Rezension: Wir sind nicht wir – Matthew Thomas – Berlin Verlag

 Wenn ihr Leben nicht so ist, wie sie es sich wünschen.

Wir sind nicht wir – Matthew Thomas (Autor) – Astrid Becker (Übersetzer), Karin Betz (Übersetzer), 896 Seiten, Berlin Verlag (1. August 2016), 12,99 €, ISBN-13: 978-3-8333-1055-3

Das Buch dreht sich um Eileen, ihren Mann Ed, einem schrulligen, akademischen Wissenschaftler und ihren Sohn Connell. Der Großteil des Buches ist aus Eileens Sicht erzählt. Sie ist das einzige Kind ihrer Eltern, und wir lernen jede Drehung und Wendung in ihrem Leben kennen. Es gibt Kapitel, die ihrem Mann und Sohn gewidmet sind, aber vor allem erleben wir die Geschichte durch Eileens Augen.

Eileen Leary, geborene Tumulty wächst in einem Armenviertel mit wohlmeinenden aber alkoholkranken Eltern auf. „Ihre Mutter trank mehr als ihr Vater es je getan hatte.“ (Seite 41) Sie will mehr. „… aber mit einem Mann zusammen sein, dem es völlig genügte, dreißig Jahre lang einen Lieferwagen zu fahren, konnte sie sich nicht vorstellen.“ (Seite 56) Sie heiratet den brillanten Wissenschaftler Ed, der „… Zeit seines Lebens nicht imstande sein würde, die engen Grenzen seiner Vorstellungskraft zu sprengen, die seine Herkunft ihm gesetzt hatten.“ (Seite 107) Sie will mehr. Ein größeres Haus „Sie begriff jetzt, dass manche Orte mehr und auch weniger Glück verheißen.“ (Seite 31) Sie will ein besseres Standing, ein Kind … Eileen will mehr. „… sie wollte sich nur ein bisschen verbessern.“ (Seite 249) Doch statt immer mehr zu finden, ist Eileen dabei, einen großen Verlust einzufahren, einen Verlust, an dem sie ein Leben lang leiden wird.

Ein ruhiger, kraftvoller Roman, der uns zeigt, dass unser Leben nicht nur unser eigenes ist, sondern auch eine Mischung aus den Leben vor und nach uns. Ein Roman von emotionaler Wahrhaftigkeit.

Die Geschichte ist enorm vielschichtige und unsentimental. Sie reicht von Heimat, Identität und unerwarteten menschliche Entwicklungen. Eine epische Saga, aber knapp ausgeführt, die an eine verlorene Welt erinnert. Eine bewegende Geschichte von einer irisch-amerikanischen Familie, die sich von den frühen 1950er Jahren bis 2011 erstreckt. Ein großes Einwanderer-Epos, große Porträts von drei Generationen einer bemerkenswerten Familie und nicht zuletzt ein wunderbares Porträt des sich ständig wandelnden New-Yorks.

Das Bemerkenswerteste an diesem sehr langen Roman ist, wie realistisch und auch wie normal die Geschichte ist. Niemand wird ermordet. Keine Bomben gehen hoch. Niemand wird berühmt. Sie leben in einem normalen Haus und führen ein normales Leben. Jeder Leser wird sich in diesen Seiten wiederfinden und das macht dieses Buch so unglaublich überzeugend. Wir beobachten unsere eigenen Leben. Das Buch erinnert mich an den frühen John Irving.

Dieser Roman liest sich wie ein Gedicht. Matthew Thomas schreibt sehr detailliert und sehr nuanciert, gestaltet wunderschöne Sätze, poetisch, nachdenklich und von emotionaler Genauigkeit. Trotzdem ist es nicht zu dicht und zu wortreich. Es ist eher eine schlanke Prosa mit geschmeidigen, in sich stimmigen und gleichzeitig sehr komplexen Charakteren. Schon nach wenigen Seiten fühlt sich der Leser, als ob er ein Teil der Familie Leary sei.

Dieser Roman erfordert Geduld, Einfühlungsvermögen für Charaktere. Es wird Sie mitnehmen auf eine emotionale Reise, einfühlsam und tragisch. Eine starke Geschichte, die um die Frage kreist, woran wir am Ende unseres Lebens gemessen werden. „Wir sind nicht wir“, ein herrliches Buch, das Ihre Lesezeit wert ist und Sie zum Nachdenken anregen wird.

Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des Berlinverlages:

http://www.berlinverlag.de/buecher/wir-sind-nicht-wir-isbn-978-3-8333-1055-3

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