Die Geschwister Bucci

Die Geschwister Bucci

Jules Barrois

Es gibt für mich kaum etwas Angenehmeres, als am Nachmittag auf der schattigen Terrasse des Hotels Cevoli zu sitzen, und meine Ohren vom leisen Flattern der Sonnenschirme, vom monotonen Wellengang des Meeres und vom zarten Klirren der Eiswürfel im Glas einlullen zu lassen. Vor allem wenn „ferragosto“ vorbei ist und das ewige Kindergeplärr, begleitet von dem ständigen „fermati“, „veni qua“ und „smettila“ genervter Mütter nicht mehr meine Ruhe stört und meine Ohren strapaziert.

Und wenn dann noch angenehme Gesprächspartner dazukommen, wie ich sie in diesem Sommer in den drei sorelle Bucci gefunden hatte, dann konnte auch der „garbino“ mir nichts anhaben, der Wind aus Afrika, der die Temperaturen von Tag zu Tag nach oben trieb und sich dann in einem chaotischen Gewitter entlud, das aus Nord-Nord-Ost so schnell aufzog, dass den Kellnern kaum Zeit blieb, die Aschenbecher einzusammeln und die fortwehenden Tischtücher einzufangen.

Auch diese Momente hatten ihren Reiz, geschützt durch ein festes Glasdach, das in einer Minute quietschend und rumpelnd ausgefahren war und von den in Leichtmetall gefassten Kunststoffscheiben, die die zwei Kellner noch schnell genug zuzogen, um uns so von allen Seiten gegen den prasselnden Regen schützten.

Alle Touristen flohen Hals über Kopf, beladen mit ihren Badesachen, den Bällen, Förmchen, Schaufeln, Baggern der Kinder und den übergroßen Badetaschen der Frauen und brachten sich vor dem einsetzenden Regen unter den schmal überstehenden Dächern der Umkleidekabinen in Sicherheit.

Und die Geschwister Bucci genossen mit mir nun das fantastische Schauspiel der prächtig zuckenden Blitze am schwarzen Himmel der Adria.

„Wie ein Feuerwerk, nur noch beeindruckender.“ flüsterte – wie immer mit einem leichten Kichern in der Stimme – Griselda, mit knapp 82 die Älteste von den Dreien.

„Ist aber nicht so bunt.“ raunzte Signora Bucci, die Zweite, mit schon etwas stachligen dunklen Haaren auf Oberlippe und Wange, denen man ansah, dass sie sich einmal in der Woche rasieren musste.

„Dafür ist es kostenlos.“ gab Olga, die Schwarzhaarige zurück, die ebenso vergeblich immer wieder betonte, dass ihre pechschwarzen Haare nicht gefärbt, sondern „natur“ wären, wie sie auch ihr Alter mit 62 Jahren 10 Jahre tiefer ansetzte, als es in ihrer „carta d‘ identità“ stand.

Eigentlich waren sie keine Schwestern. Nur wenn sie sich vorstellten, führte immer Signora Bucci das Wort und sagte mit ihrer rauen, etwas brummigen Stimme. „Sono Signora Bucci quelle due ragazze sono mie sorelle.“ Dann streckte die Schwarzhaarige ihre kräftige Hand aus und sagte: „Sono Olga, la tigra delle abruzzo.“ Worauf Signora Bucci – von ihr habe ich nie den Vornamen erfahren – sofort knurrte „Sie kommt nicht aus den Abruzzen, sondern aus Macerata in den Marchen. Und eine Tigerin wäre sie wohl gerne. Während mir die älteste mit einem angedeuteten Knicks ihre ungeheuer gepflegte Hand reichte, „Griselda – di Milano“. „Ihr können Sie glauben, sie kommt zwar nicht aus Milano, hat aber fast ihr ganzes Leben dort als Balletttänzerin und dann als Klavierlehrerin verbracht.“ „Ja, aber das war ganz früher – und jetzt wohne ich in Lecco, an der südlichen Seite des Comer Sees. In Milano könnte ich nicht mehr leben.“ „Ja, du bist auch was Besseres. Ich lebe in der Stadt, in Genua und mir gefällt es“ entgegnete Signora Bucci. „Ihr wisst gar nicht, wie gut es ist, auf dem Land zu leben, wie ich“ bemerke Olga und holte zu einem ihrer gefürchteten längeren Vorträge über die Abruzzen aus.

Drei Grazien zwischen 72 und 82 Jahren, die höchstens Schwestern im Geiste waren, aber nach Art und Herkunft nicht unterschiedlicher hätten sein können. Aber im Hotel, am Stand und in den zwei Strandbars, die sie regelmäßig aufsuchten, wurden sie nur die „sorelle Bucci – die Schwestern Bucci“ genannt.

Sie plauderten und erzählten aus ihrem reichhaltigen Leben – eine köstliche Unterhaltung – für die ich mich am Vormittag mit capuccino und brioche bedankte, am Nachmittag mit einem gelato oder einem Eiscafe und am Abend mit einem Champagner, den Griselda gerne nahm, Olga aber lieber eine Grappa kippte und Signora Bucci mit einem Whiskey ihre schon raue Stimme pflegte.

Wenn eine etwas erzählte, so korrigierten die anderen, wenn sie mich alleine hatten, baldmöglichst das Erzählte. Signora Bucci ließ kein gutes Haar an den anderen und Olga, la tigra stand ihr in nichts nach. Lediglich Griselda, feingliedrig und zurückhaltend, sagte nur wenig über die beiden anderen.

Also, wenn Olga berichtete „Mein Mann, Gott hab‘ ihn selig, war eine Seele von einem Mann. Sie müssen wissen junger Mann, wir hatten und ich habe immer noch ein Haushaltswarengeschäft – sehr gut gehend – das jetzt mein Sohn und meine Tochter gemeinsam führen. Mein seliger Mann (jedes Mal bei dem Wort selig bekreuzigte sie sich) hat für uns alle so viel getan, richtiggehend aufgeopfert hat er sich. Schade, dass unser Signore dort oben ihn so früh zu sich gerufen hat. Aber Gott sei Dank habe ich ja zwei reizende Kinder, die ihrer Mutter das Leben so schön und angenehm wie möglich machen. Ich kann mich nur glücklich schätzen, eine solch hervorragende Familie zu haben.“

Dann raunte Signora Bucci mir bei nächster Gelegenheit zu, dass Olgas Mann mit Sicherheit in der untersten Hölle schmore, als Strafe für sein lasterhaftes Leben, das aus Trinken, Karten spielen und seine Familie quälen bestanden hätte. Und was die beiden Kinder der Olga beträfe, so seien sie wahre Teufel, die ihre Mutter am liebsten unter der Erde sähen, um alles in Besitz zu nehmen. Denn noch besäße Olga alles und ließ die beiden in nichts, aber auch in gar nichts hereinschauen, womit sie natürlich Recht habe. „Wissen Sie, junger Mann, die beiden neiden ihrer alten Mutter jeden Urlaub, weil dadurch ihr Erbe geschmälert wird“.

Und wenn Signora Bucci beim Nachmittagseistee erzählte, dass ihre beiden Töchter, „suore“ – Schwestern bei den Dominikanerinnen in der Nähe von Camoglie in Ligurien seien und sie so stolz darauf wäre, dass sie dem Herrn dienten und dass ihr Mann, Gott habe ihn selig, so voller Freude über den Entschluss dieser beiden Töchter gewesen wäre, hätte er doch jeden Abend den Rosenkranz gebetet und Messen und Novenen lesen lassen, so steckte mir Olga la tigra über kurz oder lang, dass Signor Bucci mitnichten den Rosenkranz gebetet habe, sondern jeden Abend die Lehrmädchen und weiblichen Aushilfskräfte der Bar in Genua, die er mit seiner Frau betrieb, hergenommen habe und seine einzige Novene sei es gewesen, es mit neun verschiedenen Frauenzimmern an neun Tagen hintereinander zu treiben. Und ihre Töchter habe Signora Bucci gegen den Willen ihres Mannes in ein katholisches Internat in Civita vecchia geschickt, als sie bemerkte, dass ihr Mann die beiden mehr als lüstern betrachtete und seine Hände nicht an sich halten konnte. „Wissen sie junger Mann, es mag die eine oder andere Ausnahme geben, wie meinen geliebten Mann, Gott hab ihn selig, aber im Grund genommen, sind Männer doch nur an einem interessiert … “

Und wenn Griselda berichtete, dass ihr Mann zweiter Inspizient am teatro Fenice in Venezia gewesen sei und später erster Inspizient an der Scala in Milano, wo die berühmtesten Sängerinnen und Sänger mit ihr – Griselda – am Klavier, die besonders schwierigen Passagen ihrer Arien repetierten, so korrigierte Signora Bucci schnellstmöglich, dass Griseldas Mann – von wegen Inspizient – einfacher Kulissenschieber an einem unbedeutenden Theater in Cremona gewesen war, am gleichen Theater, an dem Griselda als vierte Tänzerin in der zweiten Reihe zu sehen war und ihre Karriere schon beendet gewesen sei, bevor sie begonnen habe, nämlich durch eine Schwangerschaft, in die sie dieser unreife Lümmel von Kulissenschieber gebracht habe. Und, fügte sie hinzu, von wegen Klavier und Repetieren mit Stars, nein, sie seien nach Milano gezogen, wo sie ihr Kind heimlich zur Welt gebracht habe und dass sie als billige Klavierlehrerin habe arbeiten müssen und unmusikalischen höheren Töchtern vergeblich versucht habe, Tonleitern beizubringen. „Wissen Sie, junger Mann, ihr Kind ist dann kurz nach der Geburt gestorben, aber da war sie mit diesem Strauchdieb schon verheiratet und hatte ihn lange ertragen müssen.“

„Wie alt sind Sie junger Mann“? Fragte Signora Bucci mit der unvermittelten direkten Art älterer Frauen, die niemanden mehr beeindrucken wollen.

„Danke für den jungen Mann. Aber ich werde im Oktober schon zweiundfünfzig.“

„So alt war mein Mann, als unser Signore“ und sie deutete mit dem Finger zum Himmel „ihn zu sich rief“. „Unsinn“ maulte Olga „er ist einfach an einer Fischvergiftung gestorben.“

„Man lässt auch die brodetto di pesce – die Fischsuppe – nicht zwei Tage alt werden“ kicherte Griselda „Meiner ist ihm gleichen Jahr in unserer Mailänder Wohnung die Treppe heruntergefallen“. „Ja, weil er vorher verdorbene Fischsuppe gegessen hatte und er ohnmächtige wurde.“ korrigierte Olga. „Meiner“, sagte sie, „meiner ist ganz normal im Bett gestorben.“ „Wer weiß, wer weiß“ … sagte Signora Bucci „niemand war dabei. Und hast du nicht erzählt, dass du ihm noch Fischsuppe gekocht hast, bevor du in Urlaub gefahren bist. Und außerdem, wir waren lange verheiratet, viel zu lange. Und wenn wir damals nicht …“

Wir wurden unterbrochen durch Adriana, die auf die Terrasse trat. „Das ist die Chefin des Hotels“ kicherte Griselda „sie hatte einen herzensguten Mann in Wien und sehr vermögend“ „Herzensgut???“ meckerte Signora Bucci „Über jede Lira musste Adriana Rechenschaft ablegen. Sie bekam ihr Haushaltsgeld in bar und die ganze Zeit ihrer Ehe blieb es auf gleicher Höhe, die Hölle war das. Also wenn mein Mann …“

Die Inhaberin des Hotels Cevoli, eine waschechte Wienerin trat an unseren Tisch.

„Ich hoffe Sie unterhalten sich gut?“ „Danke, sehr reizend die sorelle Bucci.“ „Ja das sind sie. Und wissen Sie auch, dass die drei meine ersten und damit ältesten Gäste sind. Wir haben uns hier das erste Mal vor fünfundzwanzig Jahren getroffen. Da war ich selbst noch Gast hier. Wir hatten uns schnell angefreundet. Und ein Jahr später wurde wir alle drei Witwen, als wir wieder gemeinsam hier Urlaub machten. Und dann habe ich einfach dieses Hotel gekauft, mein Mann, Gott hab ihn selig, war nicht unvermögend.“

„Woran ist ihr Mann, damals so überraschend gestorben?“

„Woran? Dreimal dürfen sie raten, junger Mann.:-))“

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