Pinucia – die Fette

Pinucia – die fette Frau

Sie rührte gedankenverloren ihre Brioche in ihrem Cappuccino, den sie neben sich auf die Marmorfensterbank gestellt hatte. Ihre rechte Schläfe lehnte an der Fensterscheibe. Ihre braunen, ausdruckslosen Augen starren auf die via Benvenuto Cellini, die nach zwanzig Meter in die via Nizza, eine ewige Baustelle, mündet. Seit neun Jahren, seit ihrer Heirat mit Carmelino wohnt sie hier, in einer Umgebung, die ihr nicht behagte und ihr, die sie dreißig Jahre in der edlen via Roma im Herzen von Turin, über dem Zuckerbäckerladen ihres Vaters gelebt hatte, auch nicht angemessen schien. Sie war besseres gewohnt und hatte auch besseres erwartet und verdient.

Sie, die von ihrem gutmütigen, liebevollen und schwerfälligen Vater, den alle bei seinem Nachnamen Pace – Frieden riefen, in den Stand einer Prinzessin erhoben worden war; sie, die schon als Dreijährige in rosaroten Spitzenkleidchen, goldenen Lederschühchen und einem feinen Pelzjäckchen in den Kindergarten gebracht wurde, was natürlich von keinem ihrer kleinen, eifersüchtigen Mitbesucherinnen des Kindergartens gewürdigt wurde; im Gegenteil, deren unverhohlener Neid entlud sich in Spott und Beschimpfungen, nicht nur wegen ihrer ausgefallenen Kleidung, sondern auch über ihr damals schon sehr rundlichen Körperbau, der im Laufe der Jahre immer mehr zunahm und schon zu ihrer Schulzeit auch nicht durch die raffiniert geschnittenen Kleider, maßgefertigt aus dunkelrotem Taft oder ultramarinblauem Samt, kaschiert wurde. Sie war immer mehr zum Gespött der ganzen Schule geworden. Sie, die eigentlich allen überlegen war und doch mit Füßen getreten wurde.

Aber sie hatte damals eine Macht, eine Versuchung, ja, Verführung, die keiner ihrer Schulkameraden widerstehen konnte: La pasticceria e cremeria Pace unter den Arkaden der via Roma mit ihren acht imponierenden Schaufenstern und den 12 Tischen draußen. Hier verkehrten die Reichen und die Schönen von Turin, aßen ihre cannoli oder torronocini zu einem café oder Cappuccino, kauften ihre panettone zu Weihnachten und ihre colomba zu Ostern. Sogar Gianni Agnelli, der allmächtige Chef von Fiat verkehrte hier.

Und welche Kinder konnten diesem Genuss aus torroncini, der cassata, der zabaione, den tartuffi, der heißen Schokolade und den unzähligen Gebilden aus Schokolade, Sahne, Mandeln, Nüssen widerstehen, die ihr Vater nach alten Familienrezepten herstellte. Schließlich bestand die pasticceria Pace seit 1870, obwohl sie bis Anfang der fünfziger Jahre eine latteria, ein Milchgeschäft war, wo ihr Großvater noch in den typischen, weißen Fässern die frische Milch im Pferdewagen ins Haus lieferte. Niemand sagte nein, wenn Pinucia zweimal im Jahr zum Schluß des Schuljahres und zu ihrem Geburtstag einlud, Hof hielt und ihre Gnade all denen zuteilwerden ließ, die sie, zumindest an diesem Tag, liebten.

Sie rührte gedankenlos mit ihrer Brioche, die sich schon halb im Cappuccino aufgelöst hatte.

„Giuseppina“ sagte sie sich … Ja, sie redete laut mit sich selber und sie redete sich selbst als einzige mit ihrem korrekten Vornahmen an:

„Giuseppina, die Liebe ist nur eine andere Form des Mitleides.“

„Oder es verbirgt sich hinter diesem Ausdruck für das Ereignis der Liebe, das du so sehnlichst erwartet hattest, nur reine Habgier.“

Ja, zu solchen Überlegungen war sie fähig, obwohl das niemand hinter der trägen Masse ihres Körpers und der linienlosen Schlaffheit ihres Gesichtes vermutet hätte.

Die Liebe, der Märchenprinz, der principe blu, eigens angefertigt für die Contessa Giuseppina, wie lange hatte sie darauf gewartet. Und nichts hatte ihr Vater unversucht gelassen, ihre Träume, die von ihm selbst angeregt und genährt wurden, nicht zerbrechen zu lassen.

Er stellte sie jedem besser gestellten Kunden der pasticceria vor, nahm sei mit zu den winterlichen Festlichkeiten seiner Zunftgenossen. Im Mai fuhr er mit ihr zum Urlaub an die Riviera nach Allassio ins Grand Hotel mediterrane direkt am Lungo Mare und im August nach Cattolica ins Wellnesshotel Vittoria direkt am Strand. Und jedes Mal verliebte sie sich aufs Neue. In Alessandro den Sohn des Hotelbesitzers in Allassio und in Roberto den Sohn des Hotelbesitzers in Cattolica, wo sie immer ihre vier Wochen im August verbrachten. Gefördert durch diskrete und direkte Zahlungen ihres Vaters mussten diese in jedem Urlaub mehrmals zum Abendessen und anschließend zum Tanzen ausführen. Sie in silber-goldenen Albendkleidern und die Jungs in weißen Dinner-Jacketts und Roberto dazu im offenen Alfa-Spider, der sie wesentlich besser zu kleiden schien als der etwas gutbürgerliche Maserati von Alessandro. Sie liebte diese vier Wochen in Cattolica, die Abende mit Roberto im Posillipo, dem exklusivsten Fischlokal der gesamten Adria hoch über dem Meer und dem anschließenden Tanzen im Marechiaro, wo sie auf den Tanzflächen unter freiem Himmel in selige Träume versank. Doch keiner der beiden Verehrten und Angebeteten hatte sie und ihre Familie, wie jedes Mal versprochen, in Turin besucht.

Im diesigen Novemberniesel schlurfte unten der alte, krummbeinige Nunzio, ein kleiner, mickriger Sizilianer in seiner braunen Anzugjacke und der ebenso braunen coppola storta, der schiefen Mütze der Sizilianer auf seinem fast kahlen Schädel. Also war es pünktlich zehn Uhr. Um diese Zeit ging der Alte weg von seiner Arbeitsstelle, einem altersschwachen Schuppen, das den hochtrabenden Namen Intermecan trug, um sich in der via Nizza in der Bar Sforza seinen Cappuccino zu trinken.

Zehn Uhr. Also waren es noch höchstens zwanzig Minuten Zeit, bis das eintrat, was sie sich seit Wochen, ja Monaten vorgestellt hatte.

„Tok, tok, tok“ klang es durch die Wohnung.

„Heute gehe ich nicht rüber.“

„Tok, tok, tok“ der Besenstiel in der Nachbarwohnung stieß zum zweiten Mal gegen ihre Wand, energischer, fordernd und ungeduldig.

„Scheiß` dir doch in die Hosen. Ich komme nicht.“ Sagte Pinucia mehr zu sich als zu der alten Frau, ihrer Schwiegermutter in der Nachbarwohnung.

„Tok, tok, tok“

„Du hast doch dieses Scheusal Carmelino auf die Welt gebracht. Und jetzt soll ich noch als Dankeschön für Das Elend, in das du und dein vermaledeiter Sohn gebracht haben auch noch den Arsch abwischen. Vaffanculo, strega, merda, fatti fottere.“

„Seit neun Jahren bin ich mit deinem stronzo von Sohn verheiratet und seit acht Jahren, seit ich meinen Sohn Cirò geboren habe, hat er mich nicht mehr angerührt.“

„Und du alte verdammte Hexe hast mir auch meinen Sohn Cirò genommen. Nach der Schule kommt er zu dir, genauso wie den Sohn Carmelino sich mehr in deiner Wohnung aufhält, als in unserer. Wenn er denn überhaupt zu Hause ist und nicht mit blonden, dürren Schlampen in den Bars rumhängt.“

„Tok, tok, tok“

Sie stand auf und legte ihr Ohr an die Wand zu ihrer Schwiegermutter. Sie hörte deren Stock klappernd und knallend zu Boden fallen. Sie hörte die Alte keuchen, wimmern gurgeln. Sie hörte leises Rumpeln und Ächzen. Die Alte schien nach Luft zu ringen.

Sie setzte sich wieder ans Fenster

Draußen kam der alte Nunzio um die Ecke zurückgeschlurft. Also war es 20 Minuten nach 10 Uhr. Nunzio sah nie hoch. Trotzdem lächelte sie ihm zu und hob ihre schlaffe Hand zu einem schüchternen Gruß. Ihm hatte sie das kleine Fläschlein mit der klaren Flüssigkeit zu verdanken. Vor einiger Zeit hatte ihr Mann Carmelino es von ihm bekommen. Angegeben hatte er mit dem Teufelszeug, geprahlt dass ein Leben damit in 20 Minuten ausgelöscht werden konnte. Ganz hinten im Küchenschrank hinter den alten Kaffeedosen mit den Gewürzresten hatte er es versteckt. Und sie hatte es gestern Abend in die neue Amarettoflasche für ihre Schwiegermutter getan.

Absolute Stille im Haus … Vorbei … Endlich vorbei.

Wenn es mit der Schwiegermutter so einfach war, dann würde sie sich ein neues Fläschlein von Nunzio besorgen und dann war ihr Ehemann an der Reihe.

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