Romagna: La mia gente

Romagna: La mia gente

… oder warum die Romagna meine zweite Heimat geworden ist.

Von allen Regionen Italiens kenne ich die Romagna wohl am besten. Und es scheint mir, dass es deshalb umso schwerer fällt, etwas über diese Region zu schreiben. Wo soll man beginnen:

Mit dem wildromantischen Umland von Brisighella ohne Touristenmassen und ohne mittelmäßige Restaurants mit schwindelerregenden Preisen? Oder doch lieber die mondänen Badeorte wie Rimini oder Riccione, wo schlechtes Wetter eine Katastrophe ist, denn hier leben die Menschen am Strand, rund um die Uhr? Oder doch weit vom Strand weg in den Appenin hinein zum Staudamm von Ridracoli, mit seltenen Tieren, Pflanzen und eindrucksvollen geologischen Formationen? Oder doch einfach nur dem val marecchia folgen, wo die grünen Hügel von Kirchen, Schlösser und Klöster dominiert werden und wo es ein anderes Zeitempfinden zu geben scheint, ja fast eine Bewegungsträgheit? Auch einfach am Hafen von Cesenatico zu sitzen, der noch von Leonardo da Vinci geplant war und in einem der kleinen Lokale in den schmalen bunten Häuschen Spaghetti alle vongole zu genießen? Oder beim Sonnenuntergang auf der Terrasse des „Il Faro“ am Hafen von Cattolica zu sitzen und die Stille und die Farbenpracht des abendlichen Panoramas in sich aufzunehmen?

Nein, so reizvoll sie alle sind, ich entscheide mich für „Il balcone della Romagna“, den Balkon der Romagna, dem spektakulären Aussichtspunkt weit über die italienische Landschaft. Ich wähle Bertinoro, ein mittelalterlicher Ort mit kopfsteingepflasterten Gassen und Plätzen, es ist der Balkon der Romagna: An klaren Tagen ist die Aussicht auf das Meer und die Hügellandschaft einfach atemberaubend. Der Name Bertinoro wird auch auf den Ausspruch aus dem kaiserlichen Munde der Galla Placidia zurückgeführt: „ber‘ ti in oro“ („man sollte dich aus goldenem Becher trinken“) soll sie gesagt haben, als man ihr den hier wachsenden vortrefflichen Wein, den Albana in einem Keramikbecher reichte.

Herz der von Ringmauern eingefassten mittelalterlichen Ortschaft ist die Piazza della Libertà. Schlendern wir durch die mit Pflasterstein ausgelegten Gässchen. Sehenswert die schöne Altstadt mit ihren kopfsteingepflasterten Sträßchen und Gässchen innerhalb der fast noch vollständig erhaltenen Stadtmauern erkundet man am besten zu Fuß. Die Piazza della Libertà mit dem großartigen Palazzo aus dem 14. Jh., der Uhrturm und die jahrtausendealte Burg von Barbarossa auf der Hügelspitze erzählen noch heute von der wichtigen Geschichte dieser Ortschaft.

Aber Bertinoro ist vor allem berühmt für die Tradition der Gastfreundschaft. Mitten in Bertinoro steht eine unscheinbare Säule mit einem ungewöhnlichen Band: schwere Eisenringe, vom Rost der Jahrhunderte rotbraun überzogen. Hier haben einst die Durchreisenden ihre Pferde angebunden und, indem sie das taten, gleichzeitig auch ihr Quartier gebucht. Nur wussten sie nicht, bei wem. Klingt ein bisschen umständlich, ergibt aber Sinn. Denn im 13. Jahrhundert waren Reisende der beste Zeitvertreib und eine lebendige Nachrichtenquelle für den Adel, der fernab von Rom kaum Informationen erhielt. Also bemühte man sich um die begehrten Durchreisenden, was unter den Adligen bald zu bösem Blut führte. Die Lösung war schließlich die Colonna degli Anelli, die Säule der Ringe, die später auch der Gastfreundschaft, Ospitalità, gewidmet wurde: eine Art anonymisierter Check-in, der allen Einheimischen die gleiche Chance bot. Problem gelöst.

Bei einem dieser Spaziergänge entdeckte ich „Il Trebbo“, eine Trattoria, ein Ristorante? Es entpuppt sich als kulinarische Überraschung. In einem unscheinbaren, alten Bauernhaus untergebracht, sind hier ein Restaurant und eine Bar ausgebaut. Die Atmosphäre ist familiär, die Einrichtung schlicht, aber gemütlich in warmen Erdtönen gehalten. Eine der besten Trattorien in der romagnolischen Tradition, ohne ausgesprochene Besonderheiten aber mit einer guten Küche und freundlich-fröhlichem Personal.

Und was isst man in der Romagna? Natürlich zuerst eine Piadina eine Fladenbrotscheibe und das Aushängeschild der Romagna. Eine Piadina mit Squacquerone und Rucola. Der Squacquerone, weißer Frischkäse mit einer Konsistenz zwischen Mascarpone und Crême fraîche., ist so schön weich und schmeckt am besten, wenn er geschmolzen ist. Hier wird er in die Piadina gefüllt und dann wird das Ganze in einer Terracotta-Pfanne gebacken.

Dazu einen Albana di Romagna – ein funkelndes Goldgelb. In der Nase sehr delikat mit Nuancen von Mandel, Pfirsich, Aprikose, Ananas, Melone und Zitrone. Im Mund: reich, geschmeidig, elegant, kräftig, mit langem Abgang – ein gut strukturierter, frischer Wein. Wunderbar harmoniert er mit dem leicht säuerlichen Squacquerone und den leicht bitteren Nusstönen des Rucolas.

Anschließend Tagliatelle mit frischen Steinpilzen. Ein einfaches Gericht. Hier schön getrennt zubereitet:

Zuerst mal Pancettawürfel in einem Pfännchen anbraten. Nicht zu vergleichen mit Dörrfleisch oder gar einfachem Speck. Die Pancetta ist ein mild-würzig gepökelter durchwachsener Bauchspeck, der über Wacholderholz geräuchert wird. Und der dann in einen Kräutermantel aus Pfeffer, Wacholder, Rosmarin, Thymian und Meersalz sechs Monate reift. Danach klitzekleine Schalottenwürfel dazugeben und kurz mit schwitzen. Etwas Weißwein und Sahne angießen und einköcheln. Mit Pfeffer würzen.

Die Steinpilze gesondert in Butter und Öl in einer Pfanne kräftig anbraten, denn dadurch kommt ihr besonderer Geschmack am besten zur Geltung. Sie sollten beidseitig leicht gebräunt sein. Pfeffern und salzen und mit klein gehackter Petersilie bestreuen.

Tagliatelle nestförmig auf einem tiefen Teller platzieren. Die Pilze in der Mitte anrichten und die Weißwein-Sahne-Soße über die Nudeln gießen.

Und natürlich passt dazu ein Sangiovese. Er ist das Symbol der Romagna, das Blut der Romagna. Schon die Römer verglichen seinen starken Geschmack mit dem „Blut Jupiters“, daher also Sanguis Giovis. Und hier in Bertinoro gibt es eine reinsortigen, die Auslese Bertinoro. Nach drei Jahren Alterung entfaltet dieser intensiv rubinroten Wein seine ganze Geruchsvielfalt und seine harmonischen, straffen Tannine. Seine Aromen von Frucht und Floraltönen bis hin zu erdigen und dunkleren Tönen von Wald- und Tiergerüchen sind der ideale Begleiter zu den Steinpilzen.

Und als Nachtisch? Auf jeden Fall einen „Frutto proibito“ (verbotene Frucht), einem Albana Passito von der Fattoria Paradiso. Bernstein im Glas, Datteln, Birnen, Äpfel, weiße Trüffel mit balsamischer Note in der Nase. Und im Geschmack süßsauer, intensiv nach gereiften Früchten, nach Äpfeln und Datteln. Süß aber mit einem charmant säuerlichen Abgang. Dieser Passito braucht Ruhe zum Genießen und Zeit, viel Zeit. Also dazu passend einen besonderen Käse, den Fossa-Käse. Er ist einer der typischsten Käse aus der Romagna, der seinen Geschmack durch die in besonderen Tuffsteinhöhlen gewinnt. Pikanten und sehr besonders. Intensiv, delikat und absolut nicht aggressive im Geschmack.

So könnte ich ganze Nachmittage und Abende in der Romagna genießen, mit dem weiten Blick über die Hügel und Ebenen bis zum Meer der Adria. Ich liebe nicht nur die Landschaft, das Essen und die Weine, sondern auch die Romagnoli, die Menschen aus der Romagna. Und nichts kann es besser ausdrücken als das Lied von Casadei:

La mia gente che mi vuole bene, la gente mia che mi sa capir. La mia gente che m’aspetta ancora, la gente mia ce l’ho qui nel cuor.

Meine Leute, die mich mögen, meine Leute, die mich verstehen. Meine Leute, die mich immer erwarten, meine Leute, die ich im Herzen trage.

Die Romagna ist für mich immer ein bisschen, wie nach Hause kommen.

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