Rezension: Beides sein – Ali Smith – Luchterhand Verlag

Eine Migrantin der eigenen Existenz

Beides sein von Ali Smith (Autorin), Silvia Morawetz (Übersetzerin) 320 Seiten, Luchterhand Literaturverlag (21. März 2016), 22,99 €, ISBN-13: 978-3630874951

Manche Bücher sind einfacher zu lesen, als zu beschreiben. Das trifft auf diesen spielerischen, brillanten neuen Roman von Ali Smith zu.

Wir lesen zwei Geschichten, von denen die Autorin sagt, man könne sie in beliebiger Reihenfolge lesen:

Zum einen die eines italienischen Malers über den wenig bekannt ist, der an den Fresken im Inneren des Palazzo Schifanoia in Ferrara arbeitet, bis er offenbar verärgert über den kargen Lohn war. Auf dem dürren Gerippe der Geschichte (Francesco del Cossa (1430- 1477), ein italienischer Maler über den wenig bekannt ist) entwickelt Ali Smith das Leben eines altklugen, jungen Künstlers, der/die sich die Brust mit Leinen bindet, den Namen Francescho wählt und vorgibt, ein Mann zu sein. Dieser Teil kommt in dieser Ausgabe an zweiter Stelle, ab Seite 164. Trotzdem trägt auch er die Nummer 1.

In der ersten Nummer 1 (ab Seite 13) erleben wir das Leben eines 16-jährigen Mädchens namens George, eine etwas herbe High-School-Schülerin im heutigen England. Obwohl in der dritten Person erzählt wird, bewegt sich Georges Geschichte, ebenso wie diejenige von Francescho, frei durch die Zeit, kreist über wichtige Momente und Themen, die nach und nach in den Fokus kommen. Zu ihren schönsten Erinnerungen gehört eine Reise mit der Familie nach Italien, wo sie und ihre Mutter sich Fresken von Francesco del Cossa ansahen.

Jede der beiden Geschichten enthalten Verweise auf die jeweils andere. Ali Smith schreibt einen akrobatischen Roman, ohne sich im Gewirr der postmodernen Netze, die sie knüpft, zu verlieren. Das mutet an wie ein Roman, der mit postmodernen Spielereien überfrachtet scheint, aber Ali Smith schafft zwei phantastische, komplexe und auch unglaublich rührende Geschichten.

Insgesamt scheint es mir eine tiefe Reflexion über Kunst und Trauer, über das Verwischen und Vermischen der Geschlechter, über die Verbindung Gegenwart und Vergangenheit, über Geschichte und Spekulation. Franceschos Geschichte liefert fundierte Einsichten über das Wesen und die Kraft der Malerei. Wie können auf einem Malgrund Pigmente und Öl zum Leben erweckt werden? Georges Geschichte bietet eine ganz eigene Erforschung der verwirrenden Macht der Trauer. Wie kann ein geliebter Mensch plötzlich nicht mehr existieren ? Und über allem kreist die Frage: Wer oder was ist männlich und wer oder was ist weiblich?

Ali Smith hat eine ungeheuer beeindruckende Doppelhelix geschaffen, einen radikalen Roman. Sie spielt uns mit ihrem Textspiegelkabinett einen furiosen Streich. Nichts ist sicher. Nichts ist vorhersehbar. Mit großer Subtilität und Erfindungsreichtum hat die Autorin die Grenzen des Romans radikal erweitert.

Die schiere Erfindungskraft dieses Romans hat mich atemlos bis zur letzten Seite geführt. Es bleiben mehr Fragen als Antworten. Ob es Ihnen genauso geht, hängt davon ab, welche Art von Leser Sie sind.

Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des Luchterhand Verlages

http://www.randomhouse.de/Buch/Beides-sein/Ali-Smith/Luchterhand-Literaturverlag/e484536.rhd

Fragen Sie in Ihrer örtlichen Buchhandlung nach diesem Buch. Wenn Sie in meiner Gegend „Landkreis Merzig-Wadern“ leben, dann wenden Sie sich an die Rote Zora: http://www.rotezora.de

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