In vino veritas

In vino veritas

… oder wer hat die wirkliche Wahrheit?

Der römische Historiker Plinius, der Ältere soll als erster gesagt haben “In vino veritas” – “Im Wein liegt die Wahrheit”, was der deutsche Volksmund zum Sprichwort „Wenn der Wein eingeht, geht der Mund auf“ ummünzte.

Ob man ihn nun schlürft, kaut oder beißt, an ihm nippt oder ihn kippt: Wein und Wahrheit gehören zusammen, auch wenn manche unwahre Flunkerei im Umgang mit einem guten Glas Wein gelegentlich über die Lippen rutschen mag. Wer zweifelte daran? Aber was ist denn Wahrheit? Gibt es die eine Wahrheit überhaupt?

Viele erheben Anspruch auf die Wahrheit: Die Philosophen, die Künstler und nicht zu guter Letzt die Religion.

Und Religionen beanspruchten Wein als Erste für sich. Frühe Religionen suchten für den Wein immer neue Götter und Gott-Ämter. Die Griechen riefen Dionysos, die Römer Bacchus an. Diese Gottwesen wurden allerdings nicht im Wein selbst vermutetet – Wein bzw. Alkohol ist wahrhaftig kein Gott, eher ein Teufel -, sondern in dessen Wirken im Geistes- und Gemütszustand der Trinker: Zu ihnen sprach ein Medium, der Geist des Weines.

Im alten Testament wurde ganz schön gebechert:

Im ersten Buch Moses ist zu lesen, wie Gott der Herr unsere Urahnen Adam und Eva aus dem Paradies vertrieb. Nach der Sintflut waren Gott und Kreatur versöhnt. Doch dann lesen wir „Noah aber fing an und ward ein Ackermann und pflanzte Weinberge. Und da er Wein trank, ward er trunken und lag in der Hütte aufgedeckt“. Die Sünde nahm ihren Lauf.

Auch Lot ließ sich zu viel des gegorenes Saftes von seinen Töchtern verabreichen, und diese nutzen die Gunst des Weines “Komm lass uns unserem Vater Wein zu trinken geben und bei ihm liegen, damit wir von unserem Vater Nachkommenschaft am Leben erhalten!“

Aber die Bibel berichtete nicht nur das Sündige sondern auch das Heilige im Wein. „Wie Lebenswasser ist der Wein dem Menschen“. Und sie huldigte ihm sogar als Vorankündigung der messianische Zeit, die Zeit der Freude und der Erlösung: “Und der Herr der Heerscharen wird auf diesem Berg allen Völkern ein Mahl von fetten Speisen bereiten, ein Mahl von alten Weinen, von markigen fetten Speisen, geläuterten alten Weinen.”

Wer wollte nicht mit Jesus einen guten Wein trinken, wenn endlich die Zeit des Friedens und seine Herrschaft angebrochen ist. Vor allem weil er neben verschiedenen therapeutischen Großtaten – er machte Blinde sehend, Lahme gehend und weckte sogar Tote auf – im Lichte der heutigen Medizin auch nicht mehr reine Magie, vor allem ein Kunststück, fertig brachte das sogar Wissenschaftlern unserer Tage noch wie Zauberei erscheint. Er verwandelte Wasser in Wein.

Und eindeutig bekannte sich Jesus zu einer Lebenseinstellung, die wir schon von Epikur kennen, nach zu lesen bei Lukas: “Denn Johannes der Täufer ist gekommen, der weder Brot aß noch Wein trank, und ihr sagt: Er hat einen Dämon. Der Sohn des Menschen ist gekommen, der da isst und trinkt, und ihr sagt: Siehe, ein Fresser und Weinsäufer, ein Freund von Zöllnern und Sündern; – und die Weisheit ist gerechtfertigt worden von allen ihren Kindern.”

Wer jetzt aber glaubt, die nach dem Christentum folgende Religion, der Islam, hätte das Weintrinken verboten, den muss ich enttäuschen. Im Koran gibt es keinen Vers, der den Gläubigen den Genuss von Alkohol ausdrücklich verbietet. Im Gegenteil: „Gott lässt neben dem Getreide, den Ölbäumen, den Dattelpalmen auch Weinstöcke wachsen“; „Von den Früchten der Dattelpalmen und den Beeren einen Rauschtrank zu machen, ist ein Zeichen für Verstand“; Im Paradies warten Ströme von Wasser, Milch, Honig und Wein.“

«Der Wein war bereits da, als die großen Religionen entstanden. Sie haben sich des Weines bedient, weil er da war, und weil er populär war. Nicht die Religionen haben geholfen, den Wein zu verbreiten, sondern umgekehrt», so der Historiker Pascal Frissan, Wie auch immer: die christliche Religion förderte den Weinbau ganz konkret, nicht zuletzt in den geistigen Zentren, den Klöstern, für die der Wein nicht nur Energiequelle und Nahrungsmittel war, sondern auch eine wichtige Einnahmequelle wurde. Dass Wein trunken macht, nahm man dabei in Kauf, solange nicht «im Tempel» gezecht wurde.

Die gemeinsamen Wurzeln von Wein und Weisheit reichen aber noch viel weiter zurück. Schon in den frühen menschlichen Hochkulturen war der Wein das Getränk der Götter, – als heiliger Opfertrank den wissenden Göttern und den weisen Priestern vorbehalten. Dann trat der Philosoph (Freund der Weisheit) an die Stelle des Priesters. Und so sind auch und vor allem große Philosophien dem Wein zu verdanken: Platos „Symposion“ wäre ohne Weingelage unter Männern nicht zu denken gewesen.

Und das liegt in der Natur des Weinbaus. Wein gehört zu den Nahrungsmitteln, die Sesshaftigkeit erfordern. Ein Rebberg muss über mehrere Jahre gepflegt werden, bis er genügend Ertrag ergibt. Die Sesshaftigkeit aber ist eine der Voraussetzungen zum Entwickeln einer eigentlichen Kultur. Die Nomadenstämme der Urzeit vertaten ihre Zeit mit der Nahrungsbeschaffung. Jagen und Sammeln bestimmten den Tagesablauf. Wer sesshaft wurde, konnte einen Teil der Nahrungsgewinnung delegieren und fand etwas mehr Zeit, über sich und das Universum nachzudenken. Und ein Glas kräftigen Rotweins machte die Gedanken noch freier.

„Es steckt mehr Philosophie in einer Flasche Wein als in allen Büchern dieser Welt.“ stellte Louis Pasteur fest. Und Altvater Goethe, der fleißige Zecher, gestand: „Der Wein, er erhöht uns, er macht uns zum Herrn, und löset die sklavischen Zungen“. Und natürlich wusste auch Friedrich Nietzsche, obwohl selbst eher Asket: „Schlauch und Geist, Wein und Wort“ gehören einfach zusammen.

Tiefe, Reinheit, Wahrhaftigkeit, Klarheit, Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit, Unmittelbarkeit, Komplexität, Authentizität, Vielschichtigkeit sind nur einige Begriffe, die wir in der Philosophie ebenso finden wie beim Nachdenken über Wein.

Aber leider leider hat uns kein Philosoph, kein Dichter und auch kein Religionsgründer vermittelt, worin eigentlich die Wahrheit besteht. Also was ist Wahrheit? Und was ist „die“ Wahrheit? Gibt es überhaupt eine Wahrheit? Machen wir uns auf die Suche. Am besten bei einem edlen Roten.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s