Take five am Markusplatz

… oder wo sich das Leben ereignet

Es ist Martedì Grasso. Der letzte Karnevalstag vor der Fastenzeit. Das Ende der zehn Tage des venezianischen Karnevals. Wir kommen gerade vom Abendessen im Bistrot de Venise. Verwöhnt und satt.

Natürlich hatten wir zunächst die Cicchetti versucht, diese leckeren, hausgemachten Kleinigkeiten, die entfernt mit spanischen Tapas zu vergleichen sind. Kleine Brotscheiben sind belegt mit Gemüse oder Salat, darauf gehäuft sind fein aromatisierte Käse- oder Quarkcremes in unterschiedlicher Konsistenz. Es gibt Fischmousse in allen Variationen, dazu Oliven, Kapern, Tomaten, frittierte und eingelegte Gemüsehäppchen, Fleischfrikadellen, Presssack mit Polenta, geröstete Brotscheiben mit Salami oder Schinken.

Wir hatten Tartar vom Thunfisch, Jakobsmuscheln auf rohem Blumenkohlsalat, marinierte Meeräschen und drei Arten von Scampi auf Proseccoschaum. Als primo einen gran risotto di mare und als Hauptgang einen Aal im Ofen gebacken mit Pfeffer und Zimt. Dazu einen trockenen, fruchtigen, ungefilterten Malvasia hier überraschenderweise als korallenfarbiger Roséwein, mit reichem Bukett, üppig und zugleich blumig mit anhaltender Fruchtigkeit. Und zum Nachtisch zum krönenden Abschluss la pasticceria di casa.

Verwöhnt und satt treten wir hinaus auf die enge, schmale Gasse. Es hat geregnet. Die Februarkälte, die uns eine Woche plagte, scheint gebrochen. Kaum noch Menschen auf den Straßen. Auch der Markusplatz ist leer. Hier, wo noch heute Mittag Gestalten wie aus einem Märchenbuch posierten, Figuren mit goldenen, silberfarbenen oder kalkweißen Gesichtern, eingehüllt in fantasievolle Gewänder aus Satin und Tüll, Adelsdamen mit Lockenpracht und üppigen Roben und bunte Harlekine, glänzt jetzt nur noch der regennasse Steinboden, in dem sich weiß und erhaben die Basilika di San Marco spiegelt.

Venedig: Bereits im Namen der Stadt ist ja laut Proust ein Verlangen gespeichert, das sich auf eine aus Träumen gebaute Wirklichkeit richtet. Allen diesen Erlebnissen ist gemeinsam, dass sie im Voraus festlegen, was wir hier sehen und erleben werden.

Die berühmten Cafés sind um diese Stunde fast leer. Lediglich im Café Florian sitzen noch ein paar Unentwegte und plaudern mit den Kellnern. Es ist wohl das älteste italienische Caféhaus. Hinter seinen hohen, eleganten Fenstern haben Gäste wie Goldoni, Goethe, Balzac, Thomas Mann, Hemingway und Proust Platz genommen. Einige haben hinterher aufgeschrieben und der Welt mitgeteilt, was für ein Gefühl es war, hier zu sitzen. Götter aus sagenhaften Zeiten, haben sie Begehrlichkeiten geweckt, die heute, im Zeitalter massenhafter Prosperität und Mobilität, erfüllbar erscheinen. In den Sälen der großen Cafés, wo man gern die Stile des Rokoko, des Empire und des Biedermeiers wiederholt und die Ernst Jünger als „die eigentlichen Paläste der Demokratie“ bezeichnete, hofft man das schmerzlose und seltsam aufgelöste Wohlbehagen zu atmen, das die Luft narkotisch erfüllt.

Nach ein paar Schritten über den Markusplatz beginnen die Glocken vom Campanile, dem berühmten Glockenturm, die Luft mit dunkel-schwerem Klang zu erfüllen; kurz darauf mischen sich die hellen Töne von den Türmen der Basilika San Marco ein. Und dann schwebt die schnellen, wehmütigen Klänge eines Saxofons herüber. Für einen Wimpernschlag bleiben wir wie erstarrt stehen im untrüglichen Gefühl, etwas Wunderbares zu erleben.

Die Musik ist so mühelos anmutig, dass sie auf dem Wasser zu gehen scheint. Die Tonfolgen sind wie eine freundliche alte Nachbarin, die man schon lange kennt, und die auch nach vielen Jahren noch geistreich, witzig und charmant Konversation betreibt. Gerne laden wir sie in unser Wohnzimmer zu einer Tasse Tee ein und lauschen gespannt den – irgendwie nicht langweilig gewordenen – Geschichten aus der guten alten Zeit. In Wehmut und Melancholie versunken.

Die Glockenklänge hören auf und klar und alleine klingt Take five. Irgendjemand hat mal gesagt: Shrimp ist der Fisch für Menschen, die nicht gerne Fisch essen. Dave Brubeck „Take five“ sind die Shrimps des Jazz. Und es stimmt: Selbst Menschen die mit Jazz wenig bis gar nichts anfangen können verlieben sich sehr schnell in die rhythmischen und sehr ungewöhnlichen Taktarten eines „Take Five“.

Hinter einer der Säulen der Arkaden in der Nähe des Café Florian steht er, oder vielmehr sie, eine einsame Saxofonspielerin, im roten Harlekinsköstüm. Weiße Schnabelschuhe, weiße Strumpfhose mit roten Herzen, einen kurzen roten weit abstehenden Rock mit viel Tüll darunter, ein rotes Mieder und einen roten Umhang um die Schulter, eine rote Kappe mit einer großen Schleife unter dem Kinn gebunden. So an eine der Arkadensäulen gelehnt, bläst sie mit Hingabe, wehmütig und ungeheuer sexy ihr „Take Five“. Dominant und verführerisch. Sie trägt keine Maske. Wie die lebenslustige und selbstsichere Colombina, das Sperlingstäubchen aus der Comedia dell`arte, aber das Gesicht ganz lackweiß glänzend bemalt, mit zwei großen roten Tränen auf der linken Wange. Zwischen den tristen, gedämpften Farben, die jetzt in Venedig herrschen, ist das knallige Rot die einzige Farbe, die aus dem grau-braunen Brei hervorsticht.

Die gelungene Mixtur aus Geschichte, Charme, Tradition und Kultur, die Markuskirche mit ihrem Reichtum, ihrer byzantinischen Goldgrundpracht, die prunkvollen Paläste, die verlassenen Gondeln auf glitzerndem Wasser, der Torre dell’Orologio, die langen Fassaden der Procuratie, der Campanile und der Palazzo Ducale, sie scheinen in diesem Augenblick nur eine großartige Kulisse für dieses Saxofonspiel zu sein. Vergänglich, wie ein Traum

Sonne in Venedig zeigt immer auch grausam viel Schäbigkeit und Armut, aber Mondlicht und winterliches Halbdunkel verzaubern die Stadt zu etwas völlig Unwirklichem, einem Abbild unseres Inneren, all unserer Träume und Sehnsüchte. Venedig ist nicht bunt, es ist schwarz-weiß. Ist das der Ort, an dem unsere ewig suchende Seele leben und gesunden kann? Oder aufgeben für immer?

Die Colombina setzt ihr Saxofon ab. Lächelt. Wie stark die Leidenschaften sind und wie schwach die Vernunft. Ein weiches Bild der Liebe. Oder des Todes. Venedig und Tod – wie oft fallen diese beiden Worte zusammen, nicht nur im Titel von Thomas Manns berühmter Erzählung. Wasser ist Ursprung allen Lebens, aber Wasser ist auch Fäulnis und Tod. Millionen Eichenpfähle modern seit Jahrhunderten unter den Häusern, und der Verfall ist sichtbar.

Hier begreifen wir vielleicht mehr als irgendwo sonst, wie endlich, wie vergänglich wir sind. Wie sagte August von Platen in seinen Versen: „Wer die Schönheit angeschaut mit Augen, ist dem Tode schon anheimgegeben.“

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