Essay: Keine Macht für niemand

Keine Macht für niemand? …

… oder funktionieren Organisationen ohne Macht?

„Keine Macht für niemand“ so sang Rio Reiser bei der Band „Ton Steine Scherben“ im Jahre 1972. Und fuhr in der ersten Strophe fort: „Ich bin nicht frei und kann nur wählen,/ welche Diebe mich bestehlen, welche Mörder mir befehlen./ Ich bin tausendmal verblutet und sie ham mich vergessen./ Ich bin tausendmal verhungert und sie war’n vollgefressen.“

Hört sich gut an. Oder? Bringt es eine Lösung? Außer dass Rio Reiser seinen Zorn herausschreien und die Wut vieler Menschen formulierte, führt dieser Satz ins nichts, in die Träume von einer gewaltfreien Gesellschaft. Diesem Traum können wir alle nur zustimmen, aber wie funktioniert es?

Wenn wir unsere Gesellschaften analysieren wollen und wenn wir den Wandeln in eine menschenwürdige Gesellschaft vorantreiben wollen, dann kommen wir an den zentralen Begriffen Macht und Herrschaft nicht vorbei.

Macht in Organisationen hat ein schlechtes Image. Die mit Macht in Verbindung gebrachten Begriffe klingen abschreckend: Intrigen, Grabenkämpfe, Cliquen- und Koalitionsbildung, Radfahren, nach oben buckeln und nach unten treten, Informationsfilter, Mauscheleien, Regimekritiker, trojanische Pferde, Konkurrenten ausstechen. Macht wird gleichgesetzt mit Egoismus, Missbrauch und rücksichtsloser Machtpolitik, die die Erhaltung des Staates, der Partei, des Unternehmens über alles stellt und sich von keinerlei moralischen Bedenken, üblicherweise eingehaltenen Normen und rechtlichen Grenzen einschränken lässt.

Kein Wunder, wenn wir in unserer Gesellschaft Macht erleben, dann ist sie meistens negativ und ohne wirkliche Problemlösung aber mit vielen Regeln, meistens die Macht einer gesichtslosen Bürokratie.

Statt Resultate erleben wir eine Gesetzesflut, geboren aus einer Regulierungswut. Alles wird geregelt: vom Krümmungswinkel von Bananen und Gurken, von der idealen Länge des Eurokondoms bis zur Breite der Streifen an den Schutzanzügen der Feuerwehr. Und das europaweit.

Und das Einhalten dieser Regeln wird von einem immer größeren Heer von Behörden kontrolliert. Resultate sind keine sichtbar: weder schmecken die Gurken besser noch sind sie billiger, noch löscht die Feuerwehr besser.

Die negativ erlebte Macht zeichnet sich vor allem durch eine Asymmetrie zwischen Untergebenen und Herrschenden, gerade was Rechte und Pflichten betrifft.

Wenn Macht nur repressive ist, gehorchen Menschen ihr nur für eine begrenzte Zeit, die zwar auch lang sein kann wie die 40 Jahre Diktatur des realen Sozialismus der DDR zeigen oder die 83 Jahre des Kommunismus in der ehemaligen UDSSR.

Keine Organisation, weder Partei noch Verein, weder Gewerkschaft noch Familie kommt ohne Macht aus. Macht ist Teil jeder Beziehung. Aber Macht herrscht nur so lange, wie wir sie akzeptieren. Die Macht ist mehr als der Herrschaft eines Individuums, einer Klasse oder eine Gruppe über andere. Solange sie wie ein produktives Netz wirkt, Dinge produziert, Lust verursacht, Wissen hervorbringt, Diskurse anregt beugen wir ihr uns freiwillig und gerne.

Denn Macht ist nicht nur negative, repressive Macht. In Wirklichkeit ist Macht produktiv und wir dürfen hierbei nicht nur in den Begriffen von Gesetz, Verbot, Freiheit und Souveränität denken. Die Produktivität der Macht ist der Kern der Macht der Normen und Disziplinen. Und diese Normen und Disziplinen haben sich im Laufe der Menschheitsgeschichte stark verändert:

Überwachen und Strafen waren das bevorzugte, ja alleinige Machtsystem der Monarchie und Diktaturen. Aber diese Macht hatte bei der Entwicklung des Kapitalismus ein großer Nachteil: die Maschen des Netzes waren zu groß, eine fast unendliche Zahl von Dingen, Elementen, Verhalten, Vorgängen entzog sich der Kontrolle der Macht

Der Kapitalismus schuf eine Disziplinargesellschaft, die die Macht gezielt auf den Einzelnen richtet. Die Maschen wurden enger geknüpft, damit sich nichts und niemand der Kontrolle und Überwachung der Macht entziehen konnte. Die Mittel der guten Abrichtung waren so erfolgreich, weil sie folgende einfache Instrumente einsetzten: den hierarchischen Blick, die normierende Sanktion und der Kombination im Verfahren der Prüfung. Hinzu kamen die „Ökonomie der Sichtbarkeit“ und die „Ökonomie der Zeitplanung.“ Beide Instrumente wurden schon in den Klöstern entwickelt, durch einen straffen Zeitplan des Gebetes vom frühen Morgen bis um Mitternacht und durch die ständige Öffentlichkeit, der sich die Mönche nur für wenige Stunden in ihre Zelle entziehen konnten.

Der Kapitalismus hat all diese Faktoren perfektioniert: Die ständige Öffentlichkeit wird durch eine veränderte Architektur geschaffen wie Sie an Schulen, Krankenhäusern, Kasernen und Fabriken sehen können. Alle Tätigkeiten der Individuen unterliegen einer zeitlichen Durcharbeitung, es werden Rhythmen antrainiert und Wiederholungszyklen festgesetzt.

Innerhalb dieses Machtsystems ist die Bestrafung nur ein Element. Sie ist eingebunden in ein System „von Vergütung und Sanktion, von Dressur und Besserung“ Es geht um „die Qualifizierung der Verhaltensweisen und Leistungen auf einer Skala zwischen Gut und Schlecht“

Zu dieser „Disziplinar-Macht“ kommt die „Regulationsmacht“. Sie richtet ihre Aufmerksamkeit nicht mehr auf den Einzelnen, sondern auf die „Bevölkerung“. Bei dieser Macht, der Bio-Macht geht es um die Demographie, um die Abschätzung des Verhältnisses zwischen Ressourcen und Einwohner, um die Tabellierung der Reichtümer und ihrer Zirkulation, um das Leben und seine wahrscheinliche Dauer. Neue regulierende Kontrolltechniken, die mit Faktoren wie Fortpflanzung, Geburten- und Sterblichkeitsrate, Gesundheitsniveau, Lebensdauer, die „Bevölkerung“ regelt und normiert

So gibt es in unseren Gemeinschaften, in Familie, Ausbildung und Beruf immer Entscheidungen einzelner über die Köpfe der anderen hinweg oder ,,demokratische“ Mehrheitsentscheidungen, egal mit welcher Begründung. Beide Formen sind nicht geeignet. Wo Mehrheiten herrschen gehen Minderheiten unter.

Eine dritte Form erhebt jetzt ihren Anspruch: Macht durch Handeln. Wer handelt, bestimmt das Geschehen. „Stell dir vor es ist Krieg und keiner geht hin.“ (Carl Sandburg) Wenn einige nicht hingehen, werden sie vor Gericht gestellt. Wenn keiner hingeht ist der Krieg beendet bevor er angefangen hat. Ob AKW oder Stuttgart 21, um zwei aktuelle Beispiele zu nennen, überall wird Konsens statt Mehrheitsentscheidung eingefordert. Konsens bedeutet die Übereinstimmung von Menschen − meist innerhalb einer Gruppe − hinsichtlich einer gewissen Thematik ohne verdeckten oder offenen Widerspruch. Hier werden individuelle Intelligenzen zu einer Gesamtstruktur zusammengefügt, die sehr dynamisch ist.

Schwarmintelligenz, Gruppen von individuellen Intelligenzen, ist als Begriff der vor allem in der Tierwelt aufgetaucht. Einzelne Vögel können keine großen Strecken hinter sich bringen, wohingegen der ganze Schwarm gewaltige Strecken bewältigt. (oft auch als gigantische schwarze „Wolken“ aus Vögeln zu sehen) der Abstand der Vögel beträgt dabei beim Flug nur wenige Zentimeter zum nächsten Vogel. Erstaunlich daran ist, dass es kein Leittier gibt, sondern der Schwarm ohne dieses funktioniert. Die Vögel müssen lediglich die Vögel links und rechts von sich beobachten und den Abstand zu ihnen einhalten.

Bundespräsident Christian Wulff stellte nach seiner Vereidigung in seiner Ansprache fest: „Die politische Willensbildung unseres Volkes braucht möglichst viele unterschiedliche Bahnen, auf denen sich neue Ideen, Argumente und Mehrheiten von der Graswurzelebene bis in die Parlamente und Kabinettssäle verbreiten.“

Die Möglichkeiten, sich einzumischen, sind zahlreich. Dazu gehört das Petitionswesen, also das Recht, sich mit Bitten und Beschwerden an die Parlamente zu wenden. Bürgerplattformen bieten die Möglichkeit, Bewohner eines Stadtteils oder einer Kommune zu vernetzen, damit diese ihre Interessen formulieren und vor allem auch gegenüber Politik und Wirtschaft durchsetzen können. In einigen Kommunen können Bürger zudem Einfluss über so genannte Bürgerhaushalte nehmen, indem sie über Teile der frei verwendbaren Haushaltsmittel mitbestimmen können.

Doch wer hat den Mut gegen den Strom zu schwimmen? Ist es nicht einfacher in der Masse der Schweigenden, Mitläufer oder Desinteressierten unterzutauchen? Kurzfristig ja! Aber langfristig ist es für jeden Einzelnen wesentlich befriedigender dort einzugreifen, wo Not am Mann oder an der Frau ist, sich so verhalten, wie wir tatsächlich empfinden. Zeigen Sie, wie Sie selbst denken, fühlen und handeln. Dann entsteht Schwarmintelligenz.

Das ist die Macht, die wir brauchen.

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