Essay: Im Teufelskreis – Leben oder gelebt werden

Im Teufelskreis – Leben oder gelebt werden

… oder wer die Zeit nicht beherrscht, muss ihr dienen.

Das Hamsterrad unseres Lebens dreht sich immer schneller. Ein Telefonat jagt das nächste. Mails häufen sich. Drei Besprechungen zur gleichen Zeit sind keine Seltenheit. Familie, Freunde und Kollegen wollen einen immer größeren Anteil an unserer Zeit. Hin und her gerissen zwischen Beruf und Freizeit, zwischen Familie und Freunden, zwischen Sport und Kultur lautet die Antwort: „Ich habe keine Zeit.“

Für manchen gehört es zum Image, keine Zeit zu haben. Dieser Satz wird auch dadurch nicht klüger, dass ihn viele Leute ständig im Mund führen. Jeder hat alle Zeit, die es gibt, aber trotzdem hat keiner genug davon. Zeit ist unwiederbringlich. Sie ist das unerbittlichste, das am wenigsten flexible Element unserer Existenz.

Zeit ist kein Konsumgut. Wir können sie weder kaufen, noch sparen. Jeder von uns hat alle Zeit der Welt, genau 24 Stunden. Doch auch wenn die Zeit damit etwas unbeeinflussbar Objektives hat, besitzt sie auch eine subjektive Dimension. Wie wir die Zeit nutzen, das liegt allein an uns. Wir können sie rentabel oder unrentabel anlagen. Zeit haben heißt wissen, wofür wir Zeit haben wollen und wofür nicht! Wer keine Zeit hat, weiß nicht, wofür er Zeit haben will. Wer zu wenig Zeit hat, macht zu viel oder er macht das Falsche oder das Unwichtige. Und wer zu viel Zeit hat, muss seinem Leben Sinn geben.

Das Problem liegt also nicht in der Zeit an sich, das Problem liegt in uns selbst. Die entscheidende Frage ist nicht, wie viel Zeit wir haben, sondern was mit unserer Zeit anfangen.

Wir haben die freie Wahl. Entweder belassen wir es bei unserem bisherigen Trott. Dann stellt sich die Frage: „Wo werde ich landen, wenn ich so weitermache?“

Oder wir nehmen das Steuer unseres Lebens energisch in die Hand und leben und arbeiten selbst und selbstständig. Brechen Sie durch zu einer neuen Lebens- und Arbeitsqualität. Das bedeutet, in der gleichen Zeit quantitativ und qualitativ bessere Ergebnisse privat wie beruflich zu erbringen. Oder einfach ausgedrückt: Setzen Sie Zeit frei für wichtigeres. Nur was ist das Wichtigere?

Es gibt immer wieder Tage, an denen wir nichts von dem erledigt bekommen, was wir uns eigentlich vorgenommen haben. Es sind die Tage, an denen wir morgens anfangen und ehe wir uns umgesehen haben, ist der Tag mal wieder vorbei. „Was habe ich heute eigentlich getan?“ Wir können diese Tage unter die Überschrift stellen: „Viel getan, wenig erledigt.“

Solche Tage sind frustrierend. Und wie oft haben wir uns schon gesagt: „Ich müsste eigentlich …“, „Ich müsste konsequenter sein.“ „Ich müsste meine Arbeit besser planen“, „Ich müsste mir mehr Übersicht verschaffen“, „Ich müsste bestimmte Dinge besser vorbereiten“, „Ich müsste …“ „Ich müsste …“

Wir stehen in einem ständigen Widerstreit zwischen Zielen und Zeit. Von dem einen haben wir zu viele, von dem anderen zu wenig.

So stehen wir in einem vielfältigen Interessenkonflikt. Was müssen wir und was wollen wir? Was erwarten wir und was sind wir bereit, zu geben.

Zwischen Leistung und Druck bekommen die Dinge eine Eigendynamik, aus der wir scheinbar nicht mehr rauskommen. Treiben wir das Hamsterrad an oder werden wir getrieben?

Viele leiden unter diesem Druck. Aber viele brauchen diesen Zeit- und Terminstress und übervolle Tage, um sich wichtig und bedeutend zu fühlen. Diese Menschen rotieren ständig unter dem Motto „Hauptsache, es wird etwas getan, egal was“.

Nicht härter arbeiten und so noch weniger vom Leben haben, sondern intelligenter arbeiten, das sollte unser Ziel sein.

Niemand ist immer und ständig produktiv. Leerlauf, Doppelarbeiten, Wartezeiten, gewohnheitsmäßige Routine „stehlen“ scheibchenweise unser wertvolle Zeit. Darüber hinaus behindern uns äußeren Störungen und inneren Irritationen. Sie kosten Zeit und Nerven, fressen Energie, belasten das Klima, führen zu geringeren Ergebnissen. Zeitfallen kommen von außen und von innen. Wo beugen wir uns dem Egoismus anderer? Von wem oder von was lassen Sie das knappste Gut, das Sie besitzen, Ihre Zeit mit Beschlag belegen?

Und jetzt kommen kluge Berater mit ganz wunderbaren Sätzen. „Wenn Sie heute keine Zeit haben, das Richtige zu tun, woher wollen Sie dann die Zeit nehmen, das Ganze noch einmal zu überarbeiten?“ Und die Päpste des Zeitmanagements haben natürlich auch sofort ein Allheilmittel parat: das Zeitplanbuch. Terminpläne für Tag, Woche, Monate und Jahre sollen wir nutzen. Alles sollen wir in Listen für Aufgaben und Ziele eintragen. Tägliche Kontrollen sollen wir machen. Und so könnten wir alles in den Griff bekommen. Und was bleibt am Ende? Die Tage werden immer voller gestopft. Achtung, nur ja keine Zeit verschwenden.

Vielleicht kennen Sie das Buch von Michael Ende „MOMO oder die seltsame Geschichte von den Zeit-Dieben und von dem Kind, das den Menschen die gestohlene Zeit zurückbrachte.“ In einer Fantasiewelt ist die Gesellschaft der grauen Herren am Werk. Sie versuchen, alle Menschen dazu zu bringen, Zeit zu sparen. In Wahrheit werden die Menschen um ihre Zeit betrogen. Während sie versuchen Zeit für später zu sparen, vergessen sie, im jetzt zu leben. Denn Zeit kann man nicht sparen wie Geld. Je mehr man versucht, Zeit zu sparen, desto „kürzer“ werden die Tage und Wochen.

Es lohnt sich dieses Buch zu lesen oder besser noch, den Film Momo anzuschauen. Unterbrechen wir einmal die Hetze des Alltags. Schauen wir in Ruhe auf das, was wir mit der Zeit in unserem eiligen Alltag alles tun und lassen. Dann entdecken wir, dass es die Zeit im Singular eigentlich gar nicht gibt. Lebendige Zeit existiert nur im Plural. Wir sehen eine Vielfalt unterschiedlicher Zeitformen und Zeitqualitäten, als Hetze, Eile, Schnelligkeit, als Warten, Wiederholung, Langsamkeit, als Pause, Beginnen und Beenden.

Die Zeit fließt dahin wie ein Fluss und lässt sich von niemandem aufhalten. Wir wachsen heran, wir verändern uns, wir freuen uns, wir leiden; und währenddessen lacht uns die Zeit permanent ins Gesicht. Irgendwann ist der Moment gekommen, da unsere Zeit abgelaufen ist. Aber die Zeit aller anderen Dinge läuft weiter. Fazit: Die Zeit kontrollieren könnten wir nur dann, wenn wir sie selbst produzieren würden, wenn wir ihr Schöpfer wären. Aber das sind wir nun einmal nicht. Wir stellen Armbanduhren her oder auch gewaltige Turmuhren und sogar Atomuhren. Sie alle dienen aber allein dem Zweck, uns über die Zeit auf dem Laufenden zu halten. Kein Mensch vermag hingegen, die Zeit auch nur für eine Sekunde zu stoppen.

Unsere Zeit ist unser Leben. Gut genutzte, erfüllte Zeit ist keine Frage des Kalenders, der Uhr oder einer perfekten Terminplanung, sondern der Übereinstimmung mit uns selbst. In einem erfüllten Leben geht es nicht darum, wie viel man getan oder erreicht hat. Es geht darum, ob und wie man für sein Tun den richtigen Rhythmus findet.

Rhythmus bestimmt unser Leben. Wir leben ihn Tag für Tag. Wir gehen im Rhythmus, atmen im Rhythmus und das Herz pulsiert im Rhythmus. Manchmal geraten wir aber auch völlig aus dem Takt. Rhythmus gliedert die Zeit. Vom Rhythmus geht eine geheimnisvoll konzentrierende Kraft aus. Eine Gefahr der Gegenwart liegt in der Beschleunigung des Lebens, der Versklavung durch Gleichzeitigkeit.

Am Anfang war die Tat. Fangen Sie an. Heute.

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