Archiv für den Monat September 2016

Essay: Change it, love it or leave it

Change it, love it or leave it

… oder wie unser Leben lebenswerter wird

Jeder von uns lebt in vielen Spannungsfeldern. Hohe Arbeitsanforderungen, widersprüchliche gesellschaftliche Erwartungen, Freizeitaktivitäten und Familie. Und oft klaffen Wunsch und Wirklichkeit auseinander. Das führt zu Konflikten; besonders dann, wenn wir unsere Lösungswünsche nicht realisieren können, wollen oder dürfen.

In der heutigen Gesellschaft ist die Arbeitssituation vieler Menschen durch eine zunehmende Isolation gekennzeichnet. Nicht die Arbeit in der Gruppe herrscht vor, sondern das eigenständige, isolierte Abarbeiten von Aufgaben. Gefördert wird diese „Vereinsamung“ auch und vor allem durch die Arbeit am Bildschirm. Kommunikation und Kontakt mit anderen erfolgen meist nur in kritischen Situationen, bei Schwierigkeiten im Ablauf und bei mangelhaften Ergebnissen.

Zunehmend entstehen spannungsreiche Situationen durch den steigenden Leistungsdruck. Wer den Anforderungen nicht gewachsen ist, wird schnellst möglich ausgewechselt. Es sind allerdings nicht nur die Vorgesetzten, welche Spannungen verursachen, sondern auch die Kollegen. Das Konkurrenzdenken und Handeln belebt sicherlich so manches Geschäft steigert, allerdings auch das Konfliktpotenzial.

Diese Tendenz der Vereinsamung setzt sich in der Freizeit fort. Vielfach werden Einzelaktivitäten bevorzugt, da diese dem Wunsch nach Unabhängigkeit und Individualisierung entgegenkommen. Alle Ausdauersportarten sind hierfür ganz typische Beispiele.

Weiterhin leben viele Partner oft isoliert aneinander vorbei. Keiner nimmt an den Lebensbereichen des anderen teil. Wenn aber einer der Partner nicht berufstätig ist, dann kommt ein Kontrast zwischen der Müdigkeit des einen und dem daraus resultierenden Wunsch nach Ruhe und Abgeschiedenheit und dem Drang nach Aktivität des „ausgeruhten“ Partners hinzu.

Wer kennt sie nicht, diese Situationen, in denen ein jeder Partner eine absolut unterschiedliche Bedürfnislage hat. Diese unterschiedlichen Wünsche können banale Dinge wie eine Abendgestaltung betreffen. Verursachen dagegen bei unterschiedlicher Urlaubsplanung schon grundlegende Konflikte.

Zusätzlich macht sich in unserer Gesellschaft ein immer stärker werdender Wertewandel bemerkbar. Diskutiert wird über den Wertewandel schon seit 20 bis 25 Jahren. Nur in vielen Unternehmen ist kaum etwas geschehen, um diesen Wandel zu verarbeiten. Korrekt ausgedrückt ändern sich auch nicht die Werte, sondern deren relative Gewichtungen durch den Einzelnen. Traditionelle Werte, wie Gehorsam und Fleiß nehmen in ihrer Bedeutung ab, während bisher vernachlässigte, wie etwa Selbstverwirklichung stärker in den Vordergrund treten. Folgende Trends können wir feststellen: Betonung eigener Selbstentfaltung. Steigende Bedeutung des eigenen Lebensgenusses. Abnehmende Bereitschaft, sich unterzuordnen. Arbeit als Pflicht wird nicht mehr voraussetzungslos akzeptiert. Freizeit wird höher bewertet als Arbeit. Hohe Priorität für den Umweltschutz und unzerstörte Natur. Bewahrung der eigenen körperlichen und seelischen Gesundheit.

So gibt es für jeden von uns drei große Problemfelder:

Einmal ganz individuelle Probleme, wie konträre Rollenerwartung, subjektive Zeitnot und eine zunehmende Verarmungstendenz in Gesellschaft und Kultur.

Dazu kommen Arbeitsprobleme. Einmal gibt es einen zunehmenden Gleichlauf von Fach- und Führungsaufgaben und die heute vorherrschenden Organisationsformen fördern nicht die Persönlichkeit, sondern zwingen zu uniformierter Typenbildung.

Im Freizeitbereich wünschen sich viele eine stärkere Hinwendung zur Familie aber auch ein stärkeres Engagement im gesellschaftspolitischen Bereich.

Was sollen wir tun, damit wir diesen Fallen entgehen können?

Der erste Schritt heißt „Klarheit verschaffen“. Klarheit über die Motive unseres Handelns und das heißt: Was sind unsere für uns persönlich bedeutsamen Werte. Aber auch Klarheit über die individuellen Rollen, in die wir uns hineindrängen oder hineindrängen lassen und über die Verhaltensnormen, zu denen wir in diesen Rollen neigen. Und besonders wichtig scheint mir als Drittes die Akzeptanz unseres Selbst zu sein, das transparent werden unseres individuellen Handelns.

Erst wenn wir uns klar sind über uns, unser Umfeld und unsere Beteiligung an den Zuständen, können wir an den dreifachen Ansatz möglicher Lösungen herangehen: Change it – Love it – Leave it

Change it – Verändern: Das Ändern ist in erster Linie einen Appell an uns selbst. Können wir uns selbst, unsere Haltung und Einstellung, unsere Sicht auf die Dinge so bessern, dass wir z. B. eine konstruktivere Position einnehmen, von der alle, aber letztlich auch wir selbst nur profitieren? Oder können wir, indem wir die Verhältnisse anders gestalten, das Stör- und Konfliktpotenzial irgendwie entschärfen?

Mir scheint, dass die innere Bereitschaft, die eigene Haltung zu bedenken und zu ändern, sehr schnell auch für die Umgebung spürbar wird und zu einer positiven und wohlwollenden Beantwortung führt, zu einer anderen Art, einander zu begegnen. Auf teils unerklärliche Weise scheinen Umstände, die bisher als riesiges Problem aufgefasst wurden, dann eine andere Dimension zu gewinnen. So können wir die Harmonie zwischen uns und unserer Situation dadurch herstellen, dass wir uns und dadurch auch die Situation in unserem Sinne verändern. „Es lohnt sich Brücken zu sehen, wo mancher nur Fallgruben befürchtet“

Love it – Akzeptieren: Sie können sich selbst ändern und die Situation als gegeben hinnehmen. „Wir bringen es zwar nicht fertig, die Dinge unseren Wünschen entsprechend zu ändern, doch ändern sich mit der Zeit unsere Wünsche.“ sagte Marcel Proust.

Leave it – Verlassen: Wenn wir beides nicht ändern können oder nicht ändern wollen, dann und erst dann bleibt uns die letzte Alternative, die Situation zu verlassen und eine subjektiv harmonischere zu suchen. Denken Sie beim Verlassen einer Situation nicht gleich an ein Auswandern, sondern eher an die kleineren, schrittweiseren Lösungen.

Auf den ersten Blick klingt das vielleicht nach einem Simplify-your-life-Tipp aus dem Abreißkalender vom Freitag. Aber 1988. Doch es stimmt. Egal, was einem gegen den Strich geht – im Beruf, im Privatleben: Es bleiben nur diese drei Alternativen. Ändern Sie Ursachen oder Sie sich selbst, lernen Sie die Sache zu lieben – oder ziehen Sie weiter. Können wir alles ändern? Wir können es zumindest versuchen. “Leiden ist leichter als handeln”, aber nur handeln kann sie glücklich machen. Also, beginnen sie zu handeln. Nur meckern gilt nicht. So oder so: Treffen Sie eine Entscheidung! Denn das ist das eigentliche Geheimnis des Glücklichseins.

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Rezension: Der Pygmäe von Obergiesing – Max Bronski – Antje Kunstmann Verlag

Arbeit, Askese oder Alkohol?

Der Pygmäe von Obergiesing – Max Bronski (Autor), 176 Seiten, Verlag Antje Kunstmann GmbH (28. September 2016), 15 €, ISBN-13: 978-3956141249

Ob das mal gut geht? Diese Frage ist bei Gossec immer angebracht. Er, der Mann ohne Vorname, Urmünchener und Antiquitätenhändler, wobei in seinem Geschäft wohl mehr Krempel als Kunst zu finden ist, lässt keine Gelegenheit aus, sich unbeliebt zu machen oder in Fettnäpfchen zu treten, die er sich selbst aufgestellt hat.

Diesmal lernt er Alois Womack kennen. Einen schwarzen Bayern, schwarz nicht politisch, das wäre nichts Außergewöhnliches, sondern schwarz von der Hautfarbe her. Natürlich ein Guter, denn „seit Eichmann wissen wir, dass die größten Schurken nicht schwarz, schlitzäugig, schlupflidrig oder großnasig sind, sondern wie gute deutsche Beamte aussehen.“ (Seite 15)

Durch Alois kommt er zu einem größeren Auftrag und schon bald ist ihre Kontaktperson Leila Backes tot. Wer war es und was steckt hinter dem Firmengeflecht ihres Auftraggebers, der MCB ImmoInvest?

Irgendwie erinnert mich das Buch an die Serie „Münchener Geschichten“ von Harald Dietl. Immobilienspekulanten versuchen den kleinen Leuten irgendein Viertel zu Entreißen. Merkwürdigerweise scheint kein Satz aus dieser Serie veraltet. Also schreibt Max Bronski ein bisschen vergangenheitsorientiert aber durchaus auf der Höhe der Zeit. Die Münchener Herrlichkeit scheint durch nichts zu ruinieren zu sein. „München zumindest, wo sich Freundeskreise aus Personen bilden, wo jeder die Hand in der Tasche des anderen hat.“ (Seite 95)

Neben Gossec dem Münchener Urtyp, seinem alten Freund Julius und seinem neuen Freund Alois spielt München die zweite Hauptrolle. Lokalkolorit vom Feinsten

Und jetzt entfaltet Max Bronski seine große Gabe des Erzählens und Fabulierens. Geschichten hinter der Geschichte, treffende Beobachtungen, kleine Nebenhandlungen, skurrile Typen reihen sich zu einem wunderbaren Kaleidoskop. Ebenso unübertroffen ist die Formulierungs- und Metapherfähigkeit des Autors, so, wenn er z.B. schreib „dazu mit korrekter Frisur, diesem Hitlerjugend-Undercut, oben wie gemeißelt und seitlich ausrasiert.“ (Seite 41). Sein lakonischer Wortwitz und seine schrägen Bilder bereiten ein ungeheures Vergnügen. Und der Autor nimmt sich und seine Geschichten nicht ganz so ernst.

Ein wahres Lesevergnügen erwartet Sie. Ein Krimi der anderen Art, wo der ästhetische Genuss an Formulierungen, Bildern und Lebensweisheiten mehr im Vordergrund steht als die Handlung. Eine wundervolle Lektüre zum Abschalten und Entspannen.

Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des Antje Kunstmann Verlages Verlags

http://www.kunstmann.de/titel-0-0/der_pygmaee_von_obergiesing-1226/

Fragen Sie in Ihrer örtlichen Buchhandlung nach diesem Buch. Wenn Sie in meiner Gegend „Landkreis Merzig-Wadern“ leben, dann wenden Sie sich an die Rote Zora: http://www.rotezora.de

 

Rezension: Suchbild mit Katze – Peter Henisch – Deuticke Verlag

Beim Essen redt ma net.

Suchbild mit Katze – Peter Henisch (Autor), 208 Seiten, Deuticke Verlag (26. September 2016), 20 €, ISBN-13: 978-3552063273

„Woher kommen wir, wohin gehen wir, was wird aus uns werden? Wer sind wir, wer waren wir, wer werden wir sein? Unglaublich, was damals alles noch Zukunft war. Und dann ist es passiert und das heißt ja, vorbeigegangen, und schon war es Vergangenheit.“ (Seite 162)

Peter Henisch geht diesen Fragen in seinem neuen Roman nach, in einer Art Autobiographie der anderen Art.

Als Standpunkt wählt er den Blick aus den Fenstern. „All die Fenster, aus denen ich schon geschaut habe. Nicht ganz wenige im Laufe eines Lebens.“ (Seite 10). An seiner Seite immer wieder eine Katze, eine von vielen, die ihn in seinem Leben begleitet haben.

Und so blickt er auf die Gasse, auf sein Viertel, auf Wien, auf Österreich, auf die Welt, auf sein Leben. Auf seine Mutter, auf seinen Vater, den Fotographen, auf Großeltern, auf Onkel Willi, auf Friedi, seine heimliche Liebe, auf die Besatzung durch die Russen, auf den Staatsvertrag, „Österreich ist frei.“ (Seite 162), auf die Weltgeschichte. „Und schaute hinaus in die Welt. Eine Welt, von der ich mir erst nach und nach eine Vorstellung zu machen begann.“ (Seite 95)

Er schreibt aus unterschiedlichen Perspektiven: aus dem Blick des Kindes, aus der Sicht des Erwachsenen auf die Eindrücke des Kindes, aus den Eindrücken und Überlegungen des Erwachsenen, als Dichter, als Interviewter im Gespräch mit einer Journalistin. Er folgt keiner chronologischen Reihenfolge. Im Zentrum steht die Zeit der späten 40er Jahre und der 50er Jahre. Ganz leicht und locker springt er hin und her, kehrt zurück, folgt einem Nebengleis, streut Bemerkungen ein, kommt wieder in die aktuelle Gegenwart und greift daraus wieder ein Thema aus seiner Kindheit auf. Und das ganze überhaupt nicht verwirrend.

Das ist der erste entscheidende Punkt für mich in diesem Buch: Der Leser weiß immer ganz genau, wo und in welcher Zeit er sich befindet.

Der zweite entscheidende Punkt für mich ist die Denk- und Erlebniswelt des kleinen Knaben. Ich selbst bin gerade ein Jahr jünger als der Autor, in ganz anderen Verhältnissen aufgewachsen als er, aber ich entdecke Erlebnisse, Vorstellungen, Überlegungen des Kindes, an die ich mich auch bei mir erinnere. Und diese kindliche Zeiterfahrung und Zeiterleben haben nicht nur die Entwicklung des Autors nachhaltig beeinflusst, sondern die von all denen, die in dieser Zeit groß geworden sind.

Peter Henisch spricht ein kollektives Gedächtnis an. Und das tut er mit einer ganz wunderbaren Erzählkraft: in schöner, unaufdringlicher, fließender Sprache, spannend, manchmal ironisch, manchmal tiefgründig, sehr facettenreich und vor allem sehr eingängig. Er zieht den Leser in einen Bann, der bis zur letzten Seite anhält.

Gönnen Sie sich unbedingt dieses Lesevergnügen.

Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des Deuticke Verlages

https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/suchbild-mit-katze/978-3-552-06327-3/

Fragen Sie in Ihrer örtlichen Buchhandlung nach diesem Buch. Wenn Sie in meiner Gegend „Landkreis Merzig-Wadern“ leben, dann wenden Sie sich an die Rote Zora: http://www.rotezora.de

Die unscheinbare Auster an der Adria

Die unscheinbare Auster an der Adria

… oder warum niemand Ravenna links liegen lassen sollte

L’anguilla c’e? Ist Aal da? Diese Frage erübrigt sich in Comacchio, dieser originellen und faszinierenden Stadt im Po-Delta. Umso erstaunlicher, dass das Restaurant, in dem wir gelandet sind, diesen Namen trägt. Aber der Reihe nach.

Es ist als ob Hermann Hesse in seinem Gedicht Ravenna von 1904 schon alles über diese Stadt gesagt hat:

Ich bin auch in Ravenna gewesen. / Ist eine kleine tote Stadt, / Die Kirchen und viel Ruinen hat, / Man kann davon in den Büchern lesen. / Du gehst hindurch und schaust dich um, / Die Straßen sind so trüb und nass / Und sind so tausendjährig stumm / Und überall wächst Moos und Gras. / Das ist wie alte Lieder sind  – / Man hört sie an und keiner lacht / Und jeder lauscht und jeder sinnt / Hernach bis in die Nacht.

Soweit so richtig, auf den ersten Blick. Gut, Ravenna liegt inmitten vom Nirgendwo. Aber ein schönes Nirgendwo. Denn hier herrscht eine entspannte Gelassenheit. Gut, Ravenna ist eher eine durchschnittlich-langweilige Stadt, der man ihre Zeit als Hauptstadt des weströmischen Reiches auf den ersten Blick nicht ansieht. Ravenna war einmal eine Lagunenstadt. Der Po änderte seinen Zufluss in die Adria und Ravenna verlandete. Heute liegt der Stadtkern ca. 9 km vom Meer entfernt. Eine eher Nach dem geplatzten Traum von Ravenna als Ort der politischen und kulturellen Vereinigung von Orient und Okzident begann die Stadt, langsam und unaufhaltsam zu verfallen. Erst der Wiederaufbau nach dem zweiten Weltkrieg ließ die Stadt sich zu einem Industriezentrum von nationaler Bedeutung entwickelt, mit dem zweitgrößten Hafen Italiens.

Uns so bietet Ravenna, wenn man sich der Stadt vom Südosten her nähert, das Bild, das wir von vielen Randzonen italienischer Städte kennen, Supermärkte, neu und verkommene Industriebauten nebeneinander, Krankenhäuser, Brachflächen. Genau wie alle Austern von außen grau-schwarz-hässlich aussehen. Erst wenn man sie öffnet entfalten sie ihren Perlmuttschimmer und wir entdecken möglicherweise eine schöne Perle.

Direkt nach dem Parkplatz hinter der Basilica di San Vitale entfaltet Ravenna seinen ganzen Charme, mit weniger Touristen, getaucht in eine ruhige und entspannende Atmosphäre. Eine völlig neue Erfahrung für den Geist: Kultur, Essen und Kunst all’italiana. Ein echter Schatz, an denen Italien so reich ist in seinen schönen vergessenen Orten und zauberhaften Städten.

Und dann findet man sofort die Perle in der Auster: den großen Reichtum an wertvollen Mosaiken und Monumenten, die größtenteils noch sehr gut erhalten sind und alle aus Zeit vor 1600 Jahren stammen als Ravenna dreimal Hauptstadt war: Des Weströmischen Reiches (402-476), des Ostgotischen Reiches unter Theoderich (493-553) und des Byzantinischen Reiches in Europa (568-751).

In der Basilika San Vitale fesselt uns der hohe Raum, die prachtvollen Mosaiken der Apsis, die Geräumigkeit des Innenraumes und die Barockfresken der Kuppel. Fast übersehen wir dabei einen kleinen, wenig bekannten Schatz, fast unbemerkt genau vor dem Altar: ein Labyrinth, dessen kleine Pfeilspitzen aus der Mitte des Labyrinths auf verschlungenen Pfaden bis in die Mitte der Basilika führen.

Dann die weihevolle Dämmerung und die Pracht der Mosaiken, die ihren Höhepunkt in der Kuppel, die kein Tageslicht erhält, mit dem blau-goldenen Sternenhimmel haben, dem Kreuz und den Symbolen der 4 Evangelisten. Es fehlen nicht der gute Hirte, Symbol der Geborgenheit, und die vom Wasser des Glaubens und des Ewigen Lebens trinkenden Hirsche und Tauben.

Weiter geht es. Direkt hinein in das alte Zentrum von Ravenna. Es ist eine einzige große Fußgängerzone, so dass es einfach ist, die vielen interessanten Orte zu erreichen. Ohne Hektik durch die via Cavour, eine beliebte Einkaufsstraße gemächlich zum Piazza del Popolo, dem bedeutendsten Teil der Stadt, der seinen Charakter aus dem fünfzehnten Jahrhundert beibehalten hat. Über die Via Roma zur Basilica di Sant`Apollinare Nuovo, irgendwann erbaut zwischen 493 nach Christus und dem frühen sechsten Jahrhundert. Hier trifft römische Architektur mit der aus der Zeit Theoderichs aufeinander, hier sind arianischer Kult und katholischer Gottesdienst vereint. In drei Mosaikzyklen sind dargestellt: die Episoden aus den Evangelienlesungen in der Karwoche und Ostern. Dann ein ikonographisches Meisterwerk, bestehend aus zweiunddreißig Figuren von Propheten, sechzehn auf jeder Seite. Und zu guter Letzt eine verschwenderische Prozession der Heiligen, angeführt von St. Euphemia, mit langsamen und rhythmischen Gang voran, eine symbolische Krone tragend. An der gegenüberliegenden Wand gibt es eine endlos scheinende Prozession von sechsundzwanzig Märtyrer in weißen Gewändern, die in immer gleichem Bild, alle Individualität zu Gunsten der gemeinsamen Botschaft auszuschließen scheinen.

Es gäbe noch viel zu sehen in Ravenna: das Grab von Dante Alighieri, das Mausoleum des Theoderich, mit seinem Steindach von rund elf Metern Durchmesser und einem Meter Dicke, das aus einem einzigen Monolithen herausgearbeitet wurde, den Duomo und, und und … Aber wir sind erschlagen von den Eindrücken der Mosaiken und außerdem meldet sich ein leichter Hunger.

Wir beschließen, nicht in Ravenna zu essen, trotz vieler verlockender Möglichkeiten. Lieber fahren wir die dreißig Kilometer nach Comacchio, ein kleines Städtchen, gelegen auf 13 Inseln mit einem sehr gut erhaltenen historischen Zentrum. Und das zu Recht. Mit seinen Kanälen, hübschen Brücken und Palästen erinnert es ein wenig an Venedig. Wir bummeln an den Kanälen vorbei und dann sehen wir es, das kleine Ristorante mit dem seltsamen Namen „L‘ Anguilla C’e’“

Endlich. Aal. Dieser ungeliebte Fisch, den die meisten von uns nur als geräucherten, fetttriefendes Stück kennen. Und Günter Grass lässt in der Blechtrommel Agnes, die Mutter der Hauptfigur ausrufen: „Bild dir bloß man nich ein, dass ich von dem Aal ess“, stöhnt Agnes. „Überhaupt kein Fisch ess ich mehr und Aale schon ganz und gar nicht.“ Und als ihr Mann dann auch noch zwei der Viecher mit nach Hause nimmt und sie zu Aalsuppe verarbeitet, ist es hinüber mit ihr. Sie kreischt und schluchzt vor lauter Abscheu. Diese Reaktion auf die Aale können viele Menschen nachvollziehen.

Zu Unrecht, denn der Aal ist ein delikater Knochenfisch mit einem Fettgehalt von nur 26% und war schon in der Antike ein begehrter Speisefisch. Homer erwähnt den Aal als einzigen Fisch namentlich, in seiner Odyssee und preist ihn als göttliche Speise.

Also nichts wie an einen Tisch. Antipasto von Fisch und Meeresfrüchten, darauf schon ein Stück marinierten Aals. Das Primo überspringen wir, um uns ganz auf das Secondo konzentrieren zu können: Aal frisch auf dem Grill geröstet, selbstverständlich mit Haut und dazu traditionell gebratene Polenta.

Wein dazu? Selbstverständlich einen Vino delle Sabbie. Eine Art die es so ähnlich auch in Sardinien gibt. Wein des Sandes: die sandigen Böden ehemaliger Dünen im Po-Delta, die besondere Feuchtigkeit, der Nebel und insbesondere die salzhaltige Luft, die in Brisen vom nahen Meer herüberweht, bestimmen den Charakter dieser Weine. Wir nehmen einen Bosco Eliceo bianco, aus Trebbiano- und Malvasia-Trauben. Mit seinem relativ geringen Alkoholgehalt von 10,5°, seinem intensiven Duft und seinem frischen, fruchtigen, akzentuierten Geschmack begleitet er ganz hervorragend unsere Vorspeisen.

Ja, und zum gegrillten Aal? Natürlich einen Fortana, aus dem gleichen Anbaugebiet. Die Fortanareben werden auch „Uva d`Oro“ genannt. Ein rubinroter Wein mit recht weinigem Geruch, einem angenehm trockenen Geschmack, leichtes Tannin, optimale Säure aber körperreich.

Bei einem starken Kaffee erzählt uns die Wirtin von einem weiteren Aalgericht zu anderer Jahreszeit „Aal-Eintopf mit Zwiebeln, Essig und Tomaten“, dort auch als “a becco d’asino” wegen seiner einfachen Zubereitung bekannt. Und es schein wirklich einfach: Etwas Öl in eine Auflaufform und diese mit zentimeterdicken Scheiben zweier dicker Zwiebeln auslegen. Etwa drei bis vier Aale von etwa 150 – 200 Gramm pro Stück ebenfalls in Scheiben schneiden und darüberlegen. Mit etwas Essig und Wasser bis zur Höhe des Fisches auffüllen. Mit Tomatenkonzentrat, Salz und Pfeffer würzen. Das Ganze leicht köcheln lassen und mit der Gabel prüfen ob der Fisch durch ist. Möglichst heiß servieren.

Die Aromen und Düften Italiens sind unverwechselbar, berauschend, unvergesslich.

 

Rezension: Der Ritter und der Tod. Ein einfacher Fall – Leonardo Sciascia – Klaus Wagenbach Verlag

Eine symbolisch-satirische Erzählung

Der Ritter und der Tod. Ein einfacher Fall – Leonardo Sciascia (Autor), Peter O. Chotjewitz (Übersetzer), 128 Seiten, 9,90 €, ISBN 978-3-8031-2763-1

Eine italienische Geschichte: die Geschichte einer stillen Macht, drückend, bedrohlich, tödlich. Dieses Monster ist schwierig zu bekämpfen. Man braucht eine große Frustrationstoleranz und breite Schultern. Und die hat unsere Hauptfigur, ein Polizeikommissar, der uns nur vorgestellt wird mit dem Namen Vize, das sowohl Stellverstreter bedeutet, als die Andeutung von Sucht, Laster (vizio) enthält.

Der Vize untersucht den Mord an dem prominenten Anwalt Sandoz, einem Freund des einflussreichen Cesare Aurispa, Präsident der Industrievereinigung. Je länger die Untersuchung dauert umso überzeugter ist der Vize von der Schuld des Aurispa. Aber die Mauer der Selbstzufriedenheit ist undurchdringlich, und es scheint unmöglich, ihn zu überführen. Bis ein tragisches Ende den Fall abschließt.

Unser Protagonist wird von einer unheilbaren Krankheit verzehrt, er arbeitet aber trotz der körperlichen Schmerzen und verliert weder seinen Humor, noch seine Sensibilität und seine Intelligenz.

Der Vize hat die Reproduktion eines berühmten Stiches von Albrecht Dürer in seinem Büro hängen, Ritter, Tod und Teufel. Und das scheint mir eine Synthese des verborgenen Sinns dieser Geschichte zu sein. Vize ist wie der von Dürer porträtiert Ritter: zäh und mutig, ohne zu zögern geht er weiter seinen Weg, obwohl er das Böse (den Teufel) und auch das Ende (den Tod) kennt. die Größe des End-Adressierung (Tod) und Böse (der Teufel).

Auch in der kurzen Geschichte „Ein einfacher Fall“ stellt sich heraus, dass er eher kompliziert ist. Mord oder Selbstmord? Daraus entwickelt Sciascia eine breit gefächerte Handlung, in der sowohl die sizilianischen Behörden als auch der Mythos der sizilianischen Familie entzaubert werden.

Sciascia spielt mit den klassischen Zutaten eines Krimis: Mord, Opfer, Untersuchung, Hinweise, Zeugen, Verdächtige, Mörder und schließlich die Wendung. Mir scheint es aber besonders wichtig hier auf den psychologischen Unterton zu achten, den der Autor mit ungeheuren erzählerischen Fähigkeiten, in einer Sprache mit feiner Ironie und doppelter Bedeutung, von interpretierbaren Dialogen filigran durchbrochen, in Vollendung präsentiert, unterbrochen durch unterschiedliche Betrachtungen über die Menschen in einer modernen Gesellschaft

Sciascia Themen, wie in vielen seiner Veröffentlichungen, ist die Macht und ihre kriminellen Seiten, die Ungeschicklichkeit oder Korruption der Strafverfolgung, politische und geheime Finanzverflechtungen, die zivile und moralische Krise Italiens.

Lesen Sie dieses Buch, nicht nur wegen seiner klaren und brillanten Formulierungen, wegen seiner literarischen Qualitäten. Sondern auch und vor allem wegen seines prophetischen Charakters.

Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des Wagenbach Verlages

https://www.wagenbach.de/buecher/demnaechst-erscheinen/titel/1055–der-ritter-und-der-tod-ein-einfacher-fall.html

Fragen Sie in Ihrer örtlichen Buchhandlung nach diesem Buch. Wenn Sie in meiner Gegend „Landkreis Merzig-Wadern“ leben, dann wenden Sie sich an die Rote Zora: http://www.rotezora.de

Rezension: Das weinfarbene Meer – Leonardo Sciascia – Klaus Wagenbach Verlag

Sizilien, misstrauisch gegen die Welt und gegen sich selbst

Das weinfarbene Meer: Erzählungen – Leonardo Sciascia (Autor), Sigrid Vagt (Übersetzerin), 168 Seiten, Wagenbach, K (17. Juni 2016), 18 €, ISBN-13: 978-3803113191

„Das weinfarbene Meer“ ist die zweite Sammlung von Kurzgeschichten, in denen Leonardo Sciascia sein Sizilien erzählt.

Dreizehn Kurzgeschichten aus und über Sizilien, geschrieben zwischen 1959 und 1972, die jeweils von einem anderen Charakter beherrscht sind. Sciascia scheut weder Ironie, die oft bitter ist, noch die Anklage.

Sciascia, ausgestattet mit einer subtilen Ironie, liefert eine kontinuierliche introspektive Analyse und eine sorgfältige Reflexion der Kräfte, die unsere Erde regieren. Oft sind sie krank oder korrupt. Oft auch nur mit einem offensichtlichen Gleichmut durchdrungen, mit dem sie auf Ereignisse und Veränderungen reagieren. Oft verstecken sie sich hinter dem Schweigen der Resignation. In der Erziehung gibt es keine Regeln, keine pädagogischen Gewohnheiten, aber es gibt den Glauben, dass es kein Problem im Leben gebe, dass nicht durch Zuneigung zu lösen sei.

Die Geschichten im Einzelnen. Umkehrbarkeit, eine Geschichte aus dem 19. Jahrhundert, in der es um Heirat, Liebe und der Rivalität zweier Ort geht. Die weite Reise – eine Geschichte über eine Gruppe von Verzweifelten, die alles verkauft haben, was sie hatten, gegen das trügerische Versprechen einer Schiffspassage nach Amerika. Das weinfarbene Meer – ein Ingenieur aus Vicenza, welterfahren, fährt mit dem Zug nach Gela in Sizilien in einem Abteil mit einer fünfköpfigen sizilianischen Familie. Die Prüfung – Ein Schweizer reist mit Auto und Fahrer in Sizilien übers Land um in Zusammenarbeit mit den Pfarrern Mädchen als Fabrikarbeiterinnen auszuwählen. Giufà – Eine märchenhafte Figur namens Giufà trödelt durch die Straßen, alterslos wie alle Trottel und richtet ein Unheil nach dem anderen an. Die Entfernung – Michele Trico, Kommunist findet seine Frau Filomena in der Kirche. Dort soll die Statue der hl. Filomena entfernt werden. Philologie – Zwei Mafioso diskutieren über die Bedeutung des Wortes Mafia. Gesellschaftsspiel – Eine Frau empfängt einen Unbekannten. Ihr ist er jedoch bekannt. Und eine spannende Unterhaltung entwickelt sich.  Eine Gewissensfrage – Einmal im Monat fährt der Anwalt Vaccagnino von Rom nach Maddà in Sizilien. Doch diesmal ist vieles anders. Apokryphen zum Fall Crowley – Notizen zu einer Untersuchung in der Mussolinizeit. Western auf sizilianisch – Zwischen Palermo und Trapani bricht ein Krieg zwischen den beiden lokalen Mafiabanden aus. Prozess wegen Gewaltverbrechen – Die Geschichte zweier Morde. Eufrosina – So etwas wie ein Muttermord. Um was ging es? Eigennutz oder Ehre?

13 Geschichten also, ironische, gewalttätige, zärtliche und spöttische Geschichten, in denen Leonardo Sciascia erstaunliche menschliche Wahrheiten zu Tage fördert.

Leonardo Sciascia erklärt alles, ohne zu erklären. Er erzählt. Und er führt seine Leser, insbesondere seine sizilianischen Landsleute zu bitteren Erkenntnissen und vielleicht zur Akzeptanz der Realität.

Lesen Sie diese Geschichtensammlung und lassen Sie sich mitreißen von dieser genialen Erzählkunst. Genießen Sie … diese großen Geschichten und gute Lektüre.

 

Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des Klaus Wagenbach Verlages

https://www.wagenbach.de/buecher/titel/1041-das-weinfarbene-meer.html

Fragen Sie in Ihrer örtlichen Buchhandlung nach diesem Buch. Wenn Sie in meiner Gegend „Landkreis Merzig-Wadern“ leben, dann wenden Sie sich an die Rote Zora: http://www.rotezora.de

Italienische Weihnachten – Klaus Wagenbach – Klaus Wagenbach Verlag

Weihnachten sieht keine Flucht vor

Italienische Weihnachten – Klaus Wagenbach (Herausgeber), 144 Seiten, Wagenbach, K (23. September 2016), 17 €, ISBN-13: 978-3803113221

Italiener feiern Weihnacht auf fröhliche Art und jede Region feiert mit ganz unterschiedlichen, originellen Traditionen. Natürlich gibt es auch klassische Elemente, die typisch für italienische Weihnachten sind, wie San Nicola (Nikolaus) oder Santa Lucia an deren Tag die Armen beschenkt werden. Il Bambinello Gesu am 25. Dezember bekommt immer mehr Konkurrenz vom Babo natale. Aber auf jeden Fall, unverrückbar kommt am 6. Januar die gute Hexe La Befana zur Bescherung zu den Kindern. Sie saust nachts durch die Schornsteine und lässt für die artigen Kinder Geschenke in Schuhen oder Strümpfen zurück. Die bösen Kinder finden allerdings Kohlestückchen in ihren Schuhen.

Aber um Weihnachtsbräuche geht es nicht in diesem Buch. Wie anders Weihnachten in Italien ist, zeigen die Geschichten von 17 italienischen Autoren: Stefano Benni, Vitaliano Brancati, Dino Buzzati, Italo Calvino, Andrea Camilleri, Ermanno Cavazzoni, Gianni Celati, Luciano de Crescenzo, Natalia Ginzburg, Luigi Malerba, Laura Mancinelli, Giorgio Manganelli, Alberto Moravia, Leonardo Sciascia, Mario Soldati, Franco Stelzer und Sebastiano Vassalli.

Eine kleine, aber feine Auswahl von Geschichten ist dem Verleger Klaus Wagenbach gelungen, Geschichten mit typisch italienischem Erfindungs- und Phantasiereichtum zu einem bunten Weihnachtskaleidoskop zusammen zu setzen:

Ob Truthähne, die ihrem Rollenbild so gar nicht entsprechen oder die heiligen drei Könige, die aus dem All gekommen sind, um das Jesuskind auf Erden zu lassen; ob drei andere Jesus als Mädchen vorfinden oder ob jemand im festen Glauben lebt, ein waschechter Weihnachtsmann zu sein und dann von seinem eifersüchtigen Rentier auf die Hörner genommen wird – es darf geschmunzelt werden. Aber nicht nur: „Ob das Unvorhergesehene in dieser Welt haust.“ (Seite 63) oder „Aktiengesellschaften, bis gestern mit der nüchternen Berechnung von Umsatz und Dividenden beschäftigt, entdecken auf einmal ihr Herz für die Sympathie und das Lächeln.“ (Seite 92) oder wenn der Bettler Tugnin weint „und alle wussten, dass er weinte, weil er sich einsam fühlte [ …] aber vor allem, weil er seine Verabredung mit den Engeln versäumt hatte.“ (Seite 135) dann erteilt uns manche Geschichte eine moralische Lektion

Die meisten der Geschichten erscheinen zum ersten Mal auf Deutsch. Sie eignen sich überwiegend eher für Erwachsene. Für mich sind sie eine echte Alternative zu den jetzt wieder überall angebotenen Weihnachtsbüchern. Unbedingt zu empfehlen. Ganz vergnüglich vor dem Einschlafen zu lesen.

Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des Klaus Wagenbach Verlages

https://www.wagenbach.de/buecher/titel/1049-italienische-weihnachten.html

Fragen Sie in Ihrer örtlichen Buchhandlung nach diesem Buch. Wenn Sie in meiner Gegend „Landkreis Merzig-Wadern“ leben, dann wenden Sie sich an die Rote Zora: http://www.rotezora.de