Rezension: Alles Licht, das wir nicht sehen – Anthony Doerr – btb-Verlag

Der Blonde führt die Blinde

Alles Licht, das wir nicht sehen – Anthony Doerr (Autor), Werner Löcher-Lawrence (Übersetzer), 528 Seiten, btb Verlag (11. Juli 2016), 10,99 €, ISBN-13: 978-3442749850

Die Geschichte kreist um das blinde französische Mädchen Marie-Laure LeBlanc und dem deutschen Waisenknaben Werner Pfennig. In fünf großen Episoden wird ihr Schicksal während des Krieges ausgebreitet: Die Kindheit vor dem Krieg – Der Neuanfang während des Krieges – Die Teilnahme am Krieg – Die Bombardierung von Saint-Malo – Nach dem Krieg.

Doerrs Roman ist die Geschichte von zwei in der Gewalt des Zweiten Weltkriegs gefangenen Kinder. Marie-Laure LeBlanc ist sechs Jahre alt, als der Roman im Jahr 1934 in Paris beginnt. Hier lebt sie mit ihrem geliebten Papa, einem Schlosser und Hüter der rund zwölftausend Schlüssel im Muséum National d’Histoire naturelle. Marie-Laure und ihr Vater entkommen Paris im Jahre 1940, und nehmen Zuflucht in Saint-Malo, „in dieser letzten Zitadelle am Rand des Kontinents, diesem letzten deutschen Bollwerk an der bretonischen Küste.“ (Seite 21) Werner Hausner und seine Schwester Jutta sind Waisen auf dem Gelände der Zeche Zollverein in der Nähe von Essen. Er ist ein Junge von sieben mit weißen Haaren. „Schnee, Milch und Kreide. Eine Farbe ohne Farbe.“ (Seite 35) Werners Talente bringen ihm die Aufmerksamkeit der Nazis ein, und er wird zu einer Schule geschickt, wo die Elite-Kader für das Dritte Reich herangezogen werden. Die Kapitel über Werners Schulbildung, und das Schicksal seines verrohten Freund Frederick, sind die besten in dem Buch.

Marie-Laure ist ein exquisit realisierte Schöpfung. Ihre Blindheit ist überzeugend dargestellt, und die stetige Liebe ihres Vaters (der maßstabsgetreue Modelle der Nachbarschaften baut) macht ihre Geschichte sowohl schön als auch glaubwürdig.

Die bloße Idee einer Begegnung zwischen Marie-Laure und Werner, dieser beiden unterschiedlichen Persönlichkeiten trägt ein erhebliches Potential in sich. Am schwächsten scheint mir das Buch, wenn Doerr versucht, sich mit dem Nazitum zu beschäftigen. Aber das ist ja auch nicht seine unbedingte Hauptaufgabe.

Die Geschichte bewegt sich rasch und effizient auf ihren Höhepunkt zu, die Begegnung während der alliierten Bombardierung von Saint-Malo, ein paar Monate nach dem D-Day. Obwohl die Erzählung weitgehend aus Rückblenden besteht, ist es einfach, ihr zu folgen, weil es nur auf zwei Personen am schärfsten fokussiert.

Anthony Doerr schreibt schrill, unerbittlich in kurzen, scharfen Sätzen. Ebenso drängen die kurzen ein- bis zweiseitigen lesefreundlichen Kapitel diese akribisch recherchierte Geschichte voran. Gleichzeitig zeigt Anthony Doerr seine große Liebe zum Detail

„Alles Licht, das wir nicht sehen“ ist etwas mehr als ein thrillerähnliches Drama und etwas weniger als große Literatur.

Dieser Roman ist besonders lesenswert für jeden, der eine lange Flugreise oder einen Strandurlaub vor sich hat. Oder der lange Herbst- und Winterabende mit angenehmer Lektüre verbringen möchte. Es ist eines jener Bücher, die den Leser vollständig gefangen nehmen.

Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des btb Verlages

http://www.randomhouse.de/Taschenbuch/Alles-Licht,-das-wir-nicht-sehen/Anthony-Doerr/btb-Taschenbuch/e474319.rhd

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