Essay: Einen Gedanken denken …

Einen Gedanken denken oder …

.. ein Gedanke ist erst gedacht, wenn er geschrieben ist.

Es summt und singt. Erst ganz leise. Dann fängt es an zu blubbern, kaum hörbar. Bläschen steigen auf, werden größer, verdichten sich, zerplatzen an der Oberfläche. Es wallt. Es brodelt. Neue Blasen trudeln nach oben. Manche zerfasern kaum dass sie aufgestiegen sind, andere springen regelrecht nach oben, wühlen auf. Sie kommen und gehen – manche schnell und flüchtig, andere beständig und dauerhaft. Kaum gelingt es eine dieser Blasen im Auge zu behalten. Nie steht es still. Dem Gedächtnis, unserem intimsten Gefährten, lassen sich keine Zügel anlegen; seine Einfälle sind unberechenbar. Bilder und Worte, Eindrücke und Gefühle, Begegnungen, Getanes und Nicht getanes, Farben und Töne, Geschichten und Erinnerungen, Erlebtes und Erdachtes, Träume und Pläne … ein heilloses Durcheinander. Nur raus aus den Irrgärten der quälenden Gedanken und der lästigen Erinnerungen

Stille wünsche ich mir – einfach nur Stille im eigenen Gehirn. Ja … arbeiten scheint jetzt das Richtige zu sein – monoton, stumpfsinnig. Egal, was. Hauptsache es wird etwas getan. Hilft nichts … das Getöse wird noch stärker.

Oder nein … doch besser hinausrennen in die laute Öffentlichkeit, die eigenen Gedanken ersäufen in sinnfreiem, anonymem Geschwafel. Keine Chance, sie kehren lauter zurück als je zuvor.

Laufen … ja das ist es … laufen, laufen, laufen. Stunde um Stunde, bis das Herz rast, die Beine lahmen und das Gehirn schmerzhaft im Kopf hämmert. Und beim ersten durchatmenden Stehen bleiben sind sie alle wieder da, die Gedanken von denen ich mich befreit glaubte.

Oder doch zum Glas greifen, solange trinken, bis es im Kopf knackt, der Schalter umgelegt ist und Stille einkehrt. Aber nur für einen kurzen Augenblick

Doch kaum glaube ich sie endlich hinter mir gelassen zu haben, da steigen die Gedanken aus ihren Tiefen wieder hoch, stärker, brutaler, heftiger als je zu vor, zwingen mich, die Dosis der Ablenkungen nochmals zu erhöhen, das Hamsterrad immer schneller anzutreiben. Und am Ende weiß ich nicht mehr, treibe ich das Rad an oder bin ich der Getriebenen.

Ein weißes Blatt Papier. Ein Stift. Wort um Wort, Satz um Satz. Absätze um Absätze. Seiten um Seiten. Die Gedanken lösen sich auf. Mein Blick wird frei auf den Zwiespalt, auf die Zweifel und auf die Widersprüche hinter meinen quälenden Gedanken. Machen den Weg frei für mein subjektives autobiographisches Gedächtnis, das wenig mit der Vergangenheit zu tun hat, sondern mir hilft, wie ich mich in der Gegenwart und in der Zukunft orientieren kann.

Die geschriebenen Worte entwickeln ihr eigenes Leben mit ihrer eigenen Dynamik, lassen völlig neue Welten entstehen und bisher ungedachte Gedanken beginnen in mir zu denken. Schreiben zwingt zu konzentriertem Denken – und wer denkt, altert nicht.

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