit einem Champagner, den Griselda gerne nahm, Olga aber lieber eine Grappa kippte und Signora Bucci mit einem Whiskey ihre schon raue Stimme pflegte.

Wenn eine etwas erzählte, so korrigierten die anderen, wenn sie mich alleine hatten, baldmöglichst das Erzählte. Signora Bucci ließ kein gutes Haar an den anderen und Olga, la tigra stand ihr in nichts nach. Lediglich Griselda, feingliedrig und zurückhaltend, sagte nur wenig über die beiden anderen.

Also, wenn Olga berichtete „Mein Mann, Gott hab‘ ihn selig, war eine Seele von einem Mann. Sie müssen wissen junger Mann, wir hatten und ich habe immer noch ein Haushaltswarengeschäft – sehr gut gehend – das jetzt mein Sohn und meine Tochter gemeinsam führen. Mein seliger Mann (jedes Mal bei dem Wort selig bekreuzigte sie sich) hat für uns alle so viel getan, richtiggehend aufgeopfert hat er sich. Schade, dass unser Signore dort oben ihn so früh zu sich gerufen hat. Aber Gott sei Dank habe ich ja zwei reizende Kinder, die ihrer Mutter das Leben so schön und angenehm wie möglich machen. Ich kann mich nur glücklich schätzen, eine solch hervorragende Familie zu haben.“

Dann raunte Signora Bucci mir bei nächster Gelegenheit zu, dass Olgas Mann mit Sicherheit in der untersten Hölle schmore, als Strafe für sein lasterhaftes Leben, das aus Trinken, Karten spielen und seine Familie quälen bestanden hätte. Und was die beiden Kinder der Olga beträfe, so seien sie wahre Teufel, die ihre Mutter am liebsten unter der Erde sähen, um alles in Besitz zu nehmen. Denn noch besäße Olga alles und ließ die beiden in nichts, aber auch in gar nichts hereinschauen, womit sie natürlich Recht habe. „Wissen Sie, junger Mann, die beiden neiden ihrer alten Mutter jeden Urlaub, weil dadurch ihr Erbe geschmälert wird“.

Und wenn Signora Bucci beim Nachmittagseistee erzählte, dass ihre beiden Töchter, „suore“ – Schwestern bei den Dominikanerinnen in der Nähe von Camoglie in Ligurien seien und sie so stolz darauf wäre, dass sie dem Herrn dienten und dass ihr Mann, Gott habe ihn selig, so voller Freude über den Entschluss dieser beiden Töchter gewesen wäre, hätte er doch jeden Abend den Rosenkranz gebetet und Messen und Novenen lesen lassen, so steckte mir Olga la tigra über kurz oder lang, dass Signor Bucci mitnichten den Rosenkranz gebetet habe, sondern jeden Abend die Lehrmädchen und weiblichen Aushilfskräfte der Bar in Genua, die er mit seiner Frau betrieb, hergenommen habe und seine einzige Novene sei es gewesen, es mit neun verschiedenen Frauenzimmern an neun Tagen hintereinander zu treiben. Und ihre Töchter habe Signora Bucci gegen den Willen ihres Mannes in ein katholisches Internat in Civita vecchia geschickt, als sie bemerkte, dass ihr Mann die beiden mehr als lüstern betrachtete und seine Hände nicht an sich halten konnte. „Wissen sie junger Mann, es mag die eine oder andere Ausnahme geben, wie meinen geliebten Mann, Gott hab ihn selig, aber im Grund genommen, sind Männer doch nur an einem interessiert … “

Und wenn Griselda berichtete, dass ihr Mann zweiter Inspizient am teatro Fenice in Venezia gewesen sei und später erster Inspizient an der Scala in Milano, wo die berühmtesten Sängerinnen und Sänger mit ihr – Griselda – am Klavier, die besonders schwierigen Passagen ihrer Arien repetierten, so korrigierte Signora Bucci schnellstmöglich, dass Griseldas Mann – von wegen Inspizient – einfacher Kulissenschieber an einem unbedeutenden Theater in Cremona gewesen war, am gleichen Theater, an dem Griselda als vierte Tänzerin in der zweiten Reihe zu sehen war und ihre Karriere schon beendet gewesen sei, bevor sie begonnen habe, nämlich durch eine Schwangerschaft, in die sie dieser unreife Lümmel von Kulissenschieber gebracht habe. Und, fügte sie hinzu, von wegen Klavier und Repetieren mit Stars, nein, sie seien nach Milano gezogen, wo sie ihr Kind heimlich zur Welt gebracht habe und dass sie als billige Klavierlehrerin habe arbeiten müssen und unmusikalischen höheren Töchtern vergeblich versucht habe, Tonleitern beizubringen. „Wissen Sie, junger Mann, ihr Kind ist dann kurz nach der Geburt gestorben, aber da war sie mit diesem Strauchdieb schon verheiratet und hatte ihn lange ertragen müssen.“

„Wie alt sind Sie junger Mann“? Fragte Signora Bucci mit der unvermittelten direkten Art älterer Frauen, die niemanden mehr beeindrucken wollen.

„Danke für den jungen Mann. Aber ich werde im Oktober schon zweiundfünfzig.“

„So alt war mein Mann, als unser Signore“ und sie deutete mit dem Finger zum Himmel „ihn zu sich rief“. „Unsinn“ maulte Olga „er ist einfach an einer Fischvergiftung gestorben.“

„Man lässt auch die brodetto di pesce – die Fischsuppe – nicht zwei Tage alt werden“ kicherte Griselda „Meiner ist ihm gleichen Jahr in unserer Mailänder Wohnung die Treppe heruntergefallen“. „Ja, weil er vorher verdorbene Fischsuppe gegessen hatte und er ohnmächtige wurde.“ korrigierte Olga. „Meiner“, sagte sie, „meiner ist ganz normal im Bett gestorben.“ „Wer weiß, wer weiß“ … sagte Signora Bucci „niemand war dabei. Und hast du nicht erzählt, dass du ihm noch Fischsuppe gekocht hast, bevor du in Urlaub gefahren bist. Und außerdem, wir waren lange verheiratet, viel zu lange. Und wenn wir damals nicht …“

Wir wurden unterbrochen durch Adriana, die auf die Terrasse trat. „Das ist die Chefin des Hotels“ kicherte Griselda „sie hatte einen herzensguten Mann in Wien und sehr vermögend“ „Herzensgut???“ meckerte Signora Bucci „Über jede Lira musste Adriana Rechenschaft ablegen. Sie bekam ihr Haushaltsgeld in bar und die ganze Zeit ihrer Ehe blieb es auf gleicher Höhe, die Hölle war das. Also wenn mein Mann …“

Die Inhaberin des Hotels Cevoli, eine waschechte Wienerin trat an unseren Tisch.

„Ich hoffe Sie unterhalten sich gut?“ „Danke, sehr reizend die sorelle Bucci.“ „Ja das sind sie. Und wissen Sie auch, dass die drei meine ersten und damit ältesten Gäste sind. Wir haben uns hier das erste Mal vor fünfundzwanzig Jahren getroffen. Da war ich selbst noch Gast hier. Wir hatten uns schnell angefreundet. Und ein Jahr später wurde wir alle drei Witwen, als wir wieder gemeinsam hier Urlaub machten. Und dann habe ich einfach dieses Hotel gekauft, mein Mann, Gott hab ihn selig, war nicht unvermögend.“

„Woran ist ihr Mann, damals so überraschend gestorben?“

„Woran? Dreimal dürfen sie raten, junger Mann.:-))“

Rezension: Porträt einer Ehe – Robin Black – Luchterhand Verlag

Die Wahrheit liegt im Ungesagten

Porträt einer Ehe von Robin Black (Autorin), Brigitte Heinrich (Übersetzerin), 320 Seiten, Luchterhand Literaturverlag (24. Mai 2016), 19,99 €, ISBN-13: 978-3630873220

Die Partner in langjährigen Ehen sind allesamt Experten für Zwischentöne, für das nicht Gesagte und schließlich fürs Unaussprechliche. „In einer Ehe laufen oft zwei Gespräche nebeneinander ab. Das, das man gerade führt, und das, das man gerade nicht führt. Manchmal weiß man nicht einmal, wann dieses zweite, stillschweigende, begonnen hat.“ (Seite 54)

Gus (Augusta) als Malerin und Owen als Schriftsteller haben sich in die Einsamkeit einer ländlichen Idylle zurückgezogen. Owen steckt in einer kreativen Krise und es gibt, nicht nur deshalb, Spannungen in ihrer Ehe. Dann mietet die schöne und charmante Alison Hemmings das benachbarte Bauernhaus. Sie ist eine geschieden und Mutter einer Tochter, Nora. Jetzt mögen Sie denken „Alles klar, ich weiß wie es weitergeht.“ Es wird anders weitergehen, als Sie denken. Ich muss ehrlich sagen, dass in den meisten Fällen – bis auf den explosiven Schluss, nicht viel passiert. Die Handlung des Romans ist die altehrwürdige Ehe selbst. Aber wie jämmerlich ungenau eine solche Beschreibung wäre, sehen Sie, wenn Sie das Buch lesen. Es geht um mehr.

Es entsteht vom ersten Satz an ein Gefühl der Bedrohung: „In den letzten Tagen vor seinem Tod besuchte mein Mann Alison jeden Tag.“ (Seite 9) Was passiert mit Owen? Diese Spannung hält bis zum furiosen Ende.

Gus als durchgehende Icherzählerin schildert die Ereignisse, die sich im Laufe von mehreren Monaten abspielen. Sie schaut zurück auf ihre Ehe mit Owen und ihren jüngsten Umzug in das ländlichen Pennsylvania.

Robin Black hat eine unheimliche Fähigkeit, ihre Figuren in einer solch fein abgegrenzten Art und Weise zu beschreiben, dass die Leser sicher sind, diese Personen auf der Straße erkennen zu können. Zu den drei Hauptfiguren kommen Nora, die Tochter von Alison ins Spiel und auch der demenzkranke Vater von Gus spielt eine Rolle.

Robin Black wirft in diesem angespannten, eng gestrickten Roman viele Fragen auf: Wert der Isolation gegenüber Interaktion; Strafe und Buße für eheliche Untreue; Entstehen und Abläufe kreativer Prozesse; Blockaden des künstlerischen Arbeitens; Verlust von geliebten Menschen; Unfähigkeit ein Kind zu zeugen; Einfluss des Gemütszustandes auf die Kreativität des Künstlers

Es ist ein fast lyrisches, unbeschreiblich schön geschriebenes Buch, das bedrückend ehrlich ist, klar und direkt, detailreich und beobachtungsstark. Es ist nicht immer leicht, Gus zu mögen, noch ist es Owen. Mich beeindruckt die authentische und trotzdem elegante Prosa. Robin Black hat die seltene Gabe Atmosphäre zu vermitteln: diese unsichtbare, aber fühlbare Qualität der Luft, die Stimmungen und die Gefühle, die zwischen Menschen entstehen, fließen und vergehen. Sie ist eine Schriftstellerin von großer Weisheit und beleuchtet, ohne übermäßige Betonung, die schillernde Komplexität der einzelnen Geschichten.

Robin Black nimmt uns mit unter die Oberfläche der schon viel erzählten Midlife-Geschichten, der oft analysierten Ehekrisen und macht so aus all dem ein Leseerlebnis, das atemberaubend, glänzend und neu ist. Ein brillanter Roman, den Sie nicht versäumen sollten.

Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des Luchterhand Verlages

http://www.randomhouse.de/Buch/Portraet-einer-Ehe/Robin-Black/Luchterhand-Literaturverlag/e308502.rhd

Fragen Sie in Ihrer örtlichen Buchhandlung nach diesem Buch. Wenn Sie in meiner Gegend „Landkreis Merzig-Wadern“ leben, dann wenden Sie sich an die Rote Zora: http://www.rotezora.de

Welcher Wein zu Diana Krall

Welcher Wein zu Diana Krall

… oder warum Puristen nie genießen können

Überall gibt es Puristen. In der Musik, beim Wein. Da gibt es die Polizisten des Jazz, die Akkordgetreuen, für die alles andere nur Hintergrundgesäusel und damit nicht hörenswert ist. Für diese Fundamentalisten muss richtiger Jazz schwierig und anstrengend sein.

Genauso wie Weinpuristen und -kritiker bekanntlich „fordernde“ Weine bevorzugen. Aber um Gottes Willen doch keine Weine nur einfach so zum Trinken.

Jetzt soll es aber wahrhaftig Konsumenten geben, die gern einen Wein trinken, weil er ihnen schmeckt und nicht, weil er angesagt ist. Oder Menschen die Musik hören wollen, die einfach gute Laune macht.

Genau so wie weiche, saftige und zugängliche Weine in der Kritik der puristischen Weinkenner stehen, so wird Smooth Jazz von den Fundamentalisten des Jazz als seichte Kaufhausmusik abgetan.

Nehmen wir als erfolgreichstes Beispiel Diana Krall: Mit ihrem intimen, samtig-verführerischen Klavierspiel und ihrer rauchigen, samtig-dunklen und weichen Stimme haucht die gebürtige Kanadierin altbekannte Jazzstandards unverwechselbar neues Leben ein.

Ja und welchen Wein sollen wir beim Hören von zum Beispiel „The very Best von Diana Krall“ trinken? Was passt zu diesen pianogetränkten Balladen und leichtfüßigen Swing-Momenten? Was passt am besten zu dieser Lady of the Night, die wir uns sinnierend in einer nahezu leeren, kleinen Eckbar am Piano vorstellen – ein wenig verrucht, ein wenig verlebt, doch stets mit Stil und Klasse.

Für mich gibt es hier nur eine Wahl, einen Valpolicella Caterina Zardini Private Reserve Selection – ein Konzentrat, das es in sich hat. Der Wein präsentiert sich in einem tiefen, dunklen Granatrot. Im feingliedrigen, vielschichtigen Bouquet entfalten sich Noten von überreifen Waldbeeren und schwarzen Kirschen und Anklänge von Bittermandeln und Tabak, verbunden mit einem Hauch von Eichenholz. Am Gaumen wuchtig und anschmiegsam, sehr feines Tannin, reif und elegant. Im warmen, würzig-fruchtigen langen Abgang schmeichelt eine wunderbar angenehme Bitternote. Trotz seines dichten Geschmacks wirkt er nie wuchtig oder schwer, sondern fasziniert mit einem feinen Schmelz und seiner Eleganz. Er entwickelt auf dem Gaumen einen ganzen Strauß würziger, fleischiger Frucht.

Die genau passende Ergänzung zum wilden Samt von Diana Krall, zu ihrer raffinierten Tiefe, zu ihrer Coolness, ihrer vollen Stimme und ihrem unglaublichen Swing. Hier begegnen sich mit der Künstlerin und dem Wein zwei mit ganz besonderem Selbstbewusstsein und einer ganz persönlichen Art, einen Song beziehungsweise einen Valpolicella zu interpretieren.

Jetzt könnten wir es natürlich bei diesem Wein belassen, wenn wir die nächste CD von Diana Krall auflegen. Eine CD von der Diana Krall selber sagte: „Ich wollte eine sinnliche, geradezu erotische Platte aufnehmen. Das Album ist wie ein Liebesbrief an meinen Mann. Es ist ein Flüstern ins Ohr deines Geliebten, dass du glücklich bist und hier bis ans Ende der Tage sein möchtest.“ Und wer kennt sie nicht: Quiet Nights. Hier vermählen sich ihre verführerische Stimme und ihr sanftes Klavierspiel zu einem relaxten und sinnlichen Gefühl. Getragen von der Klarheit des Bossa Nova, ohne überflüssige Noten, ohne Ballast. Von allem Überfluss befreit und auf das Wesentliche reduziert. Sozusagen nackt, schlank und schwarz-weiss, der viel Freiraum im Hirn lässt.

Und dazu einen Cerasuolo di Vittoria DOC „Il Cigno Nero“, helles Kirschrot im Glas. Er verfügt über ganz eigene, spannende Noten. Neben Aromen von reifen Granatäpfel von kleinen roten Früchten, Erdbeeren und Kirschen findet man Anklänge von Ingwer und Kaktusfeigen in Duft und Geschmack. Die große Frische und die eher schlanke Konsistenz machen ihn zu einem Alltagsbegleiter auf hohem Niveau, auch und gerade geeignet für laue Sommernächte – leicht gekühlt. Ein alter Klassiker aus Sizilien.

Ja gibt es denn keine modernen Weine? So möchte man fragen. Genauso: Gibt es denn heute keine guten Lieder mehr? Denn die meisten Songs, die Diana Krall singt, haben viele Jahre auf dem Buckel. Natürlich gibt es moderne Weine, die gut trinkbar sind. Natürlich gibt es moderne Songs von Elton John oder van Morrison. Aber aus dem Jazz oder aus dem Geist des Jazz heraus sind Lieder entstanden, wie sie heute eher niemand mehr schreibt. Genauso wie es moderne Weine gibt. Aber die alten, klassischen Weine haben ihren eigenen unnachahmlichen Charakter.

Sie sind freier, entkrampfter, lebendiger, nicht so sehr fokussiert. Irgendwie dringt auch Leben ein, die Außenwelt, die Wirklichkeit., genau wie bei den Interpretationen von Diana Krall.

Übrigens: Beide Weine kannst du auch zu Norah Jones genießen. Zum Beispiel den Cerasuolo di Vittoria zu dem Song „Cold cold heart“. Und mir scheint: Das ist das Rezept, den zweifelnden Geist zu lösen und das kalte Herz zu schmelzen, das wonach Norah Jones in diesem Titel sucht.

Hier treten Menschen nicht der Welt gegenüber und werden so zu Schauspieler auf der Bühne des Kleintheaters ihrer Lebenswelt. Sondern sie zeigen Mut eine Persönlichkeit zu werden und zu bleiben. Hier wird keine Atmosphäre dargestellt. Persönlichkeit ist die Atmosphäre: „Die Frau und der Wein mit Eigenschaften.“