La piazza più bella del mondo

La piazza più bella del mondo

… oder warum es unmöglich ist, Siena nicht zu mögen

Strahlender Sonnenschein, tiefblauer wolkenloser Himmel, Temperaturen bei knappen 20 Grad – das ist ideales Frühlings-Wetter. Und wenn man dann beim Aufwachen, im Hotel Castagneto vom Bett aus die Kuppel des Doms von Siena sehen kann, dann wird es ein besonders herrlicher Tag, der dazu verlockt, diese magische Stadt zu Fuß zu erkunden. Aus meiner Sicht die einzige Möglichkeit, sie wirklich zu erleben.

Der Legende nach soll Senio, der Sohn von Remus, die Stadt Siena gegründet haben. Deshalb ist das Wahrzeichen der Stadt auch die Wölfin, die die Zwillinge Romulus und Remus säugte. Keine andere Stadt in Italien hat sich so ein geschlossenes mittelalterliches Stadtbild bewahrt wie Siena. Während Florenz ganz im Geiste der Renaissance aufging, baute Siena aus Trotz gegenüber dem großen Rivalen im gotischen Stil weiter. Die wenigen Renaissancepaläste fallen heute in der Stadt kaum auf. Florenz ist mit Sicherheit die Renaissancestadt schlechthin. Siena wird von der Gotik beherrscht. Mit seinen hohen, meist fensterreichen Palästen, mit seinen mittelalterlichen Gebäuden, den engen, schummrigen Gassen und den typischen Farben ist es ein Meisterwerk architektonischer Harmonie. Wie ein Juwel auf dem grünen Samt der sanften toskanischen Hügel ist Siena eine der schönsten Städte Italiens. Siena war nicht nur einer der mächtigen Stadtstaaten in der italienischen Toskana, sondern auch ein großer Rivale von Florenz, sowohl in politischer, in wirtschaftlicher, als auch in künstlerischer Hinsicht. Das rote Siena mit seinen aus Backsteinen erbauten Palästen, Kirchen, Wohnhäusern und Brunnen ist über die Jahrhunderte hinweg fast unversehrt geblieben.

Einfach drauflos bummeln. Verlaufen ist fast nicht möglich. Ganz gemütlich durch enge Straßen bis zur ganz aus rotbraunem Backstein erbauten Kirche San Domenico. Hier werden in einer kleinen Kapelle, die mit Fresken des sienesischen Künstlers Sodoma (1477-1549) ausgeschmückt ist, die auf wundersame Weise noch heute erhaltenen Reliquien und der Kopf der Heiligen aufbewahrt. Und dann einfach durch dieses Viertel bummeln, durch die pittoresken Straßen via della Galuzza und via Santa Caterina. Vielleicht ein kleiner Schlenker zur via Banchi di Sopra und bei Nannini einen Café und eine Brioche an einem der kleinen Tische in der schmalen Straße zu sich nehmen. Ja und dann, dann sind es nur noch wenige Schritte. Welch magerer Name wurde dem wohl zauberhaftesten Platz Italiens gegeben: „Piazza del Campo“. Woher man auch kommt in Siena, eine magische Kraft leitet einen früher oder später auf den „Campo“: Erst blitzt ein Zipfel Himmel durch die Häuserbögen, gefolgt von Zinnen, dann Teile eines abfallenden Platzes und schon präsentiert sich der „Palazzo Pubblico“ mit dem schlanken „Torre del Mangia“, um dann in der Weite des Muschel-Platzes mit dem Häuseroval zu einem harmonischen Ganzen zu verschmelzen.

Dort, wo sich die drei Stadthügel Terzo di Camollia, Terzo di San Martino und Terzo di Citta treffen, im gemeinsamen Schnittpunkt, an der tiefsten Stelle, bilden sie den berühmten Platz der Plätze: Piazza del Campo. Er gehört mit dem Fischgrätmuster aus rotem Backstein unterteilt durch weiße Travertinstreifen, mit seiner Ausgewogenheit und mit seiner muschelförmigen Krümmung, die die Unebenheiten des Bodens harmonisch ausgleicht zu den schönsten und eindrucksvollsten Plätzen der Welt. Ein Platz ohne Kirche, ein rein politisches Zentrum.

An der untersten Stelle des leicht abschüssigen Geländes steht der Palazzo Pubblico mit dem hochragenden Torre del Mangia. In der Mitte des oberen Muschelrandes befindet sich die Fonte Gaia, ein rechteckiger, nach einer Seite offener Brunnen, den Jacopo della Quercia von 1409-19 geschaffen hat. Er bekam ursprünglich mithilfe eines Aquädukts sein Wasser. Die Reliefs an den Brunnenwänden wurden zwar durch Kopien ersetzt, dennoch dokumentieren sie die Entwicklung der frühen Renaissance-Plastik.

Die Architektur mit den harmonisch aufeinander abgestimmten Gebäuden ist beeindruckend, keine einmündende Straße stört das Ensemble, denn nur schmale Korridore zwischen den Palästen und Wohnbauten führen auf den Platz. Wie eine offene Muschel steigt der Campo 10 Meter an. Der Boden lädt ein, sich auf ihm niederzulassen, um die imposante Atmosphäre des Platzes in sich aufzunehmen.

Aber genauso voller Atmosphäre ist das Key Largo, absolutes Lieblingscafé der Stadt, sowohl von mir als auch von vielen anderen, mit einem kleinen, aber feinen Balkon direkt auf die Piazza Il Campo gerichtet. Ideal für einen typisch italienischen Aperitivo ein. Zu einem Glas Prosecco bekommt man hier eine Vielzahl an Dips, kalten Nudelsalat, Pizzabrote, Gemüsesticks dazu – und das alles kostenlos.

Und dann natürlich etwas richtiges Essen. Zum Beispiel in der Trattoria Fonte Giusta eine schöne Portion Pici al ragù di cinghiale. Pici sind ganz dicke kurze Spaghetti, von Hand gerollt, die den unverwechselbaren Geschmack eines unübertrefflichen Wildschweinragout perfekt auf nehmen. Und dazu einen Chianti Colli senesi.

Es ist ein leichter Chianti von hellem Granatrot, die Blume ist leicht und typisch. Man spürt im ausgewogenen Verhältnis den Duft der Iris, der Rose und etwas V Veilchen anille. Sein Tanningehalt ist zurückhaltend, das macht ihn leicht, ohne dass er an Eleganz verliert.

Und gut gestärkt kann man weiter bummeln und sich vor allem eines der herausragenden Werke der gotischen Architektur in Italien anschauen, den Dom aus schwarzem und weißem Marmor. Er befindet sich am höchstgelegenen Punkt der Stadt. Er wurde Anfang des 13. Jahrhunderts begonnen und die Erstellung zog sich bis in das 14. Jahrhundert hinein.

Größer, schöner, weiter. Diese Devise gilt für die Menschheit nicht erst, seit sie Kirchen baut. Doch zur Hybris gehört auch das Scheitern. Selten kann man dabei das Ende ambitionierter Pläne so schön sehen, wie in Siena. Neben dem Dom stehen die Reste eines unvollendeten Baus, der Versuch einer letzten Vergrößerung von 1339. Der alte Dom sollte als Querschiff übernehmen werden. Die fertige Kirche hätte den bestehenden Bau um das Doppelte überboten. Die große Kathedrale wäre ein beredtes Beispiel für die damalige Macht der Adelsrepublik Siena gewesen. Doch die große Pest 1348 und vor allem der schlechte Untergrund beendeten 1355 das Unternehmen. Reste an der Ostseite des Doms, das nördliche Seitenschiff und die fragmentarische Fassade lassen die immensen Dimensionen der gescheiterten Größe erkennen.

Kennzeichnend für die Fassade ist, dass hier Marmor in drei verschiedenen Farben verwendet wurde: Weiß, grünlich-schwarz und rot. Der restliche Dom ist nur in Weiß und schwarz gehalten, aber dafür gestreift. Gestreift ist auch der Glockenturm, oder Campanile, der mit einer Pyramide bekrönt und die von vier Ecktürmchen umrahmt frei neben dem Dom steht. Schwarz und Weiß sind auch die Wappen-Farben der Stadt Siena.

Die Streifen befinden sich nicht nur im Äußeren, sondern setzen sich im Innern fort, wo sie sogar noch auffälliger sind. Im Innern zeigt sich auch die grundsätzliche Gestalt des Domes. Es handelt sich um eine dreischiffige Basilika mit einem mehrschiffigem Querhaus und dem anschließenden Chor. Dadurch steht die Kirche auf einem Grundriss, der die Form eines lateinischen Kreuzes hat.

Mittelschiff und Seitenschiffe sind durch Arkaden mit romanischen, runden Bögen verbunden. Die Gewölbe des Mittelschiffs sind blau bemalt und mit goldenen Sternen versehen. Auch die Rippen sind farbig. Ein ähnlicher Sternenhimmel findet sich auch in der Kuppel, dort noch um aufgemalte Kassetten ergänzt.

Viel gäbe es zu noch zu sehen. Aber es ist die richtige Stunde, um auf dem sonnengewärmten Pflaster des Campo einfach ein kleines Schläfchen zu halten und dann bei einem Glas Weine in einem der Bars am Rande des Campo die blaue Stunde zu genießen. Überall gehen kleine Lichter an, auf den Dachterrassen der umliegenden Häuser werden Kerzen aufgestellt. In den Cafés und auf dem aufgewärmten Boden des großen muschelförmigen Platzes sitzen Grüppchen und verliebte Pärchen. Man atmet den Hauch einer ganz anderen Epoche ein.

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