Jazz ist eine eigene Lebensform

Jazz ist eine eigene Lebensform

… oder warum wir es einfach passieren lassen sollten

Haben Sie schon einmal mit einer Frau oder einem Mann etwas ganz Spontanes, wahnsinnig Interessantes und Unglaubliches erlebt. Das ist ja auch Jazz, denn Sie haben sich nicht zehn Stunden darauf vorbereitet, sie haben es einfach passieren lassen.

So wie in der zwanglosen Jamsession an jenem Freitagabend. Gilbert, der schwergewichtige, französische Drummer beginnt in hohem Tempo auf der Hi-Hat den off-beat zu schlagen. Nach vier Takten nimmt Chris mit seinem Bass den Basispuls auf. Gilbert flirtet mit seiner Snare und setzt mit fetten Bass-Drum-Schlägen die Akzente zu einem erregenden Groove. Der junge Pianist Mark perlt souverän über die Tasten, elegant, völlig entspannt. Die Gruppe träumt den gleichen Puls und Rhythmus. Jonas ein Saxophonist mittleren Alters löst sich von der Bar, tritt zur Gruppe und legt eine luftige und warme Melodie über den Groove, nicht willkürlich, nicht übereilt. Petrus, der Trompeter mit dem enormen Bierbauch nimmt das Thema auf, Caro, ein filigranes, fast durchscheinendes Wesen mischt sich ein mit ihrem Alt-Saxophon, singend, verspielt, flüsternd und johlend.

Und alle spielen unisono, frei von jeglichen Zwängen einer kommerziellen Show das Thema, kraftvoll. Spielerisch und verspielt tänzelt das Sextett über Musik aus traditionellen Bebop-Elementen und weichem, modernem Jazzfeel. Gilbert wird rhythmisch komplexer.

Eine magere Frau, mit zerstrupptem Blondhaar, gießt sich ihren vierten Whisky runter, nimmt ein Mikrofon und verbreitet mit ihrer hauchigen Stimme Nonchalance und Sinnlichkeit. Sie ist von der klassischen Ästhetik weit entfernt. Sie singt so, wie sie ist: Trinken, Rauchen, Drogen, ihr Schicksal zeichnen ihre Stimme; ihre Unverfälschtheit besteht in klanglichen “Fehlern“, Brüchen, in der Fragilität, der Ungeschliffenheit der Stimme. Herb und zerbrechlich, unterkühlt und leidenschaftlich zugleich, krächzt, kichert und kickst, gackert, kräht und plappert sie ihren Skat-Gesang. Sie erschafft das musikalische Thema neu, berauschend, faszinierend, schwindelerregend, erschreckend. Sie ist alleine mit sich selbst und erzählt ihre Geschichte. Sie hat ihre Seele in ihrer Stimme Ihre Seele spricht zu anderen Seelen.

Die Bläser übernehmen den Part, einer nach dem anderen: hell, einfühlsam und klar, gewitzt, musikalisch brillant, instinktiv, in liebevollem Dialog mit ihrer Umgebung, ein Geschäker mit dem Publikum, mit dem Song und mit den anderen Instrumenten. Die zersauste Blonde greift wieder zum Mikrofon. Ihr Skat-Gesang steigert sich, sie hängt nur noch am swingenden Ride-Becken von Gilbert, weckt den Wunsch nach Sehnsucht, nach einer Flut an Gefühlen. Die Gruppe pumpt und wabert Chris spielt seinen Bass wie eine Gitarre und treibt zum Höhepunkt. Die Musik bricht alle Grenzen auf und die Blonde endet in einem wunderschönen, erlösenden Schrei.

Das Publikum rast, der Raum vibriert, ein alter Song ist in einem völlig neuen Gewand wiedergeboren worden.

Das ist wirklich die Gemeinschaftsleistung eines Teams. Heute schallt es durch Führungs-Etagen Organisationseinheiten und Sekretariaten „Wir sind ein Team“. In den wenigsten Fällen funktioniert es dort, weil viele Chefs keinen Freiraum zulassen.

Musikmachen, Jamsessions, besonders im Jazz, das ist wahre Teamarbeit, ohne Grabenkämpfe, wo in einer konstruktiven Harmonie spannende Dialoge zustande kommen nach den gleichen Regeln, die für Teamarbeit in Unternehmen gelten. Eigentlich ganz einfach: Jeder Solist hält sich ans Thema; orientiert sich am Ziel, bietet Lösungen an. Die Kollegen hören zu, unterstützen, ergänzen. Jeder lässt jedem seine eigenen Freiräume. So entsteht konstruktive Harmonie statt stressauslösendes Chaos. Improvisieren ist eine freigeistige Grundhaltung, die vor allem Raum für Authentizität und Gefühle zulässt.

Menschen, die in der Kategorie der klassischen Musik denken, meinen manchmal, man müsse ganz viele Überlegungen anstellen, um auf etwas schlaues und wertvolles zu stoßen. Jamsessions beweisen das Gegenteil! Sie glauben, wenn du genügend Vorarbeit leistest, nämlich sehr viel übst, du fähig bist, genauso wertvolle Musik im und aus dem Moment zu kreieren.

Ist Jazz wertloser oder wertvoller als komponierte Musik? Für mich ist alles gleich wertvoll. Spontan oder vorbereitet. Nur gut muss es sein

Also: Back to the roots, zurück zu einer Zeit, in der Jamsessions als ganz selbstverständlich galten und Fernseher und Spielekonsole nicht den ganzen Abend füllten.

Ob Jazz, Rock, Hip-Hop, Blues – lassen Sie es einfach passieren und genießen Sie.

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3 Gedanken zu „Jazz ist eine eigene Lebensform

      1. portfuzzle

        hallo. leider spiele ich kein instrument ! das habe ich irgendwie verpasst und vielleicht habe ich auch kein talent. aber dafür höre ich leidenschaftlich gern jazz und das seit vielen, vielen jahren. natürlich gehe ich auch zu konzerten. das alles kannst du hier nachlesen radio.friendsofalan.de. dort steht etwas zu meinen konzertbesuch von avishai cohen und vieles mehr. beste grüße

        Gefällt 1 Person

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